Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 187
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart1/0193
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
durch wohlwollende, aber strenge Besprechungen in
seinem Größenwahn verletzter Schriftsteller die Frau
des Beurteilers in niederträchtigster Weise besudelt.

An den einzelnen Mittelpunkten des schriststelle-
rischen Lebens, in Leipzig, München, besonders in Berlin,
hat sich in dem letzten Iahrzehnt die pflege persön-
lichen Älatsches zur Ruust ausgebildet. Am Biertisch
sind viele „vertreter des deutschen Geistes" erbärmliche
Rlatschbasen, welche die Lhre der Abwesenden in den
Schmutz zerren. Gehen sie dann auseinander, so
schimpst jeder über den andern, uud erzählt dem
dritten, was der zweite über ihn gesagt hat. Rlatsch
aber beschränkt sich nicht auf den engeren Rreis, er
verbreitet sich immer darüber hinaus. Und da ist's
kein wunder, wenn der k^erausgeber irgend eines
mehr verbreiteten Blattes selbst ans kleineren Städten
von Lesern Anfrageu erhält: sie hätten über diesen oder
jenen das und das gehört, ob es denu auf Wahr-
heit beruhe.

Und wie ist der Ton in deu Zeitungen?! !Nan
besehdet kaum mehr mit Nuhe und Airstand seindliche
Gedanken, sondern spielt den Ramps sosort auf
das persönliche Gebiet hinüber. Daß jede !Neinung
in innerer Überzeugtheit wurzeln kaun und thatsächlich
auch heute wurzelt — ob fie „sreisinnig" oder „kon-
seroativ" oder was sonst sei — das wird ost absicht-
lich vergessen, und so verfolgen sich die Gegner in
einer Art, sür welche die Sprache der gebildeten Ge-
sellschaft kennzeichnende Ausdrücke nicht mehr bietet.
Und dasselbe ist sogar ost aus dem Gebiete des Runst-
urteils der Fall. vornehmlich zeichnet sich die Schule
der Züngsten durch ihren ost pöbelhasten Ton aus.

lVenn nun in allen diesen Dingeu der Utangel
an geistiger und gesellschaftlicher Bildung, ja oft an
Lhrenhaftigkeit unoerhüllt zu Tage tritt, glaubt man
denn, daß die Leser ganz blind seien? Zst's zu ver-
wundern, daß denkende Menschen aus diesem Austreten
aus tiefe Schäden des gauzen Standes schließen?
Und ist es nicht menschlich, daß der letzte Schluß viel
härter aussällt, als es die Gerechtigkeit erlanbte?

Aber mit den angesührten Thatsachen ist das Sün-

Illunds

Allgemeineres.

» von der neuen Meimnrscben Goetde-

nusgnbe*, die von ungesähr siebenzig in der Goethe-
forschung altbewährten Niitarbeitern unter der Redaktion
von G. v. Löper, <L. Schmidt, Ls. Grimm, B. Seusert
und B. Suphan herausgegeben wird, sind süns Bände
erschienen. Diese Ausgabe, die das Ganze von Goethes
litterarischem tvirken nebst allem, was als Rundgeb-
ung seines persönlichen tvesens hiuterlassen ist, in der
Beinheit und vollständigksit darstellen soll, die jetzt,
nach Lrössnung des Goethearchivs, erst möglich ist,
gliedert die Masse des auszunehmenden Stoffes in vier
Abteilungen: lverke im engeren Sinne, Naturwissen-
schastliche Schristen, Tagebücher, Briefe. von allen diesen
Abteilungen, mit Ausnahme der zweiten, liegen nun-
mehr j?robebände vor; einigermaßen läßt sich also

* Goethes Werke. kserausgegeben im Auftrage der
Großherzogin Sophie von Sachsen. lveimar, ksermann Böhlau. ^

denverzeichnis noch nicht abgeschlossen. Macht sich
nicht ein Teil der Schriststeller zum ergebenen Rnecht
der großen Menge, indem er den niedrigen Neigungen
derselben bereitwillig entgegenkommt? Lntgegenkommt
aus dem einzigen Beweggrunde, dadurch mehr Geld
zu verdienen? Spielen nicht andre wieder die Hans-
würste, die um jeden s)reis Gelächter erregen wollen,
auch um deu der Selbstachtuug? Wie viele von den
deutschen Schriststellern und Dichtern streben nur der
reinen Runst nach oder suchen, dem volke mehr zu
sein, als versasser „unterhaltender" Schristen? Und
da fordern wir uoch eine beoorzugte Stellung — und
schimpfen und schelten das gesamte volk, daß es uns
nicht ehre nach Genüge. Nein, wir, allein wir tragen
die ksauptschuld, weil es uns an Achtung vor dem
Stande und dem Berus sehlt, weil wir meist selber
durchseucht sind von all den geistigen und sittlichen
Rrankheiten der Zeit und sie in verblendeter Gleich-
giltigkeit haben wachsen lassen. Lin Teil vou Ver-
lotterung wird sich nicht entsernen lassen, er nährt
sich heute aus einer starken Zeitströmung, liegt in den
Trwerbsverhältnissen und im lvesen der j?resse. Aber
die ehrlichen Glieder des Standes könnten auch heute
noch eine gewaltige Niacht erringen, wenn sie sich
einig zusammenschlössen. Alle vereine haben bis jetzt
sast nur das eine Ziel als erstrebenswert hingestellt, die
Lrwerbsverhältnisse zu bessern. Gewiß, manches könnte
da andsrs sein. Aber der Nlanu lebt nicht allein vom
Brote: er muß auch innerhalb seines Standes leben
können, iu einer sittlichen Lust, in welcher die Lhre
gedeiht und Tharaktere sich eutwickeln können. <§r
muß wissen, daß ^underte sich verletzt fühlen, wenn
seiue Lhre angegriffen wird, muß bereit sein, zu
kämpsen, wenn einer der Geuossen gekränkt wird, muß
stolz sein können aus seinen Stand. Dieses Gesühl
kann der deutsche Schriststeller nicht haben. Der Satz
kliugt hart, aber ich vermag ihn nicht zu mildern. <Ls
sind Ansänge zu einer Besserung gemacht. Nlögen
sie sich unter der thatkrästigeu j?slege der Besteu enr-
wickelu, damit auch uns zu teil werde, was uns sehlt:
die Ltaudesehre. C>No vou 2.ci^uer.

cbuu.

schou jetzt überseheu, was wir vou diesem großen
Unternebmen, welches eine der üauptausgaben der
„Goethegesellschast" bilden soll, zu erwarten haben.

Beginnen wir mit dem, was diese Ausgabe von
allen bisherigen am aufsälligsten unterscheidet, mit
deu Tagebüchern und Briesen. Von den Tagebüchern
ist der erste Band erschienen. Lr enthält seinem größteu
Teile nach die in den Lchristen der Goethegesellschast
t88 6 schon vollständig abgedruckte „italienische Neise
sür Frau von Lteiu", vorher auf hundert uud etlichen
vierzig Leiten die voritalienischen Tagebücher: kurze,
meist aus äußerliche Lrlebnisse sich beziehende Bemerk-
ungen, selten eine kurze Betrachtung, Namen, Ltich-
worte; alles lückenhast und vieles unverständlich, flüch-
tige Ralendernotizen zur persönlichen Lrinnerung und
wohl sür alles eher bestimmt, als sür den Druck.
„to. Nkärz. Session. Mittags. 2s. u. lvedel. über
Rliugovstr. Rupfer rc. sqq. beym üofsattler. Früh war
loading ...