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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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für Heidelberg und Umgegend
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holung entsprechender Rabatt.
ji---——-—-—-il
Expedition: Knuptstraße Wr. 25.

191.

verantwortlicher Redakteur:
Herm. Streich.

Dienstag, den 15. August

Druck und Verlag:
Heckmann, Dörr L Wurm.

18S3.

Das neue Wuchergefetz und der
Wucher auf dem Lande.
Einige neue gesetzliche Bestimmungen zur Ver-
hütung und Bestrafung des Wuchers sind am 19.
Juni veröffentlicht worden und wie im Reichstag,
so urtheilt man auch im Volke noch sehr verschieden
über den Werth derselben. Diejenigen Abgeordneten,
welche vorzugsweise den Wucher auf dem Lande,
die Auswucherung der Bauern kennen und be-
kämpfen wollten, legten großen Werth auf den in
das Wuchergefetz vom Ä. Mai 1890 einzuschal-
tenden Artikel 4, der die Anordnung trifft, daß
derjenige, welcher aus Geld- und Kreditgeschäften
ein Gewerbe macht, innerhalb der ersten drei Monate
jeden Jahres feinen Schuldnern, mit denen er mehr
als ein Kreditgeschäft im vorhergehenden Jahre ge-
macht hat, einen Rechnungsauszug ertheilen muß.
Obgleich dieser Artikel die zulässigen Ausnahmen
aufzählt und dieselben so viefach sind, daß das
kaufmännische Geschäft keineswegs durch die Be-
stimmung belästigt wird, waren die Gegner der
Gesetzesnovelle doch dieser Meinung. Es kann jedoch
höchstens ein kleiner Geschäftsmann und Handwerker
von dem Gesetz, wenn es rigoros angewendet würde,
betroffen werden und es ist nothwendig, wiederholt
die saumseligen Rechnungssteller unter denselben
auf die Folgen aufmerksam zu machen, wenn sie
auch dem Brauch der Neujahrsrechnungsstellung
gegenüber lässig bleiben.
Bei der Begründung des Gesetzes ist mit vollem
Recht geltend gemacht worden, daß es bei den länd-
lichen Wucherern üblich ist, möglichst lange Zeit
Kredit zu gewähren ohne eine Abre chnung zu stellen;
dann aber auf Grund von Quittungen und Schuld-
scheinen eine betrügerische Aufstellung zu machen
und sich nach dieser Schuldenerkenntniß oder einen
Hypothekeneintrag geben zu lassen. Wer die länd-
lichen Wucherer kennt, muß dem zustimmen; aber
er muß sich auch fragen, wie es möglich ist, daß
eine betrügerische Aufstellung dem Anerkenntniß zu
Grunde gelegt werden kann. Es ist keineswegs
der Umstand oder wenigstens nicht der Umstand
allein, daß die Abrechnung vorgenommen wird,
wenn der Schuldner erneut Kredit begehrt oder in
großer Noth ist; sondern hauptsächlich der Umstand,
daß man nicht auch Buch führt über das, was man
verborgt; daß man den Kreditgeber nicht als Feind,
als Betrüger, sondern als Freund und verschwiegenen
.Helfer in der Noth betrachtet, so lange man noch
ein Darlehen von ihm bekommt, aber als Wucherer
und Aussauger erkennt oder auch vielleicht nur zu
erkennen vermeint, wenn man mit erneutem Dar-
lehnsgesuch von ihm abgcwiesen, von ihm gemahnt,
verklagt oder gar gepfändet wird.
Ein großer Theil der Auswucherung wäre un-
möglich, wenn der Landmann den Belehrungen
folgte und seinen Kredit auf Dauer bei Sparkassen
und Bodenkreditanstalten gegen Hypothek, seinen
Kredit auf kürzere Fristen bei den Vorschußvereinen,
den Darlehenskassen suchte, anstatt beim verschwie-
genen Geschäftsmann. Die falsche Scham, daß

man Kredit sucht, die Unbequemlichkeit der Wege
und der Beibringung eines Bürgen, das sind die
Helfer der wuchertreibenden Geschäftsleute auf dem
Lande und zu ihnen gesellt sich die Unordnung
und der Mangel einer einigermaßen klaren, wenn
auch noch nicht einmal regelrechten Aufzeichnung,
die eine Buchführung für den Fall nothdürftig er-
setzt. Nachdem nun die wucherisches Gewerbe trei-
benden Geschäftsleute mit schweren Strafen bedroht
sind, wenn sie keine Jahresrechnung für ihre
Schuldner ausstellen, werden keineswegs dieWucher-
schulden verringert sein, denn der schlaue, raffinierte
gewerbsmäßige Wucherer wird nicht in die Falle
gehen und Abrechnung unterlassen; sondern sie
werden nur in anderer Form entstehen. Das Wie
zu erörtern dürfte sich kaum empfehlen, selbst wenn
man sich in der Lage befände, es anzugeben; aber
es unterliegt keinem Zweifel, daß binnen kurzer
Zeit der Nachweis vorliegt, es wird trotz der neuen
Vorschrift doch gewuchert.
Der Wucher wird aber auch ohne diese Be-
stimmung zurückgehen, wie er da überall zurückging,
wo man die Landleute stets und ständig entsprechend
aufklärte und ihnen zugleich durch Gründung von
Genossenschaften und Darlehenskassen Gelegenheitver-
schaffte, Kredit zu bekommen, wenn man auf dem Wege
der Aufklärung u. der Erleichterung der Gewährung von
Personalkredit fortschreitet. Nur wer zur Befrie-
digung von Leidenschaften heimlichen Kredit braucht,
wird schließlich für den Wucherer übrig bleiben;
hingegen wird sich bald auch kein Landmann mehr
schämen, den Nachbar als Bürgen zu gewinnen,
wenn er bei der Genossenschaft, der Darlehenskasse
eine vorübergehende Anleihe macht. _
Deutsches Reich.
Berlin, 14. August.
— In den Neichsämtern werden, obwohl
deren Leiter gegenwärtig meist auf Urlaub weilen,
die Vorarbeiten zur Aufstellung des nächstjährigen
Reichshaushaltsplanes nach Kräften ge-
fördert, damit die eigentlichen Arbeiten nach der
Rückkehr des Chefs unverzüglich beginnen können.
Wenn einzelne Blätter bereits ankündigen, daß im
nächsten Marineetat ganz besonders hohe Forde-
rungen für neue Schiffsbauten enthalten sein werden,
so kann versichert werden, daß es sich dabei vor-
läufig nur um leere Vermuthungen handelt. Ge-
rade die Etats der Heeres- und Marineverwaltungen
pflegen immer erst zuletzt im Spätherbst, kurz vor-
der Einberufung des Reichstages, festgestellt zu
werden. Es läßt sich daher heute noch nicht an-
nähernd Voraussagen, ob und welche Neuforderungen
im nächsten Marineetat erscheinen werden. Nur so
viel läßt sich mit einiger Sicherheit sagen, daß die
im letzten Frühjahr abgelehnten ersten Raten für
neue Schiffsbauten wiederum eingestellt werden
dürften. Es ist dies umso wahrscheinlicher, als
deren Ablehnung zumeist nur mit Rücksicht auf die
jeweilige Finanzlage erfolgt ist, während die Frage,
ob die verlangten neuen Schiffe nothwendig seien,
von der Marineverwaltung entschieden bejaht, vom
Reichstage aber offen gelassen wurde.

— Es wird bestätigt, daß spätestens am 1.
Oktober, vielleicht auch noch etwas früher, die Ver-
handlungen über unsere Handelsbe-
ziehungen zu Rußland wieder ausgenommen
werden. Es ist Grund vorhanden zu der An-
nahme, daß man in Berliner Regierungskreisen
jetzt einen günstigeren Erfolg der erneuten Ver-
handlungen erwartet. Auf beiden Seiten scheint
die Ansicht sich geltend zu machen, daß eine längere
Fortdauer und weitere Verschärfung des Zollkrieges
die Interessen beider Länder ernstlich schädigen
würde; namentlich sollen auch in den landwirth-
schaftlichen Kreisen Rußlands die Bedenken und
Besorgnisse im Wachsen begriffen sein. Die Zu-
stimmung des gegenwärtigen Reichstags zu einem
Handelsvertrag mit Rußland mit der unvermeid-
lichen Ermäßigung der landwirthschaftlichen Zölle
zu erlangen, wird allerdings nicht leicht sein. In-
dessen, die Unhaltbarkeit und Gefahr des jetzigen
Kampfzustandes muß sich allen einsichtigeren Be-
obachtern in beiden Reichen so stark aufdrängen,
daß man hoffen darf, bei gutem Willen beiderseits
über Schwierigkeiten Hinwegzukommen. Die Ent-
stehung von politischen Mißhelligkeiten aus diesen
Vorgängen hält man jedenfalls für ausgeschlossen.
— Dem im Handwerkerkreise laut gewordenen
Wunsche, den Bezug der Altersrente bereits mit
dem vollendeten 60. Lebensjahre eintreten zu lassen,
scheint die Negierung keine Sympathien entgegen
zu bringen. Wenigstens verbreiten die Offiziösen
nachstehende Mittheilungen: Die Eingaben dürften
schwerlich einen Erfolg haben; auch schon bei der
Berathung des Jnvaliditäts- und Altersversicherungs-
gesetzes im Reichstage, wenigstens in dessen Kom-
mission, war ein Antrag auf die Festsetzung eines
niedrigeren Lebensalters eingebracht. Er wurde auch
zunächst in der Kommission angenommen, schließlich
aber ist er doch nicht in das Gesetz gekommen.
Allerdings wurde damals nur der Wunsch ausge-
sprochen, das 65. Lebensjahr in das Gesetz einzu-
stellen. Schon das wurde jedoch nicht beliebt; und
zwar hauptsächlich der Vergrößerung der Kosten
wegen, welche damit verknüpft gewesen wären.
— Das Kriegsministerium hat die Intendan-
turen anweisen lassen, bei Ausschreibungen von
Geräthelieferungen für Kasernen und
Lazarethe möglichst lange Zeitfristen zwischen der
Bekanntmachung und dem Verdingungstermin,
sowie zwischen dem letzteren und dem Lieferungs-
termine festzusetzen, damit den Verwaltungen der
Strafanstalten die Möglichkeit gegeben sei, sich an
den Verdingungen zu betheiligen.
— Der sozialdemokratische Abg. v. Voll mar
liegt sehr schwer krank darnieder, so daß zur Zeit
das Schlimmste zu befürchten ist. Herr v. Vollmar
reiste mit seiner Gattin ohne jeden Aufenthalt von
Schweden nach München, wodurch sein im Felde
1870 ausgetretenes Nückenmarkleiden in empfindliche
Mitleidenschaft gezogen wurde. Sein Schwächezu-
stand äußert sich in ständigen Ohnmächten.
— Nach der „Voss. Ztg." sind zwischen der
deutschen und englischen Regierung Verhandlungen

über die Festlegung der Nordwestgrenze von Kamerun
eingeleitet. Die Verhandlungen bezwecken, hie
Grenze bis zum Tschadsee durchzuziehen. Man
einigte sich, daß die Grenze von Aola am rechten
rechten Ufer des Benue aufwärts bis zur Ein-
mündung des von Süden in den Benue fallenden
Faroflusses folgt und dann vorläufig in gerader
Linie bis zum westlichen Mündungsarme des Schari
vorläuft.
— Der „Volksztg". zufolge hat der Schmuggel
an der preußisch-russischen Grenze so zugenvmmen,
daß bereits blutige Scharmützel zwischen der russi-
schen Grenzwache und Schmugglertrupps stattfanden,
wobei bedeutende Waarenposten beschlagnahmt worden
seien. Von letzteren erhält die Grenzwache zur
Steigerung der Wachsamkeit ein Drittel.
München, 14. Ang. Etwa 700 Lehrer der
bayerischen Lehrerversammlung, welche in Würz-
burg tagte, brachten dem Fürsten Bismarck
in Kissingen eine Ovation dar. Der Fürst hielt
eine längere Rede über die Schule und deren
Zukunst, über den französischen Nationalcharakter
und den Chauvinismus der Franzosen, über
Partikularismus und über die Berechtigung der
Dynastien, und schließlich kam der Fürst auf das
Jahr 1866, wo er geglaubt habe, die anderen
Staaten würden bei dem Kriege zwischen Preußen
und Oesterreich neutral bleiben. Die Rede des
Fürsten wurde mit großer Begeisterung ausge-
nommen.
Straßburg, 14. Aug. Der unter Führung
des Hauptmanns Becker vom Infanterieregiment
Nr. 138 zu Ehren des hier weilenden General-
inspekteurs der 5. Armeeinspektion, Groß Herzogs
Friedrich von Baden, von sämtlichen Spiel-
leuten und Musikkorps der Garnison am Samstag
Abend ausgeführte Zapfenstreich hatte eine große
Volksmenge an die Staden des Stadtgrabenkanals
gelockt. Der Zapfenstreich bewegte sich von der
Manteuffelkaserne aus durch die Vogesenstraße
über den Kaiserplatz, über die Theaterbrücke
zum Stattbalterpalast, wo der Großherzog weilte.
Dort wurden unter des kgl. Musidirigenten Kneuse
vorzüglicher Leitung Potpourri aus Mayerbeers Oper
„Die Hugenotten", der Coburger (Josias-) Marsch,
sowie der reizende Armeemarsch Nr. 7, von sämt-
lichen Mustkkorps, die Retraite von den Trompeter-
korps, und das erhebende „Gebet" wiederum von
sämmtlichen Musikkorps gespielt und dann der
Zapfenstreich abgeschlagen. Gegen 10 Uhr war die
militärische Kundgebung zu Ende. Gleich nach 10
Ubr fuhr der Großherzog in seinem Wagen durch
die große Menschenmenge, welche den Broglieplatz
füllte, zu seinem Absteigequartier, Gasthof „Zur
Stadt Paris", zurück, von der Menge mit lauten
und vielhundertstiminigen Hochrufen begrüßt.
Gestern, Sonntag Morgen 8 Uhr, brachte die
Kapelle des württembergischen Infanterieregiments
Nr. 126 dem Großherzog ein Ständchen. Um 11
Uhr fuhr der Großherzog zur ThomaSkirche, wo er
dem Militärgottesdienste anwohnte. Nach dem
Gottesdienste machte der Großherzog dem kaiserlichen

Kine dunkle Gl)ut.
26) Roman von E. P. von Areg.
(Fortsetzung)
Mein lieber Wilhelm!
Vielleicht hat es Dich mit einiger Verwun-
derung erfüllt, daß ich nicht wie ein Anderer
Dir meine letzten Mittheilungen auf mündlichem
Wege gemacht habe, sondern es vorgezogen, hier-
zu den schriftlichen zu wählen. Damit ich gleich
von vornherein mich gewöhne, Geständnisse zu
machen, so sollst Du auch den Grund wissen, aus
dem das geschah: ich schämte mich, vor Dir ein Be-
kenntniß abzulegen. Du kannst mir mit Recht
Vorhalten, daß Scham in dieser Beziehung für
-einen Mann etwas wenig Ehrenhaftes ist. Und
das kann ich Dir auch leider nicht in Abrede
stellen. Ich habe aber — und wenn Bedauern
jetzt noch helfen könnte, ich empfinde es noch
wirklich — gar so häufig die Rücksichten, die ich
uns meine Ehre hätte nehmen sollen, außer Acht
gelassen, daß ich mich auch diesem Deinem be-
rechtigten Vorwurfe nicht entziehen kann.
Und nun höre, was ich Dir zu bekennen habe
und schöpfe daraus diejenigen Vortheile für Dich
und Deine Liebe, die Dir nach meinen jetzigen
heißen Wünschen aus meinen Geständnisse er-
blühen sollen.
Es mögen etwa sechs Jahre her sein, daß sich
in unserm Garnisonsorte Stavenhagen ein Mann
Namens v. Grünow häuslich niederließ, der von
Berlin kam, Rentner zu sein vorgab und in

seinem Thun und Wesen auch das Gebühren eines
solchen zur Schau trug. Im Orte selbst kannte
ihn niemand, aber da er von Adel war und sich
auch so betrug, wie sich sonst ein anständiger
Mensch aufzuführen Pflegt, so war eigentlich kein
Grund vorhanden, seinen Umgang zu meiden,
den er mit ziemlicher Vorliebe in Offizierskreisen
suchte. Mich besonders zeichnete er durch seine
Aufmerksamkeiten aus und da er flott lebte, spielte
und trank, so ließ ich mir das auch sehr wohl
von ihm gefallen. Ich stand ihm im lustigen
Leben keineswegs nach; damals waren jene Ver-
legenheiten, die in der letzten Zeit mit so großer
Gewalt über mich hcreinstürzten und niir den
Boden unter den Füßen wegrissen, noch in ihrem
Entstehen. Du kennst die wenig ehrenvolle Bahn,
die ich von jener Zeit ab durchlaufen habe, gut
genug und so kann ich mir eine Wiederholung
der Schilderung derselben ersparen. Ich hatte
weder die Energie noch das Geschick, meiner sich
rasch und rascher steigenden Schuldenlast mich zu
entziehen und so stiegen meine Verlegenheiten in
Kürze von Tag zu Tage. Ich mußte Geld
schaffen und es gelang mir auch. Dieser Grünow
war es, der mir half. Im Anfang mit aller
Zuvorkommenheit, wie er sich überhaupt immer
eines artigen und höflichen Benehmens befleißigte,
und ohne bei seinen Bedingungen irgend welche
Härten durchscheinen zu lassen; später in dem er
allmählich die Zügel anzog und die Prozente nach
und nach eine sehr ansehnliche Höhe hinanschraubte.
Was habe ich damals aber nach solchen Dingen
gefragt, wenn ich Geld haben mußte! Mein Leicht-
sinn trieb mich in den wilden Taumel des Ge-

nusses und ich bin dabei meiner selbst nicht
mächtig geblieben, daß ich im Stande gewesen
wäre, mir Halt zu gebieten. Und als nach Ab-
lauf eines Jahres Grünow auf Rückzahlung der
mir geliehenen, zu einer recht beträchtlichen Höhe
angewachsenen Gelder drängte da half der Vater
zum ersten Male. Die Befriedigung seiner For-
derungen befestigte bei Grünow natürlich meinen
Kredit in ganz erheblicher Weise. Damals aber
geschah es, daß verschiedene Kameraden aus Berlin
in unser Regiment nach Stavenhagen versetzt
wurden, und was diese über den Herrn v. Grünow
aus der Residenz mitbrachtcn, wo er ursprünglich
ganz die gute Aufnahme in militärischen Kreisen
gefunden hatte, wie später bei uns, das klang
sehr wenig erbaulich. Man war dort rascher
hinter die Wahrheit gekommen, wen man in
diesem Manne vor sich habe, als bei uns. Er
war ein Abenteurer der schlimmsten Sorte, an-
rüchig wo man ihn faßte, Spieler von Profession,
und stand in intimen Beziehungen zu hervor-
ragenden Namen der Verbrecherwelt, wenn er es
auch bisher verstanden hatte, jeden Konflikt mit
den Sicherheitsbehörden zu vermeiden. Diese
Perssnalbeschreibung, durch die Ehrenhaftigkeit
ihrer Ueberbringer verbürgt, verursachte natürlich
für Grünow eine erhebliche Schädigung seiner
gesellschaftlichen Beziehungen. Es stellte sich dabei
zwar gleichzeitig heraus, daß Grünow vor seinem
Weggange von Berlin ganz unerwarteter Weise
von einem weitläufigen Vorwandtcn ein Kapital
von zehntausend Mark geerbt und daß er seinen
Aufwand in Stavenhagen mit diesem Gelde be-
stritten hatte; allein, das war natürlich durchaus

nicht im Stande, seinen üblen Ruf aus der Ver-
gangenheit zu repariren. Wer es von seinen Be-
kannten in Stavenhagen irgend khun konnte, zog
sich von ihm zurück und nur die wenigen hielten
bei ihm aus, die er an der Leine hatte und die
nicht in der glücklichen Lage waren, ihre Ver-
bindlichkeiten ihm gegenüber mit klingender Münze
einzulösen. Zu diesen wenigen gehörte auch ich.
Jene erste Hilfe meines Vaters hatte es keines-
wegs vermocht, mich auf den geraden Weg zurück
zu führen. Das lustige und liederliche Leben ließ
mich nicht aus seinen eisernen Banden und wenn
meine Mittel nicht ausreichten, was freilich sehr
häufig der Fall war, so half Grünow aus, wenn
auch jetzt schon nur mit kleineren Summen und
unter härteren Bedingungen als früher, denn
mein Konto war bei ihm zu schon erheblicher
Höhe angewachsen. So mehrten sich meine Ver-
legenheiten auf's Neue und ich sah abermals vor
mir die Entlassung aus dem Militärdienste als
drohendes Gespenst auftauchen. Das war zu Ende
des zweiten Jahres, während dessen Grünow in
Stavenhagen lebte und gerade um vier Jahre
früher als heute.
Um diese Zeit schircb mir meine gute Mutter
einen Brief der außer vielen herzlichen und ein-
dringlichen Ermahnungen auch spezielle Nachrichten
darüber enthielt, wie dem jüngeren Bruder meines
Vaters, Hugo v. Flottwell, in Bremen eine Erb-
schaft von sehr erheblichem Betrage zugefallen sei.
Es waren über dieselben bereits sehr detaillirte
Nachrichten in Borkum bekannt, denn das Gericht
in Bremen, dem testamentarisch die Regulirung
des Nachlasses übertragen worden war, hatte
 
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