Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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nächst sagen — aber das Gebotene ist doch der Art, daß es
schlechte !Vitze zurückdrängt. was die Lsauxtsache ist: die
Talzburger Ausstellung ergänzt sowohl die Münchner, wie
die Mener, Die Fülle besonders von kunstgewerblichen
Bchätzen der verschiedenen Zeiten ist überraschend groß, und
auch der künstlerische lvert des Gezeigten bedeutend. Das
bewirkte zumeist der Uinstand, daß 5alzburgs reiche Airchen
und Alöster sür diese Ausstellung zum ersten Male ihre
Schränke und Truhen össneten.

-x- Der Abgeordnetentag der deutschen Aunstg ewerbe -
Vereine tritt in lNünchen am 5. August zusammen.

» Die deutsche Abteilung der Aopenhagener Aus-
stellung ist nun auch erössnet. Trotzdem sie noch nicht in

allen Teilen sertig ist, steht es sest, daß sie das deutsche
Aunstgewerbe durchaus würdig vertritt. Aus kaiserlichem
Besitz sind die lhochzeitsgeschenke ausgestellt, die s. Z. Prinz
Nlilhelm von deutschen 5tädten erhielt. Allgemeines 2luf-
seheu sollen auch die Vasen der Berliner jdorzellanmanufaktur
erregen. Doch scheinen private Aussteller diesen staatlichen
kaum nachzustehen.

^ Geskorben: A. Armand (Schöpser besonders von groß-
artigen Gasihausbauten, auch Aunstsammler) gest. 82 Iahr
alt ain 27. Znni zu paris. — Theodor Ztorm, geb. am
Beptember 18 t? zu ksusum, gest am Zuli zu ksade°
marschen.


Lprecksnal.

(Mnter sacbltcber lDcrantwortung dcr Dcrren Linsender?

Zu „Schuberts Alaviersouateu".

Garl Spitteler beschließt seinen iuteressauteu Aussatz
über „Schuberts Alaviersouaten" im t -j. Stück des „Auust-
warts" mit folgeudeu worten: „Säintliche Süuden
Schuberts gegen die Form laufen schließlich auf eine
glorreiche Tugend hinaus: den unauschaltsamen Strom
seiner himmlischen Znspirationen. Lhe er nun zur
Arbeit schritt, stand plötzlich ein Akotiv von über-
irdischer F>chönheit vor seinen Llicken. Vergebens
raunte ihm die vernunft zu, es zu ermorden, umsonst
zückte sein wille den Stahl; das Mädchen flehte ihu
au aus seiuen wunderbaren Augen, und er that, wie
der Zäger mit dem Schneewittcheu gethan: er ließ
es leben, ,weil es so schön war'. Tin jö^-ophet Aa-
muel mag ihn dafür verdammeu, ich bin nicht
Samuel."

Auch ich möchte hier kein „Samuel" sein, auch
ich würde es bedauern, hätte Schubert seine köstlichen
Gedanken irgend einer Form zu tzliebe verkümmert
und stellenweise geopferl. Aber ich erlaube inir, Dem,
was Spitteler sagt, doch einiges hinzuzufügen.

„Nicht willkür", so lefen wir iu feinem Aufsatz,
„sondern übelangebrachte Gewissenhaftigkeit ist das
Werkmal der Schubertschen Sonaten in formeller Hin-
sicht" — und auch ich stimme dem vollkommen bei und
bezeichne es als ein verdienst, diese Wahrheit dentlich
ausgesprochen zu haben. Nur möchte ich die „übel an-
gebrachte Gewissenhaftigkeit" nichtmitwillkür vertauscht
wissen, worauf die wleinung ^pittelers doch fast hinaus-
zuleiten scheint, wenn er sagt: „wären sie (die Schubert-
schen Sonaten) weniger regelrecht gebaut, so würdeu sie
zahlreichere Anhänger finden." Atich würde das noch
nicht befriedigen. was ich verlange, es ist eine
neue Form, in welche der Znhalt voll aufzugehen
vermag. Das, was TarlSpitteler sagt: „Schubert wählte
die chonatenform, weil sie besondere ^chönheiten, nach
deueu er Lust uudAraft verspürte, veranlaßt",genügtmir
nicht. Wan schreibt nicht Sonaten, um sie zu schreiben,
fondern deshalb, weil uns ein Znhalt beseelt, der sich
in ^onatenform aussprechen will. Da aber wo uns
eiu Znhalt erfüllt, der nicht in die Sonatenform auf-
zugehen vermag, heißt es, eine andere suchen, uud
findet sie fich nicht, eine neue schaffen. Da liegt

es nun. Schubert war eiu ästhetisches Genie. <Lr
hat eine neue Lmpsinduugsweise zum Ausdruck ge-
bracht, und ein neuer Gedankengehalt durchströmt seine
Gestaltungen. Aber er war kein Genie des willens.
Neue Formen zu erfinnen und zu verwirklichen,
war nicht seine chache, konnte nicht feine chache sein.
Lr war eine lyrisch-pasfive Natur, die nicht ihre Ge-
danken bewegte, sondern sich willig von diesen be-
wegen ließ. Ligentliches Arbeiten im Gebiet seiner
Form lag ihm fern; er wollte fingen wie der Nogel
in den Zweigen singt, musikalisch schaffen, wenn er
sich innerlich gedrängt fühlte. Zm walde, auf freiem
Felde, auf Bergeshöh, in stillen Thälern, aber ebenso
auf rauschendem Warkte, sowie im heimischen Stübchen
flossen ihm die Gedanken stromweis zu und so, wie
sie kamen, schrieb er sie nieder. Liner so mächtigen
musikalischen Lrscheinung konnte die eng begrenzte
menschliche Gesangsstimme nichr genügen, die Znstru-
mente wurden ihr zum willkommenen Grgan. Um
Znstrumentalmusik zu schreiben, bedarf es aber bestimmter
Formen. warum? weil sie ohne solche nicht Noll-
verständliches zu geben vermag, denn nur iu den festen
Formen liegt dieLogik der wortlosen Znstrumentalmusik.
Dies wußte oder fühlte ^chubert, er wählte vorhan-
dene Formen, schrieb Symphonien, Trios, (tzuartette
und Sonaten; allein Form und Znhalt decken sich hier
nicht, der Znhalt sprudelt gleichsam übers Gefäß.
Tin anderes zweckentsprechenderes hätte er gebraucht,
doch ein solches zu bilden lag nicht in seiner wtacht.

Aann ich so von meinem ^tandpunkte aus die
F>chubertschen Alaviersonaten nicht als künstlerisch
vollendet bezeichnen, so zähle ich doch gleich Spitteler
diese werke mit zu dem Bedeutendsten, was die nach-
Bethovensche Zeit geschaffen. Denn auch ich bin
der Ansicht, daß hier für den Wangel an künstlerischer
Bollendung reich eutschädigt wird durch die Fülle und
die Schönheit der unvergleichlichen ^)oesie des musi-
kalischen Gehaltes. Aber ein künstlerischer wtangel
in formaler Beziehung ist eben doch da. Nnd das
Bewußtsein hiervon festzuhalten, damit nicht, wie es
einmal bei anderer Gelegenheit im „Aunstwart" hieß,
„die notwendigen ,Fehler der Tugendeib für die
Tugenden selbst gehalten werden" — war der Zweck
dieser Zeilen. Nichard Aaden.

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