Heidelberger Zeitung — 43.1901 (Juli bis Dezember)

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Freitag, 1. November ML.

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43. Jahrgang. — ür. 256.

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Erscheint täglich, Sonntags ausgenommen. — Preis mit Familienblättern monatlich 50 Pfg. in's Haus gebracht, bei der Expedition und den Zweigstellen abgeholt 40 Pfg. Durch die Post be.
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vorgeschriebenen Tagen wird keine Verantwortlichkeit übernommen. — Anschlag der Inserate auf den Plakattafeln der Heidelberger Zeitung und denZPlakatsäulen. Fernsprech-Anfchluß Nr. 82.

Aas Wort vom Kurz- und Kteinschlagen
ist erlogen.
Berlin, 31. Okt. Der .Reichsanzeiger" schreibt:
Bon der Presse werden angebliche Kaiserliche Aeußerungen
Über wirtschaftliche Fragen verbreitet und besprochen. Wir
haben von diesen Ausstreuungen bisher keine Notiz genom-
men, weil diese Kaiserlichen Aeußerungcn so unwahrschein-
lich klangen, daß cs sich nicht vcrlohnte, dieselben ernst zu
Nehmen. Da jedoch aus den Kommentaren selbst ernster
Blätter hervorgeht, daß sie die dem Kaiser in den Mund
gelegten Aeußerungen für echt Hallen, so sind wir in der
Lage zu erklären, daß sie von Anfang bis Ende erlogen
find. _
In der SpaHn-Affaire
schreibt die „Voce delIa Berit a", nachdem sie sich
Mr besser unterrichtet erklärt hat, als die „Germania",
Folgendes:
„Bevor Spahn rehabilitiert ist, bedarf es langer Zeit
Aid Thatsachen, statt Worte. Gegenwärtig ist seine ganze
literarische und wissenschaftliche Thätigkeit den Katholiken
verdächtig, dies ist auch die Meinung der hiesigen
Persönlichkeiten, deren Autorität und Zuständigkeit über
jeden Zweifel erhaben ist." „Bezüglich der Seminari-
lten wiederholen wir aufgrund zuverlässigster Erkundi-
gungen unsere Erklärung, daß derBischof von Straß-
Arg zwar vorher der Negierung zugesichert habe, die Se-
minaristen, welche llniversitätsvorlesungen besuchen,
Würden auch bei dem katholischen Geschichtsprofessor
Aren, nach den Mitteilungen über Spahn aber diese
Erklärung z u r ü ck g e n o m men hat."
Dazu bemerkt der „Beobachter":
... „Ebenso kann die „Köln. Ztg." versichern, daß thah-
lochlich Bischof Keppler von dem katholischen Unterneh-
men, die Geschichte in Charakterbildern herauszugeben,
Mrückgestanden ist, zugleich versichert sie aber auch, daß
M Gründe für dieses Zurücktreten auf einem andern
Gebiete liegen, was sehr glaublich ist bei der vielen Ar-
rest, die der Bischof hat, zudem erfolgte der Rücktritt
Aon am 6. September, wo die Spahnfrage noch keines-
wegs brennnend war. Was den Satz der „Voce" angeht:
--Bevor Spahn rehabilitiert ist, bedarf es langer Zeit
Nd Thatsachen statt Worte", so ist damit der Standpunkt
Ausgesprochen, den auch wir eingenommen haben. Mit
N Tendenz der „Voce", jenes katholische Unternehmen
?.uf geschichtlichem Gebiete wegen Spahn fallen zu lassen,
Ad wir allerdings durchaus nicht einverstanden. Im
übrigen ist die Sachlage noch immer nicht klar."
Die Mernsteinerei
xMcht m der Sozialdemokratie so rapid Fortschritte,
Ast Bebel in einem „Nachklänge zum Lübecker Parteitage"
Nilelten Artikel in der dieswöchigen „Neuen Zeit" die
^Nossen wie folgt beschwört:
^ „Auf die Dauer verträgt es keine Partei ohne Scha-
, M, und am allerwenigsten die unsere, weil sie Feinde
Ast zwar Todfeinde ringsum hat und ein festes, geschlosse-
N- einheitliches Handeln für ihre Erfolge und ihre Pro-

paganda bei den Massen eine Lebensnotwendigkeit ist,
daß ihre prinzipiellen wie taktischen Grundlagen unaus-
gesetzt in Zweifel gezogen werden und eine Kritik sich
herausbildet, die den Eindruck macht, als werde sie nur
geübt aus Freude an der Kritik und ohne Rücksicht auf
die Stellung einer nach allen Seiten gleichzeitig kämpfen-
den Partei."
Diese Mahnung richtet sich aber weniger gegen Bern-
stein als gegen VolImar, dem Bebel „Verletzung der
Parteiinteressen" vorwirft wegen seiner bekannten abfäl-
ligen Aeußerungen in München über die „Neue Zeit"
und ihren Redakteur Kautsky. Bebels Mahnung schließt
mit den Worten:
„Genosse Bernstein hat mit seiner bekannten Erklä-
rung in Lübeck ein schönes Beispiel von Loyalität ge-
geben, das ich mit großer Genugthuung begrüßte. (Wie
bekannt, hat Bernstein gleich nach dem Parteitag die Er-
örterung wieder ausgenommen. Red.) Mögen Andere
ähnlich handeln. Wir haben Besseres zu thun, als uns
untereinander zu bekämpfen zum Gaudium unserer Geg^
ner und zum Schaden unserer großen Sache. Parteige-
nossen! An die Front! Dem Feinde entgegen!"

Die französische Alottendemonstralion gegen
die Türkei.
Paris, 31. Okt. Man telegraphiert der „Frkf.
Ztg.": Es war kein Augenblick daran zu zweifeln, daß die
französische Regierung, obwohl sie unfreiwillig hinein-
geraten war, dem angefangenen Konflikt mit der
Türkei die erwartete Lösung geben werde. Sie hat
lange auf ernste Maßregeln warten lassen. Die all-
gemeine politische Lage erscheint günstig. Ihr Zögern
erklärt sich dadurch, daß sie gewisse Reibungen mit R u ß-
land zu überwinden hatte. Die erwartete Flotten-
demonstration scheint nun beschlossen zu sein. Am vev-
flossenen Samstag soll die Negierung ein am Dienstag
abgelaufenes Ultimatum an die hohe Pforte ge-
richtet haben. Gewiß und bestätigt ist nur, daß das in
Toulon stationierte Mittelmecergeschwader gestern
früh i n S e e g e ga n g e n ist und mehrere Kompagnien
Landungstruppen an Bord hat. Eine offizielle „Havas"-
Note erklärte, das Geschwader sei nur zu Uebungszwecken
ausgefahren. Nach privaten Nachrichten aus Toulon
hat sich eine Division des Geschwaders unter Befehl des
Kontreadmirals Caillard sofort abgelöst und befindet
sich bereits auf dem Wege nach dem Orient. Die Stärke
der mitgenommenen Landungstruppen soll sich auf 2000
Mann belaufen. Ueber die Art der beabsichtigten
Kundgebung gehen die Vermutungen auseinander. Ver-
mutlich handelt es sich um die eventuelle Besetzung einer-
türkischen Zollstation. Dem „Figaro" zufolge wäre
als solche (wie schon kurz gemeldet) , der Zollhafen der
Insel Mitylene ausersehen, dessen Lage besonders
günstig erscheint, da die Insel sowohl den Eingang zu
den Dardanellen als zum Hasen von Smyrna be-
herrscht. _
Deutsches Reich.
— Der Kaiser stiftete für die evangelische Kirche in
Shanghei ein Altarfenster zum Andenken an den Gesandten
v. Kettelcr.

— Die Berliner Fachzeitschrift „Getreidemarkt"
berechnet nach einzelnen Staaten und Landesteilen für
Deutschland aufgrund Won 6000 Umfragen den dies-
jährigen Erntcertrag an Weizen auf 2 470 000 Tonnen,
Roggen 8 148 600, Sommergerste 3 021 860, Hafer
7 105 000 Tonnen. Das würde der offiziellen Ernte-
schätzung für 1900 gegenüber einen Minderertrag von
1 837 660 Tonnen bei Weizen, von 406 200 Tonnen bei
Roggen und einen Mehrertrag von 265 000 bei Hafer
und 20 000 bei Gerste bedeuten. Nach den Ziffern des
Vorjahres würde das für das lausende Erntejahr einen
Importbedarf Deutschlands an Weizen von 3 Millionen
Tonnen, an Roggen von 1 Million bedeuten.
— Im Befinden des Abgeordneten Rickert ist, wie die
Blätter melden, eine Besserung eingetreten; er könne wieder
arbeiten.
— Vor einiger Zeit hörte man, daß der Kopf des
chinesischen Unteroffiziers Enhai, des Mörders des deut-
schen Gesandten v. Ketteier, nach Deutschland gebracht
worden sei. Diese Nachricht war natürlich für unsere
Sozialdemokraten und Freisinnigen eine hochwillkommene
Gelegenheit, um der Regierung eines auszuwischen. Be-
sonders phantasievolle Journalisten glaubten schon, man
werde nun, chinesischen Kriegsgebräuchen folgend, von
amtswegen den Kops des chinesischen Mörders, an eine
Hellebarde gespießt, auf dem Brandenburger Thor in
Berlin aufstecken. Nun hört man aber, was von Anfang
vermutet wurde, daß der Kopf des Mörders des Frhrfi.
v. Ketteier von einem Arzt privatim zu eigenen
wissenschaftlichen Zwecken und in der Absicht mitgebracht
worden ist, ihn dem Pathologischen Institut zu übergeben.
Diese Nachricht ist einem Mitarbeiter der „Münch. Neuest.
Nachricht." vom Staatssekretär des Reichsnmrineamts
zugegangen.
— Die Jahresversammlung des deutschen Vereins
gegen Mißbrauch geistiger Getränke in Breslau wurde
am Mittwoch geschlossen. Die nächste Versammlung wird
in Stuttgart tagen.
— Die am Sonntag in Köln abgehaltene Ver-
sammlung rheinis ch-w e st f älischer Ortsgruppen
des christlichen Metallarbeiterverban-
des hat sich scharf gegen eine Erhöhung der Getreidezölle
ausgesprochen. Der Verband steht politisch dem Zentrum
nahe.
— Das Hamburger G e w e rck s ch a f t s-
kartell richtete eine Petition an den Senat und die
Bürgerschaft zwecks Errichtung eines kommunalen Ar-
beitsnachweises.
— Das „Neue Wiener Tagebl." bringt eine Spezial-
meldung, nach welcher Professor Ehrlich in Frank-
furt a. M. vom Kaiser Wilhelm beauftragt wop-
den sei, sich künftig ausschließlich der Erfor-
schung der Krcbskrankhcit zu widmen. Ehrlich soll
sein bakteriologisches Institut bereits im Sinne der
Wünsche Kaiser Wilhelms umgewandelt und einen Wie-
ner Arzt als Assistenten berusen haben.
Bade».
!M. Karlsruhe, 31. Okt. Nächsten Sonntag,
den 3. November, tritt hier der engere Ausschuß der
nationalliberalen Partei zu einer Sitzung zusammen.
86. K a r l s r u h e, 31. Okt. Dem „Bad. Landesb."
zufolge sind vom Finanzministerium zwei Gesetze ausge-
arbeitet und liegen zur Zeit den betreffenden Mittel-

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Stadttsieater.
0 Heidelberg, 31. Oktober.
„Kabale und Liebe." Trauerspiel von Schiller. Das
Prater war fast leer. Wird Direktor Heinrich unter diesen
tzAständen die Mühe aufwenden, Schiller ein zweites Mal
Nßustellen? Wird der 10. November ohne die „Räuber"
Abergehen?
Die Aufführung der „Luise Millerin" konnte sich doch
»oA lassen, sie war jedenfalls der Beachtung würdig, und so
Hz, As Eklnc andere Erklärung als: Diese Teilnahmslosigkeit des
N°ukums sei ein Zufall. Die Wenigen, die erschienen wa-
A'. brachten den Darstellern stürmischen Beifall, und selbst
fNNige, dem das Stück bis ins Kleinste vertrant sein mochte,
A? bei der Darstellung vieles, was ihn interessieren konnte.,
sich brenn es fast den Anschein haben mag, das Publikum wende
N bon Schiller ab, so bewiesen die Schauspieler mit ihrem
Si,Neifer, daß Schiller auf unsre Bühne gehört, daß Schiller
sitz An Autoren zählt, die den Darsteller recht eigentlich be-
i>> Nn, daß er wächst und stark wird in diesen Wechselreden,
N, kr> ein Leben pulst, entsprossen der einzigartigen Seele
TtzsAes Dichter-Apostels Schiller. Ganz Hingabe an die
^chPng waren in erster Reihe Herr Bernau und Frl.
^Anberg; ritz er die Hörer hin, so rührte sie durch
Gtz ne Schlichtheit und Innigkeit. Beide hielten sich aus
w.Höhe „Nb kamen dem Geist der Dichtung sehr nahe.

rühmte Erzählung des Kammerdieners brachte Herrn Grotz-
mann einen schönen Erfolg. K. W.


A ^Reiches mag von Herrn F e l d n e r gerühmt sein, der

At Alen Miller gab. Die Milford des Frl. Herter war
str »Acm allzu strengen Schema von der Darstellerin ersaht,
N aÄ des Herrn Schneider etwas derb angelegt. Herr
«dt hatte dem Wurm wenige, kräftige, scharf sich ein-
Züge gegeben. Etwas mehr Detail hätte nicht
AtchAl. Bei Schiller ist keine Gefahr, daß der Darsteller
Ntzz Aäftiges Individualisieren die Einheit eines Charakters
N Nsi Hxxx Wiedner bot eine objektiv gehaltene Fi-
^ Präsidenten, eine lobenswerte Leistung. Die be-

Kleirre Zeitung.
— Straßburg, 31. Okt. In dem im Kreise Alt-
kirch gelegenen Orte Dürmenach wurden gestern Nach-
mittag 3 Uhr mehrere ziemlich starke Erdstöße wahr-
genommen, welche in der Richtung von Nordwest nach
Südost verliefen.
— München, 29. Okt. Die Direktion der hiesigen
elektrischen Trambahnen hat ein eisernes Fangnetz
konstruiert und an den beiden Enden der Motorwagen an-
bringen lassen, das beim Bremsen niedergeht und einen
in Gefahr des Ueberfahrenwerdens kommenden Menschen
aufnebmen soll. Wie die „Münchener Post" erfährt,
ist gestern Nachmittag zum erstenmale der Fall vorge-
kommen, daß das Fangnetz sich bewähren sollte. Ein Kind
lief gegen einen Motorwagen, der Führer konnte recht-
zeitig bremsen, das Kind wurde von der letzteren aus-
genommen und blieb unverletzt.
— Bern, 31. Okt. Gjestern Nachmittag 3 Uhr 60
Minuten wurden auch in der Schweiz an verschiedenen
Orten Erdbeben verspürt, so in Zürich, Davos und
Chiasso.
— Eine Ansprache König Eduards VII. Im Hin-
blicke auf die Gerüchte über die E r krank» ng des
Königs Eduard ist die Ansprache von Interesse,
die der Monarch an die fremdländische Abordnung des
Internationalen Tuberkulose-Kon-
gress e s in London richtete. Die Ansprache lautete in
deutscher Uebertragung: „Meine Herren, gestatten Sie mil-
dem großen Vergnügen und der Genugthuung Ausdruck

zu geben, die ich empfand, als ich Sie bat, heute hierher
zu kommen. Nur bedaure ich, daß Sie während eines so
heftigen Gewitters den Weg gemacht haben. (An dem
Tage ging über London ein Unwetter her. Red.) Es
hat mir überaus leid gethan, daß Umstände, die ich nicht
ändern konnte, mich hinderten, den Vorsitz bei der Eröff-
nung Ihres bedeutsamen Kongresses zu führen und Ihrer
Versammlung beizuwohnen. Aber ich kann Ihnen ver-
sichern, daß ich, obgleich abwesend, das innigste Interesse
an den Verhandlungen nahm und mit großem Eifer durch
das Medium der Tagespresse den Vorträgen und Be-
sprechungen folgte. Es gibt keine so schreckliche Krank-
heit wie die Lungenschwindsucht und ich hoffe und ich ver-
traue darauf, daß Sie die Mittel finden werden, ihre ver-
heerenden Wirkungen einzuschränken. Damit werden Sie
sich den Dank der gesamten Welt erwerben. Es gibt noch
eine andere fürchterliche Krankheit, welchS
Bemüh ungenderPathologenundAerzte
gespottet hat:Dasi st der Krebs. Gott gebe,
daß Sie bald ein Heilmittel dagegen finden möchten,
oder wenigstens ein Mittel, sein Wachstum zu verhindern.
Ich glaube, daß man demjenigen, welcher die Entdeckung
machen wird, in allen Hauptstädten der Welt Denkmäler
errichten wird. Ich verabschiede mich von Ihnen mit der
Hoffnung, daß der Aufenthalt in London und England
Ihnen behagt haben wird und daß Jeder von Ihnen an-
genehme Erinnerungen aus meiner» Lande irr die Heimat
mit sich nimmt."

„Freund in der Not" will nicht viel heißen,
Hilfreich möchte sich Mancher erweisen.
Aber die neidlos ein Glück Dir gönnen.
Die darfst Du wahrlich Freunde nennen.
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