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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) — 1893 (Juli bis Dezember)

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Nummer 31)1

Neuer

Donnerstag, 21. Dezember 1893.


---——*
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3L Pfennig frei in's Hans, durch die Post bezogen
vierteljährlich 90 Pfennig ohne Bestellgeld.
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Expedition-. Liouptftroße 26.

für Heidelberg und Umgegend
(Würger-Zeitung).

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JnsertionöpreiSr
die Ispaltige Petitzeile oder deren Raum 8 Pfg.,
für auswärtige Inserate 10 Pfg., bei öfterer Wieder-
holung entsprechender Rabatt.
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Expedition: Kauptstrnhs Klr. 23.

GeLesenstes Blatt in Stadt n. Anrt Heidelberg and Ltiirgegeird. GröszLer Lrfslg für Insevate.

IWW" Telephon-Anschlutz Nr. 102. "WC

F-vtrvähvEd
werden von allen Postanstalten, Sandbriefträgern,
unseren Agenten und Trägerinnen Abonnements
en'gegengenommen.

Deutsches Reich.
Berlin, 20. Dezember.
— In den Blättern werden bereits vollständige
Arbcitsprogramme für die Parlawentsarbeiten nach
Neujahr veröffentlicht. Da ist genau zu lesen, an
welchen Tagen sich der Reichstag mit den
Ltcucrvorlagen, mit Initiativanträgen beschäftigen,
ja wie lange die Tagung des preußischen Landtages
dauern wird. Die'allerjüngsten Erfahrungen im
Reichstage haben wieder gezeigt, wie völlig werthlos
derartige Noraussagungen sind. Selbst Beschlüsse
des Seniorenkonvents werden häufig im letzten
Augenblick von der Mehrheit umgestoßen, die zuletzt
allein über die nächsten Tagesordnungen zu entscheiden
hat. Im Allgemeinen kommt es bezüglich der
Parlamentstagungen meist ganz anders, als vorher
angcsagt wird , und wenn bereits jetzt der Schluß
des preußischen Landtages vor Ostern noch als
wabrscheinlich hinzestellt wird, so setze man dazu
ein großes Fragezeichen. Richtig ist aber, daß die
preußische Regierung die feste Absicht hat, dem
Lanüage diesmal nur die allernothwendigsten Vor-
lagen zugehen zu lassen. Aber eine Frage für sich
ist es, ob diese gute Absicht auch verwirklicht werden
wird. Dem Reichstage werden jedenfalls noch
zahlreiche Gesetzentwürfe von Bedeutung zugehen.
Daß sich darunter auch der Handelsvertrag mit
Rußland befinden wird, gilt mehr und medr als
höchstwahrscheinlich. Hat doch Graf Mirbach sogar
bei den letzten Reichstagsverhandlungen bemerkt,
daß im Januar ein weit wichtigerer Vertrag zur
Berarhung kommen werde, als der rumänische.
Diese Aeußerung ist nicht genügend beachtet morden,
obwohl sie bei 'den bekannten guten Beziehungen
dieses Abgeordneten zu Regierungskreisen der Be-
achtung sebr werth erscheint. Ob freilich schon im
Januar der Vertrag mit Rußland abgeschlossen sein
wird, ist fraglich, zumal in den Unterhandlungen
eine längere Pause eintreten soll, die sich über das
russische Weihnachtsfest erstrecken dürfte. Vor Mitte
Januar werden demnach die Verhandlungen nicht
wieder ausgenommen, dann könnten sie allerdings
in einem Zuge beendet werden.
— Anläßlich des soeben beendeten Leipziger
Spionen - Prozesses ist von deutschen Blättern
mit Recht hervorgehoben worden, wie viel drakonischer
di- betreffenden französischen Strafbestimmungen

sind als selbst die neuerdings wesentlich verschärften
deutschen. Auch in anderer Beziehung ist uns
Frankreich soeben mit dem Beispiel großer Strenge
vorangegangen. Nach einer neuen kriegsministeriellen
Verordnung sollen in künftigen Kriegen solche
Offiziere, die sich als Gefangene ehrenwortlich ver-
pflichtet hatten, während der Dauer des Krieges
nicht mehr mitzukämpfen, die aber ihr Ehrenwort
gebrochen und sich nach ihrer Flucht von Neuem
an dem Kampfe betheiligt haben, im Betretungsfall
ohne Weiteres standrechtlich erschossen werden.
Man erinnert sich, wie viele gefangene französische
Offiziere während des letzten großen Krieges unter
Bruch des Ehrenwortes nach Frankreich zurückgekehrt
sind, um von Neuem gegen die Deutschen zu
kämpfen. Selbst die gelindesten Repressalien in
solchen Fällen wurden von französischer Seite mit
einem großen Entrüstungsaufwand als „barbarisch"
gebrandmarkt. Jetzt machen die „zivilisirten"
Franzosen daraus gar ein todtwürdiges Verbrechen.
Sind „wir Wilden" nicht doch bessere Menschen,
zumal wir sogar den ehrenwortbrüchigen General
Thibaudin als französischen Kriegsminister ruhig
ertragen haben?
— Das Alters- und Invaliditäts-
gesetz hat im Lande zu mannigfachen Klagen
Veranlassung gegeben. Diese Beschwerden haben
auch im Reichstage Widerhall gefunden und sind
in den Anträgen Aichbichler und Staudy zu-
sammengefaßt worden. Der Vater des Gesetzes,
Herr von Bötticher, hatte sich mit Stolz seines
Kindes angenommen. Trotzdem wird an derRe-
formbedürstigkeit dieses Wapperlgesetzes, wie Dr.
Sigl so schön sagte, in vielen, namenttich land-
wirthschasilichen Kreisen, festgehalten. Die Vor-
stände der Alters- und Jnvaliditätsversicherungs-
anstalten der Land- und Forstwirthschaft aus dem
Deutschen Reiche sind nun unter Vorsitz des Prä
sidenten Dr. Bödicher un Reichstage zusammen-
getreten.
— Aus dem neuen Gesetzentwurf zum
Reichsse uch en-Gesetz, welche bekanntlich
vom Bundesrath vorbereitet wird und der alsdann
dem Reichstage wieder zur Berathung zugehen
soll, werden, wie die „Polem. Corresp." erführt,
alle jene Stellen ausgemerzt resp. geändert, welche
irgendwie Bedenken der ärztlichen Kreise hervor-
gerufen haben. Gegen die ursprüngliche Fassung
des Reichsseuchengesetzes hatte sich bekanntermaßen
eine größere Anzahl Petitionen gerichtet, unter
welcher auch eine gewesen ist, die von Homöo-
pathenkreisen ausging und rund mit 900 Unter-
schriften bedeckt war. Bei der Neubearbeitung des
Gesetzentwurfes finden indcß die von jener Seite
erhobenen Bedenken viel weniger Beachtung als
erwartet wurde. Man beabsichtigt deßhalb
in Hvmvopathenkrcisen, unter solchen Verhält-

nissen und um der veränderten Sachlage Rech-
nung zu tragen, eine dem neuen Entwürfe an-
gepaßte Petition bereit zu halten und damit vor-
zugehen, sobald der neue Entwurf veröffentlicht
wird, was bereits in kurzer Zeit geschehen dürfte.
— In der Begründung zu der Novelle, be-
treffend die Abzahlungsgeschäfte heißt es in Be-
zug aus das seit der letzten Vorlage der Novelle
angenommene Wuchergesetz wie folgt: „Eine
wesentliche Abhilfe darf zunächst von der Straf-
gesetzgebung erwartet werden: nachdem durch das
Gesetz vom 19. Juni 1893 der Thatbestand des
Wuchers auf die gewerbs- und gewohnheitsmäßige
Ausbeutung mittelst gegenseitiger Verträge aus-
gedehnt worden ist, kann auch ein wucherisches
Verhalten in dem Gewerbebetriebe des Abzahlungs-
verkäufers Bestrafung nach sich ziehen. Jene Straf-
bestimmung übt zugleich eine weitgreifende Rück-
wirkung auf das Vertragsverhältniß aus; denn
es sind die unter das Strafgesetz sackenden Ver-
träge nichtig und die Schuldner zur Rückforde-
rung ihrer Leistungen befugt.
— Die Nachricht, daß General z. D-, Kirch-
hoff, welcher den Hausfriedensbruch und
dem Mordversuch auf den Redakteur Harich
unternahm, nach kurzer Gefängnißhaft in Magde-
burg begnadigt worden ist, erfährt ihre Bestäti-
gung. Nach dieser Mittheilung soll der General
nicht einmal eine vierzehntägige, sondern nur eine
achtägige Gefängnißhaft auf der Magdeburger
Citadelle abgebüßt haben.
Ausland.
Wien, 20. Dez. Betreffs der Weinzoll-
frage gegenüber Frankreich steht Oesterreich auf
dem Standpunkt, daß die Italien gewährten Ver-
günstigungen als Grenzvergünstigungen in er-
weitertem Sinne zu betrachten seien, die sich weder
auf ganz Italien erstrecken, noch alle Weinsorten
beträfen.
Wien, 20. Dez. Der vatikanische Berichter-
statter der „Politischen Korresp." meldet, seitens
des päpstlichen Staatssekr etar i ats seien die
Chefredakteure der „Voce della Verita" und
des „Osservatore Romano" angewiesen
worden, sich jedes Angriffs auf Eris Pi zu ent-
halten.
Prag, 20. Dez. Am 17. d. M. wurden
nachts m Rakonitz 32'/s Kilogr. Dynamit
aus einem Pulvermagazin entwendet. Am
18. d. M. fand eine heftige Explosion statt,
durch die das Haus des Advokaten Wolf arg
verwüstet wurde; die Familie des letzteren wurde
ohnmächtig, aber unbeschädigt aufgefunden. Es
scheint, daß die Dynamitpatronen vom Bürger-
steig aus in den Hausflur geworfen wurde». Aus
die Ergreifung des Uebelthäters ist eine Belohnung
von 500 Gulden ausgesetzt. Die Stadtwache

wurde verstärkt. Mehrere bereits vorgenommene
Haussuchungen blieben erfolglos. Der verbrecherische
Anschlag wird der anarchistischen Partei zugc-
schrieben.
Madrid, 20. Dez. Aus Melilla wird ge-
meldet, daß der spanische Marschall Martinez
Campos die Bestrafung der marodirenden Kabyleu
verlangt. Muley Araaf, der Bruder des Sultans
von Marokko, versprach die von Campos zu be-
stimmende Strafe zu verhängen, dieselbe dürfe
aber nicht in der Todesstrafe bestehen, weil diese
nur vom Sultan verhängt werden könne.
Ncw-Uork, 20. Dezbr. Dem „New-Uork
Herold" wird aus Montevideo gemeldet, daß Depeschen
aus Rio de Janeiro zufolge der englische
Geschwaderkommandeur Weisungen aus
London erhalten habe, die Blokade nicht anzu-
erkennen und die englischen Interessen zu schützen.
Peixoto habe amtlich die „Plaza Hermonia" als
neuen Landungsplatz für die fremden Kriegsschiffe
bezeichnet._
Aus Wcry unö Jern.
* Mannheim, 19. Dez. Vom hiesigen städti-
schen Tiefbauamt wird geschrieben: Im Laufe
der vergangenen Woche haben sich etwa 250
Arbeitslose bei uns angemeldet. Davon er-
schienen am Samstag, den 16. d. Mts., 66 Mann
mit der Absicht, die Arbeit zu beginnen, welche
denselben sofort zugcwiesen wurde. Da sich jedoch
von den letzteren nur sechs auf dem Arbeits-
plätze einstellten, so wurde der Beginn der Arbeit
um einige Tage verschoben. Man ersieht hieraus,
daß die hiesige Arbeitslosigkeit von den Sozial-
demokraten ganz gewaltig übertrieben wird.
Der Grund hierzu ist allerdings ein sehr durch-
sichtiger.
* W'esloch, 21. Dezbr. Wegen versuchten
Betrugs und Urkundenfälschung wurde am Montag
Nachmittag die 21 Jahre alte Zigarrenmacherin S.
auf der Tbat ergriffen.
* Hohensachsen, 18. Dez. Die hiesige Ge-
meinde beging gestern ein schönes Fest. Es
handelte sich um die 25-jährige Amtsjubelseier
unseres hochverehrten Seelsorgers, des Herrn
Pfarrer Braun, der gestern zugleich auf eine
40-jährige Dienstzeit im Dienste der badischen
Landeskirche zurückblickte. Nach dem Gottesdienst
brachten Kirchengemeinderath und Kirchenausschuß
als Jubiläumsgabe der Gemeinde einen schönen
silbernen Pokal und Widmungsblatt dar, nachdem
am Morgen die Schulkinder durch den Gesang
einiger Choräle das Fest eröffnet hatten. Am
Abend vereinte der Saal zum Öchsen den größten
Theil der Gemeinde zu einem überaus wohlge-
lungenen Bankett, das sehr verschönert wurde
durch die Vorträge des Gesangvereins, welcher

Al e^cr
oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von Dr. Ed. Wagner.
19) (Fortsetzung.)
Der Flüchtling reiste nach Nizza. Es wurde
ihm leicht, die Villa des Herzogs vou Clyffe-
bournc aufzufindcn. Die ausgcstaudenen Qualm
der letzten Jahre hatten den jungen, lebensfrohen
und kräftigen Jüngling in einen hageren, ge-
beugten Mann verwandelt, sonnenverbrannt
und unerkenntlich für Diejenigen, welche ihn
einst gekannt hatten. Er besuchte die Villa und
haschte nach einem Blick seiner Lieben. Er-
stand vor dem eisernen Gitterthore der Villa,
als die Equipage des Herzogs heraussuhr. Der
Herzog saß darin, grau, stolz und kalt, wie von
Marmor. Ihm g.genüber saß die Lady Wolga,
in tiefste Trauer gekleidet, sorgenvoll aussehend,
aber kalt und stolz wie immer. Und bei ihr
war ihre Tochter, ein kleines, allerliebstes Kind,
mit langem lockigen Goldhaar und wundervollen
blauen Augen, welche dem Beobachter in ihrer
kindlichen Lust eine Blume zuwarf. Das Kind
war damals vier Jahre alt. Der Flüchtling
sah dem Wagen nach, bis er verschwunden war;
dann warf er sich aus den Rasen und weinte,
wie nur ein starker Mann in seiner Verzweiflung
weinen kann.
Don da an zog es ihn mit unwiderstehlicher
Gewalt zu der Villa des Herzogs hin. Er sah
Gäste kommen und gehen; viele von ihnen waren

Lady Wolga's Bewerber. Er hörte, daß sie
sich bald verheirnthen werde. Er hörte auch,
daß ein Preis auf seinen Kopf gesetzt war, und
daß die Polizeibehörden aller Länder ersucht
worden waren, aus ihn zu viligiren und ihn im
Betretungssalle an sein Heimathsland auszu-
liefern. Er durfte deßhalb nicht lange in Nizza
verweilen und entschloß sich endlich, zu gehen,
nachdem er noch einen letzten Besuch in der Villa
abgestattet haben würde. Der Zufall führte
ihn in eine seltsame Versuchung. Die eiserne
Thür war offen. Im Park auf einem Rasen-
platze kokettirte die Wärterin mit dem Gärtner,
und die kleine Marquise hatte sich unbemerkt
hinaus auf die Straße begeben. Der Vater,
getrieben, von einem mächtigen Impuls, dem er
nicht zu widerstehen vermochte, erfaßte das Kind,
drückte es an sein Herz und eilte mit ihm die
Straße entlang.
Sonderbar genug, die kleine Constanze stieß
keinen Schrei aus. Sie war von furchtloser
Natur, und liebte Jedermann. Sie hatte ihn
in den letzten Tagen öfter gesehen und ihm
Blumen zugeworfen. Sie schien das schleunige
Entfernen des Mannes für einen Scherz zu halten.
Er entfloh, ehe das Kind vermißt und Lärm ge-
schlagen wurde. Er verkleidete das Kind, fuhr
mit ihm eine Stunde später nach Neapel und
ging von dort unter Anwendung der größten Vor-
sicht nach Griechenland."
Alexa äußerte ein leises Stöhnen, welches ihr
Vater jedoch nicht vernahm. Er fuhr fort:
„Einen Monat später las er in einer
„Athener Zeitung", daß die kleine Constanze

ertrunken sei. Man hatte vermuthet, daß sie an
die See gegangen, in's Wasser gefallen und von
den Wellen fortgerissen worden war. Niemand
ahnte, daß sie geflöhten worden sei.
Der Instinkt machte das Kind seinen Vater-
lieben, von dem Augenblick an, als er es stahl,
und er machte es zu seinem Abgott. Vielleicht
that er Unrecht, sie von ihrer Mutter zu trennen
und diese in dem Glauben zu lassen, daß sie
todt sei. Aberbedenke, Alexa: Er war unschuldig
wegen eines Verbrechens verurtheilt, von seiner
Gattin geschieden, verachtet, verflucht; aber, so
wahr der Himmel es hört, er war unschuldig!
Er staud allein und einsam in der Welt da und
die Gattin und Mutter drchte daran, sich wieder
zu verheirathen. Das Kind gehörte ihm so gut,
wie ihr. Hatte er das Recht an seine Liebe und
unschuldigen Liebkosungen verwirkt? Bei Gott,
nein! Er dachte nicht daran," und seine Stimme
zitterte, „daß, sollte sie einst die Wahrheit
erfahren, sie ihn hassen und Vorwürfe machen
würde, weil er sie herausgerissen aus Reichthum
und Glanz —"
„Nein! Nie!" unterbrach ihn das Mädchen
mit klarer, tiefer Stimme. „Sie würde ihn
lieben, wie er sie liebt! Die Mutter bedarf ihrer
nicht. Der Vater hatte in seiner Lage einen
höheren Anspruch auf sie. Er that Recht!"
Mr. Strange's Gesicht zuckte seltsam. Ersah
seine Tochter mit leuchtenden Augen an; dann
zwang er sich, fortzufahren:
„Er nahm sie mit sich auf Grund einer
plötzlichen Eingebung. Er würde lieber gestorben
sein, als ihr Unrecht zu thun. Aber ohne

sie hätte er wahnsinnig werden müssen. Er
wußte, daß das Suchen nach ihm nicht eingestellt
worden war, daß sein Portrait sich in den
Händen jedes höheren Polizeibeamten in Europa
befand; daß die englische Regierung Alles auf-
bot, seiner habhaft zu werden, um der Welt zu
beweisen, daß Rang, Reichthum und einflußreiche
Verbindungen einen Mann, der des Mordes
schuldig befunden worden war, nicht vor der
gerechten Strafe zu schützen im Stande seien.
Er wußte, daß, wenn er ergriffen wurde, die
Schmach vernichtend auf sein Kind fallen würde.
Ihretwegen mehrmals um seiner selbst willen, zog
er sich in die größte Einsamkeit zurück. Vielleicht
wäre cs edler und weiser gewesen, ihr Loos nicht
an das seine zu knüpfen, aber sie war ihm Le-
bensbedingung. Verurtheilt, ausgestoßen, ver-
flucht, war er doch unschuldig. O, Alexa! Sein
Kind sollte sich nicht gegen ihn wenden —"
„Das wird es nie thun!" rief das Mädchen
begeistert. „Nie! Nie! Sage mir, Vater, würde
dieser Lord Stratfort Heron, wenn er heute noch
lebt, nicht Marquis von Montheron sein?"
„Das würde er."
„Wie kam es, daß sein Kind Marquise ge-
nannt wurde?"
„Vielleicht wurde der Vater todt geglaubt;
vielleicht, was wahrscheinlicher ist, wurde er seiner
Titel und Güter verlustig erklärt, nachdem er
eines schweren Verbrechens schuldig befunden und
zum Tode verurtheilt worden war."
„Alexa erhob ihre Augen zaghaft zu ihrem
'Vater und fragte leise:
 
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