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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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^Nummer 264.


Mittwoch, 8. November 18S3.

Anrnger

Genera


für Heidelberg und Umgegend



Expedition: Kcruptstraße Hir. 2S.

Expedition: Acruptttraße Wr. LS.

belesenstes Blatt in Stadt ir. Aint Heidelberg und Aingegend. Gvö^tev Lvfrlg fnv Inserate

Telephon-Anschluß Nr. 102. -USK

Handels-

diesem Bc-
Provinzial-

gewissen Budget-Angelegenheiten, Aenderungen der
Wahlgesetze und Einkommensteuer.
Der Streik der englischen Bergarbeiter scheint
nun doch seiner Beilegung entgegenzugehen. Wieder
holt haben Konferenzen der Grubenbesitzer und Berg-
leute stattgefunden, die erfolglos blieben. So auch
am Samstag. Eine nach Schluß der Konferenz
abgehiltene Privatversammlung der Grubenbesitzer
beschloß jedoch, in Anbetracht der entgegenkommenden
Haltung der Bergleute folgendes Anerbieten zu
machen: Die Gruben sollen Montag unter einer
Lohnherabsetzuiig von 15 Proz. wieder eröffnet
werden; der strittige Betrag wird bei einer Bank
auf den von Bergleuten gewählten Dclegirten deponirt
bis zur Regelung des schwebenden Streites, um als-
dann gemäß dessen Entscheidung verwendet zu werden.
Vom Maur en kriege sind heute keine Nach-
richten cingetroffen. Höchst betrübend ist, daß sich
in dieser für Spanien immerhin bedrängniß-
vollen Zeit ein ganzer Beamtenkörper gefunden hat,
der es durch einen höchst unzeitigen Streik die
Aktion der Regierung gegen einen gefährlichen Feind
zu lähmen über sich bringt. Wir meinen die Be-
amten der Eisenbahn Saragossa-Alicante, deren
Arbeitseinstellung die Beförderung von Verstärkungen
nach Melilla verhindert. Das zeigt von wenig
Patritismus und es gewinnt fast den Anschein, als
hätte man es mit dem Streich einer regicrungs
feindlichen Partei zu thun, welche dem Kabinet um
jeden Preis Verlegenheiten bereiten möchte.

geraumer Zeit mit zu parsümerieähnlichen Zwecken
bestimmtem Branntwein, wofür Steuerfreiheit ge-
währtist, durch Verwendung zu Genußzwecken sehr
umfassende Defrauden begangen worden. Der
Finanzminister erklärte daher in Erwiderung eines
Spezialberichts des Provinzialdirektors in Köln,
daß die Erlaubniß zur Herstellung von Parfümerien
und dergleichen aus steuerfreiem Branntwein von
jetzt ab sämmtlichen beteiligten Gewerbetreibenden
gegenüber an die Bedingung geknüpft werde, daß
der Fabrikant die Erzeugnisse nur in Flaschen be-
stimmter Größe, etwa bis 1/4 Liter, sowie nur mit
Flaschen zum Verkauf bringe und der Vertrieb in
größeren Flaschen nur mit besonderer Erlaubniß
der Direktivbehörde stattfinde Von
scheide wurde sämmtlichen übrigen
Steuerdirektionen Kenntniß gegeben.
— Die deutsch-russischen
Vertragsverhandlungen sollen, soweit die
Tariffragen dabei in Frage kommen, zu einem ge-
deihlichen Ende gelangt sein. Der Vertrag kann
jetzt als in seinen Hauptpunkten abgeschlossen be-
trachtet werden. Die russischen Unterhändler waren
in der Lage, namentlich in Bezug auf die Eisen-
und Textilbranche wesentliche Zugeständnisse zu
machen, während die deutschen Konzessionen in dem
Verzicht auf die fernere Erhebung von Differenzial-
zöllen für Getreide ec. gipfelten. Mit der also er-
zielten Verständigung ist der Vertrag allerdings
noch nicht unter Dach und Fach. Man wird sich
auf einen erneuten Ansturm der Agrarier gefaßt
machen müssen, die alles daran setzen dürften, um
die vom Kaiser inaugurierte Handelspolitik, welche
derr neuen Kurs so grundstürzend vom alten Kurse
unterscheidet, noch vor der Krönung des Gebäudes
zu Fall zu bringen.
— Der „Post" zufolge verlautet zuverlässig,
daß eine Reihe von Offizieren infolge des hannover-
schen Spielerprozesses ih.en Abschied erhalten
werden. Einige Blätter Hatton sich darüber auf-
gehalten, daß ein in den Prozeß verwickelter Offi-
zier, Lieutenant von Schierstädt, zu der kaiserlichen
Hubertusjagd kommandirt gewesen sei. Ueber diesen
Fall meldet die „Post" : Der Kommandirung des
Lieutenants von Schierstädt zur Führung des Zuges
bei der Hubertusjagd lag keine besondere Absicht
unter. Der genannte Offizier hat diese Mission
einfach erfüllt, weil er an der Reihe war.
Stuttgart, 7. Nov. Der Kaiser wurde vom
König von Württemberg in Tübingen, wo er
heute Vormittag um 8 Uhr 15 Min. eintraf,
herzlich begrüßt. Ein offizieller Empfang fand
nicht statt. Unter lebhaften Hochrufen der zahlreich
herbeigeströmten Bevölkerung erfolgte dann sofort
die Wciterfahrt' nach Bebenhausen. Nach dem
Frühstück wurde um 9 Uhr zur Jagd nach En-
tringen aufgebrochen.

JnsertisnöpreiSr
die Ispaltige Petitzeile oder deren Raum S Pfg.,
für auswärtige Inserate 1v Pfg«, bei öfterer Wieder-
holung entsprechender Rabatt-

Deutsches Reich.
Berlin, 7. November.
— Der dem Bundesrathe zugegangene Wein-
steuergesetzentwurf bestimmt die Steuer für
Naturwein im Werthe von über 50 Mark pro
Hektoliter auf 15 Prozent vom Werthe, Schaum-
wein 20 Prozent, Kunstwein 25 Prozent, minde-
stens aber 10 Mark pro Hektoliter. Die Steuer-
pflicht tritt beim Uebergang des Weines vom Aus-
land in die Zollniederlage, vom Hersteller, bezieh-
ungsweise Großhändler an Kleinhändler und Ver-
braucher ein. Die Steuer wird vom Kleinhändler,
beziehungsweise Verbraucher entrichtet. Als Werth
gilt der Kaufpreis, wofür der Kleinhändler, be-
ziehungsweise Verbraucher den Wein erworben. Bei
Auslandswein wird der Zollbetrag hinzugerechnet.
Befreit sind: der eigene Verbrauch des Herstellers,
Meß- und Communionwein, Wein zur Herstellung
von Essig und Branntwein, Weinproben. Die
Erhebung und Verwaltung der Weinsteuer erfolgt
durch die Landesbehörden, denen die Kosten bis
auf weiteres von Rechtswegen rergütet werden.
Für die bei Inkrafttreten des Gesetzes vorhandenen
Weinvorräthe ist von den Kleinhändlern die Nach-
steuer zu entrichten.
— Dem „Reichsanzeiger" zufolge sind seit

---
München, 7. Nov. Der Abgeordnete Dr.
Ratzinger begründete in der heutigen Kammer-
sitzung durch eine Inständige Rede seine Inter-
pellation und wies auf die bedrohlich wachsende
Verschuldung des Bauernstandes hin. Er wies
hier jegliche Gemeinschaft mit der norddeutschen
Agrarbewegung ab. Die Gründung von bäuer-
lichen Wirthschaftsgemeinden bezeichnete er als
das einzige Mittel zur Abhilfe. Der Minister
des Innern trat den Schilderungen Dr. Ratzinger's
entgegen. Die Summen der ländlichen Spar-
kassen seien in stetem Steigen begriffen. Die
Zahl der Zwangsversteigerungen hat sich um 5
Prvz. vermindert. Dpr Rindviehstand des Jahres
1892 ist um 10 Proz. gestiegen. An Kunst-
dünger wurde dreimal so viel angekauft als in
früheren Jahren. Die Ernteerträge steigern sich
immerfort. Die bayrische Negierung werde auch
in Zukunft darauf bedacht sein, die Landwirth-
schaft zu fördern, wie ja nirgends so viel für
dieselbe gethan werde, als in Bayern. Dr.
Ratzinger's Wirthschaftsgemeinden beschränkten die
freie Selbstversügung der bäuerlichen Kreise und
seien nichts anderes, als ein langsames Ent-
eignungsversahren. Das Eigenthumsrecht werde
auf diese Weise bevormundet. Solche Schwarz-
malereien helfen dem Bauernstände so lange und
so gründlich, bis ihm nicht mehr zu Helsen ist.
Der Gesetzentwurf, betreffend den Nachlaß der
Grundsteuer in den Nothstandsgebieten, wurde
nach einer lebhaften Debatte, ast der sich auch
der Finanzminister betheiligte, in erster Lesung
unverändert einstimmig angenommen.
München, 7. Nov. Der Leibarzt des Fürsten
Bismarck, Professor Dr. Schweninger, wurde
vom Prinzregenten in längerer Audienz empfangen.
Schweninger überbrachte den Dank des Altreichs-
kanzlers für die ihm durch den Regenten während
des Kissinger Aufenthaltes erwiesenen Aufmerksam-
keiten. Bei der Verabschiedung sprach der Regent,
dem Hofbericht zu Folge, die besten Wünsche für
das fernere Wohlergehen Bismarcks aus.
Ausland.
Paris, 7. Nov. Nach einer Meldung aus
Havannah versuchten zwanzig Bewaffnete die
Einwohner von Santa Clara auf der Insel
Cuba zum Auf stand anzureizen. Die Truppen
trieben dieselben zurück, tödteten und verwundeten
mehrere.
Marseille, 7. Nov. Die Unrichen dauern
fort. Gestern fand ein erneuter Zusammenstoß mit
der Polizei statt. Unter die Ausständigen haben
sich viele Sozialisten und Anarchisten gemischt.
Es wird befürchtet, daß die Unruhen eine größere
Ausdehnung gewinnen.
London, 7. Nov. Im Unterhaus erklärte
Buxton, nach den jüngsten Nachrichten sei Loben-

Allerlei Politisches.
In Baden sind die Landtagswahlen vorüber-
öd schon sieht man den Tagungen des Land-
es entgegen, die in nächster Wcche beginnen. Die
Ernennung des Prinzen Wilhelm, des Bruders
Unseres erlauchten Landesfürsten, zum Präsidenten
^r ersten Kammer wirkte überall überraschend, da
^r hohe Herr sich seit einigen Jahren von der po-
etischen Bühne zurückgezogen hatte. Außerbadische
Heilungen kommentierten diese Ernennung je nach
ihrer Parteipellung in verschiedenster Weise und
begleiten ihreWetrachtungen mit den widersprechendsten
Schlußfolgerungen. Welche von denselben das Rich-
tige getroffen, wird erst die Zeit lehren.
Im Reiche stehen die wichtigen Steuerfragen im
Vordergründe der Diskussion. Die betreffenden Ge-
setzentwürfe gelangen diese Woche an den Bundes-
ryth. Man darf gespannt sein, welche Berücksich-
tigung hier die lebhaften Proteste des Volkes gegen
die Wein- und Tabaksteuer finden. 'DerReichstag
tritt am 16. November zusammen.
Die österreichische Min ist erkri si s ist
"och nicht vorüber. Fürst Windischgrätz war am
Freitag und Samstag bei Kaiser Franz Joseph in
Pest. Hierauf hat er sich nach Wien begeben und
Wit dem verflossenen Ministerpräsidenten Taaffe eine
lange Konferenz gehabt. Es steht jetzt fest, daß
Pstndisch.irätz an die Spitze des Kabinets tritt, das
Wohl bis Donnerstag vollständig sein dürfte.
Der Russenjubel in Frankreich ist verrauscht;
die Parteien beginnen wieder den innerpolitischen
Dingen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und damit
beginnt wieder die Schmerzenszeit des Kabinets
Dupuy. Als Arbeitsprogramm wird dasselbe der
Kammer bezeichnen: Die bereits früher eingebrachten
Gesetzentwürfe, wie Reformen der Getränkesteuer,
Thüren- und Fenstersteuer, Miethsteuer, die Auf-
hebung der Verzehrungssteuer. Ferner werden neu
einzubringende Entwürfe, darunter einer betreffend
die Konversion ver 41/2 prozentigen Rente, ange-
kündigt werden. Endlich wird die Erklärung die-
jenigen Fragen aufzählen, welche die Regierung aus
dem parlamentarischen Arbeitsprogramm ausschließen
will, wie Verfassungs-Revision, Trennung von Kirche
und Staat, Abänderung der Stimmabgabe bei ge-

Frvtwnbren-
werden von allen Postanstalten, Landbriefträgern,
Uferen Agenten und Trägerinnen Abonnements
entgegengenommen.

Abonnementspreiö r
Wit 8seitigem illugrirtcm Sountagsblatt. monatlich
"5 Pfennig frei in'S HauS, durch die Post bezogen
vierteljährlich SO Pfennig ohne Bestellgeld.




Die Jagd nach einer Erbin.
Roman von Hermine Frankenstein.
46) (Fortsetzung.)
Der Brief war auf grobem, blauem Papier
in geschäftsmäßiger Schrift geschrieben und
lautete:
„Im Buchhändler-Laden Folliot Fens,"
den 21. Juni 1874.
Fräulein Bermyngham — Madame! —
Verzeihen Sie gütigst einem Fremden, daß er
es wagt, Sie mit seinen Privatangelegenheiten
zu belästigen, aber die Thatsache, daß diese
Angelegenheiten von größter Wichtigkeit sind,
müssen zu meiner Entschuldigung dienen. Ich
habe Sie soeben mit Ihrer noblen Verwandten
Lady Folliot in den Wagen steigen gesehen und
obgleich ich Ihres Schleiers wegen und auch
infolge meines halbzerstörten Augenlichtes Ihre
Züge nicht genau sehen konnte, bin ich dennoch
überzeugt, daß Sie selbst einen so tief unter
Ihnen stehenden Menschen, wie ich es bin,
gütig angesehen werden.
„Ich wünsche einige Erkundigungen bei
Ihnen einziehen zu dürfen, bezüglich Ihrer
Dienerin, welche Ihnen unter dem Namen
Agathe Walden bekannt ist. Ich bitte Sie,
dieselbe von dieser Mittheilung nichts wissen
zu lassen.
„Wenn Sie mir gütigst eine Unterredung
von einigen Minuten gewähren wollten und
mir die Unschicklichkeit verzeihen möchten, mit
der ich diesen Brief an Sie richte, und meine

Bitte vortrage, würden Sie mich für ewig zu
Ihrem Schuldner machen."
„Erlauben Sie mir zum Schluffe nur noch
eine Bemerkung, daß Sie um Ihrer selbst
willen hören sollten, was ich über Ihre Dienerin
zu sagen habe."
„Ich verbleibe, Madame, in tiefster Ehrer-
bietigkeit Ihr gehorsamer Diener
Kaspar Voe."
Die Augen des falschen Fräulein Bermyng-
ham blitzten und funkelten unter den halb ge-
schlossenen Lidern hervor, als sie diesen Bries
immer wieder von neuem durchlas.
„Er hat keine Ahnung, daß ich nicht das
wirkliche Fräulein Bermyngham bin," sagte sie
triumphirend zu sich selbst. „Er hat keine Ahnung,
daß ich die Person bin, welche sich Agathe Walden
genannt hat. Tausend Segen über meinen Schleier
und sein halbzerstörtes Augenlicht."
„Indem er ein Auge ganz verloren hat, ist
dadurch auch die Sehkraft des anderen geschwächt
worden, meinem guten Genius sei Dank dafür!
Und was soll ich ihm auf diese Mittheilung er-
widern. Es scheint, daß er nicht erfahren hat,
daß Agathe Walden todt ist. Er muß über diesen
Punkt unverzüglich aufgeklärt werden."
Die Betrügerin überlegte eine Weile, dann
rief sie ihr Kammermädchen herbei. Die
Französin kam schnell aus dem Nebenzimmer
heraus.
„Finette", sagte ihre junge Herrin ernsthaft
und die Stirne runzelnd, als ob sie über irgend
etwas in arger Verlegenheit wäre, „dieser Brief,
den Sie mir gebracht haben, ist höchst sonderbar.

Der Schreiber ist offenbar ein Verwandter jener
Dienerin, welche mich auf meiner Reise von Indien
hierher begleitete. Er zieht Erkundigungen über
sie ein und wünscht eine Unterredung mit ihr.
Es ist ganz und gar unmöglich, daß ich ihn
empfange," und sie warf einen Blick aus ihren
Schlafrock. „Sie müssen statt meiner zu ihm
hinabgehen, Finette."
„Gewiß, mein Fräulein," erwiderte darauf die
Französin.
„Und sagen Sie ihm," fügte die Betrügerin
hinzu, ihr Gesicht abwendend und in ihrem ge-
wöhnlichen, leisen, katzenhasten Ton sprechend,
„daß ich Toilette mache und ihn unmöglich em-
pfangen könne. Und theilen Sie es ihm auf
schonende Art mit, daß das Mädchen Agathe
Walden todt ist.
Sie können ihm sagen, daß sie sehr plötzlich
gestorben ist, als wir in den Londoner Bahnhof
einsuhren. Sie wurde auf meine Kosten begraben,
die Aermste. Aus dem Bahnhof werden sie ihm
Alles sagen. Sagen Sie ihm, daß er sich nur
an den Stationschef wenden soll."
„Ja, Mademoiselle."
„Und sagen Sie ihm auch," fuhr die Betrü-
gerin fort, „daß das Frauenzimmer eine Woche,
ehe ich Calcutta verließ, um nach England zu
reisen, in meine Dienste trat, daß sie sehr ängst-
lich war, Indien möglichst schnell zu verlassen,
daß sie mir auf den ersten Blick gefiel und ich
Mitleid mit ihr hatte, weil sie von einem schweren
Kummer niedergedrückt zu sein schien, und daß sie
mir vortreffliche Zeugnisse aus früheren Stellungen
brachte, die ich jedoch nicht untersuchen konnte,

weil es mir an Zeit gefehlt hat. Ich habe sie
also ohne Empfehlungen ausgenommen. Ich weiß
gar nichts von ihrer Geschichte. Sie war sehr
verschlossen über sich selbst. Sie schien fortwäh-
rend über irgend etwas zu erschrecken und lebte
in steter Furcht, verfolgt zu werden. Sagen
Sie dem Manne das Alles, Finette, und dann
soll er gehen."
Das falsche Fräulein Bermyngham bedeckte
mit einer beringten Hand den Mund, als wollte
sie ein Gähnen unterdrücken, und mit der anderen
gab sie ihrer Dienerin einen Wink, daß sie ent-
lassen sei.
Finette, entfernte sich, um ihren Auftrag aus-
zurichten. Sie ging in die große, weite Vorhalle
hinab und entdeckte dort den Fremden, der in
einem hohen, geschnitzten Stuhle saß. In einer
Entfernung von dem Fremden, den er gar nicht
mehr zu beachten schien, saß der Portier auf
seinem gewöhnlichen Platze.
29. Kapitel.
Die bekannte Stimme.
Finette trippelte auf den häßlichen Einäugigen
zu, welcher bei ihrem Herankommen aufstand und
sich höflichst verbeugte.
„Ich bin Myladys Kammermädchen, mein
Herr," sagte die Französin, welche die Gewohn-
heit hatte, ihrer jungen Herrin je nach Laune
einen Titel beizulegen. „Ich bin statt ihrer ge-
kommen. Sie wollen sich nach dem früheren
Kammermädchen Myladys, nach der armen Agathe
erkundigen."
 
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