Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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nützigen Begeisternng weltenstürmend die Besonnen-
heit verliert, noch Sancho pansa, der nüchtern be-
schränkte Nützlichkeitsphilister, sondern der chumorist,
der von beiden das Tüchtige in sich vereint, wie
Tervantes.

Den chumor, der wie ein guter Nichter einen
vergleich zu Staude bringt, ihn braucht unsere ringende
Runst, wie ihn unser gährendes Leben braucht, in
dieser Zeit der Übergänge, der Unruhe, der inneren
Friedlosigkeit. Wir brauchen ihn, weil er uns Frei-
heit giebt, indem er uns niedere Güter gering an-
schlagen lehrt, wie er ihre Nichtigkeit uns zeigt: das
goldene Ralb, um das wir die Leute tanzen sehen,
die leeren Titel und hohlen lVürden, denen sie nach-
laufen, den Tagesruhm, der ihnen den Ropf verdreht.
lVir brauchen ihn, weil er dem vielen Miderwärtigen
unserer Zeit gegenüber doch nicht die Verachtung
der ZNenschheit aufkommen läßt, die kalte Verachtung,
die sich finster abwendet: lauft Turer N)ege, wir
wollen mit Luch nichts zu thun haben! IVir brauchen
ihn, weil er, das Rind der Liebe zu Allem, was da
ist, auch die Liebe bringt zu Allem, was da ist, wie
er den blauen chimmel göttlicher ^eiterkeit davon
wiederscheinen läßt. Vor Allem die Liebe zu unseren
Aütmenschen. Zeigt er uns doch, wie wenig wir im
Grunde verschieden sind Tiner vom Andern, wie
wir Alle bedürftig geboren find und gleich nackt in
den Rleidern stecken, ob diese nun Rönigsröcke sind
oder Bauernkittel. lVir brauchen den chumor, weil
er uns helfen kann, unsere Zugend -u bewahren vor
dem pessimismus, wie vor stumpfer Gleichgiltigkeit
und hohlem jllhrasendreschen, auf daß sie fröhlichen
Auges und fröhlichen cherzens arbeite am Lortbau des
Nlenschenglücks. „Lröhliche Narren sind Gottes Liebe"
und weise Narren sind die besten Alenschen.

IVir rufen unsern Dichtern und Rünstlern zu:

ehrt den kchunor und pflegt ihn in Luch, legte ein
freundliches Geschick Tuch den Reim dazu in die
Brust, damit ihr uns Schöpfungen geben könnt, die
sein Geist erzeugte. Schießt die jcheile Turer Satire
dem Schlechten ins cherz, übt Tuch im sprühenden
Feuerwerk des lVitzes, verspottet mit Turer Zronie
die Gemeinheit, wo sie mit der Nliene der Tüchtig-
keit einherstolziert. Glaubt aber nicht, damit sei's
gethan, glaubt vor Allem nicht, damit gäbet Zhr
chumor. Zean paul, Fritz Neuter, Gottfried Reller
— es sind herzlich wenig Namen, die sich diesen
unseren deutschen humoristischen Dichtern anreihen, und
von wahrhaft humoristischen Ntalern und Nlusikern
haben wir vielleicht noch weniger. Gelangten wir
zu einer reichen Blütezeit einer echt humoristischen
Runst, flöge ihr Samen weithin in die Herzen unseres
Volks und ging' er dort auf — wir gelangten
schneller zur Gesundheit und könnten stärkeren Sinns
den gewaltigen Rämpfen entgegensehen, welche die
Zukunft uns nicht ersparen wird. Unsere Dichter,
Schriftsteller und Rünstler dürfen den chumor nicht
vergessen, wollen sie nicht vergessen, daß sie die welt-
lichen Seelsorger des Volkes sind.

Vor der Thüre steht das höchste christliche
Fest. Gerade an ihm geziemt sich's, gerade des
chumors zu gedenken, der dem Geiste des echten
Lhristentums so nahe verwandt ist, da er wie dieses
die irdische choheit in ihrer Schwäche zeigt, das
Rleine und Niedrige erhöht und sich fröhlichen cherzens
Allem in Liebe widmet. IVeihnachten ist ein Fest
der choffnung und der Zukunft. choffend auf die Zu-
kunft schreib ich auch dieses nieder. Ls soll keine
gelehrte oder belehrende Auseinandersetzung sein,
sondern eine lVeihnachtsbetrachtung wie andere
auch.

Lsermann Rlencke-Dresden.

Nundscbau

Dicbtung.

2. F. Meper, Die versuchung des pescara.
Novelle. Leipzig, chaessel. — An j)escara, den Sieger von
fl>avia und größten Feldherrn Aarls V. tritt eine Versuchung
heran: die Liga, die sich zur Befreiung des von der Freind-
herrschaft gedrückten Italiens heimlich gebildet, bietet ihin den
Gberbefehl über ihr cheer an und mutet ihm somit den Ab-
fall vom Raiser, seinem cherrn, zu. Lr weist den Antrag ab
und liefert die Ueberbringer desselben aus. Line meisterhafte
Lxposition legt die historischen Verhältnisse klar, denen der
flllan der Liga entsprießen konnte, sie zeigt die treibenden
Aräfte der Menschen und Dinge, und es geht vor uns ein
Bild jener farbigen Zeit auf, das an kräftiger Deutlichkeit des
äußeren Geschehnifses, an durchdringender Bloßlegung der
innern Mächte nie übertroflen, selten erreicht worden sein mag.
Die sxannende Lntwickelung gixfelt in der dialogisch muster-
giltig geführten Versuchung selbst, aus der fl>escara, gegen
die Lrwartung seiner Zeit, standhaft hervorgeht — gegen die
Lrwartung: denn Alles schien zum Gelingen angelegt nnd
ihm ein großes Loos zu bieten. Da enthüllt sich den Lesern
in dem Leibe des Lselden unerwartet das Geheimnis: er hat
aus der jdavier Schlacht eine lVunde davon getragen, deren
Tötlichkeit aller kVelt verborgen und nur ihm und seinem
Arzte bekannt ist. Indem der Dichter die historische Thatsache,
daß jdescara bald nach dem abgelehnten Antrage rasch und

jung starb, auf diese lVeise erklärt, zergt er im bselden die
versöhnende und adelnde lVirkung des bevorstehenden Todes
fo ergreifend und großartig, daß das bserz des Lesers völlig
der lVirkung des vollendeten bseroismus anhermgegeben wird,
nachdem seine Sxannung sich von der Lntwickelung einer reich
angelegten bsandlung abzuwenden beginnt, da sie, wie der
bseld, durch dessen lVunde tötlich gelähmt ist. Neben dem
Adel einer großen Seele bleibt aber dem Leser, weil er über
die Art der lVunde erst am Schluß gänzlich aufgeklärt wird,
immer noch das Interesse und die Frage, ob jdescara, wäre
er heil gewessn, nicht doch der Versuchung erlegen wäre. Der
Glanz der Darstellung, die eigenartige und energische Zeich-
nung und Führung der Lharaktere, die spannende bsandlung,
alle künstlerischen Vorteile einer vollendeten Novellentechnik,
der Zauber einer kräftigen Zndividualität und einer bedeuten-
den Sprache halten dieses Znteresse bis ans Lnde wach und
verleihen dem werke einen Grad der Geschlossenheit und
Größe, die es als eine schöne Bereicherung der deutschen Littera-
tur erscheinen lassen. Adolf Frey.

x Oeues von und über Storm. von Storm: „Lin
Bekenntnis", Novelle (Berlin, Paetel). Lin Arzt tötet
auf ihr Flehen sein glühend geliebtes lVeib, um ihre Gualen
zu enden. Line neue Lntdeckung der Lseilkunde sagt ihm nach
ihrem Tod: das unheilbar geglaubte Leiden war heilbar.
„Ls giebt etwas, von dem nur wenige Ärzte wissen; auch ich

(s

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