Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 227
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werden soll. Sie haben ihrer Zeil Ireu nnd mit gutem Er-
folge gedient — der unseren können sie nicht inehr dienen.
Wie viele Talente keiinten in Dresden ans, wie viele läßt
man als „talentlos" gehen, weil inan sie nicht verstand, wie
wenige wußte inan der Stadt zu erhalten! lVahrlich, inan
inöchte zuweilen den bestcn Beweis sür den krästigen, knnst-
lerischen Nährboden und die beste Bossnnng aus eine ver-
sxätete aber doch gute Lrnte aus der Beobachtung schöpsen,
daß wenigstens nicht alles selbständige Runstleben in der
sächsischen ksauxtstadt unter dem j)hilisterdrucke zu Grunde
gingl Von Keiinen, von Blüten und auch von Früchten, die
aus ihrein Boden gewachsen, zeugt diese ihre Ausstellung.
ksält sich die Aunstgenossenschast, die sich durch die vorjährige
Aquarellausstellung ein großes Verdienst erwarb, auch ferner
srei von der ,,sächsischen Geinütlichkeit", so kann sie Dresden
und der deutschen Aunst viel, sehr viel nützen.

x In ienein Streit zwischen den pariser Rünstlern und i
der Arinenverwaltung, von welcher wir berichteten, hat der
Finanzminister den Aünstlern Recht gegeben. — Der diesjährige
Salon enthält 5523 Kunstwerke, darunter 2586 Gelgeinälde,
N802 Zeichnnngen, pastellbilder u. s. w., t059 Bildhauer-
arbeiten, 57 Dkedaillen, 522 Radiernngen, t80 Bauzeichuungen,
Lntwürseu u. s. w.

-X- Ausstellungen: Die Nünchner Aunstgewerbe-
Ausstellnng ist ain d. Dk. seierlich erössnet worden. —

In Tondon wurde die italienische Ausstellung (ein Privat-
unternehinen) am t2. d. M. eröffnet. Die ,,röinischen Spiele""
iin Ainphitheater sollen erst iin Inni beginnen. — In
ksainburg hat der in London lebende Maler Rudols Leh-
ina nn eine Ansstellung seiner IDerke veranstaltet, die besonders
durch ihre Bildnisse berühinter Nänner interessiert.

Sprecksuul.

(Mnter sacklicber Uerantvrortunli dcr Dcrren Linsender.)

Zu Sacheu: „Religiöse Ruust."

Der Aufsatz i,n „Ruustwart", der klar darlegte,
wie uberaus verderblich das Derlaugeu uach „Nou-
veautes" deui Ruustgewerbe ist, legte — zumal uach
dem Lrscheiueu des Aufsatzes über „religiöse Ruust"
— deu Gedaukeu uahe, daß es auch sür die Kuust
wüuscheuswert sei, die Schädlichkeit der bei ihr aus-
taucheudeu Nouveautös uachzuweiseu. Diese lasseu sich
tvohl aus folgeude j?uukte zurückführeu: t. auf die
übertriebeue Wertschätzuug der sogeuauuteu „Freie-
Lust-Malerei," die au uud sür sich ja weder gauz ueu,
uoch uuberechtigt ist, uud aus die Behauptuug, daß
wirkliches frisches Lebeu sich uur iu dieser Beleuchtuugs-
weise zur Lrscheiuuug briugeu lasse; 2. auf die aus-
gesprocheue oder stillschweigeude Auuahme, daß die
Tcharakteristik überhaupt, uameutlich aber die von j?er-
söulichkeiteu, sich vorzugsweise oder eigeutlich alleiu
durch häßlichere Formeu erreichen lasse — mit welcher
Auuahme die weitere iu Verbiuduug steht, daß Schöu-
heit uur die charakterlose Darstelluug eiues Schemas
sei; 3. aus die Noraussetzuug, daß Darstelluugeu
idealeu uud uameutlich religiöseu Zuhalts uur dauu
vom köauche des Lebeus durchdruugen seieu, weuu
die Darstelluug sich der Formeu des uus umgebeudeu
^lebens bedieue.

Nuu wird es schou eiuem Iedeu, der Augeu hat,
wirkliches, d. h. doch auch iuuerliches Lebeu vom blos
äußerlicheu zu uuterscheideu, deutlich sei» oder werdeu,
daß sowohl die „Lreie-Lust-Malerei", wie die Lha-
rakteristik durch das k^äßliche uur Ausdrucksmittel
der Auust siud. Gleichwertig mit andereu ihrer 2lus-
drucksmittel uud glücklich verweudbar wie alle, uur
je uach dem Zuhalt des Darzustelleudeu. Liu Aus-
drucksmittel für vorzugsweise oder gar alleiu befähigt
auszugebeu, Träger des Lebeus zu seiu, bedeutet uichts
auderes, als deu uuermeßlicheu Reichtum des Lebeus
iu eiue Schabloue hiueiu uud das ist: zu Tode presseu.
bveuu es sich also um Miedergabe des wirklicheu
Lebeus haudelt, iu welchem immer und immer sich
auch das Äußere zur Lrscheiuuug briugt, so steheu
diejeuigeu, welche auf „Freie-Luft-Amlerei" uud auf
Lharakteristik durch das Lsäßliche als auf die eiuzigeu
bseilsmittel schwöreu, zwar was ihre Rlittel betrifft
deueu gerade gegeuüber, die uur die hergebrachteu

2lusdrucksformen gelteu lasseu. Dem Meseu uach
aber befiudeu sich Beide auf gauz derselbeu Stufe.

„Natur! Lebeu! wahrheit!" — das ist zu alleu
Zeiteu das Feldgeschrei aller wirklicheu Rüustler ge-
weseu. Uud die Natur hat Alleu auch jeder Zeit
dargereicht, was ihueu zur wahrhafteu Darstelluug
des Lebens uotweudig war. Die Natur birgt Alles
iu sich; die Ligeuart der Gmpfiuduugsweise uud des
vou dieser geleiteteu Auges seheu je uach ibrer Art
gauz verschiedeues aus derselbeu Natur heraus. Zmmer
uuwillkürlich, uubewußt, das Schöue oder das bsäß-
liche. Molleu sie absichtlich uud bewußt etwas
iu die Natur hiueiubriugeu, so macht das so hiueiu-
gebrachte Schöue die Natur leblos, eruiedrigt das so
hiueiugebrachte bsäßliche die Natur zur Aarrikatur.

Als uotweudig, weuu wirkliches Lebeu in die küust-
lerische Arbeit gebracht werdeu soll, wird heutzutage
verlaugt, daß der Rüustler zwar mit Benutzuug der
ausgebildeteu überlieferteu Techuik alle überlieferte
Lilduug des küustlerischeu Siuues vou sich abschüttele
uud so, iu diesem Äuue, gewissermaßeu im Urzustaude
der Natur gegeuübertrete. Zst das wirklich eiu Lort-
schritt? Meuu soust die Bilduug, d. i. die Aufuahme
der Trfahruugeu der voraugegaugeueu Zeiteu, eiu
vorteil für alle übrigeu geistigen Thätigkeiteu der
A'leuscheu ist, warum soll fie es uicht für die Ruust
seiu? ^lllerdiugs, weuu die so erworbeue Trfahrung
uud Reuutuis die eigeueu Rräfte uicht auf eiueu
höhereu uud freiereu ^taudpuukt hebt, souderu sie
auf eiuem fremden Staudpuukt festhielte, dauu würdeu
sie vou Übel seiu. Das Übel läge dauu aber uicht
iu der Bilduug, souderu iu der Schwäche, iu dem
Ataugel au eigeuer Rraft.

Mau bezeichuet gar Alauches als ueu erobertes
Gebiet der Auust, was gerade uud uur durch die Zu-
rückweisuug dieser küustlerischeu Bilduug hat erobert
werdeu köuueu. Abgeseheu davou, daß es zweifelhast
ist, ob diese Gebiete gauz ueu erworbeue siud, selbst
zugegebeu, daß fie es siud, so ist doch zu hoffeu uud
auzuuehmeu, daß sie aus eiuer starkeu Ligeuart
des Rüustlers hervorgewachseu fiud. Nermöchteu
solche ueue ^luschauuugeu uicht, audere uebeu sich ge-
stellt zu ertrageu, so wäre ihre Lebenskraft eiue über-
aus geriuge.


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