Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 147
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empsinden und ansehen. Das Buch enthält drei 2tbhandlungen:
t. „Gut und Böse", ,,Gut und Schlecht"; 2. „Schnld",
„Schlechtes Gewissen" und Berwandtes; Z. ,,!Bas dedeuten
asketische Ideale?" Ls liegt anßerhalb der Aufgabe dieser
Zeitschrist, diesen Aussührungen des verfassers iin Linzelnen
zu solgen oder eine kritische Beleuchtung dcrselben zu versuchen.
Ls läge auch anßerhalb ihrer Ausgabe, aus die Bietzscheschen
Schristen überhaupt hinzuweisen, beschäftigten sich diese nur
mit abstrakt xhilosophischen Fragen. Sie enthalten aber auch
zahlreiche tiefe und geistvolle Betrachtungen über alle Zweige
der Kunst. Zudem wird sich jeder künstlerisch veranlagte
Leser an der Form ihres Ausdrucks ersreuen. G. Sch.
Gartenkunst nnd Gürten sonst uild jetzt. von
Iäger. Berlin, Parey. — Bicht nur ein werk von
wisscnschastlichem Merte, sondern ein solches auch von praktischer
Bedcutung wollte der verfasser mit dem vorliegenden geben
— hat doch sür die pflege der Gartenkunst die Kenntnis ihrer
Geschichte noch höhere tvichtigkeit als für irgend cine andere.
„Für den Maler ist das Mnscum, sür den Musiker der Ronzert-
saal das beste Lehrbuch, und sür den Gartenkünstler ist es die
idealisierte Batur, der schöne Garten. Leider ist es abcr nur
wenigen vergönnt, auch nur die wichtigsten bestehenden
Gartenanlagen mit Augen zn sehen, davon ganz zu schweigen,

daß aus den älteren Stil-Lxochen nicht einmal Ruinen übrig
geblieben sind." Der Gartenkünstler muß also „aus Bild und
Schrist eines umfassenden kverkes das Sonst und Ietzt der
schönsten Gärten kennen lernen, uin das wollen und Können
seiner größten vorgänger zu verstehen, um sein eigenes
Schaffensvermögen damit zu erhöhen." Ls solgt aus diesen
xlanzeichnenden Worten der vorrede, daß Iäger in diesem
seiner kVerke vor Allem eine anschauliche Darstellung der
bedeutendern Schöpsungen der Gartenkunst anstreben rnußte
und das erläuternde Bild in ausgedehntem Maße zu ksilse
nahm. Als Aesthetiker steht er aus dem einzigen Standpunkt,
der psychologisch zn verteidigen ist: er betrachtet mit den ver-
nünftigen s?raktikern unserer Zeit (zn denen er als Lisenacher
lhosgarteninspektor ja auch selber gehört) den Streit nm die
gerade oder gekrümmte Linie, um den „sranzösischen" und den
„englischen" Garten als längst entschieden zu Gunsten einer
höheren Linheit. Rezepte zu geben kann nicht die Ausgabe
eines Mannes sein, der nie vergißt, daß jedes Knnstwerk, daß
also auch der künstlerisch gestaltete Garten ajs eine persönlich-
keit behandelt werden muß, die abhängig ist von ihren eigenen
Lebensverhältnissen und den Linwirkungen ihrer Umgebnng.
Diese sehen und kennzeichnen zu lernen, ist sür alles Weitere
die vorbedingung.

Lose Wlütter.

An Gross-Griecbenlnnd?

Iüngst ain Golf vou Taront dnrch beißo, steinige Oede

Schweift' ich einsam nncher, nach den Ruinen zu

spähn:

U)o einst blnhend nnd reich getbront die Stadt der

Esellenen,

lVo in schwelgender jflracht bsalle an lhalle gereiht,

Tempel an Tempel gereiht gelauscht hellenischem wobl-

klang,

Grüßte mich hier nnr und dort schweigsam ein

bröekelnder Stumpf.

Stälflern starrte das Meer, das einst, von segeln

umflngelt,

Frohem Matrosengesana lustig geplätschert den

Takt —

Ach, selbst sie, die so gern den Heitmatgrüßenden grüßten,

Ach, die Delphine sogar flohn die entvölkerte Bucht!

Zetzt ihr sreundliches ticht verdichten die Strahlen

der Sonne

^ier zu erstickender Glnt — geisterhast zittert die

tuft,

Und mit giftigem khauch durchschleicht sie lanernd das

Fieber,

Das kein Wasserwerk mehr bannt, kein ranschender

Hain.

Als nun müd und erschöpft, ein schattendes flllätzchen

zu suchen,

^ang vergebens mein Blick über die teere geschweift,

Sah ich s im grauen Gestein von granen tämmern

fich regen,

bfalbverhungerten Volks, zwischen versengtem Gehalm.

Und ich näherte mich — da sah mich ihr wilder Genosse,

Sah mich der struppige kjirt, griff nach der Flinte

^ _ und legt'

*) Bei der Landbevölkerung Groß-Griechenlands flnden

sich unter dem kjausgerät noch heut altgriechische Formen.

Zögernd sie wieder beiseit' nnd bot mir ranh in der

Ulnndart

sein Gntentag und bot mir ans der schale den

Trunk.

Und ich nahm sie znr Hand — da, wunderseltsam

befangen,

Ruhte staunend mein Blick ans auf dem irdnen

Gefäß.

Und ich hob sie empor in klarer griechischer Schönheit

Blühte die edelste Form nm den bescheidensten Trank:
Still in lieblichem Beiz ausschwebend bog sich die

schale,

Rühn in jnbelnder Rrast schwang sich der Henkel

daran —

Lebend jegliche Form, leis atmend jegliche Linie,

Mar es nicht tot, sah warm lächelnd mich an das

Gesäß.

Und nnn sprach es mir zu nnd sprach von einstigen

Zeiten,

Da ein Grieche zuerst bildend ersann seine Form.
Sprach mir davon, wie der Geist sanft leuchtender

Schönheit gewaltet,

Uflie er aus Alles ergoß mild umschimmerndes icicht,
wie er das Arme verklärt, das Reiche edel gezügelt,

wie vom Großen er sang Allen im Sange khomers,
wie er das kärglichjte Land mit rankenden Sagen

umgrünte,

Daß es — der Heimat tand — schöner denn Alles

erschien,

wie er des Unaben Brust durch Heldenlieder entflammte,

5ohend den Mann znm Ljaß alles Lrbärmlichen trug,
wie er im Spiele den Geist zum Tüchtigen schul?,

nnd den Uörper,

wie er, ein seelisches Band, tren die Hellenen umwob,
wie er zum Anfruhr rief, als roh die Lsand der

Barbaren

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