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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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Nummer 253.

Reuev

Donnerstag, 2K. Oktober 18S3.


für Heidelberg und Umgegend


Telephon-Anfchlutz Nr. 102. "W8

Um (»O U

Jnsertionöpreiör
die Ispalttge Petitzeile oder deren Raum 5 Pf-.,
iür auswärtige Inserate IN Pfg., bei öfterer Wieder-
holung entsprechender Rabatt-

verein für das katholische Deutschland im 3.
württembergischen Wahlkreis hielt am Sonntag in
Gundelshcim eine Hauptversammlung ab, in der
auch die Steuerfragen zur Erörterung ge-
langten. Die Versammlung erklärte, „daß jede
Form der nunmehr geplanten Wein- und Tabak-
steuer, welche den Weinbau oder Tabakbau belasten
würde, im Widerspruch stünde mit dem Versprechen
der Reichsregierung und unvereinbar wäre mit
dem Gebot der Erhaltung des landwirthschaftlichen
Mittelstandes, zu welchem die Wein- und Tabak-
bauende Bevölkerung von Süd- und Westdeutsch-
land mindestens ebenso gut gehört, wie die Schnaps
produzirende Bevölkerung von Nord- und Ost-
deutschland."
Müvchtll, 24. Okt. Im Finanzausschuß ver-
theidigte der Finanzminister die Tabakfabri-
kat- und die Wein st euer und führte dabei
aus: Die Ausgaben seien vorhanden und da sie
obnc Deckung, müssen die Matrikularbeiträge ber-
halten. Der einzelne Finanzminister habe für sein
Land da« möglichst Beste hcrauszuschlagen. Unter
der Börsensteuer sei nicht blo« die Börscnsteucr, die
wenig eintrage, sondern .noch eine Reihe von
Stcmpelabgaben zu verstehen. Die Fabrikatsteuer
sei allein brauchbar und eine sehr starke Besteuerung
ausländischer Tabakfabrikate in Aussicht genommen.
Die Schwierigkeiten der Werthabstufung seien zu
überwinden. Der kleine Mann werde kaum ge-
troffen; geringe Tabaksorten werden gar nicht,
mittlere Sorten und billige Cigarren nur sehr
mäßig besteuert. Wer den Staatshaushalt in feste
Bahnen bringen wolle, müsse dieses Projekt unter-
stützen. Bei der Weinsteuer sei die Konstolle leicht,
der Haustrunk bleibe frei. Nach der Bier- und
Brantttweinbesteuerung könne Wein und Cham-
pagner nicht freiblciben. Der Landwein und der
gewöhnliche Tischwein sollen frei sein. Der Kunst-
weinfabrikation solle mit aller Energie entgegenge-
treten werden, so weit es möglich wäre. Er halte
es für möglich, Schwierigkeiten würden sich nicht
für den Weinbauer ergeben. Ausländische und
Schaumweine werden ergiebig besteuert.
Köln, 28. Okt. Der Sozial st entag hieß
das parlamentarische Verhalten der Reichstags-
fraktion gut. Die Anträge auf Eintreten für
staatliche Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, auf
Verstaatlichung des Getreidebaues und des Getreide-
handels wurden abgelehnt. Der Antrag wegen
Organisation des Arbeitsnachweises wurde der
Fraktion zur Erwägung überwiesen, ein Antrag,
die Frage des achtstündigen Arbeitstages der
Fraktion zur Erwägung zu überweisen, wurde ab-
gelehnt. Die Anträge, betreffend Anstellung weib-
licher Fabrikinspektoren und die Vereinfachung der
Gewerbeinspektion, wurden der Fraktion zur Er-
wägung zugewiesen.

falls ist, wie wir gestern schon betonten, zur Stunde
keine Gefahr einer akuten Krise vorhanden. Von
Interesse für die Beurtheilung des ganzen latenten
Konfliktes ist eine Aeußerung einer sonst recht zu-
verlässig unterrichteten Persönlichkeit, die dahin geht,
daß bei einer gewaltsamen Entwirrung der Streit-
punkte im Augenblick — „nicht Eulenburg der
ausscheidende Theil gewesen wäre."
— Mit dem Wechsel im Kriegsministerium
ist die Frage der Umgestaltung des Militärstraf-
prozesses wieder in unabsehbare Ferne gerückt.
General Bronsart von Schellendorf hat bei einer
seiner Berufung vorausgegangenen Verständigung
mildem Reichskanzler Grafen von Caprivi als
unbedingten Anhänger des heutigen Verfahrens
und vor allem als entschiedener Gegner nament-
lich der Einführung der Oeffentlichkeit des Pro-
zesses sich bekannt. Es ist daher sehr wahrschein-
lich, daß den Arbeiten, die ohnehin mit der
Säumigkeit der Abneigung von den betheiligten
Ressorts in letzter Zeit in Angriff genommen worden
sind, keine weitere Folge gegeben werden dürfte.
— Eine Gesandtschaft von Tabakarbeitern aus
dem Wahlkreise des Rcichstagsabg. von Bcnnigs en
war kürzlich bei diesem, um ihn aufzufordcrn, gegen
die geplante Erhöhung der Tabaksteuer aufzutretcn.
Bennigsen antwortete nach einem Bericht im „Volks-
willen" : „Steuern müssen doch da sein, wo aber
die Steuern herzunehmen sind, ist in der Denk-
schrift nicht gesagt worden. Es ist nicht leicht, eine
Reichscinkommcnsteuer zu bekommen, denn keiner
will gern Steuer zahlen. Der Kartoffelbauer
würde unter einer erhöhten Schnapssteuer leiden,
der Tabak könne doch wohl mehr leisten, wie das
Beispiel anderer Staaten lehre. Die Tabakhändler
und Plantagenbcsitzer müßten doch noch leistungs-
fähig sein. Es müßte doch möglich sein, durch
technische Verbesserungen auf dem Gebiete der
Tabakfabrikation den früheren Konsum auch nach
Einführung der Tabaksteuer wieder herzustellcn."
v. Bennigsen hatte hierbei besonders die Veredelung
des billigen deutschen Gewächses mittels Fermen-
tation im Auge. Auch er, so führte v. Bennigsen
weiter aus, sei Theilhaber großer Ländereien, auf
denen Rübenbau betrieben werde. Durch Ein-
führung der Zuckersteuer sei auch er vor der Hand
geschädigt worden. Doch durch getroffene technische
Verbesserungen im Betriebe und damit verbundene
intensivere Ausbeutung der Zuckerrübe sei trotz
Steuer der frühere Gewinn zurückgekchrt. Schließlich
meinte er: „Können Sie die Cigarren denn nicht
etwas kleiner machen?" Als dann ein Mitglied
der Deputation bestimmt fragte: „Herr v. Bennigsen,
können Sie versprechen, im Reichstag gegen die
Tabaksteuer stimmen zu wollen?" kam die Ant-
wort zurück: „Das wäre frivol von mir."
Aus Württemberg, 25. Okt. Der Volks-

Kir die Monate November u. Dezember
kostet der
Neue
General-Anzeiger
für Heidelberg und Umgegend
"Hst Zllnstr. Sountagsblatt am Postschalter
abgeholt.
t-uom Briefträger ins Haus gebracht 30 Pfg. mehr.)
In Heidelberg und den nächsten Orten der
hegend kostet der „Neue General-Anzeiger für
Heidelberg und Umgegend"
monatlich nur 3S PfS.
frei in s Haus.
^Bestellungen werden von unfern Trägern und
Jägerinnen sowie von allen Po st an st alten
^twährend angenommen.
r Neu eintretende Abonnenten er-
sten das Blatt bis Ende dieses Monats gratis.


Deutsches Reich.
Berlin, 25. Oktober.
. — Aus wohlinformirter Quelle wird mitge-
dkllt, daß der König von Sachsen heute
Besuche hier eintrifft. Ferner verlautet, der
r^such des Erzherzogs Albrecht von Oesterreich am
zeigen Hose entbehre nicht eines politischen Charak-
wenngleich vorerst nur ein Gedankenaus-
^ich über bestimmte Fragen stattfinde.
"7 Im Reichsschatzamt nehmen an der Finanz-
en isterkons er enz theil: v. Posadowsky,
nfuquel, Thümmel-Sachsen, Niecke-Württemberg,
^Zchcnberger-Baden, Schrautt - Elsaß-Lothringen.
Ellern Abend fand bei Finanzminister Miquel
e Diner statt, - bei welchem auch Graf Caprivi
dfi übrigen Mitglieder des preußischen Staats-
Histcriums anwesend waren.
F. --- Das Dementi, das nun auch der offizielle
e"ht den Meldungen von einer Krisis an den
Stellen der Reichs- und Staatsregierung
bis ö^Zesctzt hatte, bestätigt, wie weit verbreitet und
welcher Dichtigkeit jene Gerüchte bereits ge-
waren. Wer mit der Natur solcher offiziellen
N sugnungen bekannt ist, wird wissen, daß sie
verschwindenden Fällen darthun können, es
^WLer dem Rauch gar kein Feuer gewesen. Jeden-

_ Expedition: Aaupt»r«ße Mr. 26.__Expedition: Kauptstrcche Mr. 28.
belesenstes Blatt in Stadt u. Aiirt Heidelberg rnrd Llurgegeird. Gvöszter Lrfrlg für Inserate

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«P 8'citigem illugrirtcm Sinntagsblatt: monatlich
Pfennig frei in'S Haus, durch die Post bezogen
* vierteljährlich 80 Pfennig ohne Bestellgeld.

Ausland.
Paris, 24. Okt. Eine Delegation russischer
Offiziere fuhr um 8 Uhr 20 Minuten nach Ver-
sailles. Kurzer Aufenthalt in Saint-Cloud und
Sovres. Die Bürgermeister hielten Ansprachen.
Viel schaulustiges Volk in Versailles, die Straßen -
hübsch geschmückt. Bürgermeister, Präfekt und
Generalraths-Präsident begrüßen die Gäste auf
dem Bahnhofe. Im Schlosse fand kein zere-
monieller Empfang statt. Die Schloßwärter
führten die Gäste im Schnellschritt herum. Das
Volk im Park beklatschte die Offiziere, als sie auf
die Balkous der Spiegelgallerie traten. Dann
folgte die Besichtigung des Parkes und der Wasser-
künste — Frühstück in der Präfektur —gerührter
Abschied auf dem Bahnhof — der Bürgermeister
umarmte und küßte den russischen Kommandanten.
Die Mehrzahl der Russen mit Avelane war unter-
dessen zum Abschiedsessen bei Carnot. Herzliche
Abschiedstoaste. Carnot kündigte seinen Besuch
in Toulon für Freitag Morgen an.
Paris, 25. Okt. Die Galavorstellung in der
großen Oper nahm den glänzendsten Verlauf.
Während de« dritten Aktes besuchte Avelane Carnot
in seiner Loge. Der Marschall Canrobert trat
gleichfalls hinzu. Dieser sagte, er sei von dem
Feste, welches ein franco-russische« Bündniß dar-
stelle, sehr ergriffen. Carnot begleitete Canrobert
selbst auf seinen Platz zurück und war von dem
Besuche des greisen Marschalls sichtlich gerührt.
Während des folgenden Aktes erhob sich Avelane
und zollte lebhaft Beifall. Alle Anwesenden,
Orchester und Kün^ler einbegriffen, brachten ihm
darauf eine Ovanon dar. der Schluszene
wurde eine Allegorie gegeben, bestehend in einem
schwarzen Adler, welcher unter seinen Fittichen
russisch-französische Soldaten beschützt und sich über
einer Figur, Rußland und Frankreich darstellend,
erhebt. Avelane sandte Kußhände nach allen Rich-
tungen, was einen unbeschreiblichen Beifall hervor-
rief. Auf der späteren Hinfahrt zum Bahnhof
riefen die Russen begeistert: „Es lebe Paris! Auf
Wiedersehen!" Am Bahnhofe hatten sich gegen
10 000 Menschen cingefunden. Die Frauen um-
armten und küßten die russischen Offiziere. Um
1 Uhr 45 Min. nahm Avelane von den anwesen-
den Notablitäten Abschied. Als er bei dieser Ge-
legenheit den Admiral Gervais erblickte, umarmte
er denselben aufs herzlichste. Sodann brachten
zwei Züge die russischen Gäste wieder nach Toulon.
Paris, 25. Okt. Die Minister des Innern,
des Auswärtigen, der Marine und der französische
Botschafter in Petersburg begleiten Carnot nach
Toulon. Der Präsident wird zunächst das franz.
Admiralschiff „Formidable" besteigen, wo Avelane
ihn begrüßen soll und eine Revue des russischen
Geschwaders abnehmcn. Dann geht Carnot an


^ie Jagd nach einer Erbin.
Ronian von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
de,.-"Diese Mörderin, welche der Polizeimann
y^^gt, muß durch und durch schlecht sein, denn
h eine Woche, nachdem er bei mir gewesen
kam noch Jemand anderes, sich nach ihr zu
h/'Higen. Und dieser andere Mann war unge-
neugierig in seinen Nachforschungen über
Dienerin. Es schien, als hätte er jede Per-
K ^erfolgt, welche in den letzten drei Wochen
blutig verlassen hat. Aber die Personenbeschrci-
Agathens verwirrte ihn gleichfalls. Ich
er war gar nicht befriedigt, als er fort-
Zuletzt sagte er noch — ja das sagte er
sattem es nicht wegen der Haare und Gesichts-
e Wäre — und damit brach er ab.
lei "Das macht mich nachdenklich, liebes Fräu-
de?^erca, was es für schreckliche Menschen in
^elt gibt. Seien Sic doch achtsam. Ver-
^Sie dieser Ihrer lächelnden Dienerin nicht
lvz 2ch gestehe es, daß sie hübsch und harm-
geg wie ein Kind, aber Sie müssen dennoch
^ Jedermann auf Ihrer Hut sein."
c wc» noch Vieles in diesem Sinne ge-
sjx Hni. Das falsche Fräulein Bermyngham, —
qch welche in den Dienst der indischen Erbin
gxu r dem falschen Namen Agathe Walden ein-
tzli^n war — las jede Zeile mit verzehrenden
lyz s!ks sie den Brief zu Ende gelesen hatte,
de die bezeichneten Stellen nochmals. Nach

und nach aber kehrte ihre Kaltblütigkeit und ihr
Selbstvertrauen zurück. Ein eigenthümliches, kaltes
und mattes Lächeln spielte um ihren rotheu Mund
und sie dachte:
„Ich habe sie gar prächtig überlistet. Wie
der Polizeimann sagte, die Haare und die Ge-
sichtsfarbe sind ein unübersteigliches Hinderniß.
Und selbst, wenn sie jenes — jenes Frauen-
zimmer unter der Verkleidung der Agathe Walden
ausspüren und bis nach England verfolgen, so
werden Sie doch auf dem Londoner Bahnhofe
mit ihren Nachforschungen einhalten müssen, weil
sie daselbst erfahren werden, daß Agathe Walden
todt ist, und man wird ihnen sogar ihr Grab
zeigen. Ich bin sicher — sicher, sicher!"
In ihrem Gefühle leuchtete ein wilder Tri-
umph auf. Sie war wider sie selbst. Sie steckte
den Brief der Amme in die Tasche und den
anderen in die Hand nehmend, näherte sie sich
Lady Folliot, welche eben die Kreuzstreifen von
den Zeitungen nahm.
„Einer dieser Briefe ist von meiner lieben
alten Norte, Tante Folliot," sagte sie leichthin.
„Dieser ist von Fran Cason, einer lieben Freun-
din von mir, und ich glaube auch von Dir. Sie
besuchte Dich ja in Folliot Court, als sie vor
einem Jahre in England war. Möchtest wissen,
was sie schreibt?"
Sie gab der Baronin den Brief und wartete,
bis sie denselben gelesen hatte. Nachdem derselbe
eingehend besprochen worden war, nahm sie den-
selben wieder an sich und ergriff lachend ein
Zeitungsblatt.
„Ich lese so gerne die Tagesnenigkeiten und

Personalnachrichten. Sie nicht ebenfalls, Beatrix?
Ah, ist das nicht sonderbar? Hören Sie doch
dieses Inserat an. Liebe Beatrix," und die Be-
trügerin wurde sanft und schmeichelnd und zärt-
lich, während ein verräterischer Seitenblick aus
ihren Augen schoß, „geht das etwa Sie an?
„Eine reichliche Belohnung wird Demjenigen
ausgezahlt, welcher über Fräulein Beatrix Rohan
deren Vormund und Verwandten Auskunft geben
kann. Fräulein Beatrix Rohan ist 20 Jahre alt,
mittelgroß, sehr weiß, niit goldblonden Haaren,
dunkelgrauen Augen und schlanker Gestalt. Sie
hat viel Geld bei sich und man glaubt, daß sie
unter einem angenommenen Namen in einer Pri-
vatwohnung wohnt. Sie ist wohlerzogen, sein
und gebildet und bei klarer Vernunft in allen
Punkten bis auf einen, und dieser wird von ihr
so vorgebracht, daß eine neue, zufällige Bekannt-
schaft sie nicht für irrsinnig halten wird. Man
wende sich an Herrn James Hillsley, Na—Upper
Berkeley-street, oder an Oberst Brand, Mintons-
Hotel, Piceadilly, London."
Ein Ausdruck namensloser Furcht malte sich
in Beatrix' Augen.
„Sie sind hier in Sicherheit, Fräulein Rohan"
sagte Sir Lionel mit leiser Stimme. „Sie haben
nichts zu befürchten."
Lady Folliot öffnete ihre indische Zeitung, mit
der Absicht, dem Gespräche eine andere Wendung
zu geben.
„Ich finde immer etwas Interessantes in den
Zeitungen aus Kalkutta," bemerkte sie. „Ich finde
fast immer Nachrichten von Bekannten und selt-
same Neuigkeiten. Nun hier ist eine seltsame An-

zeige," und sie schaute mit wohlwollendem Blicke
zu der kleinen Gruppe. „Das klingt entsetzlich
genug. Hört einmal."
Und mit der freundlichen Absicht, die arme
Beatrix von ihrer Angst zu befreien, las Lady Folliot
folgende Anzeige, von welcher Sie gesprochen hatte:
„Hundert Pfund Belohnung!!! Diese Be-
lohnung wird für jede Auskunft bezahlt, welche
zur Auffindung einer gewissen Lilias Voe führt,
welche verdächtig ist, am 19. d. M. ihren Mann
und ihr Kind vergiftet zu haben, und die in der-
selben Nacht entflohen ist. Man glaubt, daß sie
sich noch in Kalkutta befindet. Besagte Lilias
Voe ist dreiundzwanzig Jahre alt, klein und zart,
hat dunkle Gesichtsfarbe, schwarze Augen. Sie
ist Schauspielerin von Beruf, und besitzt die Fähig-
keit, jeden ihr fremden Charakter darzustellen.
Man wende sich — zc. rc."
Lady Folliot ließ das Zeitungsblatt gleichgültig
in ihren Schooß fallen. Sir Lionel machte eine
Bemerkung über das eben Gehörte.
Niemand bemerkte, daß das falsche Fräulein
Bermyngham das Gesicht abgewendet hatte und daß
auf ihren Weißrothen Wangen ein Ausdruck namen-
losen Entsetzens lag, daß in ihren großen schwarzen
Augen sich scheue Furcht ausprägte und daß sie
mit einer Hand nach ihren goldrothen Locken
faßte, als wollte sie sich von ihrer Farbe über-
zeugen. Sollte diese seltsame Annonce sie betreffen?
22. Kapitel.
Der Betrüger in Verrath.
Ehe ihr sonderbares Stillschweigen die Auf-
merksamkeit der Uebrigen erregen konnte, hattedas
 
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