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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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General-W Anzeiger

für Heidelberg und Umgegend

-W


Expedition: Kcruptstraße Mr. 22.

Nm 50 U

die
die

stoß, und es ist wohl gerechtfertigt, wenn Deutsche
an diesem Tage ihr Nationalfest feiern, denn Frank-
reichs Kraft war mit Sedan gebrochen und auf den
Trümmern von Napoleons Macht erstand aufs
Neue ein deutsches Reich, das so lange unbesiegt
und geachtet bestehen wird, wie deutsche Männer
als Deutsche sich fühlen und ibre Pflicht dem
Vaterlande gegenüber erfüllen werden.

Der „General-Anzeiger für Heidelberg
und Umgegend" ist in der Postzeitungsliste,
Nachtrag vom 8. Aug-, unter Nr. 2499 a ein-
getragen.

trachtung von Menschen und Dingen, deren er sich
selbst einst gerühmt hat, ist bei Bismarck zur Weltan-
schauung geworden. Ob man ihm nachweist, daß er heute
das Gegentheil von dem sagt, was er gestern be-
hauptet hat, er lacht nicht höhnisch und gallig, sondern
aufrichtig herzerfrischend, er lacht der Philister mit
hohen Augenbraunen, der begeisterten Huldigungs-
patrioten, die zu ihm kommen, um eine neue Offen-
barung nach Hause zu tragen; er lacht, was seiner
Gesundheit förderlich ist, wenn man ihn beim
Wort nimmt und aus seinen Sätzen säuberlich ein
System bereitet ohne zu begreifen, daß er, der
politischen Verantwortlichkeit bar, nur einer augenblick-
lichen Stimmung folgt. Alle Ansprachen Bismarcks
in jüngster Zeit bei Huldigungsfahrten sind Züge,
die sein persönliches Bild werthvvll ergänzen. Wer
darüber hinaus ihren Inhalt wörtlich nehmen wollte,
könnte nur dem Spotte ihres Urhebers verfallen.
— Einen preußisch-russischen Zwi-
schenfall berichtet die „Kattowitzer Zeitung" von
der schlesischen Grenze. Darnach bat ein preußischer
Grenzbeamter bei Milowice einen russischen Soldaten
auf deutschem Gebiete erschossen. Der Russe wollte
eine entlaufene Kuh zurückholen. Der preußische
Beamte rief dreimal vergeblich Halt und feuerte
hierauf.
— Zu dem Sieg des stellvertretenden Gou-
verneurs von Ostafrika, Obersten Frhrn. von
Scheele am Kilimandscharo tragen wir noch folgen-
des nach: Oberst Frhr. v. Scheele ist Anfangs
Juli von der Küste zum Kilimandscharo aufge-
brochen, um die Autorität der Negierung dort
wieder zur vollen Geltung zu bringen, denn Meli
von Moschi, der Sohn des verstorbenen Maydara,
hatte nach dem für unsere Waffen unglücklichen
Gefecht am 10. Juni v. I., in welchem Lieutenant
v. Bülow und Lieutenant Wolfrum gefallen waren,
seine aufrührerische Haltung nicht ausgegebcn, ob-
wohl Kompagnieführcr Johannes mit ungefähr 160
Mann und mehren: kleinen Geschützen die Maragu-
Station wieder besetzt hatte.
Stuttgart, 31. Aug. Der Ministerpräsident
v. Mittnacht, der nach Kissingen gereist war, wo
er eine längere Konferenz mit dem Fürsten Bis-
marck hatte, traf wieder hier ein und kehrte heute
nach seiner Villa in Friedrichshafen zurück.
Stuttgart, 31. Aug. In der gestrigen Sitzung
des Verba ndstageö der deutschen land-
wirthschaftlichen Genossenschaften re-
ferirte N ü ck e r - Bitburg über die Anwendung der
Form der eingetragenen Genossenschaft bei länd-
lichen Viehversicherungen; Schnieder-München
über den Verkauf von landwirthschaftlichen Erzeug-
nissen auf genossenschaftlichem Wege, speziell über
Verwerthung der Lagerbäuser; Mahlsted t-Olden-
burg über das Thema: Wie wird die Besserung
der Asatzverhältnisse für Molkerei-Produkte erwirkt?
Chambeau - Prenzlau: Wie vermeiden die Butter-
verkaufs-Verbände gegenseitige Konkurrenz ? Fricke-
Hannover: Wie wird die Gleichberechtigung der
Sparkassen und Darlehenskassen erwirkt mit den
Kommunalsparkassen bezüglich Belegung derMündel-

Arrs WaH und Jern.
* Karlsruhe, 31. Aug. Am 12. September
wird, anläßlich der Kaisermanöver bei Lauterburg,
eine Brücke über den Rhein geschlagen, welche bis
15. September, an welchem Tage sie aufgebrochen
wird, bestehen bleibt. Die Brücke wird von
Pionieren des bad. Pionierbataillons Nr. 14 und

* Zum Sedantage.
Immer weiter tritt die Geschichte jener gewal-
tigen Zeit zurück, in welcher das neue deutsche
Reich mit der Kaiserwürde der Hohenzollern in
dem Blute deutscher Männer in Frankreichs Ge-
filden gekittet wurde. Fast sind alle die Männer,
welche in jenen glorreichen Tagen die Führer unserer
Armeen waren, aus dem Leben geschieden und
eine neue Generation ist erstanden, die aber trotz-
dem an der traditionellen Feier zu Ehren des
glorreichen Tages von Sedan festhält. Die Er-
innerung an Kampf und Sieg ist etwas verblaßt,
aber der Stolz auf jene Siege ist geblieben, weil
der Lohn des Kampfes uns im neuen deutschen
Reich täglich vor Augen steht.
Die Einigung deutscher Länder war das Werk
des Tages von Sedan. Nicht in seiner ganzen
Größe ist Deutschland an diesem Tage erstanden,
nein, viel noch gab es im Innern auch zu kämpfen
und erkämpfen; nur ein Fundament, des Ausbaues
sehr bedürftig, war das neu erstandene deutsche
Reich. Aber mit gutem Willen und großer Vater-
landsliebe, Haden deutsche Männer aller politischen
und religiösen Gesinnungen dabei geholfen, das neue
Reich zu stützen, zu stärken und zu festigen, es nach
und nach zu dem zu machen, was es heute ist,
ein starkes, großes, imposantes Reich, geachtet von
anderen Nationen und in jedem Wettbewerb mit
Erfolg an der Spitze kämpfend.
Zu alle dem, was Deutschland heute ist und
sein wird, gab der Tag von Sedan den ersten An-

Abonnementöpreis r
mit 8seitigem illußrirtem Sountagsblatt: monatlich
38 Pfennig frei m's Haus, durch die Post bezogen
vierteljährlich SO Pfennig ohne Bestellgeld.

Deutsches Reich.
Berlin, 31. August.
— Zur Spionage-Affäre in Kiel theilt
„Kieler Ztg." weiter mit, daß die Kieler Polizei
beiden Verdächtigen vom Tage ihrer Ankunft
(Freitag) bis zum Tage der Verhaftung in ihrem
Thun und Treiben auf das Genaueste beobachten
ließ. Der Polizeibehörde war gegen Ende der
Woche bekannt geworden, daß ein Zollbeamter in
Kurhaven auf einer dort ankernden englischen Lust-
yacht „Jnsect" zufällig zwei Franzosen getroffen
und daß dem Beamten ausgefallen, daß auf dem
Kajütenfisch sich zahlreiche Karten und Photographien
befanden. D>e Macht ging von Kurhaven durch
den Eider- resp. Nord-Ostsee Kanal nach Kiel, wo
sie am Freitag eintraf. Die Macht war in Cowes
für die Dauer von 14 Tagen zu Fahrten in der
Nord- und Ostsee gegen eine Entschädigung von
ca. 2400 Mk. gechartert. Der Kapitän und die
aus fünf Mann bestehende Besatzung sind Eng-
länder. Sie haben offenbar von den landesver-
rätherischen Unternehmungen der Franzosen keine
Keuulniß gehabt. Sorgfältige Maßregeln, um
ein Entweichen der Dacht während der Nacht zu
verhindern, waren getroffen. Montag Vormittag
um 9 Uhr schritt der Polizeimeister Lorey zur Ver-
haftung der beiden Franzosen, indem er zugleich
auf die Macht Beschlag legte. Es gelang, wohl-
verborgen ein umfangreiches Konvolut von Auf-
zeichnungen und Plänen, die während der Reise
gemacht sind, zu finden. Darnach haben die
Franzosen Wilhelmshaven, Borkum, Helgoland,
Kurhaven besucht. Beschreibungen und Skizzen
von den Befestigungen gemacht, auch über die Er-
gebnisse ihrer Kieler Studien liegen Arbeiten vor,
die Festungswerke sind nicht an Ort und Stelle,
sondern Abends an Bord der Macht aus dem Ge-
dächtniß gezeichnet und genau beschrieben; selbst
die Dimensionen der verschiedenen Anlagen sind
ziffernmäßig geschätzt. Ueberdies sind sehr zahlreiche
Photographien, Pläne und Briefschaften gefunden.
— Die ihrem wesentlichen Inhalte nach bereits
bekannt gegebene Regierungskundgebung des neuen
Herzogs von Sachsen-Koburg und Gotha beginnt
mit den Worten: „Wir Alfred, Herzog von
Sachsen-Koburg und Gotha." Das „B.
T." macht hierzu folgende Bemerkung: „Darnach
scheint es, als ob die von Herzog Ernst beseitigte
Formel „von Gottes Gnaden" endgiltig in Koburg-
Gotha abgeschafft morden ist."
— In einem Artikel „Bismarck und die Frank-
sur ter" führt die „Voss. Ztg." aus: Die selbstge-
nügsame ewig heitere, erhabene Wurstigkeit in der Be-

JnsertionöprciSr
die lspalkiqc Petttzeile oder deren Raum 8 Pfg-,
iür auswärtige Inserate 10 Pfg., bei öfterer Wieder-
holung entsprechender Rabatt-

für den Monat September
kostet der
(kenevnl - Anzeigen
für Heidelberg und Umgegend
nebst Jllustr. Sonntagsblatt am Postschalter
abgeholt.
(Vom Briefträger ins Haus gebracht 15 Pfg. mehr.)
In Heidelberg und den nächsten Orten der
Umgegend kostet der „General-Anzeiger für Heidel-
berg und Umgegend"
monatlich nur 55 AfS.
frei ins Haus.
Bestellungen werden von unfern Trägern und
Trägerinnen sowie von allen P o sta n st a lt en
fortwährend angenommen.

13S3.
-n
gelder;P lehn-Lichtenthal sprach über Maßregel
gegen den künstlichen Fettkäse und die überhand-
nehmende Verfälschung der Butter. Ein Festmahl-
wobei auf den Kaiser, den König, die Regierungen,
die Verbände und die Stadtgemeinde getoastet wurde,
schloß den Vereinstag.
München, 31. Äug. Von einem Prinzen auf
Reisen bringt der „Fränk. Kur." eine Mittheilung
aus München die geeignet erscheint, einiges Auf-
sehen zu erregen. Danach hätte PrinzRupprecht
von Bayern, der älteste 24jährige Sohn des
Prinzen Ludwig und mithin berufen dereinst den
bayerischen Thron zu besteigen, auf Montag zu seinem
Regiment, dem der 1. schweren Reiter, abgehen
sollen, das sich seit einigen Tagen auf dem Marsche
zu den Manövern der 1. bayerischen Division be-
findet. Allein am Abend vorher verreiste er „ohne
Begleitung und im strengsten Inkognito ins Schwaben-
land, vieleicht in die Stadt, in welche der „Rothe
Fischer" das Regiment führt." Der Vorfall erinnert
lebhaft an die fluchtartige Fußreise, die vor mehreren
Monaten der Bruder des Prinzen Rupprecht von
Bayern gleichfalls im tiefsten Inkognito und fast
ohne alle Baarmittel antrat und die in Schwan-
dorf ihr Ende fand.
Cuxhaven, 31. Aug. Die beiden wegen Ver-
dachts der Spionage in Kiel verhafteten Franzosen
wurden auch hier bei der photographischen Auf-
nahme Helgolands und der Elbbefestigungen beob-
achtet. — Ein Geheimpolizist war nach Neuwerk
requirirt worden, jedoch zu spät dort eingetroffen,
da die Macht „Jnsect" inzwischen wcitcrgefahren war.
Ausland.
Vern, 31. Aug. Die Arbeiterpartei reichte
heute der Bundeskanzlei 52 090 Unterschriften ein,
welche die Einführung des Grundsatzes des Rechtes
auf Arbeit in die Bundesverfassung verlangen.
Wegen jener Stimmenzahl muß über dieses Be-
gehren eine Volksabstimmung stattfinden.
Paris, 1. Sept. Die zahlreichen italienischen
Arbeiter, die gestern von Nancy abfuhren, hatten
sich nach Metz und Straßburg begeben, in
der Hoffnung, daselbst bei den Kasernenbauten
beschäftigt zu werden. Ein französischer Arbeiter
der die Italiener in Nancy mit dem Tode bedroht
hatte, ist verhaftet worden.
Newyork, 31. Aug. Die demokratische Presse
ist bemüht, die an Cleve land vorgenommene
Operation wegen der kritischen Zeit als harmlos
hinzustellen. Thatsache ist, daß der Präsident an
einem bösartigen Geschwür litt, welches ein Aus-
meißeln des Oberkiefers bis rückwärts zum Nasen-
bein erforderte. Die Aerzte hoffen auf Heilung.

Expedition : Knnptltrcrße Mr. 26.


. ..
Verantwortlicher Redakteur:
kerm. Streich.
Freitag, den t
. September
Druck und Verlag:
Keckmann, Dörr L tvurm.

Kine dünkte HhcrL.
Roman von P. E. vonAreg.

41) (Fortsetzung.)
Doktor Schwanenfeld hatte in dieser ganzen Zeit
ihnen als treuer Freund und Berather zur Seite
gestanden und sie waren auch häufig genug in die
Lage gekommen, seine thatkräftige Hilfe in An-
spruch zu nehmen. Wienbrand war ja mit einem
Male unvorbereitet mitten aus seinen Geschäften
herausgerissen worden und so war es ganz na-
türlich, daß der ganze Theil seiner lausenden Ge-
schäfte bei seinem Tode noch der Erledigung harrte.
Es waren ja mancherlei verwickelte Geschäfte aus-
zuwiren, Gläubiger zu befriedigen, Schuldner zur
Ausgleichung ihrer Rückstände zu mahnen, rind
wenn sich auch Klara, obgleich sie früher niemals
an den Geschäften ihres Vaters sich betheiligt
hatte, nach allen Seiten hin als seine umsichtige
und gewissenhafte Tochter erwies, so trat doch gar
manche Frage an sie heran, welcher sich die Er-
fahrung des jungen Mädchens nicht gewachsen
zeigte. Hier war es, wo die Hand, die Umsicht
und der Verstand des Arztes auf die gemeinschaft-
liche Bitte der beiden Frauen mit Bereitwillig-
keit ergriff, das Vertrauen, das inan ihm so un-
verholen entgegen brachte, ehrte und erfreute ihn
und er setzte sein bestes Können daran, alle diese
Dinge so zu ordnen und zu schlichten, daß den
Hinterlassenen aus ihnen keinerlei Nachtheile ent-
springen konnten.
Es war ihm das nunmehr im Troßen und

Ganzen gelungen, bis aus das ominöse Packet,
das schon zu so mancherlei verschiedenartigen Ver-
handlungen Anlaß gegeben, waren die schwebenden
Angelegenheiten Wienbrands glatt und eben, und
bezüglich dieser letzteren mußte man die Schritte
der Gegenpartei und wenn diese ausblieben, den
Zeitpunkt erwarten, an welchem man nach den
Bestimmungen des Verblichenen zu einer Eröff-
nung desselben schreiten durfte.
Er war an den letzten Abenden zur Ordnung
dieser Angelegenheiten wiederholt unten in Wien-
brands Schreibzimmer allein mit Klara gewesen;
sie waren miteinander nochmals die Bücher des
Verstorbenen durchgegangen, um sich zu verge-
wissern, daß ihrer Aufmerksamkeit kein Posten
entgangen, hatten Geld gezählt und all die
kleinen Arbeit vorgenommen, die zur Erledigung
des Ganzen nothwendig waren. Je weiter sie
damit zum Abschlüsse kamen, umsomehr hatte sich
der Doktor überzeugen müssen, daß er in Klara ein
sehr reiches Mädchen vor sich habe, viel reicher
noch als er Anfangs geglaubt hatte. Und diese
mehr und mehr sich befestigende Ueberzeugung
gerade war es gewesen, die ihn abgehalten hatte,
aus dem Wege weiter vorzuschreiten, auf dem er
damals gewesen war, als Grünows Erscheinen
ihn mitten in seinen Herzergießungen unterbrochen
hatte. Nicht mehr unter dem Eindrücke seiner
tief erregten Herzenswünsche, sondern mit der
ruhigen Ueberlegung des reifen Mannes hatte er
sich sagen müssen, daß er sich in den Augen An-
derer leicht dem Vorwurfe eines Unrechts aussetzen
würde, wenn er das Vertrauen der beiden Frauen
damit lohne, daß er im Sturm das Herz der

Tochter für sich erobere. Er war arm, er nannte
augenblicklich nichts weiter sein, als was seine
Praxis ihm einbrachte. Und sie war jung, schön
und reich. Wie viele würde es wohl geben, die
daran glauben, daß nicht der letztere Umstand,
sondern eine reine innige Herzensliebe ihn zur
Bewerbung um die Hand des Mädchens bestimmt
habe? Es liegt ja so ganz im Sinne der jetzt
lebenden Generation, bei einer Hcirath, an die
Liebe zuletzt und an die Vortheile, die eine solche
bringt, zuerst zu denken. Der Gedanke, sich solche
Motive unterschoben zu sehen, war ihm Peinlich.
Er wollte das um jeden Preis vermeiden, be-
meisterte mit Manneskraft seine Gefühle und
schwieg. Er konnte sich zwar nicht verhehlen,
daß Klaras schönes Auge wiederholt seitdem mit
einer stummen Frage an dem seinen hing, und
er wußte sich die Worte dieser Frage auch sehr
wohl zu deuten. Aber das Gefühl der Scham
hielt selbstverständlich das schöne Kind von wei-
teren Andeutungen über ihre Herzenswünsche zu-
rück, und wenn sie sich auch allein ihn ihrem
Kämmerlein häufig darüber schalt, daß sie seinem
Zagen nicht durch ein Wort der Erlösung aus
ihrem Munde ein Ende machte, so sang ihr doch
das trotzige jungfräuliche Herz immer wieder den
Refrain aus jenem alten Mädchenliede vor'
„Er muß mich doch erst fragen."
Heute saßen sie wieder mit einander unten
in des Vaters Schreibzimmer. Es war wieder
in den Abendstunden und die Lampe brannte auf
dem Tische. Der Doktor hatte sich vorgcnommen,
daß das heutige Zusammensein das letzte dieser
Art sei:: sollte. Wenn er sic neben sich sah,

überkam ihm immer wieder jener berückende Ge-
danke, wie süß es sein würde, sie in seine Arme
nehmen und an sein Herz drücken zu dürfen und
wie es noch viel köstlicher sein würde, wenn er
sagen dürfte' Mein Weib! Mein Weib! Aber
es sollte nicht sein. Sie würde in einem anderen
Manne vielleicht kein heißes liebendes Herz, aber
doch einen treuen Beschützer für ihre Lebenszeit
finden. Hinweg mit anderen Bildern, die den
Verstand verwirren!
Und so sagte er, indem er das Buch des
Vaters zuschlug, in dem er bis jetzt geblättert
und gelesen hatte, im ruhigsten Tone, über den
er zu verfügen hatte:
„Ich bin der festen Ueberzeugung, daß es
unseren gemeinschaftlichen Bemühungen gelungen
ist, alle eingetragenen Posten ihrer Erledigung
zuzuführen, bis auf jenen einen, den Sie kennen.
Ich will dabei erinnern, daß das diesen betref-
fende Packet noch im Schreibtische Ihres Vaters
liegt, und daß es wohlgethan sein würde, dem-
selben seinen Platz im feuer- und diebessicheren
Schranke wieder anzuweisen. Es bleibt Ihnen
nur noch übrig, einzelnePapiere die sich darin befinden,
mit Hilfe eines Ihr Vertrauen genießenden Ban-
kiers in Werthpapieren oder in sonst zinstragender
Weise anzulegen. Meiner Beihilfe hierzu bedarf
es nicht. Sie werden diese Anlegenheit unter dem
Rathe eines bewährten Fachmannes am besten
allein zu Ende führen."
Sie blickte bei seinen letzten Worten überrascht
zu ihm auf und in ihrem Auge lag Bestürzung.
„Sollen wir denn mit einem Male unseren
Beschützer und Berather verlieren?" fragte sie.
 
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