Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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hier keine ,wenzeh giebt! Alles deutsch, Alles deutsch!"
Lr wiederholte diese worte eine ganze weile, indem
er den Raiser anschaute. Den breiten Filzhut hatte
er in der Hand. Ich aber ging mit ihm weiter und
zeigte ihm die Herrlichkeiten Berlins. Die Freunde,
die mich mit ihm gehen sahen, blickten zwar etwas
erstaunt. Die Sache war anch nicht eben sehr be-
quem, denn mein neuer Freund war ein Bauer in
Rleidung und Haltung. Lr hatte nur seine Dorsschule
besucht. Später war das Leben seiil einziger Lehr-
meister geworden, ohne ihn in wissenschaftlichem Sinne
wesentlich zu fördern. Und doch hatte er das eifrige
Bestreben, Alles zu erkennen, zu begreifen. Ich hatte
Nede zu stehen, zu erklären! Das war nicht immer
leicht, ja oft recht ärgerlich. Aber als mein Freund
nach acht Tagen Berlin verließ — da hatte ich viel-
leicht mehr von ihm gelernt, als er von mir!

5o kamen wir bei einer unserer ersten wan»
dernngen zur Schillerstatue auf dem Gensdarmenmarkt.
Ich freute mich darauf, meinem Begleiter den großen
Dichter zu zeigen, den Geistesfürsten selbst sowohl,
wie das prächtige werk unseres Begas.

„Sehen Sie, da steht Schiller!"

„Schiller? — I)a so! Schiller und Goethe! Das
ist einer von den großen deutschen Dichtern."

„Gewiß, Sie haben doch gelesen . . ."

„Nein, dazu kommen wir Bauern nicht!"

„Aber doch im Theater gesehen ..."

„Die Truppen, welche in Neichenberg und bei
uns anf den Dörfern spielen, werden gewiß anch von
Schiller Stücke gegeben haben — ich weiß es nicht,
denn ich habe die Namen auf den Zetteln mir nicht
gemerkt — es sind deren immer so viele."

Zch frug ihn nach Tell, nach der Zungfrau und
Anderen. Ts war nicht sicher festzustellen, ob er ein
^chillersches werk kenne. Zch war sehr verwundert.
^o ungebildet hatte ich mir das dentsche Volk in
Böhmen nicht vorgestellt.

Tr sah mein Nopfschütteln.

„Das ist wohl recht dumm von mir, daß ich von
dem Schiller nichts weiß. Za, unsere Bauernschulen
taugen nichts. Zn s?reußen, da weiß das gewiß fedes
Nind!" Tr rief eine der Nlarktfrauen an, welche in
biörben Gbst auf ihre ^tände trugen. „tvie, Frau,
wissen Sie 'was Genaues vou dem 5chiller da oben?"

„chie wollen mir wohl utzen? F-ie werden ihn
wohl besser kennen, als ick!"

„Nein, wirklich nicht, ich bin fremd hier," sagte
er. „Was war es denn mit dem Niann?"

„Na, der hat doch die Theaterstücke gemacht, die
sie hier in's Schauspielhaus spielen!"

„Lqaben Sie einmal eins gesehen?"

„Nee, det frade nich — am Abend bin ich nicht
mehr in Berlin."

„Aber gelesen werden F>ie doch eines oder das
andere Stück haben?"

„Mein Zott, dazn hätte ich Zeit!" sagte sie ent-
rüstet nnd ließ uns stehen.

Wir lachten. Lr frug mich weiter: „Der Schiller
ist wohl da drin, in dem schönen Theater der Oberste
gewesen?"

„Als Dichter wohl, nicht aber personlich. Tr war
selbst nie in Berlin."

„Lr war nie in Berlin — ja, warum steht er !

dann hier? Das begreife ich nicht. woran erkennen
ihn denn die Leute, wenn sie ihn selbst nie gesehen
haben?"

„Nun — erstens steht es hier unten angeschrieben,
daß es Schiller ist, und dann kennt man ihn doch hin-
reichend aus alten Bildern."

„So — wie viel Zhr ^tädter in den Schulen
doch lernen müßt! Aus Bildern kennt Zhr ihn, Alle
— auch die Alarktfrau?"

„Nun, wenigstens die Gebildeten. wir wifsen
dafür von anderen Dingen um so vie! weniger. Unter
uns giebt es Lsunderte, welche Gerste nicht von Uorn,
eine Fichte nicht von einer Tanne unterscheiden können.
Weine Frau glaubte noch, als wir heirateten, eine
Tnte sei eine noch nicht ausgewachsene Gans."

„Nicht möglich!" rief er und lachte, daß es weit
über den s?latz schallte. „Aber che.r, wie viele von
Denen, welche setzt hier herum z.:. sehen sind, halten
Äe wohl für Gebildete, also für solche, welche den
Schiller aus Bildern kennen?"

Ls war noch früh am vormittag. Der wlarkt
war im besten Gange. Zch fuchte unter den Markt-
leuten, den Dienstmädchen, den Aufkäufern. „Zu-
nächst sehe ich noch keinen — aber halt, da kommt
ein Gymnasiast! Der kennt ihn wohl!"

„Die Andern also nicht! Die sind also auch so
dumm, wie ich, oder doch beinah' so dumm. Aber
um Gotteswillen, warum habt Zhr denn eigentlich
den Niann auf offenen Uiarkt gestellt, wenn er nie
hier war, wenn nur wenige ihn kennen?"

„Tine große Nation hat die Micht, ihre Geistes-
helden zu feiern! Das Andenken derselben im Bolke
wach zu erhalten, sich in ihnen selbst zu ehren!"

„Nun, wenn der Aiann da oben unser Gespräch
angehört hätte, so würde er sich wohl mehr ärgern,
als freuen. — Rein Mensch kennt ihn..."

„Nun, nun: Kommen Sie in drei, vier chtunden
wieder, wann die Gebildeten ans ihren Federn und
Frühstückzimmern herausgekommen sind — die kennen
ihn alle!"

„was machen denn die nachher hier?"

„Nun, sie laufen hier vorbei!"

„Da zieht wohl jeder seinen bsut, wie vor dem
heiligen Nepoinnk auf der j?rager Brücke?"

„Sie sind ein närrischer Mensch! Nein, kein
Aiensch kümmert sich mehr um das Denkmal, wir
leben in einer Großstadt. Da hat's jeder eilig. Da
stehen alle chtunden vielleicht einmal ein paar Fremde,
welche das Runstwerk betrachten. wir Berliner
kennen es zur Genüge!"

„Gesegnete Nlahlzeit, ^err Schiller," platzte er
lachend heraus. „Das muß ein rechter Spaß sein,
da oben zu stehen. Die Aieisten kennen Dich nicht,
und die Dich kennen, haben keine Zeit, sich um Dich
zu kümmern! — was macht er denn eigentlich? Ts
sieht aus, als wenn er die Äpfel da drüben gern
röche. Tr hebt fo den Aopf und zieht so durch die
Nase!"

„Nein, mein Freund, er dichtet! Sehen Sie, wie
die Begeisterung auf der edlen Stirne thront. Lr ist
in dem Augenblicke der Znspiration, der Blick ist in
eine erträumte Ferne gerichtet, weltabgewendet. Gleich
wird er einen seiner göttlichen Gedanken in fene Nolle
eintragen."
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