Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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21. Ltück.

Lrscbeint

Iberausgeber:

Ferdtnand Avenarius.

Kestellpreis:
Vierteljährlich 2 l'z lNark.
Anzeigeri: Z gesp. Nonp.-Aeile 40 j?f.

Zadrg. 1.

Poesie und Ikbetorik.

Lrster Autsatz.

as ist kpine Rleinigkeit, lieber Freund und j deneu Fremdworten

Ruustwart-Leiter, was Du von mir verlangst!
;Du scbreibst, Du wünschest Ltwas über ,,poe-
,sie und Nhetorik" von mir zu hören im
„Runstwart" und sagst plan und kurz: „Du brauchst
Nichts zu geben, als eine klare und scharse Auseinander-
legung und Bestimmung der beiden Begriffe, so daß
der Gebildete sie verstehen und anwenden kann." Die
Frage ist gut und zeitgemäß, die weuigsten wissen
noch, welchen Sinn der einsichtsvolle Kuustrichter mit
diesen worten verbindet und ungebildete Tagesschreiber
werfen ihrerseits so wahllos mit dein worte herum, um
ihre schmachvolle Geistesblöße mit irgend eiuem schnöden
Lappen zu bedecken, der nach Aunstverständnis aus-
sieht, daß eswohllohnt,diealtenBegriffeeinmalmitkurzen
und bündigen Worten zu beleuchten. Der Rundige
wird, wenn wir nicht in die letzten Tiefen der Frage
hineinschauen, gern auch eine leichtere Behandlung
des Gegenstandes gewähren, damit der Allgemein-Ge-
bildete wenigstens wisse, um was es sich im großen
Ganzen handelt.

Ich versage mir denn auch, hier den alten Aristo-
teles und seine „poetik", sowie seine Bücher über
die Nhetorik zu übersetzen und zu umschreiben; ich
lasse Horazens Brief an die j)isonen so gut wie
Ticeros Schriften unerwähnt', an die wohl Ieder
noch eine dunkle Trinnerung hat; ich führe Namen
wie Ntelanchthon, Girolamo Nida, Alenzini, Atartelli,
de Ntesa, Lope de vega, s)ope nur auf, um Männer
zu nennen, welche Nlancherlei über diese Dinge ge-
schrieben haben, woraus man sich unterrichteu kann
über die Kunstmittel von Dichtung und Nedekunst.

^prächen nun heutzutage alle Nlenschen in Deutsch-
land auch deutsch, statt daß sie wie die Apostel am
pfingsttage „in Zungen redeten" und mit unverstan-

sich als Gedankenheilige ge-
bärdeten, so wäre die Frage: was ist der Unter-
schied von j)oesie und Nhetorik, auch sehr einfach mit
einer harmlosen Derdeutschung beantwortet, nämlich:
poesie sei Dichtung und
Nhetorik sei Redekunst.

So verstanden die Griechen die Sache. Und es
ist ein klarer und unverwischbarer Unterschied in
diesen worten gegeben und in den Sachen, die sie
bezeichnen, welcher in sich die Schlußfolgerung auf
sehr bestimmte und unterschiedene Runstmittel der
Sprache und des sprachlichen Denkens enthält, ja
auch diejenigen Nunstmittel, die beiden Gattungen
gemeinsam sind, doch in verschiedener Weise gebrauchen
und verstehen heißt.

Diese kurze und bündige Unterscheidung wird denn
auch im letzten Grunde der ruhende s)ol im kreisen-
den Getriebe so vieler verschiedenartiger Bedeutungen
bleiben, welche wir sonst noch mit den griechischen
worten „jDoesie und Nhetorik" verbinden. — Ge-
meinhin versteht man nämlich sonderlich unter „Nhe-
torik" zunächst etwas Anderes, als die Runst der
Nede. Ntan verbindet einen üblen Änn mit dem
Worte, zumal in der Beurteilung dichterischer Tr-
zeuguisse und meint dann Gtwas, was aus einer
guten Nede ebenso ausgeschlossen sein sollte, wie
aus einer guten Dichtung: nämlich das, was der
Laie mit dem Namen ,,^-chwulst" bezeichnet. Zch
habe sehr lange gesonnen, welch ein deutsches
wort für den Namen „Nhetorik" in diesem Änne
eingeführt werden könnte, und habe mir für meinen
eignen Gebrauch das wort „Nedefälscherei" gebildet,
als Ligenschaftswort „ redefalsch" (rhetorisch), wo-
rin denn die Meinung des wortes „Rhetorik" im
üblen Sinne als Nedefälscherei von vornherein aus-


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