Heidelberger Zeitung — 43.1901 (Juli bis Dezember)

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Erstes Blatt.

43. Jahrgang. — Ik. 177.


Donnerstag, 1. AngnsL 1901.

Erscheint täglich, Sonntags ausgenommen. — Preis mit FamilftnMttern monatlich SV Pfg. in's Haus gebracht, bei der Expedition und den Zweigstellen abgeholt 40 Pfg. Durch die Post be.
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bei Zustellung durch den Briefträger frei ins
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halten, kaim -die „Heidelberger Zeitung" durch
diese zum Preise von SV Pfg. im Ntvnat frei
ins Hans bezogen werden.

Zmm ZolttarifMesotzeutivurf
^ibt die ^Karlsruher Ztg.'" -offiziös:
L ^ein -vemrunftiger Politiker chatte gichoffch daß der
st Ziviirf.auf irgend einer Publizistischen Seite voll-
kß „?d i.gE Äillignng ersahreir würde. Dazu konnte
t^Lchesteils -die Nielgestaltrmg der wirtschaftlichen In-
und ihre .hieraus naturgemäß resultierende Ge-
dy» .^ichkeit -nicht kommen lassen; .anderseits läßt die
ldy^wolitisthe Verschiedenheit der Auffassung dessen,
>>,n dem Allgemeinwohl förderlich ist, .eure Einigung auf
istj .orer Linie -.erst nach Gründlicher öffentlicher Er-
^?sug warten. Man wird eine solche publizistische
Sii^^Nanderfetzung, die jener im Parlament vorans-
hat, auch trotz ihrer hier und dort angemessenen
bqAs als Karbedingimg allgemein erwünschte Klärung
finden können, ahne deshalb denÄeußerungen
deü^udisch«r Preßorgane .eme weitergehende Bedeutung
?>i passen, .wie sie ihnen .als Stimmungsausdrnck einer
^ftn. lg.ganz legitimen Neigung zu möglichst vorteil-
Berücksichtigung der eigenländischen Produktion
Kjn - Abschluß zukünftiger Handelsverträge zukommt.
Imt "lenswsrt erscheint uns aber, daß in .dem Wider-
R,Es^B"kerör -heimatlichen Interessen, wie er in der
PrHse laut wird, .zweierlei ausgiebigste
gh,j?achtigung fände: erstens., daß die deutsche Reichs-
NmW und die Verbündeten Regierungen macht b e-
^ u sind, sich die Förderung der a « s länd i-
"sth ^ gdultion angelegen sein zu lassen, son>
^.."afür zu sorgen haben, daß deutsche Interessen,
MhmUgs hn Rahmen langfristiger HandM.verträge,
werden; und zweitens, daß die jetzt Publizierten
nur Unverbindliche 'Vorschläge
stiif, "eren Berechtigung und Nützlichkeit der lleber-
"khPT dirrch den Bundesrat und, je nach dessen Ent-
durch den Meichstag unterliegt.
--avr darf aus dieser Auslassung der „Karlsruher


Feldzug der Türkei gegen die ausländischen
^ Erzieherinnen nnd Gouvernanten.
Könstantinopel tvird berichtet, daß eine Ver-
»It!!? Großveziers den türkischen Familien Ver-
ist europäische Erzieherinnen, Gouvernanten
fr bL^^^Atschafterinnen ferner anznstellen, und daß
^As iu türkischen Diensten befindlichen Personen
A entlassen werden müssen.
Konstantin opeler Korrespondent der „Franks.
. bespricht in einem Briefe diese Ange-
in der folgenden interessanten
ob in dein weiten unter dem Szepter des
R len stehenden Reiche sich nichts rührte, beschäftigen
Ästigen Tagen Palais, Pforte nnd Presse mit
iiis P' ">e das Wohl und Wehe der türkischen Frau
V a j benstand haben. Man sieht in gewissen E in a n-
"P s b e st r e b n ii g e n der türkischen Frauen
s, die Leide n, an denen der Staat s-
^ krankt, während in Wirklichkeit die sklavische
Vd s cher Frau gegeniiber dem Manne ein Haupt-
siiÄtz >2 Niederganges des türkischen Staats-
So oft auch die türkische Frau, einem na-
bkH?^k'ulse folgend sich von den Fesseln zu be-
R Aiinf suchte, immer wieder siegten Feredsche und
>il, tzS "Alltel und Schleier, nnd das Los der türki-
wurde infolge solcher Bestrebungen womög-
"Aller, ^s früher war. Mit dem Bau der
- "üb der Verbesserung der sonstigen Ver-
ckvtk aber eine langsame Veränderung ein-

^ ?sbeu ^u großer Zahl kamen Erzieherinnen, Gon
^ Gesellschaftsdamen nach Hönstantinopel,
lllerch xj^^n goldenen Bodpn landen. Die

- Ztg." schließen, daß die badische MegiMMg einiM Ab-
wanderungen am Zolltarif wünscht. Da und dort wird
auch wohl in der That eine solche platzgreisen. Im we-
sentlichen dürfte der Entwurf indessen so wie er ist, vorn
Bundesrat gutgeheißen werden. Im Reichstag existiert
bekanntlich eine starke schrrtzzöllne-rische Mehrheit, so daß
auch seine Zustimmung zu dem Tarisentwnrs voraus-
zusehen ist. Manche agrarische Stimmen verlangen
sogar noch höhere GebreDezolle.

Dr. Voiffe E-
Berlin, 31. Juli. Der frühere Kultusminister Dr.
Bosse ist heute Mittag gestorben. (Robert Bosse, ge-
boren 1832 in Quedlinburg, studierte in Heidelberg, Halle
und Berlin Rechtswissenschaft, trat nach kurzer Thätigkeit
im preußischen Justizdienst in die Dienste des Grafen zu
Stolberg'Roßla, wurde noch siebenjähriger Verwaltung
dieser Stellung zunächst AmtZhauptmann in Uchte, dann
Konsistorialrat und 1872 Megierungs- und Oberpräsidial-
rat in Hannover. 1876 wurde er als Vortragender Rat
ins Kultus-, bald nachher in das Staatsministerium be-
rufen, 1882 Direktor der Abteilung für wirtschaftliche An-
gelegenheiten und im Oktober 1889 Unterstaatssekretär im
Reichsawt des Jmiern. In dieser Stellung hatte er den
Hauptonteil au der Ausarbeitung der Gesetze über die
Arbeiterversicherung, die er auch im Reichstag
vertreten halst 1890 erhielt ec auch das Amt eines
Staatssekretärs des preußischen Smatsrats. Im Januar
189 t wurde er zum Staatssekretär des Reichs-
justizamts ernannt und übernahm den Vorsitz in der
Kommission für die Ausarbeitung des deutschen Zivil-
gesetzbuches. Im März 1892 übernahm er das
preußische KA-ltusministerium. Am 4. Scptmbr.
1899 trat er in den Ruhestand. Der Verstorbene war ein
sehr begabter und ein schr wohlwollender Mann. In dem
Wunsche, den Mitmenschen gefällig zu sein, zeigte er sich
nachgiebiger als ein Politiker eigentlich sein sollte. Bosse
war ein gläubiger Christ-; er wollte ursprünglich Theologe
werden. Dennoch wurde ihm geraten, mit seinen großen
Fähigkeiten der christlichen Kirche auf weltlichem Gebiete
zu dienen. Das hat er auch gethan.)

Graf Waldersee vor Algier.
Algier, 31. Juli. In der vergangenen Nacht kam
schwere See auf, welche die „Gera" nötigte, den Anker-
platz zu wechseln. Heute-Vormittag statteten der Chef des
Gencralstabes und der Sekretär des Generalgouverneurs
dem Feldmarschall Grafen Waldersee Gegenbesuche ab. Am
Nachmittag besuchle Graf Waldersee auch den erkrankten
Generalkonsul v. Tischend ors, welcher auf Einladung
des Feldmarschalls die Heimreise auf der „Gera" antreten
wird. Graf Waldersee, wie die deutschen Offiziere erregten
beim Besuche der Stadt allgemeines Aufsehen, ebenso die
deutschen Mannschaften, denen vom hiesigen Armeekorps
Unteroffiziere als Führer bcigegeben waren. Gestern Abend
waren die führenden französische» Unteroffiziere zu der
Unteroffiz-ersmesse an Bord der „Gera" eingeladen. Die
Haltung der an Land beurlaubten Soldaten war aus-
gezeichnet. Bis spät in die Nacht zogen Zuaven und

besseren türkischen Familien rissen sich förmlich um die
Europäerinnen, und es gehört heute zum guten Ton,
daß die Kinder der vornehmen Muselmaunen oder ihre
Frauen Ausfahrten und Spaziergänge fast nur noch- in
Begleitung dieser Damen unternehmen. Daß sich unter
jenen Damen mitunter auch zweifelhafte Elemente be-
fanden, die ihre Stellung mißbrauchten, mag zutreffen,
aber es ist unsinnig, wenn die maßgebenden Personen
jetzt ein Wehgeschrei erheben, als ob die um ihren Un-
terhalt kämpfenden nnd größtenteils den gebildeten
Ständen angehörenden Erzieherinnen und Gouvernan-
ten im Begriff ständen, den türkischen Staat zu rui-
nieren.
Das Zirkular des Großveziers lenkt die Aufmerk-
samkeit der verschiedenen Staatsdepartements ans die
s ch I i m men Folge n^ die von „mnsemanischen
Gesichtspunkt" das stetige Anwachsen der Zahl der Gou-
vernanten, Gesellschafterinnen n. s. w. ans die türkischen
Häuser ansübe. Es ordnet demgemäß entsprechend
einem Wunsche des Sultans an, daß diese europäischen
Eindringlinge entlassen werden sollen. Zur Erläute-
rung des Zirkulars gibt die türkische Presse gleichartige,
auf offiziellen Ursprung hindeutende Kommentare. Es
heißt dort: „Man weiß, daß seit einiger Zeit ans den
„germanischen" Ländern junge Mädchen nnd
Frauen in großer Anzahl hierherkommen, um .einen
Dienst in unseren Häusern zu finden. Die Ehre bildet
die Basis der muselmanischen Erziehung. Entsprechen
aber die Personen, die jetzt überall ausgenommen wer-
den diesen Erfordernissen? Von hundert sind gewiß
neunundneunzig zweifelhafter Herkunft. Man braucht
nur ihren Gestchtsausdruck zu betrachten, um ihre nied-
rige Herkunft sestzustellen. Sie beschäftigen sich weit mehr

deutsche Soldaten durch die Stadt. Keinerlei Zwischenfall
ist vorgckommen. Die Bevölkerung zeigte sich durch-
weg sehr entgegenkommend. Die hiesigen Zeitungen
widmen den deutschen Gästen sympathische Artikel. Nach-
mittags nahm der Feldmarschall an einem Festessen teil,
welches V-cekonsul Hellwig ihm und den Offizieren zu
Ehren gab.
Ein Mitarbeiter des hiesigen Blattes: „Le Journal"
befragte gestern den Grafen Waldersee über den Eindruck,
den Algier auf ihn mache. Waldersee rühmt die Schön-
heit der Lage Algiers und schilderte, wie sehr er von dem
Empfange erfreut sei. Ganz besonders sei er dem General
Serviere dankbar für die Aufmerksamkeit, daß er eine aus
Marinetruppen nnd Zuaven gebildete Ehrenkompagnie zum
Empfange bei der Landung beordert habe. Nach einer
anderweitigen Meldung haben die Offiziere des 1. Zuaven-
Regiments den Feldmarschall Grafen Waldersee, als sein
Boot am Quai de Santb anlegte, in eorpors empfangen;
das 1. Bataillon des Regiments defilierte vor dem Feld-
marschall. Waldersee erklärte weiter: Algier gefalle ihm
so gut, daß er wahrscheinlich im nächsten Winter wieder
dorthin kommen werde. Die „Gera" ist heute Früh
mit dem Grafen Waldersee wieder in See -gegangen.
Heilte treffen die deutschen Schiffe „Brandenburg",
„Wörth", Weissenburg" und „Heia" im Hafen
von Algier ein.

Deutsches Reich.
, . —, Tie Rückbesörde r n n g der nachDentschland
heimkehreiidcm o st a s i a t i s ch e n Truppen stellt in
diesem Jahre an die d eu t s ch e N h e d e r e i noch grö-
ßere Ansprüche, als im vergangenen Jahre die Hinaus-
besördernng, da die Rücktransvarte zeitlich näher anem
ander liegen. An den Rücktransporten unserer Truppen
sind beteiligt der Norddeutsche Lloyd in Bremen mit 12
Dampfern, die Hamburg-Nmerika-Linie mit 7 Dam-
pfern, die Hambnrg-Südamerikanische Dampfschisfahrts-
gesellschaft mit 2 Dampfern, die Rhederei von Rob. M.
Lloman u. Ca. in Hamburg mit einem Dampfer und end-
lich mit ebenfalls einem Dampfer der Oesterreichische
Lloyd in Triest.
Baden.
— Der Karlsruher .Korrespondent des „Schwab.
Merkur" war bisher geneigt, das Eintreten der Ra-
tio n a I l i b e r a l e n für die Wahtreform als
einen falschen Schritt anzusehen. Die Wahlvorgänge in
Karlsruhe haben ihn jetzt indessen eines Besseren belehrt
nnd er rät nun der Regierung der Wahlresorm beizn-
treten, indem er schreibt: Die Erörterungen über die
Karlsruher Wahlangelegenheit beweisen unwiderleglich,
daß die badische Regierung k e i n e II rsache hat, an
dem jetzigen W a h I m ä n n e r s y st e m festzuhalten.
Tie Aussichten der staatserhattenden Parteien wären weit
günstiger, wenn in Karlsruhe (und in den größeren
Städten überhaupt) die direkte Wahl bestünde. In
Karlsruhe haben die bürgerlichen Parteien zu-
sammen zweifellos die größereStimmenzahl, aber sie sind
durch das herrschende Wahlsystem vor die schwierige
ja fast unmögliche Aufgabe gestellt, sich über drei Kan-
didaten zu einigen. Jeder Wähler muß seine Stimme
für alle drei Kandidaten abgeben. Gefällt ihnen einer

mit ihrer Toilette als mit der den Kindern zu gewäh-
renden moralischen Pflege. Einmal in der Woche Pflegen
sie eilten freien Tag zu haben. Wo verbringen sie ihn?
Sie erhalten Briefe suggestiver Art. Sie lesen und lesen
diese wieder und durchlaufen das Haus, tiefe Seufzer
ausstoßend. Gewiß soll matt den Kindern eine sorg-
fältige Erziehung cmgedeihen lassen. Aber weiß man,
wem man sie anvertraut? Gewiß, die Erzieherin wird
dem Kinde, die französische, die englische oder die deutsche
«Prache beibriiigen: wird sie ihm auch die Moral einzu-
impfen imstande sein? In diesem Alter ist der Nach-
ahmungstrieb besonders ausgeprägt. Das Kind wird
daher getreulich nachahmen, was es bei seiner Erzieherin
sah. Diese Nachahmung muß zur Gewohnheit werden
und des Kindes ganze Zukunft beeinflussen. Eine Hanpt-
sorge dieser Personen ist es auch, das Kind nach ihren
Ideen zu kleiden. Die Toiletten, die sie ihm cmge-
wöhiien, stehen im Widerspruch mit Sitten und Gewohn-
heiteil der Muselmanen. Ferner lehrt man es euro-
päische Ausdrücke und prägt ihm christliche Gebote ein.
Alles das ist verdammcnswert, und hiergegen mutz
energisch Stellung genommen werden. Illid wie wenn
das Angeführte nicht genügte, hat man nun auch be-
gonnen, für die Harems Gesellschaftsdamen zu enga-
gieren. Gesellschaft, ist sicherlich von Nutzen, aber diese
Personen sind mir die Vermittler falscher Ideen. Und
wenn man den Hanums,^ türkischen Frauen, mit ihnen
gemeinsam auf den Straßen begegiiet, hat inan sehr oft
einen peinlichen Eindruck, weil die Europäerinnen zu-
meist Anlaß zu beleidigenden Vermutungen geben."
Diese Probe des offiziellen türkischen Kommentars
dürfte genügen, um darzuthnn, wie seit einiger Zeit
systematisch die Absperrung und der Haß gegen alles
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