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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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Berkün-igrmgsblatt im- Anzeiger

Di« ,^»ürgerz«itung"
erscheint täglich mit Ausnahme von
Sonn- und Feiertagen.
Der Sonntagsnummcr liegt ein Unter-
haltungsblatt, „Der Erzähler", mit dem
Humor. Repräsentanten „Der deutsche
Michel" bei.

Abounementopreis
für Heidelberg: monatl. 40 Pfg. mit
Trägerlvhn, durch die Post bezogen
Vierteljahr!.. Mk. 1.- ohne Zuste llgcb.
Znsertiouspreis: 10 Pf. für die 1-spalt-
Pctitzeile od. deren Raum. Für locale
Geschäfts- u. Privatanzcigcn 5 Pf.

-4? 1LL. Heidelberg, Samstag, 1. Juli

Expedition:
Hauptstraße 2S.

18S3.

Der Abonnementspreis
für die
„Würger - Zeitung"
beträgt für Heidelberg und nächste Umgebung
monatlich nur 40 Pfg.
mit Trägerlohn.
Für auswärts vierteljährlich am Postschalter
abgeholt: 1 Mark, durch den Briefträger frei in's
Haus gebracht: 1 Mk. 40 Pfg.
Bestellungen der „Bürger-Zeitung" werden für
auswärts durch die Post, innerhalb der Stadt und nächster
Umgebung durch unsere Träger entgegengenommen.
Neu hinzutretende Abonnenten erhalten die „Bürger-
Zeitung" bis Ende des Monats unentgeltlich.
Verlag der „Bürger-Zeitung".
Die ftanjösisch-ruWlhe Convention.
ES soll einstweilen dahingestellt bleiben, ob und in-
wieweit politische Erwägungen bei dem Abschluß der fran-
zösisch-russischen Convention mitgewirkt haben. Die Pariser
Blätter schlagen natürlich enormes politisches Capital dar-
aus, besonders im Zusammenhang mit der Thatsache, daß
die Abmachungen zwischen Deutschland und Rußland
nicht zum Ziele gelangen dürften. Aus der Thatsache,
daß Rußland Frankreich als einen besseren Markt für
sein Petroleum ansieht wie Deutschland, wird bereits mit
gewohnter Erhitzung der Phantasie der Schluß gezogen,
daß die Tripelallianz erschüttert ist. Und wenn es auch
vorläufig noch nicht ausdrücklich gesagt worden ist, so
herrscht doch zweifellos die Ansicht vor, daß jetzt auch
der erste Schritt zur Herbeiführung des so beiß ersehnten
Schutz- und Trutzbündnisses gethan ist. Nachdem man
erst einmal über das Petroleum einig geworden ist, wird
man sich über eine Kleinigkeit, wie das gemeinsame
Operiren der beiderseitigen Armeen und Flotten auch noch
einigen können. Millevoye ist sicherlich bereits im Be-
sitze der geheimen Klausel, welche der vorliegenden Con-
ventionen angehängt worden ist und worin beide Re-
gierungen sich außerdem verpflichten, jede auf ihrer Seite
das Graben einer unterirdischen Mine zu beginnen,
welche unterhalb Deutschland durchführt und im Kriegs-
fälle melinit geladen wird. Im Ernste aber: über die
politischen Beweggründe, die bei den Handelsvertragsver-
handlungen mitgespielt haben, kann vorläufig, wie gesagt,
nicht geurtheilt werden, aus dem Grunde, weil man zur
Stunde in Frankreich weder einen Einblick und noch
weniger einen Ueberblick besitzt. Was man hingegen sehen

kann, das ist die Thatsache, daß die Franzosen sich wieder
einmal als die guten Geschäftsleute bewährt, als die man
sie kennt, und daß sie wieder einmal gezeigt, wie wenig
sie vergessen, aus einem Factum materiellen Profit zu
ziehen, ihr Patriotismus in den höchsten Tönen feiert.
Wie bekannt ist nämlich die Herabsetzung der Gebühren
auf Petroleum in Frankreich schon eine alte Geschichte.
Die Verbilligung der „Lampe des armen Mannes" ist
eines jener Schlagworte, durch deren Erfüllung sich die
Kammer populär zu machen sucht. In der That hat sie
erst im vorigen Jahre wieder einmal die Herabsetzung der
Gebühren auf Petroleum votirt. Die Reform ist, wie
gewöhnlich, an dem Widerstand des Senats gescheitert.
Aber es ist zweifellos, daß die Kammer darauf zurück-
gekommen wäre, und daß sie schließlich ihren Willen
durchgesetzt haben würde. Die Verminderung der Petro-
leum--Auflagen war also eine unvermeidliche Thatsache.
Da nun die französische Regierung sah, daß sie die staat-
lichen Rechte hier werde über kurz oder lang herschenken
müssen, schaute sie sich nach Jemandem um, dem sie die-
selben noch vor der Zeit möglichst vortheilhaft verkaufen
könnte. Der größte Producent von Petroleum ist Rußland,
und da dieser auch zugleich der „einzige Freund" ist, so
machte man sich an ihn heran, und unter dem Zeichen
dieser Freundschaft mußte der russische Staat mitGegen-
concesstonen auf mehr als fünfzig französische Erport-Artikel
ein Zugeständniß bezahlen, das er über kurz oder lang
ganz umsonst bekommen haben würde. Ob die Franzosen
damit einen neuen Beweis für die Selbstlosigkeit ihrer
Liebe zu Rußland geliefert haben, mag zweifelhaft sein.
Zweifellos ist es, wie gesagt, daß dieses Vorgehen ihrer
Geschäftsklugheit alle Ehre macht. Aber damit ist noch
nicht genug. Man denkt die Situation noch weiter zu
Gunsten Frankreichs auszubeuten. Der andere große
Petroleum-Producent außer Rußland sind bekanntlich die
Vereinigten Staaten. Der Import in Frankreich ist ein
beträchtlicher und würde selbstverständlich auf ein Mini-
mum herabsinken, wenn Rußland allein die Tarifreduction
in Bezug auf Petroleum bewilligt erhielte. Das wäre
wieder ein enormer Vortheil für Rußland und man sollte
meinen, daß beim Gedanken an denselben die russen-
freundlichen Herzen vor Freude schlagen müßten. Aber
nun, es geschieht das Folgende: der Gedanke taucht auf,
daß man natürlicher Weise dieselben Tarifreductionen auch
den Vereinigten Staaten bewilligen müsse, indem man
sich die ihnen dadurch gewährte Möglichkeit, Rußland
auf dem französischen Markte Concurrenz zu machen,
natürlich mit schönen Gcgenconcessionen bezahlen läßt.
Die Russen werden dazu ein eigenthümliches Gesicht
machen. Aber wenn auch ihrem Petroleum durch Zu-

lassung der amerikanischen Concurrenz manche der theuer
erkauften Vortheile wieder verloren gehen sollten, so bleibt
immer die Freundschaft übrig, um sie über den materiellen
Verlust zu trösten.
Deutsches Reich.
----- Heidelberg, 30. Juni. Welche deutschen Ausfuhr-
interessen bei dem Zollkrieg mit Rußland in Frage stehen,
ergiebt eine Zusammenstellung der „Nationalzeitung".
Der Werth der deutschen Ausfuhr nach Rußland wurde
für 1891 auf 262 Mill. Mark berechnet. Einen er-
heblichen Antheil daran haben Steinkohlen, deren Aus-
fuhr nicht geschädigt werden würde. Der Antheil der
industriellen Erzeugnisse stellte sich, verglichen mit den
Vorjahren, wie folgt (in 1000 Mk.):

1891
1890
1889
Eisen aller Art
16 182
21 701
23 916
Instrumente Maschinen u. Fahrzeuge
13 462
14 238
13 009
Rohseide und Seidcnwaaren
16 324
23 325
20 345
Häute, Felle und Leder
9 397
12 426
10 635
Wolle und Wollwaaren
14 805
22 938
26 445
Droguerien, Apothekerwaaren
19 986
23 367
24171

Auch die deutsche Ausfuhr überseeischer Maaren nach
Rußland, z. B. von Rohbaumwolle aus Bremen, würde
durch den Zuschlag schwer getroffen, bezw. unmöglich ge-
macht werden.
Karlsruhe, 29. Juni. Der Erbgroßherzog ist
heute Nachmittag 1 Uhr 30 Min. von Freiburg hier
cingetroffen und alsbald mit dem Kurszuge nach Pforz-
heim weitergereist, um daselbst die Bijouterieausstellung
zu besichtigen.
Berlin, 29. Juni. Ter Kaiser wird Morgen
Nachmittag um 4 Uhr in Potsdam zurückerwartet. Die
Kaiserin und der Kronprinz sind heute gleich nach 7 Uhr
von Kiel im Neuen Palais eingetroffen.
Berlin, 29. Juni. Der Großfürst-Thron-
folger ist gestern Abend 8^ Uhr hier eingetroffen
und in der russischen Botschaft abgestiegen. Die Weiter-
reise nach England erfolgte um IM/4 Uhr Abends. (Der
„Kreuzzig." zufolge war der Thronfolger vom Zaren be-
auftragt, den Kaiser zu besuchen. Als aber die Meldung
von der Ankunft des Thronfolgers hier eintraf, war der
Kaiser bereits in Kiel. Unter diesen Umständen bedauerte
der Kaiser, den Thronfolger nicht sehen zu können.)
Berlin, 29. Juni. Die Mehrheit der Wahlstimmen,
welche am 15. Juni gegen die Militärvorlage abgegeben
worden ist, beträgt, wie man zuverlässig mittheilt, weit
mehr als 200 000 Stimmen. Das Reichsamt des Innern
soll absichtlich mit der Veröffentlichung der Zusammen-
stellung der Statistik zögern, um nicht dies für die
Militärvorlage ungünstige Ergebniß hervortreten zu lassen.

Erinn erringen eines Scharsrichters.
Freie Uebersetzung aus dem Französischen von A. K-
Der Riegelerbrecher.
2) (Fortsetzung.)
„Der Hase ist noch in seinem Verstecke Dorothea",
sagte er, sie umarmend. „Schenke mir den Kaffee ein,
den Du für mich gekocht hast, das wird meinen Geist
lebendig erhalten, denn es bedarf der Stärke bei unserem
grausamen Geschäfte."
Dorothea war eine gute Hausfrau und bediente ihn
sogleich ; sie goß den heißen Mokkatrank in die Tasse und
kaum war die Kanne leer, als ein lautes Pochen an der
Thüre sich vernehmen ließ.
„Wer da!" rief Charles.
„Einer, der eine eilige Botschaft bringt, öffnet."
Charles stand auf, öffnete die Thüre halb und sah
einen Lohndiener aus der Stadt, einen Mann, der seiner
Gutmüthigkeit und Unbescholtenheit wegen bekannt war.
„Ich komme, mein Herr", sprach er zu dem Henker,
„von meinem Herrn, der im Ilotel cks In Nuckelnins
wohnt und der Sie gestern Abend zum Frühstück einge-
laden hat. Er erwartet Sie."
„Er erwartet mich?" rief er zitternd vor Erstaunen
und Verwunderung.
„Ja, mein Herr, man wünscht nur Ihre Gegenwart,
um die Austern zu offnen und die Sauterne zu entkorken."
„Cs ist vielleicht eine Falle, Charles", rief feine Frau,
„gehe nicht."

„Ich habe es versprochen", antwortete er, „und viel-
leicht erfordert es das Interesse der bürgerlichen Gesellschaft,
daß ich mich beeile. Gib mir meine Pistolen und meinen
Dolch; ich vertraue auf den, welcher ebrliche Leute be-
schützt."
Indem er diese Worte sprach, hüllte er sich in seinen
Mantel, ergriff seine Waffen nud folgte dem Führer
welcher ibn zu dem seltenen Feste geleiten sollte.
3.
Als sie am Hots) äs in Llucisluinö angelangt
waren, zeigte der Lohndiener den Scharfrichter der Wirthin
und sagte: „Hier ist Derjenige, welchen der junge Offi-
cier bat rufen lassen. Sie seben, daß ich mich beeilt
habe. —"
„Gut, mein Lieber", antwortete die Wirthin, „hier
ist ein Fünf-Francs-Stück für Deine Bemühung; man
kann Dich schon gut bezahlen, weil der, für den Du ge-
gangen bist, ein freigebiger Herr ist."
„Wie?" rief Charles, „mein Wirth ist freigebig?"
„Mehr, wie ein englischer Lord", antwortete dieWirthin,
„er streut die Louisd'or auf seinem Wege aus, als wenn
es nur Hirsenkörner wären; aber Sie gehen doch hinein,
Charles, das Kouvert ist schon lange für Sie bereit."
Er öffnete nun die Thüre zu dem Saale und sah
einen Tisch, glänzend gedeckt, vor sich. Die Auster von
Ostende lag hier bei dem deutschen Schinken, der leckere
Hummer, die kostbarsten Pasteten, der Helle Wein des Rheins
und Spaniens standen auf dem alabasterweißen Tischtuche
dicht nebeneinander; es war ein wahrhaft himmlisches
Frühstück, mit allen Delicatessen und Luxusartikeln ver-
sehen.

Charles war noch in Bewunderung der Einzelheiten
des festlichen Mahles versunken, als die Thüre sich öffnete
und — seltsam — unerhört — unglaublich —Tape-ä-
mort sich seinen Blicken zeigt.
Er trug nicht mehr seine schlechte Gefangenkleidung,
seine Hände und Füße waren nicht mehr mit Ketten be-
lastet, wären nicht die Haare auf seinem Halse abgeschnittcn
gewesen, so würde Charles ihn nicht für den Verurtheilen
gehalten haben.
Er war in eine elegante Uniform eines Infanterie-
lieutenants gekleidet, goldgestickte Epauletten bedeckten seine
breiten Schultern; auf seiner Brust blitzte das Kreuz der
Ehrenlegion und ein spanischer Orden und seine Hände
bedeckten kostbare Handschuhe, er spielte nachlässig mit
dem Griffe seines Degens.
„Wohlan, mein Gast", sprach er, mit dem Daumen
zeigend, „der Wein ist entkorkt, er muß getrunken werden,
die Morgen sind frisch, man muß sich erwärmen, tbut
mir Bescheid."
Indem er diese Worte sprach, hob der Verurtheilte
sein Glas bis zu seinen Augen, machte eine höfliche Ver-
beugung init dem Kopfe und trank dann Alles, was er
sich eingegossen hatte, mit eineni Zuge leer.
„Ich trinke vor dem Essen, weniger aus Durst, als
um Ihnen zu zeigen, daß Arsenik oder Vitriol bei diesem
Morgenimbiß keine Rolle spielen. So wollen wir denn,
den Tod vor Augen habend, ohne Scheu essen und trinken."
„Meister Baptiste", sprach der Henker, „ich trage Be-
denken nut einem Menschen anzustoßen, den —"
„Sie verkürzen sollen" ergänzte Baptiste, hegen Sie
indessen keine Bedenklichkeit, ich beschwöre Sie, — ich bin
 
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