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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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General-W Anzeiger

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85 Pfennig frei in's Hau«, durch die Post bezogen
vierteljährlich SV Pfennig ohne Bestellgeld.
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Expedition: Knuptttraße Mr. 25.

für Heidelberg und Umgegend
(Würger-Zeitung).

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JnscrtionSpreisr
die Ispaltige Petitzctle oder deren Raum 8 Pf-«,
tiir auswärtige Inserate 1v Pfg., bei österrr Wieder-
holung entsprechender Rabatt.
-——*
Expedition: Knuptstrcrße Mr. 25.

202.

verantwortlicher Redakteur:
Herrn. Streich.

Montag, den 28. Angust

Druck und Verlag:
Heckmann, Därr L Wurm.

18S3.

Nur 35 Pfg.


für den Monat SsH-teirrHev kostet der
General - Anzeiger
für Heidelberg und Umgegend
frei ins Haus gebracht.
Neu eintretende Abonnenten erhalten
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l. September gratis.
Durch die Post bezogen kostet der „General-
Auzeiger für Heidelberg und Umgegend" nnv
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Der „General-Anzeiger für Heidelberg
Und Umgegend" ist in der Postzeitungsliste,
Nachtrag vom 8. Aug-, unter Nr. 2499 g, ein-
getragen.


Deutsches Reich.
Berlin, 27. August.
— Nach nunmehr eingetroffener endgiltiger Be-
stimmung wird der Kaiser am Samstag den 9.
September zwischen 9 und 10 Uhr auf dem Straß-
burger Bahnhof Neudorf cintreffen und demnächst
die Parade des XV. Armeekorps auf dem Polygon
abnehmen. Nach Beendigung der Parade wird der
Kaiser an der Spitze der Fahnenkompagnie in
d>e Stadt bis zum Generalkommando reiten, sich
v°n dort aus nach dem Hauptbahnhof begeben und
Nach Metz zurückfahren.
— Das „B. T." veröffentlicht eine Rede des
russischen Finamministers, welche derselbe auf der
Messi zu Nischninowgorod über die deutsch-russischen
Handelsbeziehungen gehalten. Der Minister sagte,
Rußland wolle von Deutschland kein Opfer; jedes
Land richte seinen Zolltarif nach seinen eigenen
Bedürfnissen ein. Der heutige Stand der Dinge
sei nur für Deutschlands und Rußlands Konkurrenten
vortheilhaft und beweise, daß das öffentliche Be-
wußtsein in Deutschland und Rußland nach Ruhe
und Frieden dürste. .Dies lasse hoffen, daß die
gesunde Vernunft triumphiren und ein auf dem
Boden der Achtung der gegenseitigen Interessen
beruhendes Abkommen geschaffen werde.
— Dem „B. T." zufolge habe Herzog Ernst
von Koburg seine Privatfinanzen nicht in günstigem
Zustande hinterlassen. Außer von einer erheblichen
schwebenden Schuld spreche man von starkem Vor-
schuß aus der Staatskasse. Wie es heißt, stehen
wehrfache Personalveränderungen in den höheren
Beamtenkreisen Koburgs bevor. Staatsrath Jakobi
soll am 1. Oktober aus dem Dienst scheiden.
— Der „Reichsbote" ist bisher das einzige
Ber liner Blatt, das nachdrücklich gegen die Erb-
folge des Edinburger's in Koburg Front macht.

Das konservative Blatt fürchtet davon eine Herab-
minderung des Ansehens und der Bedeutung der
Monarchie und bedauert, daß durch die Reichsver-
fässung eine Erbfolge von Ansländern nicht direkt
ausgeschlossen sei.
— Aus Ersparnißrücksichten soll vom 1. Ok-
tober ab in den Personenzügen der preußi-
schen Staatsbahnen die erste Wagenklasse in
Fortfall kommen, soweit nicht berechtigte allgemeine
Interessen dadurch geschädigt werden. Es hat sich
nämlich herausgestellt, daß in den Personenzügen
die erste Klasse so wenig benutzt werde, daß ein
wirkliches Bedücfniß für diese Wagenklasse nicht als
vorliegend erachtet werden kann.
Karlsruhe, 26. Aug. Der Groß Herzog
ist in Begleitung des Flügeladjutanten Müller
heute Nachmittag 1 Uhr 30 Min. von der Mainau
hier eingetroffen und Nachts 2 Uhr 29 M. nach
Koburg weitergereist. — Prinz Heinrich von
Preußen traf auf der Rückreise von den italie-
nischen Flottenmanövern ebenfalls um 1 Uhr 30
Min. hier ein. Der Großherzog begab sich auf
den hiesigen Bahnbof nach dem Salonwagen des
Prinzen und begrüßte denselben kurz, worauf die
Weiterreise erfolgte.
Karlsruhe, 27. Aug. Durch höchste Ent-
schließung vom 21. d. M. ist bestimmt, daß mit
den Vorbereitungsarbeiten zur hälftigen Erneuerung
der zweiten Kammer, sowie zu den durch die Be-
förderung des Herrn Heimburger zum Professor
und den Wegzug, des Herrn Professor Dr. von
Holst nvthig fallenden Ersatzwahlen zur zwuten,
bezw. ersten Kammer begonnen werde.
. Baden, 26. Aug. Der Kreisausschuß
Baden hat zur Linderung der Futternoth eine Bei-
hilfe im Betrage von lOOOOMk. bewilligt. Diese
Summe soll zur Erleichterung des Bezuges von
Heu verwendet und nach Maßgabe des Viehbe-
standes unter die einzelnen lsndwirthfchaftlichen Be-
zirksvereine des Kreises vertheilt werden. Das
thatkräftige Vorgehen unseres Kreisausschusses zu
Gunsten der bedrängten Landwirthe verdient ge
wiß allseitige Anerkennung und — Nachahmung.
Konstanz, 26. Aug.' Die GroßHerzogin
von Baden erstattete heute der Stadt einen Besuch
ab, um eine Besichtigung der Ausstellung der Ar-
beitsschule des hiesigen Amtsbezirks vorzunehmen.
Ausland.
Prag, 26. Aug. Gegen die Theilnchmer an
den Ausschreitungen vom 18. Juli wurde gestern
verhandelt. Es wurde gegen 7 Personen auf Frei-
heitsstrafen von 7 Tagen bis zu 15 Monaten er-
kannt. Acht Personen wurden freigesprochen.
Prag, 26. Aug. Nachdem das in dem Sozia-
listenkongreß gefällte Urtheil bekannt war, rottete
sich eine aus Tausenden bestehende Menge zu-
sammen und veranstaltete Demonstrationen. Das
Militär ging mit gefälltem Gewehr vor und zer-
streute die Menge.
Paris, 26. Aug. Eine Mittheilung an die
Blatter besagt, die französische Regierung werde
ihren Berliner Militär-Attache, den Major Meu-

nier, von den Manövern in Elsaß-Lothringeu
deßhalb fernhalten, weil die deutsche Regierung
diese Manöver mit dem Jahrestage der Schlacht
von Sedan habe zusammenfallen lassen.
Paris, 26. Aug. Gestern fand in Aigues-
Mortes eine abermalige im Zusammenhang mit
der Metzclung in der Borwoche stehende Ver-
haftung statt. — Zwei gestern aus dem Kranken-
hause entlassene Verwundete wurden nach Mar-
seille geschafft. Der italienische Consul in Mar-
seille befindet sich zur Zeit in Aigues-Mortes.
Er begab sich nach den Salinen von St. Marie-
Ombreux, wo die Italiener beschäftigt find, und
stellte nach den Meldungen der hiesigen Blätter
fest, daß alles ruhig sei.
Duisburg, 26. Aug. Die Untersuchung des
in Homberg am Rhein am 23. August gestorbenen
Schiffsheizers Philipsen ergab der „Rhein- und
Ruhrztg." zufolge astatische Cholera.
Aus May und Jern.
Amtliches.
In den Ruhestand wurde versetzt: Klugermann,
Sebastian, Schutzmann in Heidelberg. Vertragsmäßig
ausgenommen: als Lokomotivheizer: Speicher, Karl, von
Wieblingen; Reidel, Adam, von Heidelberg; Weide-
maier, Johann, von Leimen.
* Karlsruhe, 26. Aug. Gestern Abend nach
8 Uhr wurde am Bahnübergang in der Karlstraßc
der Requisttenwagen der Abfuhrunternehmer Lipp
und Morlock von dem von Maxau kommenden
Badczug erfaßt und zertrümmert. Kutscher und
Pferde erlitten glücklicher Weise keinen Schaden.
Der Bahnwärter soll, nachdem ein Zug land-
abwärts den Uebergang passirt Hatje, die Barriere
geöffnet und den im gleichen Augenblick einfahren-
den Badezug nicht bemerkt haben; in Folge dessen
befand sieb der beschädigte Wagen noch auf dem
Geleise, als der Zug den Uebergang erreichte. Der
Schaden soll sich auf etwa 1000 Mk. beziffern.
* Karlsruhe, 26. Aug. Nach einem Be-
schlüsse des Ausschusses des badischen Sängerbundes
wird das nächste badische Sängerfest zu Pfingsten
1894 in Mannheim stattfinden.
* Edingen, 27. Aug. Die Wespenplage
machte sich einem hiesigen Einwohner dieser Tage
auf ganz eigenthümliche Weise fühlbar. Derselbe
war mit seinem Pferd auf einen Acker hinaus-
gefahren. Dort band er, während er seine land-
wirthschaftlichen Arbeiten verrichtete, das Thier
an einen Baum, bei welchen: ein Wespennest sich
befand, das der Manu leider zuvor nicht be-
merkt hatte. Das Pferd scheint durch Scharren
aus dem Boden die Wespen erregt zu haben, denn
plötzlich siel der ganze Schwarm über das Thier
her, um dasselbe jämmerlich zerstechend. Der Eigcn-
thümer des Pferdes eilte nun rasch herbei und
schnitt das Pferd los, damit es sich flüchten konnte.
Aber nun wandte sich der Wespenschwarm ihm
selbst zu und nöthigte ihn, sich ebenfalls zu
flüchten. Laut nach Hilfe rufend, jagte er nun
nut seinem Pferde dem Dorfe zu, woselbst beide

in so zerstochenem Zustande ankamen, daß der Mann
mehrere Tage krank war, während das Pferd
nahe daran war zu verenden.
* Sulzfeld, 26. Aug. Kurz vor neun Nhr
verkündeten gestern Abend Feuerrufe und Sturm-
glocken einen ausgebrochenen B r a n d, wodurch in
sehr kurzer Zeit das Brauereigebäude des Gast-
hauses zum Ochsen bis auf die Umfassungsmauern
niederbrannte. Die rasche Hilfe der Bewohner
und nicht zum mindesten das energische Eingreifen
der einquartierten Truppen ermöglichten eine Be-
schränkung des Feuers aus seinen Herd und eine
Rettung der die Brauerei umgebenden Wirth-
schafts- und Oekouomiegebäulichkeiten. Die Ent-
stehungsursachen sind noch nicht bestimmt auf-
geklärt.
* Mosbach, 26. Aug. Der Gemeinderath
hier hat in heutiger Sitzung beschlossen, vom
nächsten Jahre an auch in hiesiger Stadt Obstmärkte
einzuführen, zu welchem Zwecke gegenwärtig die
ersten erforderlichen Erhebungen gemacht werden.
* Plittersdorf (A. Rastatt), 26. Aug. Der
durch das am Mittwoch niedergegangene Hagelwetter
auf unserer Gemarkung entstandene Schaden wird
auf 50 000—60 000 Mk. geschätzt.
* Billingen, 26. Aug. Der „Schwarzw." er-
klärt die Nachricht, daß der Mörder der Dienstmagd
Haug, Schwarz, im Spital der Sektion des Leich-
nams seiner ehemaligen Braut anwohnen mußte,
für falsch. Der Mörder mußte nicht der Sektion
anwohnen, sondern er wurde nur dem Leichnam
behufs Anerkennung gegenüber gestellt. Von einer
Erschütterung war nichts zu bemerken; einzelne
Versuche zum Weinen dürfen als Verstellung an-
genommen werden. Zusammengesunken ist er auch
nicht, er wurde nur deshalb mit dem Fuhrwerk ins
Gefängniß zurückgeführt, weil sich vor dem Spital eine
große Menschenmenge angesammelt batte, die beim
Zurückbringen zu Fuß nachgefolgt wäre.
" Oppenau, 25. Aug. Infolge einer Explo-
sion beim Schnapsbrennenen gerietben vorgestern
die Kleider der Ehefrau des Küfermeisters Weller
in Brand. Die Frau erhielt am ganzen Leibe
solch entsetzliche Brandwunden, daß sie gestern nach
gräßlichen Schmerzen starb.
* Mainz, 24. Aug. Ein an typhösem Fieber
erkrankter Bierbrauer von 25 Jahren sprang letzte
Nacht aus dem Fenster seiner in der Rheinallee
gelegenen Wohnung und lief an den Rhein, in
der Absicht, sich zu ertränken. Er stürzte dort die
Quaimauer hinab und brach das Genick. Heute
früh wurde die Leiche gefunden.
* Bonn, 26. Aug. Vorgestern wurde zu
Wißkirchen bei Enskirchen ein Haus durch Feuer
zerstört. Zwei Kinder im Alter von drei und vier
Jahren, welche ohne Aufsicht in dem Gebäude ge-
lassen worden waren, verbrannten. Beide ver-
kohlte Leichen lagen im Brandschutte. Man glaubt,
daß das Feuer durch Spielen mit Streichhölzern
seitens der verunglückten Kinder entstanden ist.
* Düsseldorf, 26. Aug. Nachdem bereits am
Mittwoch auf dem Rotterdamer Schiss „Maria"

der

Kine dünkte TycrL.
Roman von P. E. vonAre g.

(Fortsetzung.)
. „Was kann unter diesen Verhältnissen
Joseph von mir wollen?"
„Er ist so heruntergekommen, daß er kaum noch
Kleider auf dem Leibe hat, den Rock ausgenommen,
PN ihm Ihr Manu vor drei Jahren schenkte. Geben
^ie mir die Weste und die Hose dazu mit.
Die Erwähnung dieser Kleidungsstücke brachte
Zus die Frau einen geradezu entsetzlichen Eindruck
Prvor. Sie starrte mit stierem Äuge wild auf
Pn Mann, der ihr gegenüberstand, ihr an und
sich blasses Gesicht wurde todtenbleich, ihre
Hünde zitterten und die Zähne schlugen hörbar
'n ihrem Munde zusammen.
Aber sie erwiderte nicht. Die Erregung ihres
Günern hatte sie der Sprache beraubt.
„ Der Assessor war nach dieser Wirkung seiner
Zurede keinen Augenblick in Zweifel, es liege hier
Verbrechen vor, um das die Frau wisse.
„Warum erschrecken Sie über längst begrabene
^'üge, die bei mir gut genug angehoben sind?
'-twlkn Sie nur die Kleider her!"
. „Woher wissen Sie das Alles?" fragte sie
verzweiflungsvoll die Hände ringend, mit be-
enden Lippen.
< «Der Eduard kann nicht geschwatzt haben, nur
d°r Andere."
„Freilich war cs der Angust Klotze, mein
Vllex Freund. Thun Sie nur nicht so sonderbar.

Die Sache ist bei mir wie hinter fünf Siegeln
aufgehoben. Nehmen Sie sich doch zusammen.
Wenn jetzt jemand käme, der Sie in Ihrer Ver-
fassung sähe, was sollte der denken?"
Sie war offenbar in höchster Aufregung, sand
aber doch nicht den Muth zu einer Lüge, mit
der sie sich aus ihrer entsetzlichen Lage Hütte be-
freien können. Vielleicht glaubte sie auch bereits
zu viel zugestanden zu habeu, um sich noch durch
eine Unwahrheit retten zu köunen. Nach ihrem
Mienenspiel und dem ununterbrochenen Winden
der Hände rang sie nach einem Entschlüsse; aber
er ließ ihr dazu keine lange Zeit.
„Nun", sagte er, „wie wird es? Soll ich die
Kleider bekommen oder nicht?"
Die abermalige Erinnerung an jene Kleider
wirkte kräftig genug, um den Assessor bis an sein
Ziel gelangen zu lassen.
„Ich kann Ihnen die Kleider nicht geben",
sagte sie zitternd, „sie liegen an einem Orte, den
mein Fuß niemals betreten wird."
„Kommen Sie, ich werde Sie begleiten",
sagte er, sie aufmuntcrnd. „Sie müssen ans einen
Augenblick vergessen, daß die Leiche an den: Orte
liegt, den wir zu betreten haben; Leute die vor
vier Jahren mit dem Leben abgeschloffen haben,
beißen nicht mehr."
Wieder starrte sie ihn mit jenem verzweiflungs-
vollen Blicke an, der seiner anscheinenden All-
wissenheit gegenüber so deutlich das Staunen und
Unverständniß ihrer schwachen geistigen Kräfte
darüber ausdrückte, woher er wohl das Alles
wissen könne. Aber der Name August Klotze,
den er genannt hatte, ließ sie füglich nicht in Un-

gewißheit darüber, daß dieser Mann derjenige
war, welcher ihrem Quäler die Gewalt in die
Hand gegeben hatte.
Sie erhob sich und zündete mit zitternder
Hand eine kleine in ihrer Nähe stehende Lampe
an. Dann suchte sie aus einem verrosteten
Schlüsselbunde einen Schlüssel aus. Mit diesen
beiden Dingen in der Hand schritt sie voraus,
zur Thür hinaus, über den Flur, einen kurzen
niederen Gang entlang, bis zu einer eisernen
Thür an seinem Ende. Aber hier war es offen-
bar mit ihrer Kraft vorbei. Die Lampe bebte
so heftig in ihrer Hand, daß sie zu verlöschen
drohte; sie war vollkommen außer Stande, den
verrosteten Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken
Er nahm ihr das Licht und den Schlüssel ab.
und öffnete die Thür. Das Schloß kreischte,
ein Beweis dafür, daß es lange nicht geöffnet
worden war. Dicke, dumpfige Luft schlug ihnen
entgegen und drohte das Licht zu verlöschen. Aber
unbeirrt schritt er vorwärts. Sie klammerte sich
an seinen Arm, denn sie war kaum im Stande,
sich aufrecht zu erhalten. So rückten sie einige
wenige Schritte in dem niederen Gewölbe vor
und als sie ihn Plötzlich zum Stillstehen nöthigte,
gestattete das armselige Lampenlicht nur einen
kärglichen Umblick in dem Raume. Er war von
ziemlich geringer Ausdehnung und vollkommen
leer, bis ans eine kleine Kiste, die in einer Ecke
stand. Zu dieser führte sie ihn. Als er den
Deckel aufhob, sah er darin ein Packet zusammen-
gewickelter Kleidungsstücke. Er nahm cs auf und
warf danach nochmals einen scharfen Umblick
durch das ganze Gewölbe. Aber eS war darin

auch nicht die geringste Spur von etwas Auf-
fälligem zu entdecken. Die Wände waren von
starken Mauern gebildet, der Fußboden, der
allerdings keine Decke von Platten oder Pflaster
trug, erschien festgestampft und unberührt.
Es roch nach Moder, aber der eigenthümliche
Geruch nach Verwesung fehlte. Um nach der
Leiche selbst Nachforschungen anzustellen, war
übrigens augenblicklich auch weder Zeit noch Ge-
legenheit. Das war ein Geschäft, welches den
Händen des Gerichts anvertraut werden mußte,
und der Assessor zweifelte jetzt keinen Augenblick
mehr daran, daß die von diesem unter Benutzung
der Resultate seiner eigenen Ermittelungen ange-
strengten Nachforschungen die That vollends ans
Licht fördern und die Verbrecher ihrer gerechten
Strafe zuführeu werde.
* *
-k-
Die noch an demselben Abend angestcllte Unter-
suchung der von der Wirthiu empfangenen Kleidungs-
stücke erwies zur Gewißheit, daß man in ihnen
in der That das Beinkleid und die Weste vor
sich hatte, mit denen Hugo v. Flottwell bekleidet
gewesen war. Beide Stücke zeigten im Vergleich
zu dem Rocke, den Joseph Rosenbaum getragen,
einen erheblich geringeren Grad von Vcrschlossensein
und weniger Schmutz, sie waren offenbar nicht ge-
tragen worden. Der Westenrücken sowohl, als
auch das Beinkleid zeigten übrigens beide deut-
liche Spuren von Blutflecken und es schien des-
halb höchst wahrscheinlich, daß der Rock, bevor
er in Joseph Rosenbaums Hände gelangt, einer
gründlichen Reinigung unterzogen worden war.
 
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