Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Die Mitte uiinint eine Festkirche von bedeutenden Maßen ein,
in deren Front das Raiser-Wilhelm-Denkmal jdlatz gefunden
hat. Dieser ksauptbau wird von zwei im Grundriß nahezu
gleich gestalteten kleineren Anpxelkirchen slankiert, die etwa die
Abmessungen der Berliner Thomaskirche haben und deren
nördliche als Grust-, deren südliche als Predigtkirche bezeichnet
ist. An die letztere schließt sich eine Brücke, die in großenr
Bogen den Lingang zur Aaiser-wilhelm-5traße überspannt
und den Linblick in dieselbe verdeckt. Sie sührt auf einen
mächtigen Turm zu, eine in den Maßen gesteigerte Nachbil-
dunq des einst von chchlüter sür die Nordwestecke des könig-
lichen Schlosses geplanten Münzturmes. Dieser Turm steht
mit dem Lchlosse in unmittelbarer Berbindung, so daß die
jdredigtkirche von letzterem aus in geschütztem Gange zu er-
reichen ist Die Nachricht, daß ein derartiger f>lan bereits
vorliege und daß seine ^lussührung nicht unwahrscheinlich sei,
hat in weiten Areisen sowohl der Aünstler wie des kunst-
liebenden Publikums großes Besremden und eine erklärliche
Lrregnng hervorgerusen. 5eit Iahrzehnten sinö wir in
Dentschland daran gewöhnt, daß künstlerische Aufgaben von
größerer Bedeutung, die der Nation aus den Bedürfnissen
der Gegenwart erwachsen, zum Gegenstande von wettbe-
werbungen gemacht werden, um neuen Talenten Gelegenheit
zur Tntfaltnng ihres Aönnens zu geben und um unparteiisch
aus der Lchaar der Aünstler dcn Berusensten mit Sicherheit
zu erkennen. Dank der Bortresflichkeit der bei solchen Ge-
legenheiten geltenden Gexflogenheiten und Bestimmungen hat
dieses Bersahren sich als gut erwicsen, hat cs der Aunst zum
Segen gereicht. wir würden es daher sür in hohem Maße
bedauerlich halten, wenn im vorliegenden Falle, in welchem
es sich nm die gewaltigste Ausgabe handelt, die seit der Lr-
richtung des deutschen Reichstagshauses dem Architekten ent-
gegentritt, von jenem Versahren, das den Ltempel der Ge-
rechtigkeit an dcr Stirn trägt, abgewichen werden würde.
Dem Raschdorffschen jdlane mögen viele Borzüge inncwohnen:
und doch dürste sein Derfasser selbst die Möglichkeit, daß eine

noch würdigere Lösung der großen Aufgabe gefunden werde,
kaum bestreiten wollen. Dann aber darf der versuch nicht
unterbleiben. Als Bermächtnis unseres kunstliebenden, ver-
ewigten Aaisers Friedrich, ein Friedensdenkmal, zur Lhre
seines erlauchten vaters errichtet, muß der Dom von Berlin,
wie unser Reichstagshaus, das ganze künstlerische Rönnen der
Gegcnwart verkörxern. Mag der Architekt, der es so gut
verstanden hat, sich die Iustimmnng seines kaiserlichen Lherrn
zu sichern, sich nicht scheuen, im offenen kVettkampse um die
Palme zu ringen und auch die Anerkennung seiner Genoffen
und des deutschen volkes zu erwerben. Durch seine lang-
jährigen und eingehenden Vorstudien ist er allen Mitkämpfern
um ein gutes Ltück voraus; er nütze den Vorteil und erobere
den s)reis. !Vir hegen die sichere ksoffnung, daß es der
kveisheit und Unxarteilichkeit der Immediat-Aommission ge-
lingen wird, an höchster 5telle die Ausschreibung eines all-
gemeinen kVettbewerbes zu erwirken." Es wird übrigens
neuerdings gemeldet, daß sich die Aommission nicht günstig
gegen die Raschdorffschen Lntwürse stelle, die auch eine
schlimme Störung des architektonischen Gesamtbildes des Lnst-
gartens besürchten ließen.

Die kserstellung kleiner Bildnisse aus kVachs — eine
alte Aunst, die seit beinahe dreihundert Iahren aus der Mode
gekommen, ist von zwei in Lngland lebenden Italienerinnen,
den Geschwistern Tasella, wieder ausgenommen worden. Ge-
sicht und ksände werden ans kvachs modelliert und mit den
seinsten Lchattierungen der Fleischsarbe nahe gebracht, während
das Miniaturkostünr aus Brokat gesertigt und mit echtem
Iuwelenschmuck winzigster Gestalt verziert wird. Im Lvuvre
ffndet sich eine reiche Lammlung diescr Miniaturen, welche vor
vier- bis sünshundert Iahren zuerst in Florenz ersonnen wurden.
lhoffen wir, daß Aeiner diese „kVachsportraits" Lrnst nimmt,
denn mehr, als ein Miniatur-j?anoptikum, würde eine Gallerie
davon nicht zu Ltande bringen. Die Verbindung mit Aleider-
stoffen usw. kennzeichnet sie auch bei der geschicktesten Aus-
sührung als Dinge, die mit der Aunst nichts zu thun haben.

„ U nwiderleglich
Auf einer kleinen Neise begriffen, lese ich im
„Runstwart" von Rarl Frenzels Ausführung in der
„Deutschen Nundschau", wonach die letzten Monate
„unwiderleglich" ergeben haben, daß die Bichne nur
eine „Vergnügungsanstalt in höherem Sinne" ist,
weil das Theater sich „völlig öhnmächtig gezeigt hat,
der allgemeinen ötimmung auch nur einen schwachen
Ausdruck zu geben". So sehr ich Rarl Frenzel in
vieler Beziehung schätze, so zeigt dies U)ort doch so
recht, auf welchen Irrwegen unfere Rritik wandelt.
Frenzel oergleicht das Thsater mit den Zeitungen.
Das Theater kommt aber gerade dadurch
herunter, daß es mit den Zeitungen wett-
eifern will — und die Rritik wird sich wieder
daran gewöhnen müssen, daß der Dichter nicht Zei-
tungsartikel liefert, die morgen schon veraltet sind.
Zn Athen gab es keine Zeitungen, und da mag das
Theater vielleicht teilweise die Leitartikel ersetzt haben,
obgleich uns aus deu autiken Dramen nirgends die
„Schwätzer des Nlarkts" mit ihrem „witzlosen ckllachel-
gerede" entgegentönen. Ant alle dcm, was Frenzel
am Theater verinißt, hat dasselbe gerade im besten

^inne nicht das Geringste zu thun. Die ^timmung,
aus welcher heraus er schreibt, erklärt sich durch die
iu Berlin herrschende Müdigkeit der Geister, welche
gleichsam vom riesenhaften wachstum der Stadt an-
gegriffen sind, wie es auch den Rindern geht, wenn
sie zu schuell in die Lsöhe schießen. Zn solchem Zu-
stande darf man ihrem Geiste nicht zuviel zumuten,
und so hält es auch die Berliner Aritik jenem Geiste
gegenüber, auf den die wahre Bühne rechnet, in
welchem Berstand und Gemüt gleich wach und gleich
stark sind. Ts wäre indessen ein großer Zrrtum,
wenn man glauben wollte, der Geist sei durch ganz
Deutschland so müde, wenn dieser Zrrtum auch bei
der Größe Berlins verzeihlich ist, und ihn das ver-
halten so mancher offiziellen Runstpflege auch an
anderen Orten zu bestätigen scheint, die dem deutschen
Trbfehler von Trägheit und Autoritätsanbetung hul-
digt. Daß das deutsche Volk selber durchaus nicht
so schwachköpfig ist, wie man etwa bei einer Umschau
unter unsern Theatern glauben sollte, davon habe ich
selber durch meiu Lutherfestspielspiel eine j)robe ge-
habt, und auch die Aufnahme der andern Lutherspiele
bestätigt dies. Atein Lutherfestspiel ist trotzdem durch- z

Lprecbsual.

(rllnter SLcblicber vcrnntwortung dcr Derrcn Linsender.)
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