Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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sich bekämpfen, aufhalten oder fortschieben, bald durch-
einander wirbeln: wir können die einzelnen nicht klar
erkennen. Nach sachlichen, ästhetischen, überhaupt
seelischen Gemeinsamkeiten ist eine Gruppierung der
Schriststeller, die heute im vollsten Nlannesalter stehen,
vielfach unmöglich.

von jenen äußeren, stofflichen Merkmalen der
Gattung zeigt uns sedoch schon unsere Lyrik einige,
die durch alle Dichtungsarten zu verfolgen sind. !Vir
finden schon hier, daß, was sich der besonderen Gunst
des publikums erfreut, weit weniger das aus der
Tiefe heraufgeborene Nrsprüngliche ist, als eine, wenn
wir so sagen dürfen, „Nezeptpoesie", die nach im Volke
beliebten Vorbildern neue Nachbildungen gestaltet.
Sehr in der Mege war längere Zeit die antiquarische
Lyrik und lyrische Lpik. Sehr in der Mege auch,
wenngleich nie annähernd populär geworden, die meist
in antiken Versmaßen sich bewegende Lyrik des lvelt-
schmerzes. wirklich originale Schöpfungen gelangen
nur wenigen Lyrikern, die dann, wie Reller und ^torm,
ost erst nach Zahrzehnten einen kleinen Rreis von
Verstehenden sich gewannen. Auch ihre Lyrik aber ist
zumeist eine ruhige ^elbstschau über eine ruhige Seele.
Der Umstand, daß fast alle unsere Gelegenheitsdich-
tungen auch da, wo sie den mächtigsten „Gelegenheiten"
ihre Anregung verdanken, in Nhetorik verfallen, er
zeugt davon, daß die großen Bewegungen unserer
Zeit wohl dem verstande und Lmpfinden unserer
Dichter genaht sind, daß sie aber noch nicht ihr inneres
Schauen, ihre j)hantasie so wie bei anderen hoch-
stehenden Völkern beherrschen. Noch immer fühlt sich
gar mancher jDoet in Deutschland, ob er es sich selber
gestehen oder verbergen mag, lieber als weltslücht-
ling, denn als Ntttbildner seiner Zeit. Ganz ver-
wandte Lrscheinungen zeigt unsere Lpik. Auch in
ihr war die antiquarische Gattung beliebt, besonders
in den archaischen Nomanen, deren verfasser nicht nur
durch ihre Stoffwahl, sondern auch durch die alter-
tümelnde Art ihrer Darstellungen ausnahmsweise eiu
Gemeinsameszeigten, das sie von ihrenVorgängern unter-»
schied. Line Blütenperiode dürfte in der Gegenwart
der deutschen Novelle beschieden sein, die eine Neihe
höchst seingeistiger Ntänner aus eine nie vorher er-
reichte und kaum noch zu steigernde Lsöhe gebracht
haben. Schließt es bei ihr die enge Nunstform fast
aus, daß mehr als ein schönes Spiel des sabulierenden
Geistes geboten werde, so wäre dieses beim großen

modernen Nomane nicht der Fall. Aber auch in ihm
begegnen wir noch selten dem Verlangen, die Lebens-
adern unserer Nultur selber durch organische Gebilde
pulsen zu fühlen. N ttt wenigen Ausnahmen stellt unsere
Nomandichtung eine Neubelebung srüherer litterarischer
^trebungen dar, so daß wir je nach Liebhaberei, Ge-
schmack und Bildungsgang der Linzelnen immer wieder
Akademiker und Rationalisten, Stürmer und Dränger,
Zungdeutsche und Nomantiker, phantasten und pseudo-
realisten und schließlich die seltsamsten Nttschungen vom
Linen und Anderen beisammen vor uns haben. Linige
Blicke aus unser Drama würden mututis mutauctis
denselben Lindruck erzeugen. Ls ist unter solchen ver-
hältnissen nicht zum verwundern, daß viele unserer
Gebildeten bei Franzosen, Skandinaviern und selbst
Nussen zu finden suchen, was wir ihnen noch nicht
geben können.

Noch nicht — denn unverkennbar scheint es
uns, daß sich in unserer Dichtung eine tVendung zum
Befferen bemerkbar macht. Freudig begrüßen wir
vor Allem Lines. Die spielerische, aus der Obersläche
herumgeistreichelnde Art des Schrifttums, die das
Feuilleton großgenährt, wird bei dem gebildeten Teil
der Genießenden mehr und mehr mißachtet, zeige sie
sich nun im Gedicht, als Grzählung oder aus der Bühne.
Und auch in die Hchaffenden ist ein größerer G r n st
eingezogen, ein volleres Bewußtsein von den gewal-
tigen Aufgaben, welche die Dichtung unserer Zeit zu
lösen hat, will sie eben die Dichtung unserer Zeit
sein. Ls mangelt diesem Bewußtsein nicht an Zrr-
tümern des Gedankens sowohl wie der Lmpfindung,
die, ausgewachsen am Baum unserer Nunst, nur ver-
krüppelte Äste geben könnten. Aber es mangelt auch
weder an kraftvollen Zweigen, die neu ergrünen Zahr
um Zahr, noch an srisch ausstrebenden jungen Trieben
voller Saft.

^o giebt uns keine Nunst, sehen wir nur von der
verkümmerten Ntimik ab, — deren als einer Runst zu
gedenken, wir heute fast entwöhnt sind, — ein Necht,
mißmuthig aus ihr derzeitiges Schaffen zu sehen. Und
was das Beste ist: wo wir noch keine Gesundheit
finden, finden wir doch zum mindesten die vorzeichen
der Gesundung. Lernt nur unser Volk mehr und
mehr ermessen, wie viel aus einem vollen Sich-Aus-
leben einer vollkrästigen Nunst an innerer Stärke ihm
zuwächst, so dürsen wir uns des weges sreuen, der
vor uns liegt.

Ikundscbau.

zfrtedrtcb Nbeodor viscder f.

Mit worten tröstender Lebensweisheit aus den Lixpen, mit
klarem Bewußtsein der Todesstunde hat Friedrich Vischer am
September dieses Iahres von den Seinigen Abschied ge-
nommen, um sich dann ruhig zum letzten Schlummer zurück-
zulehnen. Ls ist stille Größe in diesem bewußten Dahinscheiden
des Denkers, und die Freunde und Schüler des Achtzigjährigen
werden es preisen, daß Denken und Leben im Code zur schönen
ksarmonie zusammenstimmten. Nun ruht er aus und es hat
sich erfüllt, was er schon in hohem Alter so entsagungsvoll
und ergreifend sang:

Der Lrdenstoff verzehrt stch sacht und mild,

Bald ist's vorbei und Du bist nur ganz Bild;

Du schwebst hinweg, schon strahlen wie von fcrne
Im sremden Glanz der Augen milde Sterne.

Ls hat sich erfüllt das geheimnisvolle N)ort:

Ganz Geist kannst Du nun allerorten leben
Und auch zu mir, dem Umgetriebnen, schweben.
vielleicht ist doch in nicht zu serner Zeit
Lin blcibend bsaus zur Rast für mich bereit,

Dann schwinge sanft um meinen Totenhügel
Am stillen Äbend Deine Geisterslügel.

Lr ist gestorben, wie er gelebt hat, milde, voll lVeisheit
des Alters. Die ihn kannten als Menschen, wissen, daß der
kampslustige jdolemiker, der überzeugungstreue, ost heftige j)oli-
tiker ein Bild jener anziehenden xersönlichen Liebenswürdigkeit
war, welche wie mit leisem Zauber die Rreise eines reinen
Menschenverkehrs um sich zu ziehen weiß, indem wir uns selbst
als liebenswürdig und wahrhast human empfinden. Der Latiriker,
welcher in seinem „Faust", dritten Teil, scharfe, in Ätzlauge
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