Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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überhaupt nicht auf die Ausstellung gehöre oder doch wenigstens
von vornherein lediglich sür die Betrachtung der Fachleute
zugeschnitten werden müsse." Ls sei denn auch seit fünszehn
Iahren keine so niederdrückend schwache Beteiligung der
Architekten aus einer Ausstellung zu sehen gewesen, wie auf
der diesjährigen Berliner.

» Das ,,Bolkswohl" spricht von „rechter Bilderbe-
trachtung". In den Ausstellungen sei im Allgemeinen
wenig davon zu sinden. „Die Neisten lassen ihre Blicke
über die lvand schweifen, sie schwatzen über dies und jenes,
bleiben vielleicht einen Augenblick vor einem Bilde stehen,
sinden es samos oder reizend, gehen weiter, um hundert
andere Bilder noch zu sehen, und um die Sammlung mit einem
dumpsen Druck im Aoxse zu verlassen. !vas der Naler ge-
dacht oder gefühlt hat, hat selten einer herausgesunden, was
er gewollt und gewünscht hat, selten einer verspürt. lvie
anders, wo nur wenige Bilder sind und wo unbefangene,
herzensfrische lllenschen Zeit und Lust haben, sie zu beschauen,
wo vielleicht ein einsichtiger Aenner die Geschichte der Bilder
erzählt, ihre Bedeutung darlegt, auf Linzelheiten hinweist!
Da erreicht dcr lllaler sein hohes Ziel: Lehrer, prediger,
Tröster und Führer zn sein. llnd solche Bilderbetrachtung
könnte heimisch sein in allen Mrten, wohin viele lllenschen
kommen, in Kirchen und 5chulen, Aindergärten, Rathäusern,
Kasernen, Bahnhöfen, Rrankenhäusern besser sast, als in über-
reichen llluseen, durch die in wenigen Tagesstunden der
Fremdenstrom sich wälzt." lver das sagt, besieht sreilich
die Sache nur von einem Standpunkte aus — aber von einem,
der sicherlich ohne Bchaden öster betreten werden dürste, als
dies geschieht.

» Der Li mog e s - lll al er e i, die ihren Namen von
der sranzösischen Stadt trägt, in der ihre Technik erfunden
und mit Liser gexslegt wurde, wird jetzt in Berlin in maß-
gebenden Rreisen besondere Sorgsalt zugewendet. Ihre
Technik besteht im Allgemeinen darin, daß im Fener eine
dunkle Lmaille aus eine Metallxlatte ausgeschmolzen wird.
Durch Austragung weißer Emaille aus den dunklen Grund
wird dann das gewünschte Reliefbild mit Licht und Schatten
erzeugt.

-x- In einer Besprechung der Berliner Gobelinwirkereien
von Ziesche sagt I. Lessing in der „Nat.-Ztg.", man müsse
einer Überschätzung unseres Runstgewerbes gegenüber unter

Anderm auch daraus hinweisen, „daß die in Frankreich hoch-
entwickelte Gobelinwirkerei bis jetzt in Deutschland überhauxt
noch nicht einmal versucht worden war. lVas wir mit einem
anmaßlichen Ausdruck als Gobelintischdecken bezeichnen, sind
nichts als gewöhnliche lVebereien, welche durch krästige Ripxen
den Anschein eines Gobelins erwecken. Die wirkliche Gobelin-
arbeit ist eine künstlerische lsandarbeit, die aus senkrecht aus-
gesxannten, kräftigen Garnfäden durch Einwirken von lVollen-
säden Farbenesfekte erzielt, welche der Malerei annähernd
gleichkommen, ohne dieselbe koxieren zu wollen. In einer
solchen lVirkerei wird vielmehr jede malerische Darstellung
weicher und geschmeidiger, man dars niemals die Vorstellung
verlieren, daß es sich eben um eine bewegliche Vbersläche
handelt. Es bedarf geschmackvoller Rünstler, um sür diese
Gobelinwirkerei die richtigen Vorlagen zu schaffen — das direkte
Ropieren der Glgemälde ist eine Verirrung —, es bedarf aber
serner ansübender Rräste, welche den künstlerischen Absichten
des Malers in jeder Nadelbreite gerecht zu werden vermögen,
welche die Vorlage nicht nur zu kopieren, sondern in die eigent-
tümliche Technik gleichsam zu übersetzen verstehen. Daher
kommt, daß sich diese Technik, die an sich einsach genug ist,
nicht ohne lVeiteres von sonst nadelgeschickten Männern oder
Frauen herstellen läßt; man bedars eines sorgsältig vorbe-
reiteten Materials verschiedensarbiger lVollen, vor Allem aber
sorgfältig gebildeter Rräste, um das Ziel zu erreichen. In
der hohen Bchule dieser Runst, in der staatlichen Gobelin-
manusaktur zu Paris, arbeiten nur Männer, welche eine voll-
ständig sür diesen Zweck eingerichtete künstlerische Ausbildung
im Zeichnen und Malen erhalten haben. Lngland hat bereits
vor einer Reihe oon Iahren unter Mitwirkung des Ljofes
diese Technik bei sich eingebürgert und konnte bereits aus der
pariser lVeltausstellung von ;878 ein mit solchen lVand-
teppichen hergerichtetes Gemach ausweisen. Die Einbürgerung
war allerdings in der einsachen lveise geschehen, daß man eine
Anzahl von französischen lVerkmeistern aus Frankreich geholt
und in der Nähe von London angesiedelt hatte. Berlin hat
schon unter dem Großen Kursürsten und Friedrich dem Großen
Gobelinwirkerei besessen, aber in beiden Fällen waren es
niederländische und sranzösische Meister, welche hierher gezogen
und zur Aussührung bestimmter Aufgaben angesiedelt wurden.
Dagegen hat nun das oben erwähnte 2tickereigeschäst es unter-
nommen, heimische Rräste selbständig auszubilden."

Lprecksaal.

(Mnter sacblicher Vcrantwortung dcr Derren Linsender.)

Individuelle Texte zu Thorliedern.

Tsist des Gsteren, und zwar von geistoollen Leuten,
mißbilligend darauf hingewiesen worden, daß Texte,
in denen rein individuelle Tmpsindungen ausgesprochen
sind, zu Thorliedern verwendet werden. Namentlich
wurde der Vorwurf gegen viele Lieder sür Nlänner-
gesang erhoben. Man bezeichnete es als unnatürlich
und widersinnig, daß eine Nwhrzahl von Nlenschen
hier gleichzeitig einem Gefühle Ausdruck gab, das doch
nur einen einzigen bewegen könne. Niich besremdet
der Tadel. wollte man nach jener Ansicht verfahren,
so dürften sür Lhor nur Kriegs-, Iäger- und Lsirten-
lieder komponiert werden, allensalls noch Gebete,
welch' letzteren aber auch zumeist schon viel zu viel
j)ersönliches beigemischt wäre: Gedichte also nur, in-
soweit sie ganz allgemeine Tmpsindungen ausdrücken.
Aber leidet nicht die ganze Auffassung daran, daß

sie sich sozusagen nicht vom „Znstrumente" loszulösen
vermag, daß sie über dem Runstwerk die j)ersonen,
welche dies Runstwerk doch nur vermitteln, nicht
vergessen kann, daß sie in dieser bsinsicht (ich knüpfe
an Trörterungen im „Runstwart" an) gleichsam „am
Stofslichen kleben bleibt" ? Auch das Orchester bringt
uns oft genug das Seelenleben eines Linzelnen ent-
gegen: es ist in Töne gesaßt, nicht in worte — und
deshalb fiel es Reinem ein, einen lViderspruch finden
zu wollen, den sicherlich ein völlig Unbesangener
auch den angegriffenen Lhorliedern gegenüber niemals
empfunden hätte.

Nun liegt es mir sreilich fern, leugnen zu wollen,
daß bei Lhorgesängen denn doch ein Unterschied ge-
macht werden muß. So kann z. B. Schumanns herr-
licher Liederzxklus „Lrauenliebe und Leben" nie von
einem lUann oder Niännerchore gesungen werden.

(S

(s

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