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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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Neuer

Nummer 286.

Freitag, 16. November 18S3.

General-W Anzeiger

für Heidelberg und Umgegend

belesenstes Blatt iir Stadt «. Antt Heidelberg und Ltn»g«s«ird. Grstzte« Lrfslg firv Inserat«.

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Telephon-Anschluß Nr. 1V2.

liot! Ich hätte es Dir gar nicht gesagt, aber
ich wollte es Dir nur klar machen, daß ärztliche
Kunst mir nicht Helsen kann. Vergiß, was ich
Dir gesagt habe. Lionel muß selbstständig wählen.
Wenn er Beatrix vorzieht, und — ich — ich
sürchte den Tod nicht."
Ihre traurige Miene und die beiden Thränen,
welche sie gewaltsam hervorbrachte und aus ihren
Augen sollen ließ, brachten Lady Folliots Schmerz
auf den höchsten Punkt.
Die Baronin stand hastig aus, machte einen
raschen Gang durch's Zimmer, näherte sich dann
dem Mädchen wieder und sagte in bebendem
Tone:
„Möge der Himmel es mir verzeihen, wenn
ich ein Unrecht gethan habe, Nerea. Ich wollte
diese Heirath zu Stande bringen, um Euch Beide,
Dich und Lionel glücklich zu machen. Er kann
nicht ganz und gar für Beatrix eingenommen
sein; er muß dich lieben. Ich will auf mein
Zimmer gehen und ihm schreiben, er möge unver-
züglich zurückkehren."
Und die Baronin eilte fort auf ihre Gemächer,
um ihrem Schmerze und ihren Gewissensbissen in
der Einsamkeit Ausdruck zu geben und an Sir
Lionel Charlton einen Brief zu schreiben, worin
sie ihn auf die zarteste Art und Weise davon in
Kenntniß setzte, daß er das Herz Nereas gewonnen
habe und daß das Leben des zarten Mädchens
von ihm abhänge.
„Der Himmel ist mein Zeuge," dachte di
arme Dame in ihrer Betrübniß, „daß ich da
Geheimniß des armen Kindes mit meinem Leben
beschützen wollte, wäre nicht ihr Leben dabei selb^

siren, sondern vor Allem auch an die betreffenden
Vertreter ihrer Wahlbezirke selbst.
Es gibt nur — worauf wir bereits hingewiesen
haben — eine Steuer, welche im Ernst die gegebenen
Zusagen einlösen kann, die progressive Einkommen-
steuer. Würden aber bei unbedingter Ablehnung der
Wein- und Tabakfabrikatsteuer die Matrikularbei-
träge der Einzelstaatcn vorerst d. h. bis zur Er-
kämpfung der progressiven Einkommensteuer auch
wachsen, — womit man jetzt eine Pression zu üben
meint, — so wäre dies nicht so schlimm, weil hier-
mit ja auch die gefürchtete „beträchtliche Erhebung
der direkten Steuer" ausgesprochen wäre, welche
ihrerseits nichts anderes ist als ein Uebergang zur
progressiven Einkommensteuer.
An dieser letzteren unbedingt festzuhalten ist der
einzige Schlüssel zur Erlangung der jetzt nvthwen-
digen Erhöhung der Reichseinnahmen, und dabei
sicher auch der erste Schritt zu der allerdings auch
nicht unnöthigen Reform „der finanziellen Bezieh-
ungen des Reiches und der Einzelstaaten."

Regierung aus. Sic hat dem Plane in Frankfurt
a. M. zwar zugcstimmt, ihn aber auf der zweiten
Berliner Finanzministerkonferenz nachdrücklich be-
kämpft. Politische Zeichendeuter werden nicht ver-
fehlen, darauf hinzuweisen, daß zwischen diesen
beiden Konferenzen der vielbesprochene Besuch
württembergischen Ministerpräsidenten Freiherrn v.
Mittnacht beim Fürsten Bismarck in Kissi
stattgefunden habe.
Karlsruhe, 9. Nov. Prinz Adolph vcn
Sch a u m b u rg - L i p pe, der Schwager des Kaisers,
hat sich mit seiner Gemahlin gestern von Schloß
Baden nach Bonn begeben. — In der Presse wird
hervorgehoben, daß der in die erste Kammer berufene
Landgerichtspräsident Kamm von Konstanz einer
ausgeprägteren konfessionell-katholischen Richtung an-
gehört, ohne deshalb der ultramontanen Partei,
Heeresfolge zu leisten. Der erste Vizepräsident der
ersten Kammer Frhr. Franz v. Bodmann darf
zu den Konservativ-Klerikalen gerechnet werden;
er ist nicht vom Landesherrn in das Haus berufen,
sondern gehört ihm schon lange an als erwähltes
Mitglied des grundherrlichen Adels oberhalb der
Murg. Auch des Amtes als Vizepräsident hat er
schon länger und in Ehren gewaltet, insbesondere
auf dem letzten Landtag nach dem Tode des ersten
Präsidenten!, Geheimraths Serger.
Ausland.
Pest, 9. Nov. Die Ermächtigung des Königs
zur Vorlage betreffend das Eherecht, ist vom 9.
November, also von. Tage, wo der Ministerrath
unter dem Vorsitz des Königs auf der Ofener Burg
tagte, datirt. Sie erregt große Befriedignng.
Wekerle verbat sich jede Glückwünsche, Fackelzüge
und lärmende Kundgebungen. Man hofft, die
Genehmigung des Königs werde zahlreiche Mag-
naten, die Hofchargen und Würden bekleiden, von
der Wühlerei und Abstimmung gegen die Vorlage
im Oberbause abhalten, wodurch dort eine Mehr-
heit gesichert sein würde.
Budapest, 8. Nov. Die liberale Presse feiert
durch Extrablätter die am späten Nachmittag ein-
getroffene Nachricht von der Einwilligung des
Königs zur Einbringung des Civilehege-
setzentwurfs. Wekerle wird morgen vor
Beginn der Budgetdebatte dem Hause hiervon
Mittheilung machen, die Vorlage jedoch erst ein-
reichen, wenn der umfangreiche Mvtivenbericht ganz
vollendet ist.
London, 9. Nov- Wie die „Daily-News"
erfährt, hatte Major Forbes den Schaaren Loben-
gulas bei Fort Salisbury eine Entscheidungsschlacht
geliefert und ihnen ernste Verluste beigebracht.
Die Nachricht klingt in dieser Fassung sehr un-
wahrscheinlich. Sind die beiderseitigen feindlichen
Truppen nach den letzten Kämpfen bei Buluwayo,
wo die Engländer stehen blieben, bereits wieder

Verborgenheit bleiben würden, deren sie sich vor
der drohenden „Reichsfinanzreform" erfreuten.
Wenn man heutzutage die Worte: „Reichs-
finanzreform", „In die Wegeleitung der finanziellen
Beziehungen u. s. w." hört, so denkt man, trotz
des verhüllenden Dunstes langathmiger Artikel dar-
über, sofort an das was gemeint ist, an Vermeh-
rung der Steuerlast, und keinerlei Verquickung mit
irgend welchem anderem Gedankenstoff ist im Stande,
uns d. h. die Steuerzahler hierüber zu täuschen und
unsere Augen von der drohenden Gefahr abzulenken.
Trotz der wunderlichsten Ausdrücke, trotz der selt-
samsten Orakeltöne verwandelt sich vor unseren
Blicken das schöne Wort: „Finanzreform" unwill-
kürlich in das immer abstoßende „Steuererhöbung."
Alle die hochtrabenden Phrasen können uns also
nur verdrießen; „man merkt die Absicht und man
wird verstimmt."
Es ist ja freilich Beides wahr: Die Vermeh-
rung des Heeres macht auch mehr Einnahmen
nöthig und auch die Reichsfinanzen sind nament-
lich „in ihren Beziehungen zu den Einzelstaaten"
in einem Zustand, daß man eine Reform auf
diesem Gebiete sehr wohl brauchen könnte. Allein
nur Beides nicht mit einander verquicken! Nur
nicht die Erhöhung der Steuern bemänteln und
„in die Wege leiten" wollen unter der Fahne einer
Steuerreform in den „finanziellen Beziehungen des
Reiches zu den Einzelstaaten!"
Was die Steuerreform anbelangt, so bringe
man einen besonderen Gesetzentwurf über diesen
Gegenstand, der wichtig genug dazu ist, vor den
Reichstag. Je billiger und vernünftiger dieser Ent-
wurf ausfallen wird, desto mehr hat er auf An-
nahme zu rechnen. Bringt er aber Begünstigung
einzelner Staaten oder Gegenden oder hervorragender
Interessen, so wird ihn der Reichstag hoffentlich
an der Schwelle abweisen; denn nur eine voll-
kommen billige und gerechte Steuerreform, die rein
als solche hcrvortritt und einleuchtet und sich vor
allen Dingen vor Miteinschleppung einer Steuer-
erhöhung hütet, kann die „finanziellen Beziehungen"
des Reiches zu den Einzelstaaten befriedigend ge-
stalten und endgültig ordnen.
Was aber die wegen Annahme der Militär-
vorlage nun einmal nöthig gewordene Vermehrung
der Reichseinkünfte anbelangt, so hat man hierüber
bereits einen Anhaltspunkt in den vielfach ge-
machten Zusagen, daß sie nur von den stärkeren
Schultern getragen werden soll. Hieran haben
die Reichsboten und im Besonderen auch derjenige
unseres Bezirks unbedingt festzuhalten. Es wird
gut sein, wenn die von den jetzigen Entwürfen be-
drohten Interessenten, welche wahrlich nicht durch-
gehends die stärkeren Schultern haben, ihre Vota
und Resolutionen nicht bloß an den Reichstag oder
an die öffentliche Meinung im Allgemeinen adres-

Folliot bemitleide mich. Es ist nur die Liebe
für Lionel, welche mein altes Herzleiden wieder
zurückbringt."
Die Wirkung dieser geschickten Züge war, daß
Lady Folliot den tiessten Schmerz empfand.
Sie war es also, welche an diesem großen
Unheile selbst schuld war. Ihre vermeintliche
Nichte wollte sterben, weil Sir Lionel Charlton
ihre Liebe nicht erwiderte, und daran war nur
sie allein — Lady Folliot — schuld. Sie wurde
todtenbleich und ihre Augen drückten den Schmerz
und die Gewissensbisse aus, die sie über ihre Acht-
losigkeit empfand.
Sie neigte sich vorwärts, nahm das Mädchen
in ihre Arme, küßte sie leidenschaftlich und weinte
bitterlich über sie.
„Mein Liebling — mein armer Liebling!"
rief sie aus, „weine nicht so. Alles wird gut
werden. Lionel bewundert Dich — liebt Dich!
Du sollst seine Gattin werden, Nerea — seine
geliebte, angebetete Gattin, Nerea, jedes Schluchzen
von Dir zerreißt mir das Herz. Ach, was habe
ich gethan, mein armes, unschuldiges Lamm?
Erheitere Dich, werde munter, mein Liebling;
ich will Lionel Morgen zurückrusen."
„Vertraue auf mich. Ich wiederhole es Dir
— es soll noch alles gut werden."
Die Betrügerin that, als bekämpfe sie ihren
scheinbar so gewaltigen Schmerz und ließ sich von
Lady Folliot umarmen und liebkosen mit trauriger
Zärtlichkeit und dann machte sie sich mit dem
Seufzer einer Märtyrerin aus den Armen der
Baronin los und sagte sanft:
„Mache Dir doch keine Vorwürfe, Tante Fol-

gangen
kümpsung gemeingefährlicher Krankheiten. Es ist
dies der Entwurf, welcher mit einigen Modifika-
tionen bereits dem aufgelösten Reichstage vorge-
legen und dort nicht zur Erledigung gelangt ist.
Der Entwurf behandelt 'in 6 Abschnitten und 43
Paragraphen die Anzeigepflicht; Ermittelung der
Krankheit; Schutzmaßregeln; Entschädigungen;
allgemeine Vorschriften und Strafbestimmungen.
Die Begründung erörtert sehr eingehend die Bc-
dürsnißfrage mit Hinweis auf die Erfahrungen,
welche gegenüber den Epidemien der letzten Jahre
gemacht worden sind, und betont, daß der Ent-
wurf auf dem Ergebniß umfassender Berathungen
des Reichsgesundheitsamts, die unter Hinzuziehung
der hervorragendsten Sachverständigen Deutsch-
lands stattgefundcn haben, beruhe. Von dem
früheren unterscheidet sich der gegenwärtige Ent-
wurf dadurch, daß er die Bestimmungen über
die Bekanntmachung des Ausbruchs und jeweiligen
Standes einer Seuche nicht mehr enthält.
— Die Art und Weise, wie die amtlichen Schrift-
stücke über die Steuerpläne bekannt geworden sind,
wird von den Blättern scharf getadelt; sie sei, schreibt
die „Nat."sachlich verkehrt und formell ungehörig.
Allein angemessen wäre die Veröffentlichung des
ganzen Materials durch den „Reichsanzeiger" ge-
wesen. Derselben Ansicht ist auch die „Freis. Ztg.",
welche die stückweise Veröffentlichung der Gesetzent-
würfe, ihrer Begründung und der Denkschrift kritisieren.
— Der Widerstand gegen eine Rei ch sw e in-
steuer ging vorzugsweise von der württembergischen

Deutsches Reich.
Berlin, 9. November.
Dem Bundesrath ist ferner zuge-
der Gesetzentwurf, betreffend die Be-

Zur Reichsfinanzreform.
Seltsame Artikel werden bisweilen dem Publikum
gewisser Seite servirt, welches allerdings ein „sehr
^Neigtes" sein muß, wenn es an den ganz merk-
Astdjg gewundenen Sätzen und seltsamen Gedanken-
^Ugen ein Wohlgefallen finden soll, die ibm da auf-
^ischt werden. Nicht ohne ein ängstliches Gefühl kann
daran gehen, in einen solchen Artikel ein-
bringen, weil die Wortwahl und der Periodenbau
'Ain ungewöhnliche Anforderungen theils an das
^rständniß, theils an die Bescheidenheit des Lesers
Allt, und dann weil der Inhalt der mühsam und
Wecht verzuckerten Pille meist ziemlich bitter ist.
Unter obigem Titel lasen wir jüngst folgendes
Alhetische Orakel: „Bei der polemischen Behand-
Urig einzelner in Aussicht genommener Steuer-
^°jekte scheint mehr und mehr vergessen zu werden,
sichern Grundgedanken die eingeleitete Reichsfinanz
A°rm ihre eigentliche Entstehung verdankt." „Ziel
Und Zweck dieser reformatorischen Action ist nicht
Ava nur darauf gerichtet, eine Deckung der im
"Achshcmshalt vorliegenden Mehrausgaben ohne
weitere Inanspruchnahme der Einzelstaaten herbei-
«uführen, sondern ebenso sehr darauf", — man
Me! — „eine organische Auseinandersetzung der
fischen dem Reich und den Einzelstaaten bestehen-
Au finanziellen Beziehungen in die Wege zu
leiten."
„In die Wege!" Was werden das für „Wege"
Au? Offenbar waren besagte „finanzielle Be-
dungen" bisher noch gar nicht „in die Wege"
leitet, sondern steckten noch weglos irgendwo in
^zugänglichem Sumpf und Dickicht. Aber jetzt
Arden sie heraus kommen, sie werden sich freuen,
^Uen ordentlichen gebahnten Weg gefunden zu haben
Und dann werden sie auf demselben unaufhaltsam
Ahin gehen, wo Menschen sind und werden, als
Ustanzielle Beziehungen, ein gründliches Studium
At dem Geldbeutel derselben vornehmen. Ja,
dieses wird der geheimnißvollen langen Rede kurzer
^Ud allzu klarer Sinn sein: diese „organische
Auseinandersetzung" wird uns muthmaßlich ziemlich
Ml Geld kosten. Darum wäre es uns viel lieber,
^enn diese bedenklichen „finanziellen Beziehungen",
Alche da so sanft angesäuselt kommen, gar nicht
iu die Wege geleitet, sondern in der glücklichen

Die Jagd nach einer Erbin.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
. „Bist Du müde, Nerea, meiu liebes Kind?"
'APe Lady Folliot in ungemein zärtlichem Tone:
"Möchtest Du Dich vielleicht zurückziehen?"
n Die Antwort der Betrügerin war für den
^Uscher unhörbar.
- Das Mädchen saß zu weit entfernt von dem
TAster, als daß auch nur der leiseste Ton ihrer
Minime an sein Ohr dringen konnte.
j „Das ist freilich sehr gut," sagte die Baronin
M wieder, die dem Fenster viel näher saß, als
Ave junge Gefährtin, so daß Kaspar Voe sie
Mlich hören konnte. „Aber ich bin Deinethalben
Ausstich besorgt. Dieser Schmerz im Herzen,
u«er den Du heute klagtest, beunruhigt mich.
Ä glaube, Du bist nicht wohl genug, um nach
Addon reisen zu können. Ich werde Sir
5Awry Gram telegraphieren, er soll uns
buchen."
-. Abermals war die Antwort der Betrügerin
Ar Kaspar Voe vollständig unverständlich, aber
Mel konnte er sehen, daß sie entschieden Prote-
ste.
H Da das falsche Fräulein Bermyngham eine
Rankheit heuchelte, so war es ihrem Zwecke nicht
Absprechend, daß ein berühmter Londoner Arzt
A ihr gerufen werden sollte. Sie wagte es nicht,
A Betrug aufdecken zu lassen, den sie verübte.
"Es thut mir leid, Nerea, daß Du eine so große

Abneigung gegen alle Aerzte hast," sagte Lady
Folliot ernst.
Das falsche Fräulein Bermyngham zuckte die
Achseln. Dann rückte sie mit gesenkten Augen
— der Beobachter hatte bereits bemerkt, daß sie
ihre schweren Lider meist gesenkt hielt — näher
zur Baronin hin und setzte sich auf einen Schemel
der Lady zu Füßen. Ihre nächsten Worten
blieben so wie die, welche sie zuvor gesprochen hatte,
dem Lauscher unverständlich, aber sie waren in
Wahrheit nichts Anderes, als ein Geständniß
ihrer Liebe für Sir Lionel Charlton, das sie in
einem Tone ablegte, als würde es ihr wider
Willen entrissen.
„O, Tante Folliot," sagte die schlaue, kleine
Schauspielerin, mit ruchloser Hand mit der groß-
müthigen Seele der Baronin spielend, „mir kann
kein Doktor helfen. Ich glaube, ich wäre von
meiner Krankheit ganz hergestellt, ich brauchte
nichts weiter, als Deine Liebe und Sorgfalt.
Aber jetzt — die Ursache, warum ich leidend bin
— Du weißt, was es ist, liebe Tante Folliot.
— O gewiß, Du weißt, was es ist."
Sie vergrub ihr Gesicht in Lady Folliot's Kleid.
„Mein liebes Kind," sagte die Baronin auf-
geregt und verwirrt, „was meinst Du nur? Ist
es — ist es der Kummer wegen Lionel?"
„Das Mädchen nickte mit dem Kopie. — „Ja,
ja", sagte sie und ihre Stimme wurde von
Schluchzen unterbrochen. „Du wolltest, daß ich
ihn liebe. Du sagtest mir, daß ich ihn heirathen
solle. Und so — und so — liebe ich ihn. Und
ich sürchte, er liebt mich nicht. Wenn er mich
aber nicht liebt, dann muß ich sterben. Tante

Lsvtrvähreird
^rden von allen Postanstalten, Landbriesträgern,
Östren Agenün und Trägerinnen Abonnements
Vtlgegengenommen.
 
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