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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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General-GAMiger

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vierteljährlich 80 Pfennig ohne Bestellgeld.
»---: :
Krpeditron Kcruptstraße Mr. 25.

für Heidelberg und Umgegend
(Mürger-Zeitung).

»—.. ..-«
JnsertionSpreiSr
die lspaltige Pctttzeile oder deren Raum 5 Pfg.,
iür auswärrige Inserate 10 Pfg., bei öfterer Wieder-
holung entsprechender Rabatt.
n-——
Expedition: Kauptstrcrße Mr. 25.

! Verantwortlicher Redakteur
! herm. Streich.

Montag, den 11. September

Druck und Verlag:
lseckmann, Dörr L Wurm.

1893.

IM- Telephon-Anschluß Nr. 102. "BR

Amtliche Arbeitsnachmeisstellen.
Zur Verringerung der Zahl der Arbeitslosen in
den großen Jndustriebezirken hat, dem „Liegnitzer
Tagebl." zufolge, der Regierungspräsident vonLieg-
nitz kürzlich an die Magistrate der Städte über
10000 Einwohner eine Verordnung erlassen, in
welche er die Errichtung von je einer oder mehreren
amtlichen Arbeitsnachweisstellen empfiehlt, durch
welche den arbeitsuchenden Personen eine Arbeits-
gelegenheit unentgeltlich nachgewiesen wird. In
dieser Verordnung wird darauf hingewiesen, daß
nach der Rechtsprechung des Bundesamts für Hei-
mathswesen eine Hilfsbedürftigkeit im Sinne des
8 1 des Unterstützungswohnsitzgesetzes auch bei einer
Person vorliegt, die zwar an sich arbeitsfähig, aber
aus äußeren Gründen, z. B. wegen mangelnder
Arbeitsgelegenheit, sich und ihren Angehörigen den
Nvthigen Unterhalt zu verschaffen nicht im stände
ist und daß somit solche Personen einen Anspruch
auf Unterstützung haben, durch welche der städtische
Etat belastet wird. Weiter stellt der Regierungs-
präsident bezüglich von Beschwerden solcher Personen
wegen Verweigerung von Armenunterstützung in
Aussicht, daß er nur dann beim Bezirksausschüsse
gemäß 8 41 des Zuständigkeitsgesetzes vom 1. Aug.
1883 deren Abweisung befürworten könne wenn seitens
der Magistrate der Nachweis erbracht werde, daß
dem Beschwerdeführer eine Arbeitsgelegenheit nach-
gewiesen worden sei, dieser aber davon keinen Ge-
brauch gemacht habe. Die Einrichtung derartiger
Arbeitsnachweisstellen würde endlich auch für die
Polizeiverwaltungen den Vortheil haben, daße sie
künftig in der Lage sein würden, von den Straf-
bestimmungen der M. 361 Nr. 8 und 362 Abs.
- des Strafgesetzbuches wirksameren Gebrauch als
bisher zu machen.
Veraussetzung für eine wirksame Durchführung
derartiger Maßnahmen ist freilich eine zuverlässige
Mitwirkung der Arbeitgeber, welche ersucht werden
sollten, jede zu vergebende Arbeit bei der Nachweis-
stelle anzumelden. Da aber hierdurch den Arbeit-
gebern, wenn auch keine materiellen Opfer, so doch
immerhin neue Unbequemlichkeiten auferlegt werden,
und da man die Arbeitgeber nicht zwingen kann,
^waige ungeeignete Arbeitskräfte zu beschäftigen, so
bleibt es fraglich, ob es den Magistraten gelingen
wird, diesen voraussichtlichen passiven Widerstand
?u überwinden.
Der Stuttgarter Gemeinderath hat bereits in
voriger Woche die Errichtung eines „Arbeits-Amtes"
beschlossen, ist also den Norddeutschen Vorschlägen
schon voraus geeilt.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. September.
— Die Angaben über Neusorderungen
Mr die Marine sind, wie die „N. L. C." hört,
^Enigstens für die nächste Reichstagssession, unbe-
Zründet. Es würde auch wenig oder gar keine

Aussicht sein, für solche Forderungen gerade während
der Beratungen über die Deckung der Kosten der
Militärreform eine Mehrheit in dem gegenwärtigen
Reichstag zu gewinnen.
— Die Meldung eines Provinzialblattes, daß
im Bundesrath Verhandlungen wegen Ver-
stärkung und Erweiterung der parlamentarischen
Strafgewalt schweben sollen, wird als unzutreffend
bezeichnet. Der BundeSrath soll dieser Angelegen-
heit weder jetzt noch früher näher getreten sein.
— Der Gesetzentwurf über den Schutz
der Waarenbezeichnungen, welche in der Session
1892/93 im Reichstag eingebracht wurde, aber in
Folge der Auflösung des Reichstags nicht mebr zur
Berathung gelangte, soll in der bevorstehenden
Session wieder vorgelegt werden.
— Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung"
ist in der Lage, die auch in deutsche Blätter
übergegaugene Meldung des „Figaro" vom bevor-
stehenden Rücktritt des deutschen Botschafters in
Paris, Gra fenMünster, als jeder Begründung
entbehrend zu bezeichnen. Graf Münster, der sich
von der letzten Erkrankung vollkommen erholt habe,
kehre demnächst auf seinen Posten zurück und denke
keineswegs an seinen Rücktritt. Ebensowenig sei
an maßgebender Stelle eine Veränderung der der-
zeitigen Besetzung des Pariser Botschafterpostens
beabsichtigt.
— Einen Beitrag zur Zeitgeschichte, der des
seinen Humors nicht entbehrt, liefern wieder einige
Personalnotizeu, die unter normalen Verhältnissen
kaum die Beachtung des Politikers finden würden.
Auf der großen Heerschau der Zentrumspartei in
Würzburg fehlten an erster Stelle Freiherr von
Schorlemer - Alst und Graf Ballestrem,
erprobte Führer im Streit gegen das preußische
und deutsche Regiment. Bei den Kaisertagen am
Rhein, wo eine wirkliche deutsche Heerschau zu
sehen war, haben sich die beiden genannten streit-
baren Politiker am Hoflagerpünktlich eingefunden.
Der vaterländische Eifer ist bei dem einen der
Herren um so höher zu veranschlagen, als er ja
dem schlesischen Adel angehört und keine unmittel-
baren Beziehungen zu den rheinischen Manövern
haben konnte. Auch zu dem Paradediener war
Herr von Schorlemer befohlen und erschien dabei
in seiner rothen Malteserunisorm. Der Kaiser
zeichnete den Freiherrn huldvoll aus und theilte
ihm persönlich die Beförderung zum Rittmeister
mit. 1857 ist Herr von Schorlemer aus dem
8. NIanenregiment als Prcmierlieutcnant aus-
geschieden.
— Dem zuni 19. September einberufenen
Kolonialrath sind bereits mehrere Vorlagen
zugegangen. Sie betreffen in der Hauptsache
handelstechnische Fragen in der Verwaltung von
Kamerun und Deutsch-Ostafrika, die die Regierung
der Begutachtung der im Kolonialrath sitzenden
Sachverständigen zu unterbreiten gedenkt; ein all-
gemeineres Interesse beanspruchen sie nicht. Die
Etats der Kolonien sind noch nicht eingegangen.
— Das Vorgehen der Postverwaltung gegen

die Postassistentenvereine scheint sich die Eisenbahn-
verwaltung zum Muster zu nehmen. Der Direktor
des Eisenbahnbetriebsamtes in Essen, Regierungs-
rath Grünhagen, hat, wie die „Gelsenkirchener
Ztg." berichtet, vor etwa Monatsfrist einen Erlaß
an die ihm unterstellten Beamten gerichtet,
worin das Bestreben der Stationsassistenten, sich
zum Verein zusammenzuschließen, als eine Art
Insubordination und Verletzung der Dis-
ziplin hingestellt und vor dem Beitritt zudem
betreffenden Verein genannt wird- Die Stations-
assistenten werden in dem Erlaß gewissermaßen
als Staatsbürger zweiter Klasse hingestellt, indem
offen ausgesprochen wird, daß die dienstliche Ord-
nung und die Verpflichtung zum besonderen Ge-
horsam und zu besonderer Treue gegenüber der
Staatsregierung den Beamten Rücksichten aufer-
legte, welche eine schrankenlose Ausübung ihrer
staatsbürgerlichen Rechte nicht zulasse.
— Die Urwahlen zum preußischen
Landtage sollen Ende Oktober, die Abgeord-
netenwahlen Anfangs November stattfinden. Der
Landtag wird indessen erst mitte Januar einbe-
rufen werden. Die durchgreifendste Aenderung,
welche die Neuwahlen herbeiführen könnten, be-
stände darin, daß die konservativen Parteien für
sich allein schon die Mehrheit im Landtage erhielten.
Bisher fehlten ihnen an dieser Zahl nur 17 bezw.
14 Stimmen. Daß da die liberalen Parteien sich
mindestens auf die Hinterbeine setzen müssen, um
auch nur ihren gegenwärtigen Besitzstand zu er-
halten, ist begreiflich.
— Die heftige Fehde zwischen den verschiedenen
Gruppen der Antßemitenpartei dauert an. In
seiner neuesten Nummer veröffentlicht der konserva-
tiv-orthodor-antisemitischc „Reichsbote" einen langen
Leitartikel über „falschen Antisemitismus." Die
Bewegung, die der dunkeln Sehnsucht nach Selbst-
erneuerung des Volkes in christlichem und deutschem
Geiste entsprungen sei, sei zu einer naturalistischen
Partei- und Agitations-Bewegung mit allen Schwächen
und Verirrungen einer solchen verwildert. Ihre
derzeitigen Führer seien „rücksichtslose Naturalisten
und Machtstreber", denen das Christenthum im
Wege stehe. Dann heißt es weiter: „Die deutsche
Treue, die sie in ihren Organen stehend im Munde
führen, zeigt sich tatsächlich in einer unersättlichen
Skandalsucht, die immer wieder einen Genossen der
gemeinsamen Sache gegen den anderen erregt und
zu Enthüllungen begeistert. Das Wort Antisemi-
tismus ist ein Sammelbecken, das vielerlei begreift,
Echtes und Falsches, oft Entgegengesetztes durch-
einander. Dieser Antisemitismus, so vulgär er
geworden sein mag, dieser materiallistische Rassen-
antisemitismus hat keine Zukunft. Er leidet
grundsätzlich an der unfruchtbaren Natur aller
solcher Kampfparteien, die nur eine historische Be-
rechtigung besitzen: die Schwächen und Sünden
einer vorher herrschenden vereinseitigten Zeitrichtung
negativ zu geißeln." Den Führern wird ferner
Verfolgungssucht, Pharisäismus, leichtherzige Agi-
tation, haßerfüllte Vergeltungspolitik, persönliche

Skandalsucht nachgesagt. Die „falschen Anti
semiten" werden es an der gleichwertigen Ant-
wort an die „richtigen" Antisemiten nicht fehlen
lassen.
Straßburg, 9. Sept. Der Paradedes 15.
Armeekorps wohnte eine unabsehbare Zuschauer
menge bei, die dem Kaiser zujubelte, als er auf
dem Paradefeld eiutraf. Nach Abreiten der Front
sprengte der Kaiser nach dem Standorte vor der
großen, dichtbesetzten Tribüne. Der erste Vorbei-
marsch bei den Fußtruppen erfolgte in Kompagnie-
front, bei der Kavallerie in Schwadronen, bei
Artillerie in Batteriefront und dauerte über eine
Stunde. Beim zweiten Vorbeimarsch defilirten
die Infanterie in Regiments-Kolonnen, die reiten-
den und fahrenden Truppen im Trabe. Alles
verlief trefflich und zur höchsten Zufriedenheit des
Kaisers. Während der Parade hatte sich links
von derselben das Gefolge und die Fürstlichkeiten,
aufgestellt. Mit dem Kronprinz von Italien
unterhielt sich der Kaiser besonders herzlich und
machte ihn mehrfach auf Einzelheiten aufmerksam.
Der Großherzog von Baden führte dem Kaiser zwei-
mal sein württembergisches Regiment vor, wofür der
Kaiser dem Großherzog durch wiederholten herz-
lichen Händedruck dankte. Nach dem zweiten
Vorbeimarsch ritt der Kaiser zu den aufgestellten
Kriegervereinen und begrüßte dieselben ebenfalls
huldvoll, einzelne Mitglieder durch Ansprachen
auszeichnend. Hierauf erfolgte, an der Spitze der
Fahnen-Kompaguie, der Einzug in die Stadt.
Die Truppen und Volksmassen folgten langsam;
letzere vertheilten sich in größter Ordnung; überall
herrscht Begeisterung. Der Kaiser war vom Emp-
fange und der Aufnahme seitens der Bevölkerung
hochbefriedigt und äußerte beim Abschied auf dem
Bahnhofe zum Bürgermeister: „Mein lieber Back,
herzlichen Dank. Es war Alles wunderschön."
Ausland.
Nom, 8. Sept. Die französischen Gesandt-
schaftsgebäude sind seit gestern nicht mehr in Rom
vom Militär bewacht, da keine Gefahr mehr existirt.
Man glaubt, daß Billot nicht eher kommen wird,
als Ende Dezember. Die großen Manöver in
Piemont haben wichtige Resultate ergeben und
große Fortschritte des italienischen Heeres gezeigt.
— Der Senator Jnghilleri hat Giolitti den Be-
richt über die neapolitanischen Erzesse übergeben.
Rom, 9. Sept. Die „Agenzia Stefani"
meldet aus Rio de Janeiro, die Barke des
italienischen Konsuls, der von Bord des italienischen
Kreuzers „Bausan" sich ans Land begeben wollte,
sei von brasilianischen Soldaten ohne Avertissement
beschossen und dabei ein Matrose verwundet worden,
der am folgenden Tage starb. Der Kommandant
des Kreuzers und der italienische Konsul protestirten
bei der brasilianischen Regierung, die alsbald Ge-
nugthuung gab, indem sie ihr Bedauern über den
Vorfall ausdrückte, das Begräbniß des Matrosen
auf Regierungskosten anordnete, den Kommandanten
der betreffenden Truppenabtheilung dem Kriegs-
gericht überwies und außerdem dem italienischen

Kine dunkle Thal.
Roman von P. E. von Ar eg.
(Fortsetzung.)
- »Das Geschäft mit den Depositen", fuhr der Asses-
Bs fort, „war unter allen Umständen ungefährlich.
Papiere boten die vierfache Sicherheit und waren
Zeit vollkommen unverdächtig. Wienbrand war
Jbhalb zu dem Geschäfte auch gern bereit und als
^Unow diese Zusage empfangen hatte, schütztecrvor,
Besitzer der Papiere wünsche nicht, daß über
Verpfändung irgend etwas bekannt werden
und um hier auch das Spiel des Zufalls
h verhindern, wollten sie gemeinsam jene Papiere
d Madien und versiegeln. So entstand jenes Packet,
Mich eigentlich an erster Stelle zur Erneu-
deck deiner Versuche, jene dunkle That aufzu-
irm^' veranlaßte. Wenn Wienbrand vier Wochen
sihp"r die gerichtliche Aufforderung an den Be-
r jener Papiere las, daß er sich melden möge,
Ug, .waren die einzelnen Nummern derselben
schwach längst aus seinem Gedächtnisse ver-
die und sie wieder einzusehen, fehlte ihm
.dglichkeit; er würde das aber vielleicht auch
iHv beabsichtigt haben, denn es mangelte
Aus einer Verpflichtung dazu, zumal in jenem
bro^ws selbst nichts von einem verübten Ver-
pesW v siand; das Gericht konnte ein solches als
die destehend ja keineswegs annehmen, weil
hgp Mlichkeit durchaus nicht ausgeschlossen war,
i>w s) M v. Flottwell sich mit seinem Eigenthum
Ausland begeben haben konnte. Deßhalb

überließ Wienbrand ruhig dem eigentlichen Be-
sitzer der Papiere die Vertretung seiner Rechte,
dem auch allein der Schaden zufiel, wenn etwas
versäumt wurde. Ich vermuthe, daß die Aus-
sagen Grünows meine Kombination nach dieser
Seite hin bestätigen werden, wenn er sich über-
haupt dazu herbeiläßt, Geständnisse zu machen."
»Ich gestehe Ihnen gern, lieber Freund",
versetzte der Doktor, „daß Ihre Auseinandersetzung
durchaus geeignet gewesen ist, die von mir auf-
geworfenen Fragen zu beantworten. Ich habe
aber immer noch ein Drittes im Hintergründe.
Wer wäre wohl im Stande, eine Aufklärung
darüber zu geben, in welchen Beziehungen dieser
August Klotze zu Hans v. Flottwell gestanden
hat?"
„Dazu bin ich der Mann", entgegnete Johann
Ohlsen mit Wichtigkeit. „Als Hans v. Flottwell
von der Kadettenschule weg als Leutnant in seine
neue Stelle in Stavenhagen einrückte, war August
Klotze der erste Bursche, den er dort hatte. So
häßlich der Mensch war, so verstand er es doch
vortrefflich, sich einzuschmeicheln, und dem jungen
Offizier fehlte es damals noch viel zu sehr an
Erfahrungen, als daß er das böse Element in
dem Burschen deutlich erkannt hätte. Freilich
dauerte die Herrlichkeit nicht lauge. Klotze stahl
einem Kameraden das gefüllte Portemonnaie,
erhielt dafür seine Strafe und wurde aus der
Armee ausgestoßen. Er ging nach Berlin und
wählte sich dort sein Arbeitsfeld, und von dieser
Zeit her datiren seine guten Beziehungen zu
Grünow. Aber er kehrte immer von Zeit zu
Zeit hierher zurück und hielt sich widerholt Wochen

lang hier auf. Der Leutnant hatte einen ab-
sonderlichen Geschmack an dem Burschen gesunden,
und es gelang ihm in der That, mich eines
Tages zu überreden, daß ich diesem einige Zeit
in meinem Hause Quartier gab, weil er sonst
nirgends ein Unterkommen sand und mittellos
war. Was mich dazu bewog, ihn wieder Hinaus-
zuwersen, das habe ich Ihnen schon früher er-
zählt, Herr Doktor. Trotz alledem hatte der
Leutnant sein Interesse au dem Schuft nicht ver-
loren, und ich will zugeben, daß er an sich selbst
die bitterste Erfahrung machte, als ihm Klotze
den Revolver stahl, um deßwillen, sich der erste
Verdacht wegen des Mordes Wienbrauds aus
Hans v. Flottwell richtete."
Der Assessor sah nach der Uhr. Es war die
höchste Zeit wenn er das Mittagessen nicht ver-
säumen wollte. So trennte man sich also.
Der erste Nachmittagszug brachte Lindemann
nach Borkum. Man wußte da draußen ja gut
genug, mit welchen Absichten er verreist war;
aber er hatte weder von Berlin noch von Bremen
aus schriftliche Nachrichten nach der Heimath ge-
langen lassen; da sich das Dunkel auf seinem
Wege allmühlig zu lichten begann, hatte er den
Entschluß gefaßt, den Lieben in der Heimath erst
dann einen klaren Einblick in sein Thun zu ge-
statten, wenn es ihm gelungen sein würde, bis
zu seinem Ziele vorzuschreiten. Dieses Ziel war
nunmehr erreicht. Er durfte mit Befriedigung
auf das blicken, was geschehen war. Aus schein-
bar unbedeutenden Anfängen hatte sich das ganze
G bäude aufgebaut und fast in jeden: einzelnen
Stücke war sichtbar die Hand der Vorsehung zu

erblicken gewesen, die schließlich einen der Ver-
brecher bereits mit dem Tode gestraft hatte. Die
beiden anderen standen innerhalb des Bannes
der menschlichen Gerechtigkeit und das Gesetz mußte
ihre Strafe bestimmen.
Sein erster Weg vom Bahnhofe weg führte
ihn ins Pfarrhaus. Er wußte, wie schwer sein
Oheim unter dem Verdachte gelitten hatte, den
das Gerücht auf seinen Bruder, Wilhelms Vater,
gehäuft und empfand eine innige Freude darüber,
daß es ihm, dem Sohne, gelungen war, den un-
gerechterweise gebrandmarkten Namen des Vaters
in seiner makelloloseu Reinheit wiederherzustellen.
Die Erste, die ihm schon an der Hausthür
entgegen kam, war die Pfarrerin. Sie hatte ihn
schon das Dorf herunter kommen sehen und war
ihm mit ihrer gewohnten Rüstigkeit entgegengeeilt.
„Dein Gesicht weissagt Gutes, Wilhelm!"
rief sie lebhaft nach kurzen: Gruße. „Komme
herein zum Vater, damit er der Erste ist, der
Deine guten Nachrichten empfängt.
Sie traten in die Studirstube des Greises.
Ernst schaute er auf.
„Kann ich Dich mit Freuden empfangen,
mein Sohn?" fragte er.
„Es ist gelungen", erwiderte der Assessor. Der
Name meines armen Vaters wird nicht mehr
durch den Mund der Leute laufen, wie der
eines Mörders. Hugo von Flottwells Tod ist
konstatirt, seine Ueberreste aufgefunden, die
Mörderbande, die ihn umbrachte, entdeckt, sein
verschwundenes Erbtheil wieder erlangt. Ihr
werdet staunen, wenn ich Euch erzähle, auf welche
 
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