Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 272
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart1/0278
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
aber trotz aller patriotischen Absichten, vielleicht sogar
zuin Nutzen eines echten und wabren j)atriotismus,
verzichtet werden müssen. Trotzdem suchten Viele in
der Nachahmung das Alte noch immer an Lchtheit
zu übertrumpfen: die wunderlichsten t^achen käinen
natürlich dabei heraus. Nlan ist katbolischer, als der
Papst. Beispiel: ein modernes Nlavier „wird zum
ungeheuren Rasten mit Gesimsen, j)ilastern, Fratzen-
köpfen, Festons, ja, man macht aus dem Deckel ein
gewölbtes Dach mit geschnitzten Ziegeln, denen nur
noch die Nergoldung fehlt, und setzt oben darauf noch
eine metallene Lrbte; oder man verwendet, wie dies
für Zeden, der es sehen will, zu sehen ist, massige
Nletalleinlagen am Schallkasten, an der Rlaviatur,
welche unbedingt zu einer verringerung des Schalles,
vielleicht sogar zu einer Derschlechternng beitragen,
und motiviert dies mit dem ^pruche: Gs handelte sich
weniger um ein Rlavier, als um ein recht schönes
Ausstellungsobjekt! Dies nur so beiläufig als Zllu-
stration zu manchen unsrer ^tilbestrebungen, die an
Lchtheit so viel wie nur möglich zu erreichen suchen,
wobei aber, trotz der festungsartig-entwickelten Deutsch-
Nenaissance-Nlöbel und der vergoldeten und versil-
berten Nokokoschnörkel, welche jetzt an die chtelle der
Doluten treten sollen oder schon vielfach getreten sind,
überall lachend der Geist unsrer Zeit sich über der-
artige stilistische Totengräbereien hinwegschwingt."
Berlepsch belustigt sich über „den ^prung von der
Derbheit der Möbel, wie sie noch vor wenigen Zahren

Vom

Für Lrziebung zuin Naturgenuß tritt Buchwald
ln der „Gegenwart" ein. Dein Borteile, den das erleichterte
Reisen gewäbre, stehe der Nachteil entgegen, daß niebr und
inebr der 5inn für die gewahnte, alltägliche Umgebnng
fchwinde — fehle doch unserin Leben die Beschaulichkeit! Bei
der niedern Bevölkerung in den großen §tädten sei geradezu
„an die Stelle des Naturgenusses der Naturaliengenuß ge-
treten." Bei den Landbewohnern stünd' es noch etwas besser.
„Die Banersfrau sieht noch niit Lust das Gedeihen des Iung-
viehs, ohne an den preis zu denken; iin Garten fehlt neben
den Gbstbäumen nicht der Zierstrauch." Die auch aus sitt»
lichen Gründen böchst wünschenswerte Neubelebung des Na-
turgenusses zu fördern, erklärt der Verfasser für eine edle
Aufgabc der Ferienko lonicn, nnd er tritt warin für die
Lröffnung derselben auch für gesunde Rinder der ärineren
Läände ein.

^ „Ieder junge Schriftsteller, der es nüt sich und der
Runst crnst nieint", so lesen wir in der Norrede zu Lrnst
kvechslers eben erschienenen „Iviener Autoren", „wird eines
fchönen Tages erschreckt vor einem gähnenden Abgrunde inne-
halten, dem Iournalisinus, über den er init glücklichein
Sxrunge hinwegsetzt oder der ihn erbarmungslos in seine
Tiefen reißt. Lin jnnger Poet, und fei er noch fo begabt,
muß, wenn seine Feder ihn erhalten soll, seiner Nuse einen
großen Teil des Tages den Umgang entziehen. Denn seine
Dramen werden nicht aufgeführt, feine lyrischen Gedichte
stnden in seltenen Fällen in den Iournalen Aufnahme, ge-
wöhnlich nur als Lückenbüßer oder als poetifche Terte zu
Bildern, für feine Lxen stndet er nur mit größter llkühe
einen Nerleger, er lernt das erniedrigende und entmutigende

gangbar waren, zu jenen zierlichen des Zeitalters
verliebter und verkleideter Schäfer und Schäferinnen",
die jetzt Nilode werden, und führt noch andere Bei-
spiele dessen an, was er tadelt. Daß es anderswo,
in kVien z. B., auch nicht besser sei, sei wahrhaftig
kein Trost.

Zm Verlauf eignet sich Berlepsch noch einen
wunsch Buchers an, dessen Lrfüllung auch uns höchst
zweckmäßig erschiene. „Der Ausfteller soll dem ver-
ständnisse der Besucher entgegenkommen, ihn womög-
lich durch den Augenschein oder doch durch das ge-
druckte N)ort über die Tntstehung seines Fabrikats
aufklären, und zwar keineswegs nur, um zur Ver-
breitung technologischer Renntnisse beizutragen, sondern
um Geschäfte zu machen; denn wem so ein über-
raschender Blick in die (den meisten so unbekannte)
bVelt der gewerblichen Arbeiten gewährt worden ift,
der wird in der Negel zum freiwilligen Lserold der
bvunder, wogegen jenes jDublikum, welches sich ge-
dankenlos, teilnahmslos an den Rasten und 5tänden
hinschiebt, so wenig Andern nützt, wie es für sich
einen Gewinn mit hinwegnimmt. Zum kViederholen
solcher und ähnlicher Sätze hat noch jede Ausstellung
Anlaß gegeben .... Die Rokosnuß mit ein wenig >
zerfaserter 2lußenhülle neben der Rokosmatte redet
eine allgemein verständliche Sprache und macht das
Gesiecht, über welches sonst der Blick achtlos hinge-
glitten sein würde, anziehend."

Tage.

kseusieren bei ben Nerlegern zur Genüge kennen, er sieht, seine
Schöpfungen kvmmen, wenn sie wirklich auch gedruckt werden,
nicht zur Geltung und bringen ihm keinen roten Beller ein.
Lr muß sich dem Iournalismus in die Arme werfen. U)ohl
sagt er sich ein oder das andere Mal, daß er seinen Idealen
abtrünnig werde, daß er seine Runst entwürdige, aber der
Trieb der Lelbsterhaltung ist mächtiger, als seine Lelbstan-
kläger, und schließlich ergiebt er sich dem Gift der Iournalistik:
seine Arbeiten für den Tag werden ihm bezablt, abgesehen
davon, daß er die Genugthuung hat, sich rasch und leicht ge-
druckt zu sehen. Auch seine xoetischen Arbeiten bringt er
jetzt öfter unter, denn er formt sie nach dem Geschmack der
Zeitschriften, aber allmählich werden die Besuche der llluse
seltener, der Dienft der Iournalistik nimmt ihn zu sehr in
Beschlag, seine poetische Ader versiegt, uur manchmal
erinnert er sich wehmütig seiner Iugendträume, schließ-
lich wird er ein verbitterter, galliger Rritiker, einer jener ver-
haltenen Dichter, welche die gefährlichsten Feinde der selbst-
schöxferischen Schriftsteller sind, denen ein günstigerer Ltern
leuchtete."

Zwei Selbstverteidigungen von Dichtern brachten
jüngst dentsche Zeitschriften. Non Georg Lbers: rn der
„Deutschen Revue" einen Aussatz, der sich hauptsächlich gegen
den Norwurf der Anachronismen richtet, der Lbers gemacht
ward — aber leider durchaus nicht als der schwerste. Non
Robert L) amerlin g: im „Neimgarten" gegen die Beurtei-
lung seines „Nomunkulus" seitens der Nehrzahl der Rritiker
in einer längeren Aufsatzreihe „Stationen meiner Lebens-
pilgerschaft". Lsamerlings Ausführungen und Schildernngen
sind reich an Interessantem.
loading ...