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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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General-KAnzeiger




für Heidelberg und Umgegend


Expedition: KcrupLstrcrße Mr. 25.

1«93

Jnsertionspreisr
die Ispaltige Petitzeile oder deren Raum 5 Pfg«,
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holung entsprechender Rabatt-

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mit 8seitigem illuftrirtcm Sonntagsblatt: monatlich
35 Pfennig frei in's Haus, durch die Post bezogen
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«-—*
Expedition: Acruptstrcrßs Mu. 25.


Verantwortlicher Redacteur:
kjerm. Streich.
Heidelberg, Mittwoch, den 2. August
Druck und Verlag:
kseckmann, Dörr L Wurm.

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frei in's Haus, einschließlich der achtseitigen
iilustrirten Sonntagsdrriagr.
' Die Schutzheiligen der Winzer
und Weinbauern.
Während des Mittelalters, als das religiöse
"Leben unser gesammtes Volkswesen durchdrang und
unter seinem beherrschenden Einflüsse stand, stellten
sich Genossenschaften geistlicher und weltlicher Art,
Kausmannsgilden und Handwerkerzünfte unter den
besonderen Schirm eines Heiligen, den sie als den
väterlichen Schützer, als den xatronus (von xator,
der Vater) ihrer Gemeinschaft verehrten und an-
riefen. Meistens pflegte man die Schutzheiligen nach
ihrer Zugehörigkeit zu den einzelnen Ständen zu
erwählen, wie denn z. B. der heilige Josef als
der Patron der Zimmerleute gilt, weil er in seinem
Leben diesem Berufe angehört hat. Sehr oft ist
aber auch das Patronat der Heiligen aus zufälligen
Umständen zu erklären, wie aus legendarischen Er-
zählungen und Anekdoten, oder auch aus Attributen
und symbolischen Darstellungen, welche die christ-
liche Kunst den Heiligen verliehen hat. Letzteres
-ist der Fall gewesen mit den Schutzpatronen, welche
bei uns als Patrone der Winzer und Weinbauern
-in Verehrung stehen. Da zur Zeit unsere Winzer
gerade tüchtig in ihren Rebbergen beschäftigt sind,
möchte cs wohl willkommen sein, auf die Schutz-
heiligen der Winzer und Weinbauern hinzuweisen.
Als der vornehmste Beschützer der Winzer ist
wohl der heilige Bartholomäus zu betrachten, dessen
Fest am 24. August gefeiert wird. Er trägt auf
seinen Bildern in der Rechten ein großes Messer,
weil er wegen seines christlichen Glaubens ent-
hauptet worden ist. Wegen dieses Messers nun,
welches ihm die christliche Kunst als Unterscheidungs-
merkmal beigegeben hat oder vielmehr noch wegen
des Umstandes, daß sein Festtag in den Beginn
der Weinlese fällt, wird der heilige Bartholomäus
in manchen Gegenden von den Winzern besonders

verehrt. Sprichwörtlich sagt man: „wissen, wo
Barthel den Most holt", d. h. also, wissen (schon
am Bartholomäustag) wo es den besten Wein gibt.
Ein solcher Mann ist also gescheit: er kann das
„Gras wachsen hören." Bei Schuppius (17. Jahr-
hunderts) kommt die Stelle vor: „Wo man Holz
umb Weihnachten, Korn umb Pfingsten und Wein
umb Bartholomäi kauft, da wird Schmalhans end-
lich Küchenmeister. Wer aber nun weiß, wo
Barthel dennoch den Most holt, wo man um Bar-
tholomäi schon neuen Wein kaufen kann, der weiß
unter allen, sogar den schwierigsten Umständen, sich
zu rathe" " (Götzinger, Reallerikon der deutschen
Alterthü: "'t jst auch die an den Hei-
ligennamen sich anknupsenvc, vielfach nicht ver-
standene Redensart erklärt.
Ein anderer Patron der Winzer ist der heilige
Goar. Er verdankt diese Ehre seinem Aufenthalt
am Rheine und seiner segensreichen Thätigkeit dort-
selbst. Die Waldgründe in der Nähe der nach ihm
genannten Stadt Goar, in einem der schönsten
Theile des Rheingaues, hat der heilige Mann in
fruchtbare Weingärten verwandelt, und verdient es
deßhalb mit Recht, als Patron der Rebleute geehrt
zu werden.
Als einer der vorzüglichsten Patrone der Winzer
gilt der hl. Urban. Doch fragt sich, ob mit diesem
der hl. Bischof Urban von Langres oder der Papst
Urban I. gemeint ist. Dr. Samson (die Schutz-
heiligen, Paderborn, Ferdinand. Schöningh) ent-
scheidet sich mit guten Gründen für den hl. Papst
Urban. Beide tragen auf ihren Bildern als Sym-
bol die Weintraube und werden deßhalb als
Schutzherrn der Winzer verehrt. Daß indeß der
hl. Urban, welcher im Jahre 223 den päpstlichen
Stuhl bestieg, ursprünglich und eigentlich Winzer-
patron ist, geht aus dem altdeutschen Rechte hervor,
wie es im Sachsenspiegel niedergelegt ist. Wie
dort der St. Margarethentag (20. Juli) als ein
wichtiger Entscheidungstag für die ländlichen Ver-
hältnisse festgesetzt war, so wurde in jenem alt-
deutschen Rechtsbuche in ähnlicher Weise der Ur-
banstag als ein entscheidender und die Rechtsver-
hältnisse der Winzer begrenzender Zeitpunkt hin-
gestellt.
Da nun der Gedenktag des heiligen Urban von
Langres auf den 23. Januar fällt, der als Grenz-
und Markttag für die Arbeiten in den Weinbergen
nicht in Betracht kommen kann, so wird wohl als
der Urbanustag des Sachsenspiegels der 25. Mai
anzusehen sein, der Namenstag des heiligen Papstes
Urban. Begünstigt ist das Patrionat dieses Heiligen
noch durch den Umstand, daß er auf seinen Bildern
als sinnbildliche Beigabe auch einen Kelch trägt,
weil er nach dem Uber pontitiealis befohlen hat,
daß alle für die Feier des heiligen Meßopfers be-
stimmten Gefäße von Gold oder Silber sein sollten.
Auch andere Männer haben sich außer diesen als
besondere Schutzpatrone des Weinbaues verehrten
Heiligen um die Pflege der köstlichen Himmelsgabe
verdient gemacht. Im Elsaß wird als Patron der
Winzer, wie die „Esäßischen Geschichtsbilder" von
Slawyk mittbeilen, noch heute der Papst Leo IX.,

ibr großer und heiliger Landsmann, verehrt. Am
Rheine erfreut sich Karl der Große hoher Ver-
ehrung, da er dem Weinbau besondere Aufmerksam-
keit geschenkt hat. So führt denn Geibels sinniges
Gedicht (Rheinsage) den deutschen Kaiser über die
Rebenhügel des Rheins und läßt ihn noch jetzt
längs des deutschen Stromes seine Reben segnen,
sodaß seine Nachkommen auch heute noch deutsches
Blut und deutsche Kraft in ihren Adern rollen
fühlen.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. August.
— Der „Neichsanzeiger" veröffentlicht den Ent-
wurf eines Gesetzes über die privatrechtlichen Ver-
hältnisse der Binnenschifffahrt.
— Zu der Konferenz der Finanzminister
in Frankfurt am Main theilt die „Berliner Börsen-
zeitung" mit, daß dieselbe nicht durchweg von den
Finanzministernselbst, sondern zum Theil von Ver-
tretern derselben besucht werden wird. Hinsichtlich
der Stenerprojekte des Herrn Miquel heißt es in
dem Artikel der „Börsenztg.": „Den verbündeten
Negierungen ist es ernstlich darum zu thun, bei
Beschaffung derDeckungsmittcl für den militärischen
Mehrbedarf die Lasten auf die tragfähigen Schultern
zu übertragen. Indessen macht gerade dies, wie
man sich in maßgebenden Kreisen nicht verhehlt,
erhebliche Schmierigkeiten, soll den neuen Steuern
nicht der Charakter der Ungerechtigkeit inne wohnen,
soll es nicht aussehen, als ziehe der Staat die Be-
sitzenden in ungerechtfertigt hoher Weise vornehm-
lich heran, wenn es sich um Deckung von Bedürf-
nissen handelt, deren Entzweck doch allen Reichs-
bewohnern gleicherweise zu gute kommt. In diesem
Sinne sind Meinungsäußerungen seit einiger Zeit
zwischen den betheiligten Ressortchefs gleichsam in
privater Weise bereits gewechselt worden. Der Be-
griff der Luxussteuer ist ein überaus dehnbarer.
Greifbare Gestalt scheint nur das Eine angenommen
zu haben, den Tabak als Luxus zu be-
zeichnen und dem entsprechend zu he-
tz a ndeln."
— Die offizielle Zusammenstellung derStimmen-
zahl, die bei den letzten Reichstagswahlen jeder der
einzelnen Parteien zugefallen ist, wird noch geraume
Zeit auf sich warten lassen. Inzwischen liegt eine
private Zusammenstellung vor. Nach dieser haben
die Konservativen rund 980 000, die Rcichspartei
400 000, die Nationalliberalen 960 000, das Zen-
trum 1 200 000, die freisinnige Volkpartei 590 000,
die freisinnige Vereinigung 352000, die süddeutsche
Volkspartei 165 000, die Antisemiten 340 000,
die Sozialdemokraten 1 700 000 Stimmen erhalten.
Der Stimmenzahl nach ist also die Sozialdemo-
kratie die stärkste Partei, darauf folgen Zentrum,
Konservative, Nationalliberale, freisinnige Volkspartei,
Freikonservative rc. Zugenommen haben die Sozial-
demokraten wie die Antisemiten um rund 300 000
Stimmen, die Konservativen um 100 000. Ver-
lorenhaben die Freisinnigen 220 000, die National-
liberalen 200 000, die Reichspartei 70 000.
— In den letzten Wochen sind gewaltige

Mengen von Heu aus Rußland über die schlesische
Grenze eingeführt worden. Doch haben neuerdings,
wie verlautet, die russischen Zollämter die Weisung
erhalten, die Ausfuhr von Heu und Klee nach
Deutschland nicht mehr zu gestatten. In Deutsch-
land selbst ist die Beförderung von Stroh und
Futterstoffen so bedeutend, daß die Eisen-
bahnen dadurch schon jetzt ungewöhnlich stark in
Anspruch genommen sind und gegen den Herbst
hin voraussichtlich besondere Anstrengungen werden
machen müssen, um allen Ansprüchen zu genügen.
Die betheiligten Kreise werden daher gut thun, ihre
Bestellungen, auch auf Düngemittel, möglichst bald
zu machen, damit nicht die rechtzeitige Lieferung
schon in Folge eines Wagenmangels auf den Eisen-
bahnen vereitelt werden.
Nürnberg, 1. Aug. Anfangs Oktober wird
der bayerische Deutschfreisinn einen Partei-
tag behufs Stellungnahme zur Neugestaltung der
parlamentarischen Partei, zur Organisation und
zum Parteinamen abhalten.
Ausland.
Pest, 1. Aug. Der „Pester Lloyd" bestreitet
die Angabe, daß Rußland die Verhandlung mit
Oesterreich-Ungarn benutzen wolle zum Druck auf
Deutschland. Die österreichischen Handelsbeziehungen
zu Rußland seien geringfügig. Sie könnten mit
jenen zwischen Rußland und Deutschland in keinen
Vergleich kommen.
Paris, 1. Aug. In einer Wahlversamm-
lung wurde der frühere Minister Aves Guyot
vom Volk ausgepsiffen wegen seiner Reden über
die Arbeitsbörse und mußte die Tribüne ver-
lassen, ohne sprechen zu können. Die Kandidatur
Goblets wurde ausgerufen.
Cowes, 1. Aug. Kaiser Wilhelm wohnte
der Aachtwettfahrt an Bord der Aacht des Prinzen
von Wales, „Britannia", bei, um das Segeln des
„Meteor" beobachten zu können. Abends fand ein
großes Familienfest statt. Der Kaiser saß rechts
vom Prinzen von Wales, links von der Königin.

Aus WuH unö Jern.
* Karlsruhe, 1. Aug. Zur Kaiserparade
hat nach einer Bekanntmachung des Präsidiums
des Badischen Militärvereinsverbandes das König-
lich preußische Kriegsministerium die Aufstellung
der Militärvereine in der Zahl von höchstens 5000
Mitgliedern ausnahmsweise gestattet. Jeder Verein
ist ermächtigt, eine Abordnung von drei Mann
zu senden: außerdem kann jeder Verein mit mehr
als 150 Mitgliedern auf je 50 über diese Zahl
hinaus vorhandene Mitglieder einen weiteren Ver-
treter senden. Den Vereinen wird ein Raum von
400 bis 600 Meter Front überlassen und es muß
darum die Aufstellung acht bis zehn Glieder tief
sein. Die Fahrpreisermäßigung ist von der Großh.
Generaldirektion für alle genehmigt, welche das
Vereinsabzeichen tragen, auch wenn sie auf dem
Paradefeld nicht mehr Unterkommen finden können.
* Mannheim, 1. Aug. Ein Jubiläum,
wie es wohl wenige Väter zu begehen in der Lage

Hine öunki'e HhcrL.
Roman von P. E. von Ar eg.

15) (Fortsetzung.)
Das war aber auch das Einzige, bis wohin
er bis zur Stunde gelangt war.
Und doch wurde er nach wenigen Tagen durch
ein Ereigniß in direkte Verbindung mit der Fa-
milie seines Nachbarn gebracht.
Es war Sonnabend am frühen Morgen,
Doktor Schwanenfeld hatte seine Toilette gemacht
und wartete ans das Erscheinen seiner Patienten,
die sich in den frühen Morgenstunden zumeist
schon zahlreich einzustellen pflegten.
Plötzlich hörte er die Thür des Vorzimmers
öffnen und einen leichten Schritt in demselben,
der wieder zögernd innehielt. Er ging hinaus,
um sich zu überzeugen, wer eingetreten sein könne,
und befand sich im nächsten Augenblick seiner
schönen Nachbarin gegenüber. Das Mädchen
war nur im Hauskleidchen und ohne Kopfbedek-
kung,- offenbar war sie nur eilends über die
Straße herüber geschlüpft. Aber ihre Augen
standen voll Thränen und ein Zug voll Angst
und Sorge lag um ihren Mund.
„Ach, Herr Doktor", sagte sie bittend, „haben
Sie doch die Güte, so rasch als möglich zu uns
zu kommen. Meine gute Mutter ist plötzlich sehr
krank geworden; wir wollten uns eben zum Kaffee
niedersetzen, als sie Plötzlich bewußtlos zusammen-
brach. Kommen Sie ja ungesäumt, rasche Hilfe
thut Noth."

Das Alles sprach sie mit bebenden Lippen
und einer Stimme, die vor innerer Aufregung
zitterte. Die schwere Sorge des guten Kindes
um die treue Mutter lag in jedem ihrer
Worte.
„Ich folge Ihnen auf dem Fuße, mein
Fräulein," erwiderte der Arzt. „Eilen Sie mir
voraus und treffen Sie Vorsorge, daß die Kranke
alsbald ins Bett gebracht wird."
Sie sprang mit leichten, flüchtigen Füßen
davon und wenige Minuten später trat der Dok-
tor in das Haus seines Nachbars, nachdem er
seiner Hauswirthin anbefohlen hatte, ankommende
Patienten auf seine baldige Rückkehr zu ver-
trösten.
Er fand die schon über fünfzig Jahre alte
Frau des Kommissionärs Wienbrand ins einem
bedenklicheren Zustande, als er erwartet hatte,
denn was er nach dem Berichte der Tochter für
einen Ohnmachtsanfall gehalten, stellte sich, so-
bald er die Frau sah, als Schlagfluß heraus. Er
säumte nicht, an der noch immer völlig Bewußt-
losen die erforderlichen Wiederbelebungsversuche
vorzunehmen und es glückte ihm in der That,
mit seinen Bemühungen zu einem wenigstens
theilweise befriedigenden Resultate zu gelangen.
Es stellten sich deutliche Anzeichen des wieder-
kehrenden Bewußtseins ein, allein die Sprechfähig-
keit schien vorläufig wenigstens verloren und eine
Lähmung der rechten Körperhälfte war zu kon-
statiren. Der Fall war also schwer genug und
wenn sich die Erscheinungen wiederholen sollten,
stand mit aller Wahrscheinlichkeit zu erwarten,

daß die Frau heute ihren letzten LebenZtag ver-
bringen würde.
Vater und Tochter, die während der Thätig-
keit des Arztes das Zimmer verlassen gehabt
hatten, kehrten jetzt zurück. Die Zärtlichkeit mit der
das Kind sich über das Bett der kranken
Mutter beugte, und ihre Freude, als sie sah, daß
die Kranke matt das Auge aufschlug und mit der
gesunden linken Hand nach der der Tochter faßte,
ließen deutlich erkennen, daß das Verhältniß
zwischen Mutter und Kind ein sehr inniges war.
Aber trotz ihrer Freude blieben die Thränen im
Auge des Mädchens stehen; sie erkannte mit ihrem
angsterfüllten Herzen deutlich, daß sie eine sehr
Kranke vor sich habe, und trotz der Selbstbe-
herrschung, die sie muthig sich auflegte, klang ihre
Stimme sehr bewegt, als sie sagte:
„Sie geben uns sicherlich die besten Hoffnungen,
Herr Doktor. Wir werden gewiß unsere gute
Mutter recht bald wieder genesen sehen."
Es wäre dem Doktor unmöglich gewesen,
diese vertrauensvolle Zuversicht durch einen rück-
haltslosen Ausspruch über das Bedenkliche des
Zustandes der Kranken zn vernichten.
„Ich hoffe mit Ihnen, mein Fräulein", sagte
er, mit freundlichem Lächeln. „Was meine Kunst
vermag, ist hier geschehen und es wird nichts un-
versucht gelassen werden, was nach menschlichem
Wissen die wunderbare Heilkraft der Natur zu
unterstützen vermag."
Er ging zum Tische und setzte sich dort nieder,
um sein Rezept zu schreiben, während sich das
Mädchen einen niederen Schemel herbeiholte, um

sich neben dem Bett der Kranken darauf nieder
zu lassen.
Der Doktor versprach beim Abschied, um die
Mittagsstunde wieder nach seiner Patientin zu
sehen. Der Kommissionär begleitete ihn hinaus,
er war bis jetzt nur ein stummer Zuschauer bei
dem Besuche des Arztes gewesen. Jetzt aber ging
er die Treppe mit hinunter und nöthigte unten
im Flur den Arzt in das Geschäftszimmer.
„Ich habe aus Ihrer Rede vorher wohl er-
kannt, Herr Doktor", sagte er nachdem er den
Arzt eingeladen, sich mit ihm auf dem Sofa
niederzulassen, „daß Sie meiner Tochter gegen-
über die Schonung an die Stelle der Wahrheit
haben treten lassen. Ich bin Ihnen dafür von
Herzen dankbar, denn die Kleine hängt mit aller
Liebe an der Mutter und es würde ihr jedenfalls
sehr wehe gethan haben, wenn sie die Wahrheit
hätte hören müssen. Bei mir bedarf es selbstver-
ständlich solcher Rücksichten nicht. Ich bitte Sie
deßhalb sich gegen mich jetzt ohne allen Rückhalt
auszusprechen."
„Das will ich gern", entgegnete der Arzt.
„Der Fall ist schwer und wenn ich mich ganz
offen aussprechen soll, so darf ich Ihnen nicht
verhehlen, daß meine Hoffnungen auch auf eine
nur theilweise Genesung ziemlich gering sind. Die
rechte Seite der Kranken ist bereits gelähmt, wenn
weitere Blutergießungen in das Gehirn statt-
finden sollten, so kann meine Kunst hier nicht
mehr helfen."
„Ich hatte das erwartet", entgegnete Wien-
brand mit einem tiefen Seufzer. „Halten Sie
mich nicht für kleinmüthig", fuhr er fort, „ich
 
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