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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0009
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M Zchrgang - Nr. 2

Tie ,Badische Poft' irscheint täglich kauch Sonntags) vormittags, also sierenmal
wöchentlich nnd lostet frei ins Haus zngestellt monatitch 12lw Mk, dnrch die Poft
monatlich l2W Mk, zuzüglich 10,82 Mk. Beste1--d, Einzelnummer 80 M'.

Heidelverger Zettung

(Gegründet 1858)

und

Handelsblatt

M!W»ch, 3, ZE1S2Z

Anzeioenpreis: d e 22 mm bleite Nonpareillezeile 4» Mt, Familien-, B-reins<
und Kl-iue Anzeigen nach besonderem Taris, Rcklame': die 28 mm breite Nonpareiue-
cile 20N Mk. Bei Wiederholungen nnd Zeilenanschlüssen tariflicher RachlaS,

B.rantworlltch fiir den gesamten textlichen Teil Adols Kiminig in Heide.berg. j,ernrm drr Redaktion: 5ieiü.'l,erg 82.
Sprechstunde der Schrisll itung vorm. 11-12 Uhr. Berliuer Bertretung: Berlin 8lV 48- Zimmerftratze Nr. 9.
Fernruf Amt Zenirum Nr. 415 Münchener Vcrtrctung: Miinchen, G.orgenstrage Nr. 107. Fernruf Nr. ,'I1KS7.

Fur Anz.igen, Reklamen und geschäitlichs Beiiagen virantwortlich A-freo Schmig in H:ideber,. Fernruf 82
Verlag: Heidelberger Berlagsanstalt und Druckerei lSb. m. H Heidelbera, Kauvtstrabe2S. —
Posifcheckkontv Karlsruhe Nr. 19909. - Druck von I. G. Holtzwarts Nachf, G. m b. H, F ' '




Die EröffiuW der pariser Konferenz.

Poineares Vorschläge. - Kein Gehör für den Staatssekretär Bergmann.

Von unserem U-Korrespondenten.

- Paris, 2. Ianuar.

Die interalliierte Reparätionskonferenz der Premierminister be-
gann Dienstag, 2 Uhr nachmittags, im Rotundensaal des Quai
d'Orsey. Poincar« präfidierte. An seiner Seite sa'gen der s an-
zöstsche Ftnanzmtnister Delasteyrie und der Dirertor der politischen
Angelegenheiten im Auhenministerium, Peretti della Rocca. Zur
Rechten der franzöfischen Abordnung sahen der englische Pcemier
Bonar Law, der Handelsminister Philipp Lloyd Ereame und
der Unterstaatssekretiir im Foreign Osfice Cry Crewc; zur Linken
der sranzöstschen Abordnung die Jtaliener Marquis della To-
retta und Varo» Avezzana, gegcnüber die Lelgischen Drlegier-
ten Theunis und Zaspar. Die Sachverstiindigen hielten
fich im Salon der Botschafter aus sllr den Fall, dah die Konserenz
fie anhören wollte. Poincars begrützte die Delegierten und teilte
ihnen den Plan der sranzösischen Regieiung mit, der daraus hinaus-
läust, dah Earantien und Psänder wirtschaftlichen «nd sinanziellen
Charalters ergriffen werden sollen, wenn Dentschland ein Moratorium
gewährt werden sollte. Er tetlte den Delegierten ferner mit, dag der
deutsche Kanzler gebeten habe, Staatssekretär Bergmann, der
gegen 5 Uhr in Paris eingetrosfen, aus der Konserenz anzuhören, um
die Borschläg« der Reichsregirrung darzulegen. Poincar« erklärte,
dah Frankreich grundsätzlich einer Prüfung der deutschen Borschläge
teinen Widerstand entgegensetzen wolle, dagegen mllsse er fich
gegen eine mündliche Berichterstattung durch Staats-
sekretär Bergmann wenden. Die Konserenz beschloh dann ein»
stimmig, mündliche Aussührungen Bergmanns nicht zuzulassen,
dagegen erklärte sie sich bereit, jeden schriftlich niedergelegten Vor-
schlag z« vberprüfen. Bonar Law legte in kurzen Worten das
«nglische Projekt dar, welches von dem französischen in den Punlten
abweicht, ia denen England Strasma'gnahmen zwar prinzipiell zu-
läht, fie aber der Zukunft oorbehalten wifien will. Der
Jtaliener dellaToretta teilte dann den Plan seiner Regierung
mit, der i» manchen Punlten den Londoner Vorschlägen Mussolinis
entspricht, aber auch in wichtigen Punkten Aenderungen enthält. Es
verlautet, dah die jehigen italienischen Borschläge fich dcn franzöfi-
schen beträchtlich genähert haben. Znsbesondere willigen die
Jtaliener jetzt ein, sofort wirtschaftliche Zwangsmahnahmen zu cr-
greisen, wenden sich abcr auch weiterhin gegen alle militärischen. Die
Frage der absichtlichen Vcrsehlung, wie fie die Repara-
tionskommijfion festgestellt hatte, wurde nur kurz berührt. Bonar Law
gab zu vcrstehen, dah die Feststellung -iner weitcren Versehlung
Dcutschlands heute durchaus ungelegen läme und erklärte ansdrücklich,
dah er fich mit der Haltung und mit den Anschauungen Sir Zohn
Bradburys idcntisiziere. Dic Besprechung dauerte bis 4>- llhr. Cin
ossizielles Kommuniquö wurde nicht ausgegeben. Es verlautet, dah
Dienstag abend die sranzösischen, englischen unh italienischen Projett«
im Wortlaut der Oeffentlichkeit übergeben werden sollen. Die nächste
Sitzung der Konserenz sindet Mittwoch, um 2.45 Uhr nachmittags,
statt. Vormittags werden die alliierten Abordnungen die dem
Eekretariat der Konserenz Lbergebenen Projelte überprüsen.

Nach Schluh der Nachmittagssttzung hattc Poincarv eine län«
gere Besprechnng mit Delasteyrie und Seydoux. Veide waren
dcr Ansicht, dah die sranzLsischen und englischen Vorschlägc in der
Reparationssragc sehr weit voneinander abweichen. Um der fran-
zösischen Delegation endgültige Znstruktionen erteilen zu können, üat
Poincarv den Präfidenten der Republik Millerand, sie sosort zu
empsangen. und ihn über das Abkommen untcrrichten z« können, da-
mit sie bei dicser Eelegenheit seine Ansicht über die einzuschlagende
Richtung der sranzesischen Politik kennen lernen könnten.

Poincarv hattc vor der Konferenz eine Besprechnng mitVonar
Law im Hotel Crillon. Zn Anwejenheit Lord Curzons wuide die
Reparationsfrage und Lausanne besprochen. Poincarv legte bei diejer
Eelcgenheit den französischen Standpunkt dar. Der „Zntranfigeant"
behanptet, Vonar Law nnd Lord Lurzon hätten die Zurückhaltung
«nd Mähigung der französtschen Forderungen durchaus ancrkannt, fich
sogar geneigt gezeigt, den französischen Standpnnkt zn untcrstützen.
Bonar Law hatte dann noch cine Vcsprechung mit della Toretta, und
am Abend speisten allc Delegierten Lei Poincarv.

werden sollen, allerdings unter lleberwachung von alliierten
Zollbeamten, hält man für ein Moment des Enigeaenlommens

Aus Washington wird gimchde!:, man sei dort überz ugt,
dah die amerikanischen Borschiäge aus Eini eruiung ein r inter -
alliierten Wirtschaftskommission, de de wiet-
schastlichm Kräfte Deutschlands prüfen soll, von der ö fentl chen
Meinung der alliierien Lünder günst-g aufgeno.uuen werden
mühten, wenn die Pariser Konferenz einen Fehlschlag Lringe. Man
besteht in Ameri-a darauf, tah die Kommifjion i ch nur mit cer
Frage der ZahlungsFähigkeit Diu schlands beshöft ge.
Sollte Frankreich die Einberufung der Komm ssion abl -hne i, so
soll der Gelanke einer allgemcin n Wirtfchaftskonserenz in Was-
hington wieder aufgenommen werden, auf der Amecika
alle schwebenden Frag.n e ner eing henden Prüfun untcrwerien
würde, einfchließlich der Frage der inte alliicr.en Kriegssch .Iden.

Deulschlands Inedrnsbereitschast.

Ablchnung eines deutschen Sicherungsvorschlages durch Frankreich.

Bon unserer Berliner Redaktion.

Berlin, 2. Zanuar.

Die Aufsehen erregende Mttteilung des Reichskanzlers Dr. Cuno
in seiner Hambnrger Silocsterrede, dah den Franzosen eine poli»
tische Sicherung gegen einen oon ihnen befürchteten dentschen
Angriss angebotin, von Frankreich aber abgelehnt worden sei,
hat der Havas-Agentur Veranlassung zu einem Dementi gegeben.
Der Kern dieser sranzösischeu Eegenbehauptung besteht darin, dah
das deutsche Angebot durch die i» Frage kommende dritte Macht
lHavas ncnnt Amerika als solche) den Franzoscn nicht Lber»
reicht nnd insolgedessen von ihnen auch nicht habe abgelehnt wer«
den können. Auherdem habe es fich nicht nm einen ausreichend fest
formulierten Bertrag gehandelt.

Dirses Havas-Dementi ift, wie wtr aus Berliner Regiernngs»
kreisen erfahren, irreführend. Es muh dara» festgehalten
werden, dah der dcutsche Borschlag, dessen Jnhalt vom Kanzler in
seiner Rede erschöpfend wiedergegeben wordcn ist, durchaus klare
und fefte Formen gehabt hat. Er ist auch den Franzosen durch
jene drltte Macht, über die oon «nserer Seit« aus bestimmten poli»
tischen Eründen noch geschwiegen wird, tatsächlich Lber»
mittelt worden. Die Franzosen haben fich da hinter sormelle
verfassungsrechtliche Eründe verschanzt und find «icht aus
diesen Borschlag eingegangen. Die französtschen Gegengründe hätten
bei einigermahen gutem Willen aus dem Wege d«r Eesetzgebung
leicht beseitigt werden lönnen. Die Znitiatioe zu dieser
ganzeu Aktion, die erst nach der Lündoner Konfcrenz untcrnommen
wurde, ist von dcutscher Scite ausgegangen. Die franzcsische
Ablehnnng ist trotz der gcgcnteiligen Behauptung von Haoas in so
osfizicller Form ersolgt, dah neue Schritte in dieser Ange»
legenheit stch von selbst verbieten.

Das Dcmenti der Havas-Agentur wird auch durch eine Mii-
teilung der „Ccntral News" »F ndsvrliimi ges^hrt, nach der die
franzöfische Regierung durch ihren Botschafter in Washinzton von
ciner derartigen Erklärung benachrichtigt wurde. Dcr deutsche
Votschaster habe darüber auch cine Unterhaltung mit dem amerika-
nischcn Staatssekretär Hughes gchabt. Dic deutschcn Vorschläge
seien aber in Paris als phantastisch angesehen wordrn, da sie
kcinerlei ernfte Earantie gegeben HLtte«.

Kündlgung des Lleberschlchtenabkommens.

Von unserem D-Korrespondenten.

EHen, 2. Zanuar.

Eine Vertrauensmännerkonfercnz des alten Bergarbeirer-
verbandes Leschloh, das UeLerschichtenablommen, daz bskauln-
lich für dic Zeit vom 15. Dezember bis 15. Jannar auher Krast gc-
setzt ist, am 28. Februar zu lündigen. Die übrrgene Bergarüeitcr-
oerbände, insbesondere dcr Christliche Eewerloercin der Bergarbeitee,
haben sich diesem Vorgchen dcs alten Vcrbandes, der sich auch des-
wcgen vorher nicht mit den Ubrigen Bcrüänden ins Benehmen gesetzt
hatte, bisher nich 1 angeschlojsen.

> Der Temps" Leurteilt die Aussichten der Konferenz im allge-
meinen se'hr ungünstig. Die deutschcn Vorschläge leKnt dai Blatt
ab. obne sie übcrhauvt zn kennen. Es behauvtet. die Allnerten
seien wenn sie bezahlt sein wollten. nur aus sich felbst angew,e,en.
Franlreich würde, wenn ein Uebereinlommen mit den übrigen
Alliierten nicht zu crziclen sein werde, allein vorgehen. was
Lbrigcns durchaus im Jnteresfe allcr übrigen Alliierten - ware.
Durchaus unzufrieden zeigt sich der „Temps" mit der Haltung i.er
engli chen Delegaiion in dcr Reparationskommlfsion. Sie habe es
beute einfach abgelehnt, während der Dauer der Parifcr Konferrnz
an Sitzungen teilzunehmen. Der „Tcmps" erwartet bei einem fur
Deutfchland ungünstigen Ausgang der Konferenz einen neuen
Sturz der Mark. den Deutschland seit langem vorbere-te, Das
ofiiziöfe französische Blatt erklärt dann ausdrückliib. eniwedsr müssc
England mit Frankrcich gememfam die produktiren Pfänder er-
grciien. oder aber Frankrcich müssc allein militdrische Mah-
nahmen ergreisen, da Widerstand zu befürchten fein werde, wenn
iu'r Frankreich und nicht Franlreich und England gemcinfam vor-
nehin wolle. Würde jecoch Enalang mitmachen. so würde sich im
Ruhraebiet allcs ohne fe"lichen Widerstand abw'ckeln. — Die nenen
franzdsifchen Vorfchläge hält man in alliierten Kreiscn für geeignot,
eine leichie Enis-ann"ng in der franMschen Politik berbeizuführen.
Dor allem die eine Taifache, dasi d!e franw'ifchen Vorschläoe nicht
die Crrichtung einer Zollin'e im Ruhrgebiet und am Rhein ver-
lanacn. iondern dasi öie Zölle auf normalem Wege eingehoüen

Jn der Frage der Vesetzung des Ruhrgebie^s hat die Konfsrsnz
mit 250 gegcn vier Stimmen e-ncn Ent.ch.usi angenommcn. in dem
es heiht: Die Konferenz der Bergacbe.ter protestierrent-
schieden gegen die ron der französisch n Rcg.erung ange-
drohten Masinahmen, die auf die Besesiung uni die w.rt, afti.che
Ausbeuiung des Ru .rgeüieis hlnsielcn. D e Bergarbciter chast Le;
Ruhrgebieis erilickt in der ang drohicn Poli ik ler linoukt vcn
Pfünder nicht ein M.itel, Bez chungen zwischen den Län e n her-
zustellen, wie es die Znteresicn der Vdiker er.eisch n. d r gew lit-
famc Eingriff der sranzö.-fch n R.g er mg m.tz zur Versch .ir-
fung der w i r t s ch a f t l i ch e n Rotlage cer Arbei er uud
damit zu einir Vertiefung der internaiiona enEegn-
s ä tz e führen. So enifch edcn dis dcu f.hen Verzar eitcr d e den
Frisden und den wirifchaf.lichen Wie erau ba.i f ädig nde Boli ik-
der französischen Rcgierung abichn-n. ebenso entschieden bek nd.n
sie jedoch ihren sesten W.llen, im Ra ,m:n des> B Lglichen an dcr
Erfüllung der deuMen Re arationsvernfl chtun n mitzu»
arbeiten. Dieser Wille am B.ie.erai.slau war es nicht zulstzt,
Ler die Bergarbeiter veranlasst hai, ungeachtet ihr.r körrerlichen
Erjchö^fung und Unierernährung mchrma s in Ue ers ' ich ma'kom-
men einzuwilligen. Die Bcrgarbeiicr des Ruhrge ists ersuchsn die
ArLeiter der Länder ,er En cn e, a is ihre L egicrung n e.i zuwirken
damit das Problcm dcr Re a a ionen nicht An ah gcb: zu neuen
Schwierigkeiten, die die Ecsa.-r gcwal sam.r Ause.nan er-
setzungen be,llrchtcn lassen.

Klaffenkampf oder Volksgememschafi?

Von Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Andreas Voigt.

Es ist eine Eelbstverständlichkeit, dah ein Volk nur Lann seine
wirtschaftlichen und politischcn Aufgaben erfüllen kann, wenn es
innerlich einig ist. Es ist ein Elück im Unglück, dasi die politische
Einigkeit uns allmählich von unseren Feinden aufgezwungen
wird. Alle Deutjche ohne Ausnahme erfahren heute alltäglich, dah
unser Elend wenigstens zum gröhten Teile a uh e n p o l i t i f ch e Ur-!
fachen hat. Müsien wir dauernd an das Ausland Tribute zahlen,
einerlei ob in Eeld oder in Naturalgütern, die unserer Volkswirtschast
mehr cntziehen, als was wir zu deren unveränderter Fortsetzung un-
bedingt nötig haben, fo zehren wir von unserem Kapital und müsien
mehr und mehr verelenden. Das ist eine so einfache Rechnung, dah
sie von jedem verstanden wird, der sich nicht aus parteipolitifchcr Ver-
blendung jeder Einsicht absichtlich verschlieht. Da das auf die Dauer
doch nur wenige fertig bringen, kommt die autzen-olitifche Ein-
heitsfront Les deutschen Volkes mit der Zeit zustande. Anders
Lagegen steht es noch in der inneren Politik. Hier gilt in weiten
Kreisen unseres Volkes immer noch die marxistische Lehre, Lah im
Wirischastskörper sich zwei u n v e r sö h n I i ch e Parteien gegen-
überständen, die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, und dah ein
Friede zwischen diesen grundsätzlich unmöglich fei. Der innere Friede
könne daher erst kommen nach einem Kampf dieser Parteien auf
Leben und Töd, und wenn in diesem die der Arbeitgeber so über-
wunden würde. dah sie sich nicht mehr zu erheben vermöchte. Dann
wllrde die klasienlose sozialistische Eesellschaft aus der heute in Klasien
ges^altenen hervorgehen und damit erst all' Fehd' ein Ende haben.
Dieser Kampf der Klasien follte nach Marx auf rein politischer
Wahlstatt durch Eroberung der Staatsgewalt erfolgen, wie es in
Nuhland der Fall war. Die Diktatur der Partei der Arbeitnehmer
ist fein Ziel. Jn den übrigen Ländern, wo eine Eelegenheit, durch
cinen Staatsstreich auf einmal zur Macht zu gelangen, nicht mehr zu
erwarten ist, soll ein anderer Weg eingefchlagen werden, der des un-
ausgesetzten Kampfes auf dem Arbeitsmarkte mit der Waffe des
Streiks. Das ist die Form des Kampses, wie sie heute von den
Eewetkschaften geführt werden soll. Ihrcr ursprünglichen Jdee
nach waren es nur Organisationen der Partei der Arbeitnehmer auf
dem Arbeiismarkte, denen die der Arbeitgeber in dercn Verbänden
gegenllber,,and. Das Ziel des Kampses war kein anderes als auf
anderen Märkten, nämlich die vertragsmähige Bestimmung von Lei-
stung und Eegenleistung der Angehörigen Leider Parteien. Durch die
ncuere Auffasiung dieses Kampfes als eines Klassenkampfes
erst wurde er zu einem feindseligen Akt, der nicht auf Vcrtrag, son-
dern auf Schädigung bis zur Vernichtung dcs Eegners gerichtet
war. Die Eewerlschaft hat das Ziel der „Eroberung Les Kapitals",
indem sie den Kapitalgewinn, Len Mehrwsrt, aus der Welt zu fchaffen
gedenkt durch immer weitere Uebersührung dieses in die Hände der
Arbeiter. Schliehlich hätten die llnternehmer kein Jnteresie am Besitz
des Kapitals mehr und desien Sozialisierung würde sich widerstands-
los vollziehen. Nun hat schon die Erfahrung gelehrt, dah, wenn es
überhaupt möglich und erwllnfcht ist, den Eegensatz von Arbeitgebern
und Arbeitnehmern aus der Welt zu schaffen, es auf diesem Wege
ganz gewih nicht geht; denn wenn die Arbeitslöhne auch noch so
sehr in die Höhe getrieben werden mögcn, es führt nicht zur Erobe-
rung des Kapitals, fondern es steigen die Preise so, dah die altsn
Gewjnne bestehen bleiben oder gar noch über das ursprünaliche Mah
hinaus steigen. So weicht das Ziel wie eine b'utu vor

denen, die sich ihm zu nähern suchen.

Diese Erfahrungen, dah durch den gewerkschaftlichen Klasien»
kampf doch nie das Ziel erreicht werden könne, hat schon lange zur
Bildung einer Arbeiterpartei geführt, welche sich ganz von
ihm abwandte. Sie betrachtete die Sondetung der Eesellschaft in
Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht wie die revolutionären und
kampfgewerkschaftlichen Arbeiterparteien als einen zu beseitigenden
Fehler im Aufbau der Eesellfchaftsordnung, sondern als eine unver-
meidliche und zwe ck m ähige Einrichtung, durch die allein die not-
wendige Produktivität der Volkswirtschaft erreicht werden könne. Sie
richtete doher ihr Augenmerk nicht z-.ierst auf den Kumpf um die
Arbeitsbedingungen, sondern auf den Zustand, der durch den Abschluh
des Arbe'.tsvertrnges gefchafsen w!rd: die Werkgemeinfchast
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Betriebe. Eoll hier
etwas Erspriehlichcs für die Vollswir-schaft geleistet werden, so muh
hicr Friede herrschen, so muh das Ziel beider Eruvpen von Arkuirs-
genosicn hier dasselbe, nämlich Steigerung der Produktton
und Derbesserung der Qualität der Produkie sein. Das
allein enispricht auch dem Gemeinwohl, ist wahre Eemeinwirtschasi.
Nur aus der Werlgemeinschast inncrhalb der einzelnen Betriebe kann
daher ouch die Volksgemeinschast erwachscn, die uns so
bitter nottut. Nur so kann zu der Einheitssront nach auhen dis
inncrc Einheit hinzu kommen, welche die Bedingung Ler dauernden
und machtvollen Aiifrechterhaltung jener ist. Nationales Empsind'n
und echtes Solidaritätsoesllhl aller cinzelnen und aller Klasien er-
weissn sich so als zusammengehörige, einander ergänzende Eeistesrich»
inngen zum Wohle dcs ganzen Volkes. Jst erst das Volk, mit dcn
Wcr/gcmeinschaften der einzelnen Betriebe beginnend, zunächst in gs-
scndertcn VerufsverLänden sowohl der Arbeitgeber wie der
Arbeitn.'bmer, dann in diess beide zusammen'assenden Beruss-
ständen zur Pflege der gemeinsamen Interesien und zur Schlich»
tung von Streitigkeiten zwischen den Berbänden durchoroanisiert,
dann kann es keine Schwierigkeiten mehr haben, die Kämpfe der
Parteien auf dem Arbeitsmarkte ohne Anwendung des Mittels der
sonst verpönten Nötigung, wie es der Streik ist, zum Austrag zu
bringen. Eine Rechtsordbung, wclche den Streik als normales Mittel
des Kampfes aus dem Marlte zuläht, kann unmöglich eine voll»
lommene sein.

Es ist nun sshr mer^würdig, dah gerade das durch die berufs»
ständische OrLanijation der Eejellschast erjirebte Liel dcs
 
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