Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Lreignisse, dic als einmal geschehen gedacht werden
und auch bei symbolischer Auffassung nicht so gedacht
werden können, als geschähen sie noch heute. Aber
- um jene gleichsam „alltäglichen" kleinen Geschehnisse
im Zesusleben steht es anders, die, symbolisch, nein,
nur ties religiös aufgefaßt, nicht einmal gewesen sind,
sondern waren und sind und sein werden: die das
ewig Fortwirkende der christlichen tehre spiegeln.
Nicht einmal tröstet ja nach dem Glauben Iesus
die Rlagenden, nicht einmal wandelt er lehrend und
heilend übers tand, nicht einmal tritt er als Freund
der Armen an ihren Tisch, nicht einmal bricht er
mit den Seinen das Brot: „ich bin bei Tuch alle
Tage, bis an der welt Tnde". Und man wollte
der Runst verbieten, den wirkenden Heiland als edle
Gestalt mitten hinein zu setzen in unsere schwere Zeit?
Man verschließt fich der Tinsicht, mit wie überwäl-
tigender Macht auch in unserer protestantischen Rirche
ein Heiland zu den ^erzen der Aiühseligen und Be-
ladenen sprechen würde, den sie dort, im geheiligten
Naume über dem Altar, durch wiesenland schreiten
sähen, gleich dem, wo der vater und der ^ohn das
Gras mähen, oder herein in eine niedere Stube,
gleich denen, die sie selber bewohnen, ein Heiland,
den sie sprechen sähen mit bedürftigen Nlenschen, wie
sie selber sind, und als Gast teilnehmen am beschei-
denen Nkale, wie ihrem eigenen? Man will es nicht
glauben, daß ein Bild, das solches, durchgeistigt von
^ Nächstenliebe, eindringlich schilderte, empfunden wiwde
als wahrer und gewinnender, denn jene hergebrachten
hohlen äußerlichen Nlalereien? Nilan sieht es nicht,
daß die keute diese letztern zumeist anstaunen wie
j?rachtteppiche oder ssrunkfahnen, oder meinetwegen
wie irgend ein anderes buntes, unverständliches, aber
sehr gelobtes Bild, oder sie anbeten beinahe wie einen
wunderthätigen Fetisch, zu dem die Gemeinde doch
nie in ein warme» Seelenverhältnis tritt? Fürs
Auge sind sie ihr etwas, vielleicht auch für die
phantasie — fürs Herz geben sie ihr nichts. Nlan
kann sie lieben, weil sich tausend Lrinnerungen an
sie knüpfen, wie ein altes Tuch, ein alter Tisch ein
j pretium allectiorÜZ für uns haben kann. Aber dann
ist der Nlensch der Schenkende, der dem toten Ding
ein 5tück Leben anheftet, während in der religiösen

Runst, wie in jeder, das Runstwerk selber beleben
und anregen soll. Zst solch ein Lrinnerungs- oder
sonstwie „persönlicher wert" noch außer dem künst-
lerischen und religiösen vorhanden — doppelt gut:
er wird der höheren wirkung allezeit um so empfäng-
lichern Boden bereiten!

Unter den bedeutendern Nlalern der Gegenwart
ist nur einer, der uns Bilder der Art gegeben hat,
von der ich eben sprach: Fritz von Uhde. Ich denke
nicht daran, sie alle für untadelig zu erklären. Uhde
ist einerseits noch zu sehr mit rein malerischen s)ro-
blemen der Farbengebung, der j)erspektive u. s. w.
beschäftigt, ist andrerseits in der Gegnerschaft gegen
die Schönfärberei der alten Hchule zu weit in den
„Rultus des Häßlichen" hineingeraten (das er oft
auch da giebt, wo es durchaus nicht zur Tharakteristik
erfordert ist) — als daß ihm vollendetes schon ge-
lungen wäre. Vielleicht ist seine Natur auch nicht
stark und tief genug, um es je hinzustellen. Linen
richtigen weg aber beschreitet er gerade als
religiöser Nlaler unzweifelhaft. Und hören wir eben
die Männer der Rirche über seine Bilder fast nie
verftändnisvoll, oft mit sittlicher Tntrüstung sprechen,
so giebt uns das nur einen Beweis mehr für die
Trübung des naiven Urteils durch eine falsche künst-
lerische verziehung und verbildung — die Leute sehen
wohl Nase, Nlund und Augen, die ihnen möglicher-
weise nicht gefallen: nicht aber dsn Geist, der da-
hinter lebt.

Das volk hat nie des religiösen Sehnens und
Strebens entbehrt und entbehrt seiner auch heute z
nicht. Line wichtige Mffenbarung dieses Fühlens und
seiner wandelung ist die religiöse Runst. Gerade,
daß diese in unseren Tagen, soweit sie eine Runst i st,
sich nicht nach der „Nachfrage" richtet, beweist ihre
Lchtheit, ihre Gesundheit und ihre würde. U)ill sich
die Uirche mit ihr verbinden, so kann Großes aus
solcher vereinigung erstehen. U)ill sie es nicht —
nun, so wird sie er noch eine weile lang nicht wollen.
Nur eine weile lang noch, — denn das siechende
Nazarenertum wird nach und nach zum Heiligenbilder-
Fabrikantentum so deutlich erkennbar hinabsinken, daß
auch die Geistlichen einsehen werden: hier ist nichts
Lebenerweckendes mehr zu holen.

Dicbtung.

* Am t o. Uiärz war ein Iahrhundert vergangen,
seit Aosepb Zfrelberr von LtcbendorK geboren ward.
Ueiner der hervorragenden Dichter der Romantik zeigt
so wenig eine feste j)ersönlichkeit, wie er, der bald an
Novalis, bald an Tieck, bald an Arnim, bald an
Lhamisso erinnert und wieder an Goethe, ja an Iean
j)aul und selbst an Rleist — dabei aber doch immer
ganz und gar Nomantiker bleibt. vielleicht der liebens-
würdigste von allen Dichtern dieser Lebens- und Aunst-
anschauung, hat er doch in Nooelle, Noman und
Drama nur Vergängliches geleistet, wie die ganze
s)oesie der Nomantik, und nur auf einem Gebiete
Dauerndes, wiederum wie die romantische Dichtung
überhauxt: auf dem der Lyrik. Grfreut uns etwas

in einem seiner werke, das einer andern Nunstgattung
angehört, so ist es zumeist auch eben das Lyrische
darin. wird doch unsere Zeit von Zahr zu Zahr
unfähiger, ein Lpos oder ein Drama zu verstehen,
das keine j)l a st i k hat, das auch das wirkliche Leben
einhüllt in den Duft des Traums und so den Nlenschen
von heute schon vom Dasein seiner Gestalten nicht
überzeugen kann — geschweige von der Bedeutung
des Zdeeenlebens, das diese erfüllt. <Ls ist in den
Lichendorffschen Dramen und Geschichten daffelbe,
wie bei den Stücken und Geschichten aller Zugehörigen
dieses Rreises: Ahnung, Sehnsucht, Ljeimweh, Glauben,
zumeist mehr in der Form eines unbewußten Spielens
mit sich selbst, als eines festen dauernden, schmerzen-
den Lrnstes — nur zur That ruft es nie.
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