Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 313
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üöer atle Weöiete^eKMcöönen.

22. Stück.

Lrscbeint

Dcrausgeber:

Ferdinrnld Nvenartus.

Kesrellpreis:

Vierteljähriich 21/2 Mark.

Zsbrg. t.

Doesie und Nketorik.

Sebluss-Nutsatz.

'ür sagten: Line eigentliche, eine sachliche
;und sachentsprechende Redeweise sei es, der
^sich die wahre Dichtung zum Unterschiede
Kvon der Rhetorik bediene. Und zwar in
folgendem Änne! U)ir Alle brauchen täglich die N)en-
dung: „Die Sonne geht unter." Das wort ist eine
gut poetische Uwtapher, welche in unseretäglicheRede-
weise mit übergegangen ist, derart, daß wir gar nicht das
Bewußtseill einer ZUetapher dabei haben. U)arum?
Die U)endung entspricht ganz und gar dem wirklichen
Augenschein. Vor der wissenschaft, vor dem wissen
des verstandes ist es freilich ein etwas verwickelterer
vorgang, der die Sonne unseren Blicken unsichtbar werden
läßt, weil sich die Masse der Lrdhalbkugel zwischen
uns und die Sonne schiebt beim Umdrehen der <Lrde:
aber infofern ist die N)endung eigentlich zu be-
trachten, als sie dem Augenschein entspricht, d. h. der-
fenigen Linbildung, welche am unmittelbarsten durch
den Sinnenvorgang angeregt wird. Auch darin
ist aber N)ahrheit des Lebens und der Dinge; es
ist die dichterische wahrheit zum Unterschiede von
der wissenschaftlichen; und diese dichterische wahrheit
ist in ihrer Art eben so wertvoll wie die andere. Und
in jenem Sinne nennen wir poetisch auch alle anderen
Utetaphern und ihre verwandten. Nhetorisch hin-
gegen werden sie genannt, wenn die Ausdrücke er-
künstelt scheinen, wenn sie nicht senem Augenschein,
oder ganz im allgemeinen jenem Sinnenschein ent-
sprechen (denn neben dem Augenschein kommt in
der Dichtung ebenso oft der Ohrenschein, der Geruchs-
sinn und seine Verwandtschaft zum elhischen Leben
und andere Sinne in Frage) , welcher die Dichtung
als ein werk ausweist, das durch diese Sinne zur
Linbildungskraft spricht, wie auch das wirkliche Leben.
Sinnenschein! So brauchen wir z. B. das wort süß,

das ursprünglich dem Geschackssinn entnommen
ist, für die Grscheinungen anderer Sinne, ja, für sitt-
liches Leben. wir sprechen von „süßem Duft", Goethe
„von süßstem weihrauch" (den die Birken streuen),
Heine nennt jenes Bekenntnis seiner Liebe ein „süßes"
Bekenntnis. Hier ist überall die Übertragung des
wortes poetisch (und nicht rhetorisch im üblen
Sinne), weil eben jener allgemeine Ännenschein, jene
verwandtschaft der Sinnesempfindung vorhanden ist,
jene seelische Übertragung der Sinnesempfindungen
auf einander, welcher die Übertragung des wortes
entspricht. Die „übertragene Bedeutung" des wortes
erweist sich also auch hier in einem tieferen Sinne als
die eigentliche. ()a, zuletzt dürfte in vielen Linzel-
fällen eine sprachoergleichende Untersuchung ergeben,
daß worte wie das deutsche „süß" englisch sveet von
Lsaus aus eben nicht einseitig eine Geschmacksempfindung
bezeichnen, sondern oielmehr gerade jene Allgemeinheit
des Lmpfindens, welche durch verschiedene Sinne ver-
mittelt werden kann. So kommt es, daß das wort
„süß" für jedes holde Gefühl eintreten kann, ohne
daß es eigentlich metaphorisch, übertragen zu
nennen wäre.

Auch dies muß festgestellt werden, denn Wancher
ist geneigt, wenn er irgendwo eine Nletapher oder
einen Tropus aufgespürt hat, denselben sogleich als
„rhetorisch" zu verwerfen. Diese Art entspringt aber
einem seichten Derständnis der Sache; einem „Läuten
hören, aber nicht Zusammenschlagen!"

Gb eine wletapher rhetorisch oder poetisch sei
(gleichwie jede andere Nedewendung als Metonymie,
Gleichnis, Hyperbel, jeglicher Tropus, jegliche Rede-
figur) kann immer nur im einzelnen Falle entschieden
werden und jene Gesichtspunkte des allgemeinen
Zweckes der Dichtung, welche wir zum Unterschied



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