Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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zu seinen dieses Verhältnisses bewußten oder nicht be-
wnßten Schülern inacht, deren Geist er nun seinerseits
höher und feiner entwickelt. wodnrch kann er das?
Nicht, wer die Lrgebnisse eines Denkers ohne weiteres
als ein Dogma hinnimmt, bereichert sein welterkennen
durch dieses Denkers werk. Sondern nur der, welcher
die Gedanken des letzteren nach denkt. Und so er-
weitert nur der sein weltbeschauen und weltemxfinden,
welcher die Gmpfindungen, die den schaffenden Uünstler
beseelten, in sich wiederzugestalten vermag, welcher sie
nach empfindet. Gin Beispiel. Zch kann eine
Böcklinsche Uleeresidylle mit Freude am handwerk-
lichen Rönnen des Malers besehen (mit Interesse an
der Technik), oder ich kann ihre Meeresgeschöpfe be-
trachten, wie die Tiere im zoologischen Garten, darauf
hin, ob ihre Arme so sind oder so, ihre Beine so
oder so (mit „stofflichem Interesse") — aber erst,
wenn ich mich ans brausende Meer versetze und nun
dem Maler nachempfinde, wie die bewegte welt mn-

her ihm allmählich zur beseelten welt wird, wenn ich
nachempfinde, wie er sie durchgeistigt — erst dann
genieße ich seine Runst. Und ich werde fortan nie
mehr das aufgeregte Meer in ähnlicher Naturstimmung,
wie der seines Bildes sehen, ohne zu empfinden, was
ich ihm verdanke.

wir haben setzt Ausstellungen überall, und die
meisten unserer ^eser werden Ausstellungen besuchen.
Sollte es mir gelungen sein, von den im Uunstbe-
trachten minder Geübten derselben den Tinen oder
Andern etwa von einer Gewohnheit des einseitigen
Bilderbesehens nur auf die Technik oder nur auf deu
Stoff hin abzuziehen und ferner abzuziehen vom un-
fruchtbaren Begucken aller Bilder und zu gewinnen
zmn wirklichen Durchempfinden wenn auch noch
so weniger echter Kunstschöpfungen auf die ange-
deutete Art — diese Zeilen hätten ihre Aufgabe
erfüllt.

F. N.

Dicdtung.

X 2t0VM ch. wieder hat uns dieses

grausaine Zahr einen Großen geraubt: eiuen Dichter
— nicht nur einen guten Trzähler oder einen ge-
wandten Oerfasser hübscher Derse, sondern einen
Dichter. Linen wlanu, dessen Seele in jeder Saite
mittönte, wenn er als Dichter sprach. —

Storm war es tiefer Ernst mit seiner Runst. Zn
einer Zeit, da leider auch unter den Begabten das
„Lsinwerfen" der Dichtungen aufs s)apier allgemeiner
und allgemeiner für „genial" gilt, stand er, ein herr-
liches Beispiel Zener, denen auch in der Ruust Wühe
und Arbeit als köstlich erscheinen. Reines seiner werke,
ganz gewiß wenigstens keines seiner späteren, ist aus
den Händen gegeben, ehe sich Storm sagte: Besseres
zu schaffen vermag ich nicht. Das kam nicht nur
der Rraft und Geschlossenheit seines sprachlichen Aus-
drucks zu gut. Line schwächere Begabung, als die
seine, wäre freilich vielleicht Gefahr gelaufen, daß die
Flügel der vorstellungskraft ermatteten, vermochte der
s)oet nicht schnell die Bilder zu bannen, die der kurze
Aufschwung einer glücklichen ckllunde ihm zeigte.
Storms Flügelroß konnte sich in den bsöhen halten:
gerade durch sein langsames Schaffen stärkte und ver-
dichtete er seine Anschauungen mehr und mehr. So
diente die „Solidität der Arbeit" auch der innereu
Form seiner werke, auch der Gestaltung durch die
j)hantasie.

Die früheste Novellenschöpfung des Dichters, „Zm-
mensee", ist noch heute die meistverbreitete und die
beliebteste von allen. Dielleicht regte diese Thatsache
die oft gehörte Bemerkung an, Storm habe rasch die
bsöhe der Novellendichtung erreicht, um nun auf ihr
hinzuwandeln bis in sein 2llter. Aber ebensowenig
wie etwa Geibels erste Derse seine besten sind, weil
seine gelesensten, ist „Zmmensee" Storms beste Lrzäh-
lung. Lchon hier finden wir freilich das, was all
seine „Gedichte in j)rosa"^kennzeichnet: die unmittelbar
gefangen nehmende Stimmung. Aber diese Stimmung
ist hier, ich möchte sagen: noch ganz subfektiv. Sie
wirkt, als fei sie im j)oeten das Ursprüngliche gewesen,

IKundscliau.

als seien seine Wenschen nur ihre Lrzeugnisse. Ze
älter der Dichter wird, desto mehr wird mit ihm selber
die Stimmung seiner Novellen „objektiv". wie Storins
Gestalten mehr und mehr Uörper gewinnen und eigenen
Gdem, wie sie kräftiger als wahre, selbstthätige Wen-
schen sich vor uns bewegen, scheinen sie auch zu den
Trzeugern der Stimmung zu werden an des Dichters
ck-tatt, den wir früher hinter dem Bilde stehen sahen.
Und nun ist die Stimmung eine viel feinere, eine aus
weit reicheren Beziehungen erwachsene: sie kann uns
sogar in jedem einzelnen Falle als eine wirklich neue
berühren, die gerade s o nur ebeu durch das bsandeln
und Fühlen gerade dieser Gestalten entstehen konnte.
Der Fortschritt in dieser Nichtung läßt sich selbst dort
erkennen, wo Storm seiner ^ieblingsweise gemäß rück-
blickend darstellt, indem er die Nooelle als Grinnerung
oder Trzählung eines Andern oder als Bericht einer
Urkunde u. s. w. vor dem Leser ausbreitet. !Nit dem
Neichtum au Gedanken, Gesühlen, Trfahrungen und
Beobachtungen und mit jenem technischen schriftstelleri-
schen Uönnen, all deren Lrgebnis jene größere Gegen-
ständlichkeit seiner Schöpfungen ward, kräftigten sich
in ^torm von Zahrzehnt zu Zahrzehnt auch seine
übrigen Dichtertugenden: seiu seltener, aber köstlicher
gemütstiefer bjumor, seine Unabhängigkeit von Frem-
dem, seine sittliche Unbestechlichkeit, seine verachtung
des herkömmlichen oerschwommenen j)hrasendenkens.
Störend mischt sich nur Tines gerade in seine späteren
werke häufiger, störend, obwohl es die Guelle an
und für sich eigentümlicher Neize ward, weil es die
innere Nlarheit der Dichtungen dann und wann um-
wölkt: ein mystisches Llement. Ls ist nicht die kräf-
tigere Anregung, welche eine bewegungsfreudige j)han-
tasie gern von dem wunderbaren empfängt, was hier
in Frage kommt. Denn es handelt sich in den Fällen,
an die ich denke, nicht so sehr um phantaftische Ge-
stalten, als um mystische Gedanken und Beziehungen,
mit denen der Dichter zu spielen liebt.

So hoch ich Storms Novellen schätze — ich lege
hier ein Bekenntnis ab, das unzweifelhaft vielfach

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