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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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Nummer 299.

Neuev

Dienstag, 19. Dezember 1893.


Anzeiger

für Heidelberg und Umgegend

Expedition: Karrptstraße Wr. 25.

Jnserttonspreisr
die Ispaltiqe Petikzeile oder deren Raum 5 Psg.,
iür auswärtige Inserate 10 Pfg», bei öfterer Wieder-
holung entsprechender Rabatt.

Nvoimementspreis r
mit 8scitigcm illußrirtem Sountagsblatt- monatlich
35 Pfennig frei m's HauS, durch die Post bezogen
vierteljährlich SO Pfennig ohne Bestellgeld.

»-——----»
Expedition: Knnptstrnße Wr. 25.

Belesenstes VZatL iir Stadt u. 2lnrt Heidelberg und Ltsngegend. Grötzter Ersslg für Inserate.

Telephon-Anschluß Nr. 1«2. -HSK

Fortwährend
werden von allen Postanstalten, Landbriefträgern,
unseren Agenten und Trägerinnen Abonnements
entgegengenommen.

* Ein sehr trauriges Bild
bietet die kürzlich veröffentlichte deutsche Kriminal-
statistik kür 1892. Es hat sich danach die Zahl
der Personen, die wegen Verbrechen und Ver-
gehen gegen die Reichsgesetze verurtheilt sind,
gegen das Vorjahr sehr erheblich vermehrt; sie
betrug 422,336 gegen 391,064 im Vorjahre.
Es gibt dies eine Zunahme um 31,262 Personen
oder hahezu 8 Prozent. Diese Zunahme erstreckt
sich auf alle Gattungen von strafbaren Hand-
lungen.
Am stärksten ist die Zunahme bei den Ver-
brechen und Vergehen gegen das Vermögen, die
in den Jahren bis 1888 langsam gesunken waren,
seitdem aber eine so sehr starke Zunahme zeigen, daß
die Verurtheilten in diesen vier Jahren um fast
44,000 gestiegen sind. Hauptsächlich kommt hier-
bei der Diebstahl in Betracht, wegen dessen
109 195 Personen verurtheilt sind gegen 97 953
im Jahre 1891 und 84377 im Jahre 1888.
Die Zahl der wegen gefährlicher Körperverletzung
Verurtheilten, die in den letzten Jahren meist nur
mäßig gestiegen war, zeigt, eine starke Zunahme
sie betrug 65 666 gegen 61896 im Vorjahre und
55 223 im Jahre 1888.
Wegen einfacher Körperverletzung wurden 22 821
Personen verurtheilt gegen 21987 im Vorjahre,
wegen Beleidigung 46 468 gegen 44 809. Stark
gestiegen ist die Zahl der wegen Mordes Ver-
urtheiltcn, die allerdings im Vorjahr ungewöhn
lich gering gewesen war (144 gegen 88), auch die
Zahl der Kindsmörderinnen war bedeutend (221
gegen 148). Die Zahl der Verbrechen und Ver-
gehen gegen die Sittlichkeit ist von 7884 aus
8522 gestiegen, wobei allerdings die schwersten
nur eine geringe Zunnahme oder, wie die Blut-
schande, eine Abnahme zeigen, während die Be-
strafungen wegen Kuppelei von 1968 auf 2581
gestiegen sind. Unter den Verbrechen und Ver-
gehen gegen Staat, öffentliche Ordnung und Re-
ligion stehen obenan die Verletzungen der Wehr-
pflicht mit 18 735 Verurteilungen gegen 17 824
im Jahre 1891, ferner Hausfriedensbruch mit
17 524 gegen 17 031 sowie Gewalt und Dro-
hung gegen öffentliche Beamten mit 19 985 gegen
23168. DieZahlderwegenMeineidsVerurtheitenist

von 798 auf 771, die der wegen fahrlässigen
falschen Eides Verurtheilten von 526 auf 483
zurückgegangen. Wegen Vergehen gegen die Ge-
werbeordnung sind 7631 Personen verurtheilt
gegen 5780 im Vorjahre. Die sehr starke Zu-
nahme entfällt zum größten Thcile auf die Zu-
widerhandlungen gegen die Vorschriften über die
Sonntagsheiligung (1590 bestraft.) Eine erheb-
liche Zunahme hat ferner die Zahl der wegen
einfachen Bankerotts Verurtheilten erfahren, die
749 betrug gegen 648 und 538 in den Vor-
jahren. Wegen Vergehens gegen das Invalidi-
tät^ und Altersversicherungsgesetz sind 269 Per-
sonen bestraft gegen 92 im Vorfahr. Leider ist
auch wieder die Zahl der jugendlichen Verbrecher
gestiegen, indem unter den Verurtheilten sich
46 488 Personen von 12 bis 18 Jahren be-
fanden gegen 42 240 im Vorjahr, so daß also
eine Zunahme von über 10 vom Hundert statt-
gefnnden hat. Mehr als die Hälfte aller jugend-
lichen Bestraften entfällt auf den Diebstahl,
nämlich 25 324; die Zunahme gegen das Vor-
jahr beträgt hier 2571 oder 11,3 vom Hundert.
Wegen gefährlicher Körperverletzung wurden 5352
Jugendliche verurtheilt gegen 4892 im Vorjahr,
wegen Verbrechen und Vergehen gegen die Sitt-
lichkeit 1186 gegen 1127.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Dezember.
— Im Neichstagsgebäude fand heute eine
Konferenz des Reichsversicherungs-
amts, der Landesvcrsicherungsämter und der
landwirthschaftlichen Berufsgenossenschaften statt.
Die Tagesordnung umfaßt 21 Gegenstände, dar-
unter Abänderung des jetzt geltenden Unfallan-
zeige-Formulars, Erlaß von Unfallversicherungs-
vorschriften, freiwillige Versicherung, Umlagcmaß-
stab, ländliche Wegebauten, Haftpflichtreste u. s. w.
Der Vorsitz führte der Präsident des Reichsver-
sicherungsamtcs. Wirklicher Geheimer Ober-
Regierungsrath Bö diker. Die Verhandlungen
werden morgen fortgesetzt.
— Gegen die Besteuerung der O u i t t u n g c n
und Frachtbriefe sind beim Reichstage Peti-
tionen eingegangen, von dem Handels- und Ge-
werbevecein zu Kassel, dem Verein zür Wahrung
der Interessen des Handelsstandes zu Neuhaldens-
leben, dem Stuttgarter Handelsverein, dem Handels-
und Gewerbeverein zu Friedrichshafen, dem Ge-
werbeverein zu Freudenstadt, der Handelskammer
zu Bielefeld, der Handelskammer für Ostfriesland
und Papenburg zu Emden, dem Gewerbeverein zu
Schramberg, dem Gewerbeverein zu Mergentheim,
dem Gewerbeverein zu Winnenden, dem Handels-
und Gewerbeverein zu Löningen, dem Handels-
und Gewerbeverein zu Kalw, dem Stuttgarter Ge-

werbeverein, dem Ausschuß des Verbandes würt-
tembergischer Gewerbevereinc zu Reutlingen, dem
Ausschuß des Handels- und Gewerbevereins zu
Sulz am Neckar, dem Vorstand des Handelsvereins
zu Hameln, dem Kaufmännischen Verein zu Hett-
stedt, von Gabriel und Rozenthal und Gen. zu
Soest, von Karl Eickhoff zu Elberfeld im Auftrage
einer Versammlung von Handel- und Gewerbe-
treibenden, von der 5 andelskammer zu Lüdenscheid,
der großherzoglichen Handelskammer zu Gießen,
der Handels- und Gewerbekammer zu Hildburg-
hausen, der Handelskammer zu Hagen, dem Verein
Berliner Kaufleute der Kolonialwaarenbranche, der
Gesellschaft „Merkur" zu Dortmund, der Handels-
kammer zu Saalfeld, dem Gcmeinderath zu Hall,
der Handels- und Gewcrbckammer zu Reutlingen.
— Als einen Pyrrhussieg bezeichnet
die „Kreuzztg." die Annahme des rumänischen
Handelsvertrages. Bei dem russischen Handelsvertrag
werde die Kraftprobe anders ausfallen. Es würden
aus der Centrumspartei für den russischen Vertrag
höchstens 20 Mitglieder stimmen, und diese auch
nur dann, wenn es der Regierung gelänge, von
Rußland sehr werthvolle Konzessionen auf industriellem
Gebiete zu erlangen. Das bezweifelt aber wohl
alle Welt. — Abwarten!
— Ueber die Verhandlungen mit Rußland
gehen die Angaben fortgesetzt auseinander. Darin
allerdings besteht Uebereinstimmung, daß der Ab-
schluß dieser Verhandlungen nahe ist und daß eS
eigentlich nur Formalitäten sind, die den Abschluß
verzögern. Aber der Werth der russischen Zuge-
ständnisse wird sehr verschiedenartig eingeschätzt
Nach russischen Angaben sind bedeutende Kon-
zessionen namentlich an unsere Eisen-Industrie
gemacht worden. Personen jedoch, die die Dinge
vom deutschen Standpunkt aus betrachten, sind
der Meinung, daß für unsere Industrie nicht all-
zuviel dabei herauskommen werde. Diese aus-
einandergehenden Urtheile lassen sich selbstverständ-
lich nicht abwägen, bevor man nicht die Tarifsätze
kennt. Immerhin bekommt man den Eindruck,
daß eine Vertretung des russischen Vertrages vor-
dem Reichstage sich schwieriger machen könnte, wenn
der Reichskanzler nicht auf ganz bedeutende Vor-
theile für unseren Handel und Industrie verweisen
kann. Wir sind freilich immer noch der Ansicht,
daß die Mehrheit für den rumänischen Handels-
vertrag vorbildlich für -die Ereignisse nach Ein-
bringung des russischen Vertrages sein wird, nament-
lich mit Rücksicht auf die schweren politischen
Folgen einer eventuellen Ablehnung dieses zweiten
Vertrages. Gleichwohl muß Caprivi damit
rechnen, daß cs mehr als einen Abgeordneten
geben wird, dem die Bevorzugung allgemein poli
tischer Gesichtspunkte vor denen einer objektiven
Prüfung der rein materiellen Fragen durchaus nicht

einleuchten will, und die ihre Hartnäckigkeit als
Pflichterfüllung um jeden Preis betrachten werden.
Gegen die Kämpfe um den russischen Vertrag
werden die Vorgänge letzter Woche nur ein wahres
Kinderspiel sein.
Karlsruhe, 18. Dez. 15. öffentliche Sitzung
der Zweiten Kammer. Tagesordnung
auf Mittwoch, den 10. Januar, Vormittags ^12
Uhr. 1. Anzeige neuer Eingaben. 2. Beratlnmg
des Berichts der Budgetkommission über die Nach-
weisung der in den Jahren 1891 und 1892 ein-
gegangenen Staatsgelder und deren Verwendung.
3. Deßgleichen der Berichte der Petitionskom-
misston, u. über die Bitte des Gemeindcraths
Nöggenschwihl um Gewährung eines Staatszu-
schusses zur Ablösung des Wiesenzehntens; d.
über die Bitte der Amtsgcrichtsregistrator Philipp
Kiesecker Wittwe in Mosbach um Gewährung einer
Wittwenpension.
Stuttgart, 18. Dez. Wie man mittheilt, hat
in letzter Zeit zwischen Stuttgart und Berlin ein
sehr lebhafter Verkehr stattgefunden, dessen
Gegenstand die geplante Aufhebung des württem-
bergischen Kriegsministeriums beziehungsweise eine
Ersetzung durch ein sogenanntes Militärkabinett war.
Wie seit einigen Tagen in unterrichteten Kreisen
verlautet, ist man in Berlin in Folge der energischen
Vorstellungen des Ministerpräsidenten v. Mittnacht
von einer weiteren Verfolgung dieses Planes
a b g e st a n d e n.
Ausland.
Paris, 18. Dezbr. Der „Tcmps" berichtigt
dieMeldung der „AgcnceHavaS," daß die französische
Negierung gegenüber Italien sich bereit erklärt habe,
ür die Opfer von Aigues Mortes 400 000 Frcs.
Entschädigung zu zahlen, dabin, daß die Re-
gierung hiebei die Bedingung gemacht habe, daß
Italien seinerseits für die französischen Opfer in
Rom, Venedig und Genua Entschädigung bezahle.
Lüttich, 18. Dez. Gestern und heute kam es
zwischen liberalen und katholischen Stu-
denten zu Schlägereien, wobei mehrere
Studenten verwundet wurden. Die katholischen
Studenten feierten gerade den Jahrestag der Gründung
eines Erziehungsinstitutes. — Heute wurden in
Gent und Lüttich die Wahlen zum gewerblichen
Schiedsgericht vsrgenommen ; es wurden Sozialisten
gewäblt. In Dcynze wurden Katholiken gewählt.
Rom, 18. Dez. Zahlreiche Deputirte katho-
lischer Gesellschaften wohnten gestern einer Messe
des Papstes bei. Nach derselben hielt der Papst eine
Ansprache, in welcher er betonte, daß Rom trotz
aller Anstrengungen der Kirchenfeinde, von der Vor-
ehung als Zentrum der katholischen Welt auser-
ehen sei. Der Papst selbst sah sehr wohl und
risch aus.
Rom, 18. Dez. Der Ministerpräsident Crispi

ALeXcr
oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von Dr. Ed. Wagner.
17) (Fortsetzung.)
Alexa sprach sanft, „ich glaube, daß ich Dein
Eeheimniß errathen habe."
Mr. Strange erschrack hestig.
„Unmöglich!" rief er erregt.
„Du meinst, ich weiß nichts von der Welt,
Weil ich in gänzlicher Abgeschlossenheit ausge-
wachsen bin," fuhr Alexa fort; aber Du scheinst
vergessen zu haben, daß ich die Werke Sir
Walter Scott's, Viktor Hugo's, George Eliot's
und Anderer gelesen habe. Ich kenne mehr, als
Du glaubst, von dem Leben in Frankreich und
England. Ich weiß, weßhalb ich, selbst als das
Weib des reichen und mächtigen Grafen von
Kingscourt, eine Geächtete in der Gesellschaft sein
würde, — verflucht, verachtet und gehaßt!" und
Und eine tiefe Röthe bedeckte ihr Gesicht.
„Alexa'."
„Lieber Vater, ich muß Dir Alles sagen,
«eit dem Abend, als Du Lord Kingscourt er-
härtest, daß ein Fluch auf mir laste, habe ich
Uachgedacht und die Wahrheit errathen. Ich er-
innerte, daß Du niemals von meiner Mutter ge-
sprochen hast, daß ich nicht weiß, wo sie ist, ja
Nicht einmal, ob sie noch lebt oder todt ist. —
„Alexa, Du bist im Unrecht. Deine Mutter
war eine der reinsten und treuesten Frauen,
^ie war unfähig selbst eines unlauteren Ge-
dankens. Deine Mutter! Ach, sie war so rein

wie Gold, — wie ein Engel im Himmel! Ein
anderes Gesieimniß lastet auf dir und mir. Frage
nicht weiter, ich kann es dir nicht sagen!"
Alexa sah ihren Vater verwirrt an.
„Dann war ich auf unrechter Spur," sagte
sie nach kurzem Schweigen, ihre Augen voll
Dankbarkeit erhebend. „O, Vater, ich danke
Gott! Ich habe gefürchtet, gezweifelt, gelitten!
Erzähle mir von meiner Mutter, lieber Vater.
Wann starb sie?"
Mr. Strange stand auf und trat an's
Fenster. Es bemächtigte sich seiner ein mächtiges
Verlangen, seiner Tochter Alles zu erzählen.
Er sehnte sich nach ihrer Theilnahme, welche
ihm Balsam auf die ungetheilte Wunde seines
Herzens fein würde, die er so viele Jahre stand-
haft getragen hatte.
„Ich kann Dir nichts von ihr erzählen, mein
Kind," antwortete er endlich, „ohne Dir das
ganze Geheimniß zu enthüllen, welches ich stets
Dir vorzuenthalten beschlossen hatte. Wie kann
ich Dir diese furchtbare Geschichte erzählen? Wie
kann ich Dir erklären, warum Du aus der Ge-
sellschaft ausgestoßen und zu einem Leben voll
Einsamkeit verurtheilt bist? Dieses Drama ist
nicht geeignet für Deine reine Seele —"
„Erzähle sie mir nicht, wenn Du glaubst,
daß es nicht besser für mich ist, sie zu kennen,"
fiel ihm das Mädchen sanft in's Wort. „Aber
wenn ich nicht heirathen darf, sollte ich wissen,
warum; ich sollte wissen, welcher Art der Fluch
ist, der auf mir haftet."
„Nein, nein. Das würde ein großes Un-
glück sein. Und doch drängt es mich, Dir Alles

zu erzählen, Alexa. Seit Lord Kingscourt uns
verlassen, habe ich mehrmals daran gedacht,
Dir die ganze Wahrheit zu enthüllen, damit
Du erkennen möchtest, wie gerecht und erbarm-
ungsvoll ich bin. Ich habe mich selbst nach
dem alten, lieben England gesehnt; ich würde
freudig sterben, wenn ich einmal die alten
Plätze Wiedersehen könnte, die ich einst so sehr
liebte."
„Können wir nicht dahingehen, Vater? Auch
ich sehne mich nach England!" rief Alexa enthu-
siastisch. „Würden wir nicht in London sicher
sein? Lieber Vater, ich h ibe gelesen, daß London
so gut wie eine Wildniß ist; würden wir uns
dort nicht besser verbergen können, als in der
Wüste oder in den Steppen?"
Dunkle Röthe überzog die Wangen Mr.
Ssrange's; die Stärke seiner Sehnsucht verklärte
seine Augen.
„Ich muß mich in den achtzehn Jahren ver-
ändert haben," sprach er gedankenvoll. „Wer
von denen, die mich damals kannten, würden
mich wiedererkennen? Aber es ist unmöglich.
Ich darf es nicht wagen. Wir können nicht
gehen. Alexa, es treibt mich, Dir die ganze
schreckliche Geschichte zu erzählen. Willst Du sie
hören?"
Alexa neigte ernst den Kopf.
„Verschließe die Thür!" sagte er kurz.
Alexa verschloß die Thür.
„Drehe die Lampe nieder!"
Die Lampe wurde niedergedreht,. so daß sie
nur einen schwachen Dämmerschein verbreitete.
„Wende Dein Gesicht ab," befahl der Vater

mit hohler, gebrochener Stimme. „Siehe mich
nicht an, mein Kind. Ich kann cs nicht er-
tragen, Deinem Blick zu begegnen, bis ich mit
meiner Erzählung fertig bin. Gebe Gott, daß
Du das Auge dann noch zu mir zu erheben ver-
magst, liebend und vertrauensvoll wie bisher.
Bist Du bereit?"
„Ja, Vater!" lautete die leise Antwort.
„Nun, so will ich Dir die Geschichte des
Fluchs erzählen, welcher sowohl auf Dir, wie
auf mir lastet. Ich will Dir erzählen, warum
Du eine Verstoßene aus der Gesellschaft bist,
eine Geächtete, auf welche selbst der ärmste
Bettler in England mit Verachtung blicken
würde."
10. Kapitel.
Ein Familien-Drama.
Alexa harrte in banger Erwartung und
klopfenden Herzens der Erzählung ihres Vaters,
welcher noch immer am Fenster stand, den Blick
hinausgerichtet in die finstere Nacht. Der Trieb,
seiner Tochter die schreckliche Geschichte zu er-
zählen, war stark in ihm; aber er wußte doch
nicht, wo er beginnen sollte. Die Ereignisse
der Vergangenheit schwirrten ihm wild durch
den Kopf. Heimathlos stand er da, — ein
Fremdling im fremden Lande, ein Flüchtling,
der nicht wußte, wohin er seinen Fuß lenken
sollte. Seit Monaten hatte sich seiner ein
unsägliches Heimweh bemächtigt; seitdem er
Lord Kingscourt zum ersten Male gesehen,
war die alte Liebe zu seinem Vaterlande mit
unwiderstehlicher Heftigkeit in ihm erwacht.
 
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