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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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A euev

Nummer 236.

Freitag, 6. Oktober 1893.



General

Heidelberg und Umgegend

Expedition: Ksuptstraße Wr. 25.

Abontttmentspreiör
mit 8scitigcm illustrirtem SonntagsLlatt: monatlich
38 Pfennig frei in's Haus, durch die Post bezogen
i vierteljährlich 90 Pfennig ohne Bestellgeld.
Expedition: Kauptstrcrße Hlv. L5.

Jnsertrsnspeeis:
die tspaltige Petitzeile oder deren Raum 8 Pfg.,
sür" auswärtige Inserate 10 Pfg., bei öfterer Wicder-
bolung entsprechender Rabatt.

belesenstes Vlntt in Stcrdt n. 2lnrt Heidelberg nnd Aingegend. Gröszter Lrsslg sür Inserate.

An nnfere geehrten Leser!
Wie wir heute erfreulicher Weise konstatiren können, ist es unseren fortgesetzten eifrigen Bemühungen, unterstützt von der Gunst des verehrten Lesepublikums, gelungen, dem „Neuen
General-Anzeiger für Heidelberg und Umgegend" zu dem stattgehabten Quartalwechsel einen weiteren Zuwachs von 1 rüo zu verschaffen. Diese
Thatsachc, welche unser junges Unternehmen mit einer
Abonueirteuzahl von über 5000
von jetzt ab zum NE" salafairstsir Vlntte "°WU von Heidelberg und nächster Umgegend macht, wird uns ein Sporn sein, auf der betretenen Bahn immer weiter fortzuschreitcn.
Hervorheben wollen wir noch, daß sich der Verbreitungsbezirk unseres Blattes crrrf ferirs Gsviiats im Oberland oder Taubergrund erstreckt, sondern nur auf über 100 Orte der näheren
und weiteren Umgebung, welche mit Heidelberg auch noch Aefchäftlietz Fühlung haben. Der inserirendcn Geschäftswelt ist durch den „Neuen General-Anzeiger für Heidelberg und
Umgegend" ein JirfsrtisitSSVgiAir gegeben, welches bei crUcvlrlli^sLer? H-rerrstellttirK Bekanntmachungen aller Art, auch über das Weichbild der Stadt Heidelberg hinaus, der
intercssirenden Umgegend zugänglich macht. Wir empfehlen daher den „Neuen General-Anzeiger für Heidelberg und Umgegend" zu recht häufiger Benützung angelegcntlichst.
Nerlug des Neuen General-Anzeigers Mr Heidelberg nnd Umgegend.

s Tie Landwirthschaft und das
Kleingewerbe.
(Ein Beitrag zur Losung der sozialen Frage.)
II.
Ich kenne einen Metzger, der, wenn es gut
geht, bei der heurigen Kirchweih das Fleisch be-
zahlt bekommt, welches die Leute voriges Jahr bei
ibm geholt haben. An die Bezahlung des heu-
rigen Fleisches braucht er vor Umlauf eines Jabres
nicht zu denken. Wie kann ein solches Geschäft
sich lohnen?
So gibt es heutzutage eine Menge von Ge-
meinden, wo der Schmied, Wagner, Schlosser,
Schneider, Schuhmacher, Bäcker u. s. w. das ganze
Jahr hindurch sich abplagen muß und dennoch vor
Jahresabschluß sich mit keiner Rechnung bei den
Kunden sehen lassen darf. Ja, er bekommt selbst
beim Jahresabschluß oft noch kein Geld. Treibt
ihn aber die Roth dazu, auf Zahlung zu dringen,
so hat er in den meisten Fällen Grobheiten, Ent-
ziehung der Kundschaft und Heruntersetzung seiner
Leistungen zu gewärtigen.
„Bei diesem Kaufmann", heißt es, „kaufe ich
nie mehr etwas, er wiegt zu knapp, seine Waaren
sind zu schlecht und zu theuer. Bei diesem Metzger
hole ich kein Loth Fleisch mehr, er schlachtet lauter
elendes Zeug, man bekommt zu viel Knochen, seine
Würste haben keinen Geschmack. — Der Schuh-
macher kann nicht einmal ein ordentliches Rister
aufsetzen, geschweige einen richtigen Stiefel machen
und dazu kann er nicht vom Morgen bis zum
Abend borgen. — Der Schreiner verschafft lauter
grünes Holz und liefert keine egale Arbeit. — Der
Schneider verpfuscht alle Anzüge und der Bettelmann
will schon Geld, ehe er recht fertig ist. — Der Wirth
bat schlechtes Bier und geschmierten Wein u. s. w."

So ähnlich lauten die Dankbezeugungen gegen die
Geschäftsleute, nachdem sie Jahr und Tag geborgt
haben.
Steht ein Geschäftsmann nicht zum Voraus
schon in sehr günstigen Verhältnissen, so kann er
bei dem jahrelangen Borgen auch bei seinem Liefe-
ranten mit dem Zahlen nicht mehr Nachkommen,
er büßt seinen Kredit ein, er muß sein Geschäft
aufstecken; und so geht es durch alle Schichten der
Handwerk- und gewerbetreibenden Bevölkerung.
Diese großen Mißstände wurden unlängst auch
in einer Versammlung von etwa 100 Geschäfts-
leuten beklagt, wobei die große Mehrheit' keinen
andern Ausweg zu kennen glaubte, als sich zur
sozialdemokratischen Partei zu schlagen. In der
That finden die sozialdemokratischen Ideen auch beim
Landvok immer mehr Verbreitung und wenn die
erwähnten Uebelstände noch länger andauern, so
wachsen die Sozialdemokraten auf dem Lande wie
die Pilze aus dem Boden hervor.
Wie viele solcher Leute verlassen, nachdem sie
ihr Geschäft tüchtig erlernt und sich eine ehrliche
Eristenz zu gründen versucht haben, mißvergnügt
ihre Heimath und wenden sich den Städten zu, wo
sic oft ein besseres Fortkommen finden, oft aber
auch mit Leib und Seele zu Grunde gehen! Die
letzten Volkszähungen haben zur Genüge dargethan,
daß in den größeren Städten die Bevölkerung rasch
zunimmt, in den Landgemeinden dagegen stark zu-
rückgeht.
Sind aber denn die Verhältnisse der land-
wirtschaftlichen Bevölkerung so schlecht, daß ihretwegen
die Geschäftsleute zu Grunde gehen sollen! Wir
müssen die Frage verneinen. Die Liegenschafts-
preise bezeugen bessere Verhältnisse. Findet eine
Liegenschaftsversteigerung statt, so erscheinen Kauf-
lustige in größter Anzabl und bieten aus allen

Kräften darauf los. Erscheint dann St. Martinus,
so richtet der Güterkäufer zwar sein,. Güterzieler,
denkt aber nicht im Geringsten an die Befriedi-
gung der Geschäftsleute.
Warum? Die Güterzicler sind mit Verzugs-
zinsen verbunden, die Borgereien der Geschäftsleute
aber nicht. Die Ursache der schlechten Zahlungs-
verhältnisse auf dem Lande ist also in der Regel
nicht Mangel an Geld, sondern Mangel an
gutem Willen, ein gewisser S ch l c n d r i a n.
Selbst wenn man Geld hat, gibt man dem Ge-
schäftsmann keines, weil cs einmal so üblich ist.
Auf diese Weise kommen viele tüchtige Geschäfts-
leute niemals zn einem grünen Zweig. Sie werden
mißmuthig, unzufrieden und fallen, weil Niemand
ihnen hilft, der Sozialdemokratie in die Hände.
Wie lange soll dieser Mißstand
noch fortdauern? Tagtäglich haben wir bei
den jüngsten Wahlbewegungen Gelegenheit gehabt,
in dem Wahlaufrufe zu lesen: „Schutz des
Handwerks." Ist aber der Schutz z. B. gegen
Bier- und Branntweinsteuer schon im Allgemeinen
aushelfend? Man sollte doch endlich einmal da
schützend eingreifen, wo die Noch am größten ist,
nämlich beim Handwerk und K le i ng ewer be.
Hier besteht der sehnlichste Wunsch, es möchte doch
einmal eine Borg fr ist gesetzlich festgestellt werden,
nach deren Umfluß der geringe Mann zu seinem
Gelde kommen kann.
Möchten die Herren Abgeordneten diese wichtige
Frage doch einmal in die Hand nehmen und dahin
wirken, daß vorstehendem Mißstande abgeholfen
wird, wodurch sich die Heeren ein Denkmal steter
Dankbarkeit in den Herzen des Handwerkerstandes
setzen werden!

Deutsches Reich.
Berlin, 5. Oktober.
— Mit Sicherheit verlautet, der Termin für
die Berufung des Reichstags sei noch nicht be-
stimmt. Die Fertigstellung der Etats- und Steuer-
gesetze, welche ihm sofort nach dem Zusammentritt zu-
gehen, werden maßgebend für den Termin der
Reichstagsberufung sein. Es wird versichert, die
Mehrforderungen für die Marine würden durch
ihre Höhe nicht überraschen, da sie lediglich der
Ausführung früherer, von der Regierung dem Reichs-
tag bereits angekündigter Pläne entsprächen.
— Wie offiziös gemeldet wird, ist die Abreise
des Fürsten Bismarck abermals wieder verschoben
worden, obschon kein Rückfall stattgefunden habe.
Die Kräftigung schreite langsam vorwärts und sei
die Abreise nicht zu bestimmen. Dagegen veröffent-
licht in seiner gestrigen Nummer der „Wiesbadener
General-Anz." folgende Notiz: „Zu dem Be-
finden des Fürsten Bismarck können wir mittheilen,
daß es nicht an leider nur zu begründeten An-
sichten fehlt, welche sich dahin aussprechen, m i t
dem Fürsten Bismarck gehe es langsam
aber stetig zu Ende und er werde vielleicht
Kissingen überhaupt nicht mehr lebendig verlassen.
Nach der Aussage des Gewährsmannes sind die
Quellen, aus denen er diese Nachricht schöpft, ab-
solut sicher." Das genannte Blatt gibt trotzdem
die Nachricht unter aller Reserve wieder.
— Der p o l iz ei li ch en Auflösung verfiel
gestern eine von a nar ch i st ich er Seite einberufene
Versammlung mit der Tagesordnung: „Die Er-
klärung der französischen Delegirten zum Züricher
Kongreß im „Vorwärts" und das Verhalten dessel-
ben dazu." Zu der Versammlung waren die Re-
dakteure des „Vorwärts" sowie der Parteivorstand

Die Jagd nach einer Erbin.
Roman von Hermine Frankenstein.
17) (Fortsetzung.)
Herr Hillsley sprach freundlich, aber mit einer
Entschiedenheit, welche seine Aufrichtigkeit bewies.
Beatrix beeilte sich zu protestiren und erzählte
ihre Geschichte nochmals ruhig nnd deutlich und
beschwor ihren Rechtsanwalt mit der ganzen
Leidenschaftlichkeit ihres erregten, jungen Gemüthes.
Oberst Brand warf von Zeit zu Zeit seine Be-
merkungen dazwischen und dabei arbeitete seine
Nase fortwährend mit der ihm eigenen, nervösen
Unruhe.
Als Beatrix fertig war, sagte Herr Hillsley
ernst:
„Ich bin noch immer nicht überzeugt, Fräulein
Rohan, daß Ihre wilde Geschichte wahr ist. Jetzt
hören Sie mich an. Welche Beweise haben Sie
zur Unterstützung Ihrer Angaben, zu bieten?
Keine anderen, als Ihr unbeglaubigtes Wort. Ich
stelle Ihnen den Fall jetzt vor, wie er vor Gericht
oder überhaupt von einöm vernünftigen Menschen
vorgestellt würde. Auf der einen Seite ist Ihr
uubeglaubigtes Wort. Auf der anderen sind die
Aussagen dreier Personen, einer Dame und zweier
Herren, Alle in gesicherter Stellung von bekanntem,
wohlwollendem und ehrenhaftem Charakter, von
großen Verbindungen und ziemlichem Reichthume.
Ihr Fall ist schon verloren. Aber fügen wir zu
den Angaben, die ich über Herrn und Frau Brand
und deren Sohn machte, noch hinzu, daß Frau
Brand Ihre nächst lebende Verwandte, Ihres ver-

storbenen Vaters einzige Schwester ist, die Dame,
die er zu Ihrer Hüterin erwählt hat, damit sie
Ihre Jugendjahre überwache und Ihnen die
Mutter ersetze, die sie so früh verloren haben.
Ihr Vater kannte seine Schwester genau. In
seinen letzten Tagen, als das Gefühl seines heran-
nahenden Todes ihn um die Zukunft seines Kindes
besorgt machte und er Menschen und Dinge mit
klarem Einblicke zu beurtheilen wissen mußte, wen
bestimmte er da, seine Stelle zu seinem verwaisten
Kinde einzunehmen? Niemand Anderen als Oberst
und Frau Brand, seine geliebte Schwester und
deren Gatten.
Sie wurden also von ihrem eigenen Vater
der Obhut der Verwandten übergeben. Fräulein
Rohan, es scheint mir als hätten Sie diese
gütigen Verwandten mit schnödem Undanke
belohnt."
„Ich glaube, Sie sollten zu Ihren Pflege-
elternzurückkehren, und sie für ihr Benehmen um
Verzeihung bitten."
„Sie wollen mir durchaus nicht glauben?"
fragte Beatrix erbleichend mit funkelnden Augen.
„Es ist mir also nicht gelungen, Ihr Herz zu
rühren und Ihren Glauben zu Wecken, Herr
Hillsley.
Haben Sie kein Mitleid mit einem unglück-
lichen Mädchen, dessen einziges Verbrechen ist,
daß sie eine reiche Erbin ist? Diese Brands
trachten nach meinem Besitzthume. Wenn ich es
ihnen gebe, und mich dazu, dann wollen sie mich
leben lasten. Aber wenn ich mich weigere, ihren
Sohn zu heirathm und in ihre Obhut zurückzu-
kehren, werden sie mich meine Großjährigkeit

nicht erreichen lassen. Ich sterbe dann während
dieses Jahres!"
„Das Mädchen ist verrückt", rief Oberst
Brand im Tone tiefsten Entsetzens aus. „Meine
arme Beatrix! Mein armes Kind!"
Herr Hillsley stand plötzlich auf.
„Fräulein Rohan", sagte er strenge, „ich kann
diese schrecklichen Anklagen gegen meine Freunde
nicht länger anhören. Ich kann nur glauben,
daß Sie Ihrer Sinne nicht ganz mächtig sind.
Ich bin ein friedliebender Mann, aber ich ver-
sichere Sie, wenn ich ein einziges Wort Ihrer
wilden Geschichte glaubte, würde ich, wenn es
nothwendig sei, Himmel und Erde in Bewegung
setzen, um Sie zu befreien. Aber ich glaube Sie
nicht. In diesem Jahrhundert werden solche
Grausamkeiten und Unterdrückungen nicht mehr
verübt. Sie sind entweder zu romantischer Na-
tur, oder Ihre Geisteskräfte sind getrübt. Ich
rathe Ihnen, ruhig mit Ihrem Vormund nach
Antwerpen zurückzukehren. Das letzte Jahr
Ihrer Minderjährigkeit wird vergehen, dann
werden Sie Ihre alleinige, unumschränkte Herr-
scherin sein."
„Du siehst, Beatrix", sagte Oberst Brand,
„Herr Hillsley wird Dir nicht helfen." Kehre
mit mir nach Belgien zurück, zu Deiner Tante
— Deiner Dich vergötternden zweiten Mutter.
Sie wird Dir verzeihen und Dich wieder an ihr
Herz drücken.
Wenn Du eine solche Abneigung gegen Deinen
Cousin Raneal gefaßt hast, will ich ihn nach Eng-
land zurückschickcn. Ich will all' Deine Launen

studieren und mit Liebe und Güte Dein krankes
Gemüth zu heilen versuchen."
„Sie sind der großmüthige Mann, für den
ich Sie immer gehalten habe, Oberst",-sagte Herr
Hillsley warm. „Sie sind unfähig dem unglück-
lichen Kinde zu zürnen ob der A..klagen, die es
wider Sie erhoben. Sie werden ihr auch weiter
ein liebevoller, nachsichtiger Vater sein. Eines
Tages wird sie Ihnen für Ihre Liebe danken!"
„Nnd jetzt", sagte Oberst Brand gleichfalls
ausstehend, „wollen wir Sie mit dieser unglück-
lichen Angelegenheit nicht weiter belästigen, Herr
Hillsley. Ich schlage vor, daß wir noch diese
Nacht nach Belgien zurückkehren. Wir haben
keine Zeit mehr zu verlieren. Erlauben Sie
mir, Ihnen zu danken, mein Herr, daß Sie Ihr
Vertrauen in mich und Frau Brand so festge-
halten haben. Unsere Ehre ist uns besonders
theuer. Wenn sie angegriffen wird, trifft es uns
aus das Empfindlichste."
„Seien Sie versichert, Herr Hillsley", fuhr
Oberst Brand fort, „daß wir bemüht sein werden,
Ihre gute Meinung zu erhalten. Wir werden
gegen unsere liebe, irregeleitete Nichte sehr zärtlich
und liebevoll sein."
Er schaute den Advokaten mit kummervoller
Miene an, als wäre er vom tiefsten Schmerz um
das arme Mädchen erfüllt.
Dann blickte er zu Beatrix hinüber und sein
Gesicht nahm den Ausdruck eines Satyrs an.
Teufliches Entzücken, Triumph und furchtbare
Drohungen malten sich darin. Beatrix wich ent-
setzt zurück.
„Komm, mein Liebling", sagte Oberst Brand
 
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