Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 250
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Wilsere Lonrmernlusik.

s muß wohl keine kleiue Anslreuguug kosten,
sich eiuen winter über europäisch zu be-
tragen. Zu dieser 2lnsicht wurde ich ge-
zwuugen, indem ich beobachtete, wie die
Menschheit des Sommers mit fisberhafter 2lugst zu
den Ziegen uud Aüheir flüchtet und vor fedem ganzeu
Ueberrock, vor jedem guten Buch, vor jeder edlen
Alusik einen uervösen 2lbscheu bekuudet. „Um Goltes
willen, nur fetzt nichts mehr davon! wir wollen uns
ercholen!" Gin Bedürfnis, sich von der Zivilisation
zu erholen, klingt mir etwas verdächtig. Doch ich
verstehe: die Zlrmsten sind übersättigt. „Zawohl über-
sättigt! übersättigt bis zunr Überdruß, bis zrrm Lkel!"
Falls ich mir aber im winter deu bescheidenen Nat
erlaube, man möge sich doch nicht so unbarmherzig
übersättigen, so heiße ich eiu Barbar. Demuach
scheint es zur Rrrltur zu gehören, während der eiuen
bsälfte des Zahres sich die Seele zu überladen, um
danu während der andereu bsälfte Brechnrittel da-
gegen zu gebrauchen, die man mit denr sentimentalen
Bamen „Natur" überzuekert.

Mie dem übrigeus sei, dis jämmerliche Frühjahrs-
stimmung erklärt mir die s)rogranrme unserer sommer-
lichen Garten-, Bade- und j)romenaden-Aonzerte; die-
selben sollen einen musikalischen bsäringssalat bedeuten,
in welchem jedes ksaeksel willkommen geheißen wird,
vorausgesetzt, daß es übel rieche. Und man darf in
der That unsern Gartennrusikzettelu den Buhm lassen,
daß sie diese Aufgabe leidlich ersüllen. Sehen wir
uns einmal das Bezept derselben an:

Vor Allem laß eine Trompete aus Bäckingen
konrmen, verstecke sie ungesähr 2 5 Bchritt vonr üb-
rigen Mrchester entfernt in ein Gebüsch und überlasse
sie ihrem Schicksal, bis sie vor cheimweh erbarmungs-
würdig zu klagen beginut. — Danebeu halte man
eiue Flöte iu Bereitschast, um mit ihr deu Lsimnrel
zrr stürmen und eine Alarinette, sür den Fall, daß sich
kveltschmerz einstellen sollte. — Gänzlich uuentbehr-
lich sind natürlich einige j)otpourris, von welchen
die wohlseilsten srch gewöhnlich als die tauglichsten
erweisen werden. — bsierarrf nimnrt man eine Lsand-
voll musikalischer Bülpser, bei jedem Rapellmeister
billig erhältlich (unter dem Namen von „ ^chützen-
marsch", „Sängermarsch", „Trrrnermarsch", „Festgalopp",
„Studentengalopp", „l^usarengalopp", „Amalienpolka",
„Tlisenpolka", „Akathildenpolka" oder arrch „Lsarle-
quinpolka" zu verlangen), und wirft sie in das j)rogramm,
je mehr desto besser. — bsast du das gethan, so presse
ein halb Dutzeud geschwellte Auhreigen, gedämpfte
,. Nßveries", iu wasser abgekochte „Souvenirs de
Teplitz" und eingeweichte Volkslieder, von rvelcheu
Zeder stets eiuen großen Dorrat haben sollte, und
drücke uud quetsche sie so lange, bis Arokodilsthränen
heraussiießen. Nühre dieselben tüchtig um. — Bist Du
damit sertig, so schneide den Teig mit dem Näesser in
zwei gleiche Teile uud stecke in jede Lsülste eiue
Muvertüre, unr dem Nuchen eiueu Lsalt und eiu Au-
sehen zu geben, und du hast ein j)rogramm, nrit
welchem drr dich vor keiner Gesellschaft zu sürchten
brauchst.

Dagegeu habe ich nrrr eiire eiuzige Tinwenduug
zu erheben. Ts lassen sich immerhin Nlenscheu denken,

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welche ihreu Geschmack nicht aus dem Nalender be-
ziehen, sondern im Zrrli eine instrunrentale Beleidigung
ebenso empörend finden, wie im Dezember. Zst es
nun billig, dieselben, wie wenig zahlreich sie auch sein
nrögeu, aus dem schöneu grünen Garten hinauszrr-
schänren? Bollte man ihnen, die doch nichts ver-
schrrldet haben, nicht gleich den Anderen ihr jAätzchen
im Freien gönnen? Zch hege viel Zutrauen zu denr
wohlthätigkeitsfinu des nroderneu Zeitgeistes, daß ich
überzeugt bin, unsere 5ommerkonzertdirigenten würden
j?rogranrmen, welche gleichermaßen den mrrsikalischen
wie den unmusikalischen Teil der Zuhörer besriedigten,
bereitwillig ihre Zrrstimmrrng gewähren, woseru mau
ihneu nur eiue Audeutung geben könnte, wie das zrr
erreichen sei. — Zst aber das wirklich so schwierig?
Zch glarrbe: nein. Gs bedars nrrr der Trmittelrrng
dessen, was jede der beiden scheinbar so verschieden-
artigeu Grrrppeu des publikums begehre und ver-

abscherre. Der wahrhaft nrrrsikalische N'tensch srrcht
in der Nmsik das ^chöue, gleichviel in welcher Form
oder Btilart oder Gesühlssphäre dasselbe erscheine, rrnd
welchen Nanren es trage; umgekehrt verabscherrt er leideu-
schastlich alles Lsäßliche, Nüttelmäßige und sitlatte,
handle es sich nrru um eiue jAattheit in ärri', das
heißt Frechheit, oder um eine jülattheit in moll, das
heißt Nührseligkeit. Der rrnnrrrsikalische Mensch da-
gegen bewegt sich nrit seiner Synrpathie und Anti-
pathie arrßerhalb der ästhetischen Sphäre; nicht die

Begrisse „schöu" rrnd „unschön", oder „edel" rrnd

„genrein" dienen ihm zrrm Urteil, sondern die unbe-

stimmten Tindrücke des „Gesälligen" und des ,??ang-
weiligen". Damit ihnr aber ein Btück „gefalle", muß
dasselbe neben denr musikalischen wert, den er ja
nicht zu verspüren vermag, nocb eine direktere Be-
ziehuug zu seiner si)ersönlichkeit enthalten, sonst „lang-
weilt" es ihn. Line solche Beziehung kann auf dop-
peltem wege stattsiuden. Gutweder die Näusik spricht
ihnr an das „Genrüt", mit anderen worten, sie sührt
die Gebärden einer Nkelodie aus, einerlei, ob eiuer
abscheulichen oder einer wunderbaren, -— oder sie
packt ihn an den Nerven, das heißt sie macht ihn
durch ausregende Nhythnren jucken und zucken, gleich-
giltig, ob hinrnrlisches Feuer den Nhythnrus beseele
oder ob j)auken und Tronrpeten in rohester weise
deu Takt verüben.

Nun liegt an und sür sich weder eiue rührende
Nlelodie noch ein packender Nhythmus außerhalb dem
Gebiete der Bchönheit; es ließe sich daher denken, daß
nach beiden Seiten hin eine Bermittlung aus die ein-
sachste weise, nämlich durch die bloße Auswahl der
einzelnen Btücke innerhalb der ^chranken des Bchönen,
mit Leichtigkeit gefunden werden könnte. Allein in
der wirklichkeit erweist sich die Forderung „rührender"
Nlelodien als eine höchst bedenkliche, weil sich nirgends
iu der Nunst die vornehme Gesinnung von der ge-
meinen unversöhnlicher scheidet, als in Bachen des
„Gemüts". Lin triviales, gedunsenes, zudringliches
Nührftück ist jederzeit eines (aus dem Gefühl stam-
menden) begeisterten Beisalls der Nlehrheit sicher,
während die musikalische Nkiuderheit ^öllenpeiu da-
bei aussteht. chier ist also die äußerste Dorsicht ein
Gebot der Nächstenliebe.

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