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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0075
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ss. ZÄrgmg - Lr. 13

Li« .Badlsche Dast" crschcint tSglich kauch Sonntagrl vormittags. alsa siebenmal
wöchcntlich und kostet srei ins Hans zugcstcllt monatitch lLllü Mk, durch die Post
monatlich Mk ^'nzäglich UiöU M'. Destc!! e d. Einzclnummer M M'.

Veidewerger^ettung

(Gegründet 1858)

und

Handelsblatt

Sonntag, tt. Zamiar 1S23

'Anzeig-no'rei-l di.^s n>m bt.Ü.'N-,.par-ill-z-ile a» Mk. F^itten.D-rein-.
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Der einige Protest des Reichstags.

AeberwalLLgends Vertrauenskrmdgehung für dLe ReichsregLerung.

Anser ALeL Lst RechL und FreLheLt — unser Weg die EinLgkeLL.

Srr Kanzler syriHi.

Don unsrrer Verliner Redaktron.

Berlin. 13. Ianuar.

Der deutsche Reichstag nahm nach einer Erliiirung der Arichs-
^Sicruug durch den Rcichekanzler Dr. Cuno und deu Erklärungen
verschiedenen Partcien in namentlicher S-bstimmung mit 283
Agen 12 Stimmen bei 6 Stimmenthaltu-rgen folgenden Antrag
lZtr.) an: Der Rcichstaz erhebt gegen den Rechts- und Ber-
^agsbruch durch dic gewaltsame Bcsetzung des Nuhrgebiets feicr-
'lchen Protest. Der Reichstag wird die Negicrung Lci der Anwendung
l^dcr zur eutschlosseneu Abwehr diesev Eewaltaktes
^^diencnLen Matznahme mit allen Kräften unterstützen.

von ben ^Kommunistcn beantragte Mihiraucnsvotum gegen dcn
"eichslanzler wurde abgelrhnt.

»

. Dke Flagaen ouf dem Reichstagsgebäude sind auf Halbmast z'-
an dem Tage, an dem das deutsche Parlamcnt übcr die uns im
^Uyrgebiet augelaue Schmach seiner Trauer und seiner Entrüstung
^Usdruck geLen ,cil. D:e En.rüstung tritt hinter der Trauer zurück.
li^ ist mshr auf Moll gestimmt als auf Dur, wie es verständ-
>st in unserer Lage der Ohnmacht, die die Emxörung mehr
uch innen als nach auhen lenkt. Non diesem Eeiste getragen :st
uch tzjx Rsde N e i ch s k a n z l e r s, an der mancher das Flam-
mentze und alles mit stch Rei'gende einer grohen Protcstrede vermissen
>rd. Dr. Luno ist nicht der Mann flammender Proteste, das liegt
Kanzen auf vornehme Sachlichkeit eingestellten Art seiner Per-

> uiichkeit nicht fonderlich. Er gibt sich heute zwar alle sichtliche Miihe,

e-nem beson^eren Aufwand von Temxerament zu s rechen und
^ra-tstellen zu untcrstre'.chen. absr durch die ihm eigeno Vor-
2^-uiL-se verliert dic sonst ganz vorziioliche. wcnn auch für ' iesen
«u>eck vielleicht Loch etwas zu lang gehaltene Rede doch immer etwas
on der spon<ancn Wirkung, d:e hier mehr als kei irgend eincr
^ren politisch-n Eele-'cnhsit geboten gewesen wäre.

^ Der Beginn der Kanzlerrede weist starke dramatische
^'zcnte auf, die Art, wie er das Vorgehen der Franzossn im
. uyrgebiet schildert. wie er Schlag auf Schlag das Ungerecht-
des französischen Eswaltakics zeichnet, macht erstchtlich
^o^sn Eindruck: ein gemeiner Naubikberfall, zu dem der
von Versailles unseren Fcinden auch nicht dem Scheine nach
Tck "üste Necht gibt. Der Ne'.chrkanzlcr ge'.hclt die ganze
I ^ i nh e i l i g k e i t der fran östschen Politik, die gweideutiokeit
Staatsmänner. und legt rücksichtslos die verhüllten Ziele
dge: ^encn die französtsche Politik gsleitet ist, die stch besondsrs

tz, d"..lieäutzert haben, dah alle Versuche, mit den Franzoscn zu einer
Vwr^"^'8ung >iu gelangen, von Poincarö schroff abgelehnt
tz. stnd. Wie Dr. Cuno uns'ren W llen zur Verstän^rgung dem
^ .alen Machtwillen der Fran. osen geoenüberstellt, Las ist rhetorisch
F.'u°ihaft ausgeführt in Ler Prägnanz des Ausdkucks, die andere
den ^er Rede wtcder mehr vermissen lasten. Dann der Schlust,
zi. der Re'chskanzler aus dem ganzcn Verhaltcn der Framosen
Recht und Vcrtrag sind gebrochen, und deshalb
te'/b ^er Recht, die Vertragslieferungcn an Belgicn nnd Frank-
iP^ einzustellen, Erneuerung des Protcstcs vor der ganzen
Und i, Abwälzung aller Folgen auf die den Vertrag brcchcnden
den Einmarsch veranlastenden Mächte. Daran anschliehend die
ayniing zur B e s o n n e n h e i t, insbesondere an die Ruhrlevölks-
^u^uung vor unüberlcgtcn Schr'.tten, die der E samtheit
. U!a »n brächten, und die Aufforderung an Las Volk, in diesen Tagen

> " Hiat, die die schwersten Entbehrungen von uns hslschen, zu-
^Mmenzustchen, die Einheit des Ne'ches zu erhalten und dsn
^ ^ 8 zu einem wahren Frieden vorzubsreitcn.

n°ch 'einm^" P^gnant?'kurz7 d^n^und ^^de^-^eul-ch°n
Kch uneingeschränkt hinter die Regierung.

Ieg>

^ .....gterung.

hatte fur dle Sozialdemokraten ke^n Grund vorge-

^8en. stch diescr Erklärung nicht anzuschliehsn. Aber die Pactsi
mnn stch nun einmal auch in dcr Stunde der höchsten Eefahr und :n
Stunde der Lringendsten staatlichcn Notwendigkeiten nicht oon
"-r Partoitaktik freimachen, sie glaubt, ihren eigenen Wcg
kehen zu müsten. auf dah kein Esnoste sie des Paktierens mit den
liideren Parleien bezichtigcn könne. Und so wurde denn Hcrr Her-
?lann Müller vorgeschickt, um seinerseits gegen dcn Versalller
vl-elrag zu xrotesticren und sich gleichzeitig einige Ausfälle gcgen
,.'e äuszerste Rechte zu erlauben, wodurch zeitweilig eine sehr bedenk-
'sche Stimmung entstand, die das sonst so schöne Bild der Einheit-
"chieit zu stören drohte. Wenn die Kommunisten eincn Seitensprung
^achcn, wie dies auch heute wieder ihr Sprecher Fröhlich getan
^at, so jst tzies nicht weiter verwunderlich, aus soz aldemokratischer
^ejte aber sollte man sich doch endlich etwas mehr das Eemein»

samkeitsgefühl zu eigen machen, für welches der Reichskanzler
und auch dcr Sprechcr der bürgerlichen Parteien so dringliche Worte
fanden.

SjtzungsbenOt.

Am Regierungstisch: Reichskanzler Dr. Cuno, Autzenminister
Dr. voa Rosenberg, Jnnenminister Oeser und di« übrkgen
Ministcr les Kabinetts.

Präsident Loeüe eröifnet die Sitzung um 2.45 Uyr und
hält eins kurze eindringlichs Ansxrache, in der er den Vormarsch der
Franzossn als einen Anschlag auf den Frieden Europas
bezcichnele. Er richtete ssine Worte besonders an die LanLsleute an
Ler Nuhr und rief ihnen zu: „Haltet euch in Not und Leid so, datz
in dcn Tagen, in Lenen die Fremdherrschast wreder von euch ge-
nomm.en ist, eure Kinder von euch sagen lönnen: Unsere Väter haben
in Festigkeit und Treue, mit StoI,z und Würde aufrecht-
acstanden, als diessr Schlaa gegen sie geführt wurde". (Bei diefen
Aiorlcn erhcüen stch die Abgeordneten und die Mitglieder der Re-
gierung vou Len Sitzen und hörsn das Weitere stehend an.) Der
Präsident fuhr fort: „Haltet euch so, datz ihr euch srci in die Auaen
sehcn lönnl. H.er wird ein Streich aefuhrt gegen den Frieden, der
semen Stächel nicht nur gegcn uns, sondern auch gegen alle in sich
lrägt, die eine ruhige Eniwicklvng wollen, und der von den ver-
h ä n o n i s v o l l st e n Folgen für Len allgemeinen Frie-
den se!n mutz. Wenn ich mich an das französische Dolk wcnden
lbnnie, würde ich ihm zurusen: Prüft selbst, ob der Weg. den eure
MacblhaLer einfchlagen, Lerienige ist, der euch zu Recht und Friede,
zur Ersüllung eurer Ansprüche führen kann, ob er nicht Erüitternng,
Hatz und Wut bringen mutz und die Unmöglichkeit der Erfüllung.
Ihr und wir werden die furchtlapen Folgen zu tragen haben. Mach't
das Unrecht riickgängig, das eure Regicrung an uns verübt, ehe es
für uns und fllr euch zu fpät ist."

Nerchska.rzler Cuno:

Meine Damen und Herren! Vorgestern, am 11. -Januar, dran-
gdn französische und belgifche Truppen in sriedlichcs deulsches Eebict
ein (Psuirufe rechis), uberschritten die Erenze, die nach Arl. 428 des
Verirags von Berfaittes Ler Vesetzung durch die Truppen der alli-
iertcn und assoziierien Mächte gezogen sind, ja sogar di« vorgefehene
Krenze des Gebicis, tas im Widerspruch mit dcn Bestimmungen des
Verirags von Vcrsailles unter dem Namen von Canltionen bezeich-
nst worden ist. Die Truppen waren kriegsmätzig aus-
gerüstet: sie führien auher Len Feldküchen Munitionssahrzeuge.
Eeräte, Ee äck und Lazarcttwagen mit sich. (HLrt, hört!) An der
Spitze marschierten Kaoallcrieaoteilungen mit gezogenem Säbel.
(Hört. hört!) Auf dem Mantplatz in Esten suhren Panzerwagen
auf, Maschinengewehre wurden in Stellung ge-
bracht, ^er Belagerungszustand verhängt und für iede Ueberschrei-
tung der Eesetze gcrichtliche Bestrafuug angedroht. (Unerhört!) Bei
den Besatzungstruppen bildeten sich Beobachtungsabieilungen aller
Art.

Dicser Vormarsch vollzog stch mit allen kriegsmiihigen Siche-
rungen einem La:id unü einem Volk gegenüber, das die Ent-
wassnung durchgesührt hat und sriedlichrr Arbeit sich widmet,
das nicht darcm Lenlen kounte, durch eine bereitgestellte Armee
deu srauzöstsch-üclgischen Truppen auch nur eineu Man» oder
ei» Cewehr eutgegenzustellen.

Der Einleitung dieser Matznahmen war voraagegangen am 10. Ia-
uuar die Uedergabe einer Noie durch den sranzöstschen Botschasier
und den belgischen Ecsthäftsträger in Berlin an den LeutschenAutzen-
ininister, nach der auf Erund der von der Re arationstommission
am 9. Januar. a!so zwei Tage vor Deg'nn der Truppen'.ewegungcn
(Hört, hört!) festgsstellten Unvottständigleit der deutschen Gestel-
lungen an Holz und Kohle. Die französische Regierung bejchlotz,
eine aus Jngenie.iren bestehende Konirollkomnrission in das Ruhr-
gebiet zu cnisenden. Die französische Reaicrung hat erclärt, Lah sie
gegenwürüg nicht daran denke, zu militärischen Operationen zu
schreiten, datz sis von Soldatcn nur in beschränkiem Mah Eebrauch
machen wcrce, um die Tätigkeit der französischen Ingenieure bei den
deulschen Jndustriellen und bekm Transport zu unterstützen. Keine
Störi.ng. keine Veränderung im normalen Leben der Bevölkerung,
die Vevölkerung sollte ruh'g und in OrLnung wei erarbeitea. D!e
sranzösische Regierung hat erklärt, auf den guten Witten der deut-
schen Regieruug und atter Behörden zu rcchncn, welcher Art sie auch
sein mögen. Diese Matznahmcn wurden von der französischen Regie-
rv.ng gestützt auf den Vertrag von Versa'lles. auf jenea Vertrag,
Ler auf den Tag genau dres Iahre vor Ueberreichung der Nole
ratifiziert worden ist zu dem Zwscke, an die Stelle des Krieges eincn
festcn, gerechten und dauerhasten Frieden treten zu lassen. Sie
wurden gestützt cmf jenen Vertrag, in welchem lestimmte Verpflich-
tungen llbernommen worden wären, die Vorschriften Les inter-
natio..a!en Nechts genau zu beachten, Eerechtigkeit herrschen zu
lasten und die Vcriragspflichten und die gegcnseitigen Beziehungen
peinlich ,z» beachten. Sie wurdcn gestützt auf don Vertrag, aus dem
> as grotze Prooramm der Versühnung, der Eleichberechtigung und
Selbstbestimmung der Völker hergeleitet wurde, welches 1918 oer-
heihen wur'e und von Deutschland durch Erklärung vom 3. Oktober
1918 als Erundlags der Verträge über den Wassenstillstand ange-
nommen worden ist.

Durch jenen Vertrag von Versailles haben wir schwere

Verpslichiungen zum Ersatz dcr Kriegsschäden übernommen.

So schwer die Lasien sind, so gewährt der Vertrag von Versaillcs
immcrhin Deutschland das Recht, d!e ihm auferlegten Lasten nach

. n (Fortsetzung des Verichts stehe folgende Seite.) . .

Zil tiefsier Aol.

Der heutige Sonntag soll Lem Eedanken des Vaterlandes gewid.
met sein, so will es der herrliche Aufruf, Len dcr Reichspräsident
zusammen mit der Reichsregierung am 11. Januar an Las Dolk
gerichtet hat, so will es auch däs Volk selber, jo will es jeder
Deutsche, dem der furchtlare Schmerz mn die dem Vaterlande an-
getane Schmach auf die Secle brsnnt.

Dieser Sonntag, der uns nach Ler fieberhaften Unruhe und
auälenden Sorge der letzten Woch'e die äutzere Ruhe bringt, er
soll dazu dienen, uns innerlich zu sammeln, unsere Slimmung,
in der die widersprechendsten Eefühle in jäher Hast durcheinander-
wogen, zu klärsn, wir sollen und wir wollen heute unsercs Leides
und unseres Rechtes gedenken!

llnseres Leides!

Es gibt n'chts so Leidvolles, als Unrecht dulden, nls
Gewalt wehrlos hinnehmen müffcn: mein Recht, das bin ich
stlber, das ist meine Persönlichkeit, wer mir mein Recht nimmt, der
greist mich in meinem Heiligsten an, veriibt eine ideelle Lebe.rs.
bedrohung an mir, deshalb ist Notwchr von jeher als das natürlichste
aller Rechte bezeichnet, in Notwehr verübte Eewaltbelämpfung als
straffrei crkannt worden, und cs ist oon jeher als das Uebermatz ser
Feigheit erllärt wordea, llnrecht zu begehen gegen einen andern,
und ihm zugleich oder schon vorher di« Mittel zu nehmen, sich zu
wehren: Die ganze Schändlichkeit Hagens zeigt sich darin, datz er
erst Siegfried das Schwert wegnimmt, ehe er ihm die Lanze in den
Rücken schleudert — dies aber ist unser Schicksal ge
wesen; man hat Unrccht und Eewalt an uns vcrübt, man hat ung
wehrlos gemacht: der grimMige Feind hat, da wir uns in sriedlich-
ster Eesinnung zur Quelle beugtcn, um unsern Durst nach Arbeit und
Tätigkeit zu stillen, uns erst die Waffen geraubt und jetzt hat er zum
Todesstotz ausgeholt!

Ob wir wirklich wie Siegfiied zum Tode getioffen werden, das
steht in höherer Hand, aber noch stnd wir es nicht, noch steht unjer
Volkskörper aufrecht, noch pulsiert Leben in unscrn Adern, so reichlich
auch das Blut aus der uns geschlagencn Wunde flietzt, und wrnn
wir auch nichts mehr haben als den Schild unseres Rechles
so wollcn wir, wie der todwunde Hcld, diesen Schild erheben und in
die Welt ein Wehe hinausrufen über di« feige Eewalttat, die uns
bedroht am Sitze unseres Lebens.

Der Schild unseres Nechtes! Unser Recht ist unbestreitbar. Kein
Eerichtshof der Welt würde es uns verweigern.

Sollen wir erneut das Gewebe von Unrecht, Lüge, Eewaltzier
in seinen einzelnen Fäden Llotzlegen, das Poincarö ersonnen hat,
um zu dem ersehnten Ziele zu kommen? Sollen wir von der lächer-
lichen Komödie sprechen, die Poincarö der Welt vorzuspielen sich
crdreistet, wenn er behauptet, das, was sich in und um Esten abspielt
sei kein^ militärische Unternshmung, die Soldaten bildeten nur
die Vegleitung Ler Jngen'eure, die ausgesendet seien, um die Kohle«
die nicht geliefert ssien, zu holen? Es ekelt uns, die hunderimal
widerlcgten Vehauptungen, di« mit eiserner Stirne immer wieder-
holt werden, immer aufs neue zurückzuweisen, es ekelt uns nicht
minder, von den neuen Lügen, die Poincarö der sranzösischen Kam«
mer vorsetz!«. zu sprechen, so z. B.: Latz das Kohlensyndilat seinen
Sitz nach Hamburg verlegt, um mit seinen Akten die Beweise für
seine „beirügerischen Hinterziehungen bei der Kohlenlieferung"
wegzuschaffen: ist doch sofort von dem Kohlensyndikat geantwortet
worden, gerade die Akten iiber die Kohlenlieferung seien in Essen
zurückgelassen worden!

Poincarö fürchiet freilich derartige vernichtend« Widcrlegunzen
nicht, denn er hat dafür gesorgt, datz man in Frankreich nichts dav.m
erfährt, er kann der Kammer vorerzühlen, was er will, denn die
Kammer ist von vornherein entschlossen, alles zu glauben, was er
sagt, oder wenigstens gutzuheitzen,- sie hat ihm auch jetzt wieder ihr
Vertraucn ausgesprochen, denn sie ist in ihrcr Mehrhcit mit
ihm völlig eins, sie ist mit ihm verschwaren gegen die Ruhe Europas
und der Welt, sie will nur ihre chauvinistischen und imperialistischen
Ziele, und der Weg zu diesen Ziclen führt Lber die Leiche Deuisch-
lands!

Jn der Tat: wenn der Präsident der französischen Kammer in
überraschender Osfenheit als das wahre Ziel der Unternehmung
gegen das Ruhrgehiet die N i e der h a l t u n g Dcutschlands be-
zeichnet, desten täglich wachsende Bevölkeruug, desten überlegcne
Volksbildung und Lesssn wistenschaftliche Leistungen zu einer „neuen
Bedrohung Franlreichs" geworüen seien, was ist das anderes
als eine gegen das deuische Volk als Ganzes gerichtrie Kriegs-
erklärung. nein, Vernichtungserklärung? Denn waun
kann diese angebliche „Vedrohung" Frankreichs erst aufhören? Osien-
bar erst dann, wenn es keine deutschen K.nder mehr geben wird',
keine deuische Schule, leine dentsche Wistcnschaft, wenn wir aljo, um
der Nuhe unserer Nachbarn nicht mehr zu störsn, uns eutschlietzen
als Volk aufzuhören!

Die heutigen Kundgebungen werden d!e Antwort auf diese Zu-
mutungen geben, sie werden den Vewc:s erbringen, datz wir cnt-
schlosscn sind, uns als Volk zu behaupten und moralijch durch
zuhalteu. ^ ^
 
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