Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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wir sie immer wieder sehen können, bis wir sie ans-
wendig gewußt hätten, wie schöne Gedichte. i^aben
denn die großen Maler nur für die Städter uud Ge-
lehrteu gemalt, ist es den Armen und den Dorsleuten
schädlich, wahre Runstwerke zu genießen?" „Wir
glauben, ohne große Aosten können in jedes Schul-
zimmer jeden Monat oder jedes Dierteljahr vier
neue Lilder kommeu. Deuu die Lilder könntcu in
großen Massen versertigt werden, und uuter den
einzelnen ^chulen oder den Nachbarorten könnten Tausch-

verhältniße bestehen. Die Kosten wären wirklich nicht zu
groß, zumal auch der Zwischenhandel ganz vermeidbar
wäre. Und sollte sich das Unternehmen nicht überaus hoch
verzinseu? wäre es uicht eine Grundlage höherer
kunstgewerblicher Leistungen und besserer Herzens-
bildung? wir opsern jährlich viele Uüllionen sür
unproduktive Zwecke: sindeu sich für solche Ausspendung
von ^chönheit und Segen nicht erleuchtete Staats-
männer oder volkssreundliche Dereine?"


Vom Tage.

Das Trauerspiel ist zu Tnde, der khcld ist tot,
zermalmt und erhoben von einem tragischen Geschiek,
wic wir seines Gleichen kaum seheu iu Zahrhuuderteu.

Tineu neuen Schirncherrn erhosfte in Lriedrich dein
Dritten die deutsche Nuust, die uun trauernd auf seineu
^-arg die j)alme legt. Ls ist ja so: sie bedarf noch
des Schutzes der Wächtigeu dieser Lrde, die gleich
dem Toten ihren wert erkannt, denn als eine Fremde
wandelt sie, wie sehr man's auch leugueu mag, uoch
immer durch unser Dolk, — als eine Fremde, der
man Achtung gewährt, nicht aber jene ^iebe, die
ihr allein ein ^and zur wahren bzeimat macht. Die
Liebe seines Volkes aber könnte ihr auch der herr-
lichste Fürst uicht gewinnen: sie selber muß sie sich
gewinnen durch ihre Segnungen in j)alast und LMte.
Lernen wir die Gaben schätzen, die sie uns gewährt,
und wir werden sie lieben, sie aber wird in der Liebe
des Volkes aufblühen zu neuer Schöuheit, erstarken
zu neuer Nraft.

Das Geschlecht, das Deutschlauds Tinheit be-
gründet hat, sinkt in's Grab. Alöge dem neuen, das mit
dem stolzen Geschenke die j?flicht übernommen, es nicht
als toten Besitz, sondern als lebenzeugendes Gut zu
pflegen — möge ihm, das auf wilhelm den Zweiten
als auf seinen Raiser bliekt, vergönnt sein, dieser Micht
zu genügen. Lrst dann, wann das erstarkte und ge-
sicherte Deutschland der stärkste bsort auch der
wissenschaft und der Runst sein wird: erst dann
hat es seine ^endung erfüllt und in den nun vicrt-
halb Zahrhunderte alten wunderbau der ueuen Ger-
manenkultur den Schlußstein gefügt.

*

-x- Die L^oftheater in wiesbaden nnd Aassel
sollen nach einer Mitteilung der „Allg. Z." den kaiserlichen
Zuschuß verlieren und somit ihrer Uinwandlung in 5tadt-
theater entgegengehen. Gb unter der Regierung lVilhelins II.
eine Anderung jener Bestimmungen eintritt, bleibt abzuwarten.

-x- Um eine sorgfältige sdrüfung der eingereichten
Bühnenwerke zu erzwingen, macht G. Leo in den „Dramat.
Bl." den Borschlag: „Iedwede Ablehnung enthalte den Satz:
»Die Abschrift des jdrüfungsberichts steht gegcm Lrstattung
der Aopiaturgebühren zu Diensten.«^

-x- Über die Lrstaufführung von Tristan und Zsolde
in Bologna schreibt die „Doss. Ztg.": „Der große Trfolg
des lverkes wird allgemein bestätigt, von der j)resse, wie vom
Publikum. lllan wird Tristan den ganzen Sommer über
geben; er wird die Festoxer für das Universitätsjubiläunr bil-
den und einen der lfauptanziehungsxunkte für den Fremden-
verkehr ausmachen; einen größeren vielleicht, als die Aus-
stellungen. Der Bieg der nenen deutschen lllusik in Italien

ist nach diesem Trfolg dcs fremdartigsten Ulerkes dieser Richt-
ung entschieden, lVagnerianer oder nicht: in diesem Falle
schweigt aller ästhetische 5treit. Alle kann nur ein Gcfühl
erfüllen, das des nationalen 5tolzes, die deutsche Runst im
fremden Lande Triumphe und Lhren erringen zu sehen, wie
sie solche dort feit Iahrzehnten nicht genossen. Schoxenhauer
hat Recht, der italienischc Geist ist dem deutschen weit uäher ^
verwaudt, als der französische. lllan hat in Bologua Francillon
ausgepfiffen — trotz der meistcrhasten Darstellung — uud
' Tristan bewundert. Und in all' Diesem liegt nur eine Gc-
rechtigkeit der lsunstgeschichte. Deutschlaud hat von ?üalicu
für seine ganze Rnltur anf allen Gcbieten durch Iahrhundcrte
so unendlich viel empfangen, daß es anfangen muß, daran zu
denken, diese Riesenfchuld in großen sdosten wieder abzu-
tragen." Ulan darf übrigens auch nicht vergessen, daß Bo-
logna von je vorkämpferin der dentschen Musik in Italien war.

-x Die Nleininger haben in Brüssel einen großartigen
Lrfolg mit ihrer ersten Aufführnng, dem „Inlius Täsar",
errungen.

-x Zn Berlin wurde die Aufführung des Trümpelmann-
fchen Lutherfestspiels zunächst durch die jdolizei unmöglich
gemacht, fand aber später mit Umändernngen statt. Die
Fragen über die Beeinflnssung der Runst durch eine foge-
nannte Zensur sind wichtig genug, um eine ruhige prüfung
zu rechtfertigen. Uns ist eine solche von sehr berufener Seite
für den „Runstwart" in Aussicht gestellt, weshalb wir auf
eine Besprechung des jüngsten „Falls" für heute verzichten.

» Der Vorstand des nordischen Ulusikfestes zu
Aopeuhagen that etwas, was Nachahmung finden sollte: um
dem volke auch musikalische Genüsse höherer Art zu ver-
mitteln, gewährt cr zu sonntäglichen Ronzerten gegen das
geringe Lntgelt von ungesähr 50 j)f. den Linlaß, ließ aber,
um Ulißbrauch zu verhüten, die Aarten nicht am Echalter aus-
geben. Lr stellte sie vielmehr den Vereincn der Arbeiter .
u. s. w. für den verkauf zur verfügung.

-x- Uber die Reminiszenzenjägerei in vielen unsercr
Rezensionen — übrigens ein bedenkliches 5ymptom für den
geistigen Rräftezustand der bctreffenden Aritiker — schreibt
L. Fulda in dem „Dramat. Bl.": „Wer unserc moderne
Bühnenlitteratur kennt, der wird allerdiugs häufig in der
Lage sein, mit voller Bestimmthcit zu sagen: Das ist bcwußte
oder unbewußte Lntlehnung oder Anlehnung. )ch will nun
die Thatsache ganz außer Acht lassen, daß in frühercn Zeiten
die bewußte Entlehnung den Ruf der dichterischen Grigiualität
gar nicht beeinträchtigen konnte, daß die berühmtesten IVerke
der größten Uleister häufig nichts weiter sind, als freie Ropien
nach älteren vorbildern, daß jdlautus und Terenz von Ulänan-
der und philemon, Ulolisre und ^hakespeare von jdlautus und
Terenz ihre Nlarmorblöcke bezogen. Unsere Zeit hat nun
einnial — einerlei ob mit Recht oder Unrecht — in Bezug

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