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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.44142#0321

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General

mger

für Heidelberg und Umgegend

Expedition: Knuptltvcrße Nr- 25.

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holung entsprechender Rabatt.

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Expedition: Kcruptstraße Mr. 85.

231.

verantwortlicher Redakteur:
lserm. Streich.

Samstag, den 30. September

1893.

Druck und Verlag:
tjeckmann, Dörr L Wurm.

Deutsches Reich.
Berlin, 29. September.
— Alle Angaben über den Zeitpunkt der Ein-
berufung des Reichstages sind natürlich ver-
früht. Darüber wird erst nach der Wiederauf-
nahme der regelmäßigen Thätigkeit des Bundesraths
beschlossen werden. Richtig ist nur soviel, daß die
Absicht besteht, diesmal wieder zu der vorübergehend
aufgegebenen, langjährigen Ordnung zurückzukehren
und den deutschen Reichstag zwischen dem 16. und
23. November einzuberufen, den preußischen Land-
tag dagegen zu dem verfassungsmäßig erlaubten
äußersten Zeitpunkt, nämlich Mitte Januar. Von
dieser Eintheilung abzugehen, liegt diesmal kein
Anlaß vor. Der Bundesrath wird in der zweiten
Oktobcrwoche seine regelmäßige Thätigkeit auf-
nehmen. Er findet, auch wenn bis dahin die
Steuervorlagen noch nicht abgeschlossen sein sollten,
was überaus wahrscheinlich ist, einen reichhaltigen
Arbeitstoff vor, meist aus Rückständen bestehend.
Von wichtigen Entwürfen, die ihm alsbald außer
den Steuervorlagen zugehen sollen, ist namentlich
der Entwurf eines Reichsseuchengesetzes zu er-
wähnen. Derselbe ist inzwischen einer völligen
Umarbeitung unterzogen worden, die nahezu be-
endet ist. Doch besteht die Absicht, noch vor dem
Abschluß der Arbeiten über einige umstrittene Punkte
hervorragende Sachverständige zu vernehmen.
Wünschenswerth wäre es, wenn der nmgearbeitete
Entwurf, der tief in alle Verhältnisse eingreift,
unmittelbar nach der Einbringung in den Bundes-
rath veröffentlicht würde, damit den weitesten
Kreisen rechtzeitig Gelegenheit gegeben werde, Ent-
würfe und Bedenken gegen Einzelheiten der vorge-
schlagenen Bestimmungen zur Geltung zu bringen.
— Wie wir erfahren, sind die Erwägungen da-
rüber noch nicht abgeschlossen, ob die neuen Reichs-
steuervorlagen, sobald sie zur Zustellung an den
Bundesrath fertiggestellt sein werden, sogleich ver-
öffentlicht werden sollen oder nicht. Der preußische
Finanzminister ist dafür; und auch an sonstigen
in Betracht kommenden Stellen verkennt man nicht,
daß die Oeffentlichkeit ein Recht hat, zu verlangen,
daß ihr der Wortlaut so wichtiger in alle Verhält-
nisse tief einschneidender Endwürfe so schnell als
möglich bekannt gemacht werde. Anderseits sieht
man aber voraus, daß der Bundesrath an diesen
Vorlagen nicht unwesentliche Veränderungen vor-
nehmen wird, und hält es deshalb für rathsam,
sie erst in der Gestalt bekannt zu geben, in welcher
sie an den Reichstag gelangen sollen. Die Ent-
scheidung wird wohl erst nach der Fertigstellung
der Entwürfe getroffen werden.
— Wie die Berliner Volkszeitung" von einer

Seite, die sich bisher stets als gut unterrichtet
erwiesen hat, erfährt, sind die Prozentsätze, welche
bei Einführung der Fabri katsteu er als Steuer
von den verschiedenen Tabakfabrikaten erhoben werden
sollen, in dem Regierungsentwurf, wie folgt fest-
gesetzt: für Zigarren auf 40, Zigarretten auf 100
Rauch-, Kau- und Schnupftabak auf 120v/g vom
Werth. Die starke Differenz zwischen dem von
anderen Tabaken erhobenen Steuersatz wird damit
gerechtfertigt, daß in dem Preise der Zigarren nicht
nur die sehr bedeutenden Kosten für die Aus-
stellung, sondern auch ein hoher Prozentsatz an Arbeit
enthalten ist, und die Steuer nur den Tabak nicht
aber die Nebcnspesen und vor Allem nicht den
Arbeitslohn treffen soll. Daß dabei aber, wie die
Regierung annimmt, keine irgendwie wesentliche
Abnahme im Konsum von Rauch-, Kau- und
Schnupftabak eintreten sollte, ist doch sehr unwahr-
scheinlich. Gerade den billigen Rauchtabak rauchen
nur unbemittelte Leute, und für diese wird eine
Vertheuerung, die sich nach Abzug der fortfallenden
Steuer auf rund 80—90 pCt. stellen wird, einem
Verbot des Rauchens so ziemlich gleichkommen.
— Wie die „Nordd. Allg? Ztg." erführt,
sollen sich in dem Haushaltsetat, welcher im No-
vember im Reichstag vorgelegt werden wird, be-
deutende Forderungen für die Marine befinden.
— Gegenüber der Zeitungsnachricht, daß die
gcsetzliche RegeIung der Entschädigung
für unschuldig Nerurt heilte in nächster
Zeit nicht erwartbar fei, meldet die „Norddeutsche"'
daß die Regelung dieser Frage gleichzeitig
mit der Einführung der Berufung in
Aussicht genommen sei. Der Entwurf soll sich
außer auf diese beiden wichtigen Punkte noch auf
zahlreiche Aenderungen und Ergänzungen der
Htrafprozeßordnung und des Gerichtsverfassungs-
gesetzes erstrecken. Namentlich soll ein abgekürztes
schleuniges Verfahren gegen auf frischer
That betroffene und überführte Uebelthäter ein-
geführt werden, welches nach dem Vorbilde des
französischen und englischen Rechtes die sofortige
Aburtheilung ermöglicht. Der Entwurf soll vom
preußischen Justizministerium unter Betheiligung
des Reichsjustizamts ausgearbeitet und bereits in
allen Einzelheiten vollendet fein. Die einzige
Frage, worüber noch verhandelt wird, dürfte die
fein, ob die Entscheidung über die Berufung den
Oberlaudesgerichten oder den Landgerichten zu
übertragen sein solle.
Mainz, 28. Sept. Der Mainzer Gastwirtin
Verbanderbob in seiner gestrigen Generalversammlung
energisch Protest gegen die beabsichtigte Reichswein-
steuer. Abgesehen von der ungleichmäßigen Be-
lastung, welche die Steuer der südwestdeutschen Be-

völkerung auferlege, bringe dieselbe eine unerhörte
Belästigung des Weinhandels mit sich, öffne dem
Denunziantenwesen und der Schnüffelei Thür und
Thor. Der Gastwirthverband beschloß, seinen Vor-
standzubeauftragen, eine rasche umfassende Vereinigung
sämmtlicher deutschen Gastwirthe zur nachdrücklichsten
Agitation gegen die Reichsweinsteuer herbeizuführen.
Ausland.
Wien, 29. Sept. Kaiser Wilhelm richtete bei
seiner Abreise aus Oesterreich von der Grenz-
station Oderberg aus ein herzliches Danktelegramm
au Kaiser Franz Joseph, in welchem er demselben
für die freundliche Aufnahme nochmals seinen
Dank aussprach.
Budapest, 28. Sept. Heute gelangten in
den Straßen der Hauptstadt massenhaft Proklama-
tionen kommunistischen Inhalts in ungarischer
Sprache zur Vertheilung. Sie sind in einer
Druckerei der inneren Stadt hergestellt. Ihre Aus-
theilung ist bereits inhibirt worden; der Verfasser
wird gesucht.
Vern, 28. Sept. Das internationale per-
manente F ri e d ens b ur ea u, das dieser Tage in
Genf beisammen war, erläßt folgenden Ausruf:
„Die Unterzeichneten erachten cs als die Pflicht
aller guten Bürger und Friedensfreunde in Italien
und Frankreich, ihr möglichstes zur Aufrechterhal-
tung der freundschaftlichen Beziehungen beider Länder
zu thun. Sie empfehlen zu diesem Zwecke die
möglichst prompte Organisation eines permanenten,
aus Franzosen und Italienern zusammengesetzten
Komitss- Sie ersuchen die französische und die
italienische Presse, die zwischen beiden Völkern be-
stehenden Mißverständnisse zu beseitigen, nament-
lich zwischen den Arbeitern, im höchsten Interesse
des Friedens und der internationalen Solivarität.
Paris, 29. Sept. Wie ich höre, hat der
Ministerrath noch nichts Definitives über die
Reise Carnot's nach Toulon beschlossen. Wahr-
scheinlich wird der Empfang in Toulon einen rein
maritimen Cbarakter haben und der Marineminister
allein die russische Flotte begrüßen, Carnot dürfte
erst zur Abfahrt der Flotte nach Toulon reisen,
um den Pariser Besuch der russischen Offiziere zu
erwidern. — Der Konflikt zwischen der Regierung
und der Touloner Munizipalität ist beigelegt, da
Dupuy doch zugestimmt hat, einen Theil der Kosten
für die Empfangsfestlichkciten in Toulon zu tragen.
Rom, 29. Sept. Die „Aff. Jtaliana"
meldet, wenn Carnot zum Empfang des russi-
schen Geschwaders nach Toulon gehe, werde König
Humbert seinerseits dem englischen Geschwader
einen Besuch abstatten.
London, 29. Sept. Aus Buenos-Aires

wird berichtet, General Topuka sei verurtheilt
worden, standrechtlich erschossen zu werden.
Aus Wuy unö Jern.
" Mannheim, 27. Sept. Der Tabakfabrikant
Konsul Leani hat anläßlich eines Familienfestes
10 000 Mk. zur Gründung einer Hilfskasse für
Arbeiter seiner Neckerauer Magazine gestiftet.
* Mannheim, 28. Sept. Die Firma Alfred
Heinemann u. Cie., Bureau für Patent-Erwirkung
und Verwerthung dahier, hat gestern eine äußerst
sinnreiche Schnellfcuerflinte mit Doppelbewegung,
Erfindung des Herrn Martin Diem, Büchsenmacher
dahier, auf dessen Namen zum Patent angemeldet.
* Mannheim, 28. Sept. Das Steigen des
Oberrheins wird hier und am ganzen Mittelrhein
freudig begrüßt, denn es knüpft sich daran die Hoff-
nung, daß die seither nahezu brach liegende Schiff-
fahrt wieder in normale Verhältnisse kommen wird.
Wie sehr in Folge des niederen Rheinwasserstandes
die Eisenbahnen zur Zeit mit Vcrsandtgütern be-
lastet sind, beweist die Thatsache, daß täglich auf
der Hessischen Ludwigsbahn 2—3 Ertrazüge ein-
gelegt werden müssen.
* Aglasterhausen, 29. Sept. Ein tragischer
Unglücksfall ereignete sich dieser Tage in dem nahen
Unterschwarzach (Amt Eberbach). Daselbst befand
sich ein Knabe von 11 Jahren unter einer Brücke,
als zur selben Zeit die Brücke ein leeres Fuhrwerk,
welches im Felde Futter holen wollte, passirte. Das
Fuhrwerk streifte eine auf der Schutzmauer der
Brücke liegende lockere Steinplatte. Diese stürzte in
die Tiefe und zerschmetterte den ahnungslosen
Knaben. Der Tod ist jedenfalls augenblicklich ein-
getreten, da der Unglückliche trotz sofortiger Hilfe
kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Der Schmer;
und die Trauer der hartbetroffeneu Eltern ist un-
beschreiblich.
* Kiirbach (bei Bretten), 28. Sept. Mit der
Traubenlese wurde gestern begonnnen. Das Erträgniß
wird auf ca. 10 000 Hektoliter geschätzt. Das
Mostgewicht beträgt nach Oechsle Rotbherbst 90—
95, Auslese 100—102 Grad; Weißherbst durch-
schnittlich nur Prima-Oualität. Käufer sind an-
genehm.
* Bruchsal, 29. Sept. Ein fleißiger Ge-
schäftsmann von Mingolsheim wurde dieser Tage
in hiesiger Stadt von einem Schwindler um
nahezu 300 Mk. dadurch betrogen, daß letzterer
ihm sein Erbtheil verhandelte, das er bereits vor
* Eberbach, 29. Sept. Gestern ist der älteste
Mann unserer Stadt Herr Schneider Spohr in
einem Alter von 88 Jahren verschieden. Ein
Schlaganfall brachte ihm ohne langes Leiden
den Tod.


Unsere verehrlichen ersuchen wir, um Störungen Arrfaabe der Zeltmms- f"r bas Vierteljahr,
Posi-Abonmuic» «M Pfg.« MW»

Die Jagd nach einer Erbin.
Roman von Hermine Frankenstein.
12) (Fortsetzung.)
Der Augenblick der Prüfung war für die Be-
trügerin gekommen. Von dem Empfange, den
ihr Lady Folliot gewährte, hing ihr ganzes Leben
ab. Wenn die Baronin, ohne Argwohn zu fassen,
sie für die echte Nerea Bermyngham nahm, war
der Betrügerin ein Leben voll Reichthum, Glanz
und Uebersluß gesichert. Alle Annehmlichkeiten
des Lebens fielen ihr dann in Hülle und Fülle
zu; sie konnte eine glänzende Parthie machen und
würde verehrt und umworben werden. Aber wenn
die Baronin den Betrug entdeckte, welches Geschick
harrte dann ihrer? Armuth, Arbeit und Drang-
sale — vielleicht das Gefängniß! Ihre Vergangen-
heit würde aufgespürt werden, und diese barg ein
so dunkles Geheimniß, daß sie lieber sterben, als
es enthüllt sehen wollte.
Ihr Geschick hing also von Lady Folliot ab.
In ihrer gewaltigen Aufregung und Ungewißheit
schien ihr das Herz in der Brust stille zu stehen.
Trotz der verwegenen Rolle, die sie spielte, war
sie doch in ihrem Innern sehr feige. Wäre ihr
Gesicht nicht so gut geschminkt gewesen, es hätte
todtenbleich aussehen müssen. So aber veränderte
sich natürlich die hübsche Milch- und Blutsarbe
nicht 'fin Geringsten, aber die schwarzen Augen
des Mädchens öffneten sich weit; und ihr un-
schuldig aussehendes Gesicht schien gleichzeitig die
verschiedensten Empfindungen auszudrücken. Sie
stand da wie festgewurzelt, aber da sic ihre

Geistesgegenwart fast augenblicklich wieder er-
langte, stieß sie einen leisen Schrei aus und
sprang vorwärts mit dem Rufe:
„Meine liebe Tante! Meine liebe Tante
Folliot!"
Die Baronin kam ihr auf halbem Wege
entgegen und schloß sie dann fest in ihre
Arme.
„Mein liebes Kind!" rief sie aus, das schöne
falsche Gesicht der Betrügerin mit Küssen bedeckend,
„meine süße, kleine Nichte! Wie freue ich mich.
Dich zu sehen, mein Schatz! Willkommen daheim
in England!"
Ihre Thräuen fielen auf die Wangen der
Betrügerin. Das falsche Fräulen Bermyngham
trocknete sie hastig mit ihrem feinen Spitzen-
tascheutuche, ehe sie ihren Teint verderben
konnten.!
Die Baronin schob das Mädchen Von sich,
hielt sie aber in Armeslänge fest und studierte
dann ihr Gesicht voll Eifer.
Wie unschuldig sanft und liebevoll erschien
ihr dieses Gesicht in seiner schimmernden Frische,
mit der scheinbaren Harmlosigkeit, dem kindlich
bittenden Ausdrucke, den verwegenen, schwarzen,
von langen Wimpern beschatteten Augen, mit den
üppigen, goldblonden, modern frisirten Haaren!
Das Mädchen schien die Ungeduld und Unbe-
fangenheit selbst zu sein. Ihre Geberden und
Mienen hatten etwas ungemein Einschmeicheln-
des. Sie war wie ein sanftes, schmeichelndes,
weißes Kätzchen — liebkosend, schmiegsam und
zutraulich.
Ohne ein Wort zu sagen, zog Lady Folliot

das Mädchen nochmals an ihre Brust, und die
Beiden umarmten sich wieder. Dann führte sie
die Betrügerin zu einem Sitze vor dem Kamine,
nahm neben ihr Platz und streichelte Lady Folliots
Hände mit ihren beringten Fingern.
„Welch eine köstliche, entzückende Ucberraschung
das ist," rief die falsche Fräulein Bermyngham
in gut gemachtem Tone freudigen Ungestümes
aus. „Aber warum bist Du mir nach London
entgegengekommen? Ich wäre ja morgen nach
Falliot Court gereist. Ich wollte Dir diese Mühe
ersparen."
„Als ob mir das eine Mühe wäre, Dir ent-
gegenzufahren!" rief die Baronin aus. „Mein
liebes Kind, Du hättest mir von Paris aus tele-
graphieren sollen, dann wäre ich hier gewesen,
um Dich zu empfangen. Meinst Du, ich hätte
Dich wie eine Fremde in mein Haus kommen
lassen mögen, um dort an der Stelle ceremoniös
empfangen zu werden? Du bist das Kind meiner
einzigen Schwester. Du bist die nächste Ver-
wandte, die ich in der ganzen Welt habe. Ich
hoffe, Du bist gekommen, um der Lichtpunkt
meiner alten Tage zu werden, Nerea. Ich weiß,
daß ich Dich lieben werde."
„Und ich liebe Dich schon, theure Tante
Folliot," rief das Mädchen. „Aberlaß mich Dir
doch den Hut abnehmen. Ich möchte sehen, ob
Du Dich sehr verändert hast, seit ich Dich zu-
letzt sah."
Die Betrügerin nahm mit eigenen Händen
Lady Folliots Hut und Shwal ab. Ihre tief-
schwarzen Augen hingen forschend an den Zügen
ihres GastcS.

Die Baronin war etwa 50 Jahre alt, groß
und stattlich und von besonders eleganter Er-
scheinung. Ihre Augen waren blau und klar,
und der Teint war noch ungefurcht. Ihre dichten,
schon ziemlich ergrauten Haare waren in Wellen
von den Schläfen zurückgestrichen. Sie hatte
etwas Hohcitsvolles an sich, das Eindruck aus
die Betrügerin machte. Sie machte saft den Ein-
druck einer stolzen, hochfahrenden Frau, aber
schon hatte das Mädchen erfahren, daß unter
der kalten Oberfläche sich sehr viel Zärtlichkeit
barg.
„Nun, findest Du mich verändert, Nerea?"
fragte die Dame lächelnd. „Ich erwartete kaum,
daß Du Dich meiner erinnern würdest."
„Wie könnte ich Dich vergessen, liebste Tante
Folliot?" sagte die Betrügerin vorwurfsvoll.
„Die Wochen, welche ich in Folliot-Court ver-
lebte, sind die schönsten meines Lebens. Ich
war damals erst acht Jahre alt, wie Du weißt.
Du hast Dich gar nicht verändert, nur etwas
älter siehst Du aus. Deine Haare waren damals
nicht grau," wagte das Mädchen zu sagen.
„Nein, das waren sie nicht," entgegnete die
Baronin seufzend.
„Und Du erinnerst Dich also noch an mich,
Nerea? Ich habe mich vielleicht nicht verändert,
aber Du bist gewaltig verändert. Du bist klein,
wie ich es erwartete, in der That, Du bist eine
vollendete, kleine Fee! Und Du hast den blonden
Typus ans der Familie Deiner Mutter, aber
Du hast auch die schwarzen Augen der Bcrmyng-
hams. Es ist sonderbar, ich bildete mir immer
 
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