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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0309
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Zchrgang - M 52

crscheint wöchcntl liebenmal. Bet agen: SiVaSkalia(Sonnt.,-
»^°ri,nn,° !»,,? - t Mrei«a„> - Lltcratnrblatt — -ochschuibettage (monatllchp
"N' ohnc Derantworlnnq Rülktendung nur, wenn Porto bet.legt.

Heidelberger Zeltung

(Gegründet 1858)

und

Handelsblatt

Sonnersiag, 22. Febrnar 1S2Z

Hauvtaelchältostelle u. Schriftleltg. der.Badischen Post'Heidelberg.Sauvtstr. 28, Fernspr.:
Nr. 18L- lDerlaaoort: Frankfurt a. M > Berliner Lertretnng: Berltn SlV 48, Limmer-
ftraßeS, Fernlpr.Zentr.415, MünchncrVertret.: München,E>eorgenstr.li>7. Fcrn'pr.Sl667

der.B^d. Polt' Mk. 1g,>0 - tan-schl.Zllsteügebühr>. Selbstabhol. L!k.l8öl>.-. LuSIanV Mk.4v»0.-
°"-PreI» n ?um2. ses.Mis angcnomm n. Hm l u.2. noch gelief.Zeitunge» sind nach d. EinzelverlausLprcis zu be-

" EinzelnnutmerMk. 75.-. Jst dleZeitung am Ersch.incn verhindert, b.steh! kein Anspruch auf Entschädigung.

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Mon!agrMk.L.- mchr. Die 08 mm brcite Rekiame ei!e kostet Mk.löO.-, Anzeigen und Reklamen von auswärts 25°/» höher


Avis

^eue Drangsalierungen.


pklichttrcne Bcamte.

°v unserer Berliner

- die Aufführuna von Schillers ..T

^vNa°^^°r N dle Franzosen verhindert. Unmitt!

! r d. lag n«, E-ciiung drangen die Franzosen in das Eebäude und
> Tk^l'kum zum Verlo'- - - —

Das System Ler Requ.fitione».
Redaktik-n.

Berli«, 21. Februar.

e l l" im
Unmittelbar vor

a ss e n des Thcaters. Der Platz


Komxagnie in die Küche der Spsisung

die

und verlangte die AbgaLe der Kochlessei
esen wurde, Latz es sich um amerikani-
hanvle und datz Hunderte von Kindern hun-

«ern Cjg°us hlngewu

Ü.ahmi^Äten » "r hanvle und datz Hunderte von Kindern hun-
man ibnen die Kochkessel wegnehme, „beschlag-
Mt-n bL°^osen doch diese Kessel. Jn Mainz hatten d?e
^annjltch die Arbeit N eLergeleat als Protest gegen
^iede^u.snab'S^ des Postdir. ors. Um 1 Uyr mittags war dic

tz

Arbeit.vorgesehen, doch konnte der Dienst nicht
werden, weil inzwischen die Postämter und das
französischem Militär besetzt worden waren
gest'ä^raufnahme des Dienstes die schön gemeldete Vor-
°iN jn U wurde. Jnsolgedessen liegt der Betrieb bei den

fü?d1°°Mt

l in stn ruurde. Jnsolgedessen liegt der Betrieb v«»
-v.'. ^ie °W sowie beim Telegraphenamt immer noch völlig
i>Nd gsr iiu o ,^°r dieses Zustandes lägt sich noch gar nicht übersehen.
Urk-^hälfx^usammenhang mit der Auszahlung rückständiger Löhne
rie»?r Ae-F°,"ha ste ten Eisenbahnbeamten des Be-

n .. . _ .

l- ^ hülter j°""uenkang

^ieo-^r a fteren (p,. ,envalznoeeiniien oes «e-

M?-°richt ,,, .ahnoirektion Mainz wurden von Lem französischen
t l e r oo^Ü°uden Eesängnisstrafen verurteilt: Regierungs-
l»i »-°Ur unh uiage. Amimann Kuster 45 Taae, Eisenlahnober-

Uch unn M°hnanwärter Eckhari ' - ^ '

k l b^°t AZ e y l^?nL°hnoberselretär L - i
»? To/ Sv ggs! M der DiskontoLank Mäi
P.^-age nr-,^v Moe? r-

c je 15 Tage, Regie
5 Tage und Fabrikant

iter

^ ^isen^^.nrk EelMase, EisenLahnoLerinspektor Wenner
« Lg ^ - Äse„"M^rrlär Massen 45 Tage, EisenLahnobersekretär
"ie ,?nge ahns2,retär Klar und Eisenbahnsekretär Michel

dui^/Nter^nd die Tch^ner Andreas und
re!zts.Nicht^ungshnft kam zur Anrechnung,

T b; .liewahrt. In Bochum wurden in dem Polsterwarm-

^E:'°u-N den"Fianzosen 50 Matratzen im Werte von

ver-E und i.r. i e r t, Da Thi ' ' ' '

Volk ie 10 Tage.
Strafaufschub

unk, ' p.'r.u » »r»e >. i. Thiel die freiwillige Hergabe
uerka„s," eruarte, die vorhandenen Matratzsn seien an arme
wurden ihm die Matratzen geivaltsam ent-
'chaft. In dsm Herdgeschäft Wupper
. alls Requisitionen vor. llm ll llhr
Stärke und wollten Kesselöfen haben.

waren, zogen sis wieder ab, kamen aber
„beschlagnahinten" Kochherde, einen Dauer-
4 Osenrohre und 4 Ofenknie.

dj'° nn Artto",

^di^« sie^°u-Äen

^°"UeA° wieder

ii'-he n F,?u grotzer L

hr-n^. Uhr «orhandcn

llNd

^aschkessel.

5ivrjji°!ssche sur sran.ösisch« ArLeiter Eeräte abzugeben.

d?-» durchsuchten di« Wohnung des stellvertretenden
^U-e-Uis^ ^ «tat-on Windschlag ergeLnislos nach Plänen für
5r,-.lrSvl- V°u- Jm Dienstz-mmer erbrachen sie verschie-
Ustd °.^ Mur>j- una Schubladen. Jm Bezirk der ReichsLahndirektion
'rieh, u Aoj? 2 berLahnhofsvorsteher von Eerolstein

lstld „Usen--„ ° " fuhrer ihre Wohnungen räumen. Der Be-
tzlg-.Uuch Tril» BetrieLsamt Gerolstein ist verhaftet
r>«n t°°uwai<s^„-°bk.eführt worden. — Der Ver'chtcassessor Lei dcr
ÜU R?u Frun.g^ Offenburg. Emsheimer. ist heute
U>»rt°?"ehen „,°u verhaftet worden. Es soll sich angeblich um
?ester„ 'si laut Patzvorschriften handeln. — Nach dcm ,Vor-

"TNtlvoss bes französtschcn Kommandenrs in Effen die
§°stellt 2ed«z "°te Schuvo als aufgelöst zu betrach-
M j»! wer^^ "T"ev, das D'enst tnt. soll vor ein Kr'egsger'cht
wsi i,„?Un oel,if>.»h° 'ann eine rein örtliche Polizei in Stärke ron
-d wit - er^en, die als Abzeichen eine ArmLinde tragen
-p-stolen Lewaffnet wird.

<rr,

il«

^ie

Ur»e

'rste

!«d

oidat

unerhSrie Vluttat ereigncte stch am Mtttwoch
'ruh an der Nahnstreckc H'öchst—Nied.

Fahrgäste passierten den Bahndamm,

n- 77 -one"

'Ueisendcn

ffch^vor °??steigenden

°°r !"nen sin marokkanischer Soldat befand. A!s der

^°pf.

n, vorl-»;-,-?' ° " mehr als 60 Ia .re a'ter Hcrr, an dem
^,°ranlun„ ^°u°n wollte, hieb dieses schwarze Ccheusal ohne
d-ak, "1 Herrn mit seinem EewehrkolLen üLer den

^-Nu'n. ° ^atz --^^°"). Herrn mit seinem EewehrkolLen üLer
»>,?°rollj^ .tutüberströmt zusammenbrach und die Böschung
ii>8-'. . -hm dann andere Re-sende zu Hilfe kamen.

rvcksichtslostn Eewastmenschcn darauf a'sehen,
-varj-ellung jhrer Sü)anL,atcn mit allcn

!

'U^»°"biekti°b bie

'Uer^v^rucken" „-?.°°H°Hung ihrsr Sü)andtätcn mit allcn Mitteln
°Ug «-^urres-ond?».' folgendem Bericht hervor, den der Ver-
»/°°rfsld vo»> >>»°°->'^t^'ueen HandelsLlad" seinem Blatte
tU't ^ hatj^ ^0. Februar alends meldet:


„ Cebiet

"0 des

schick-"^'-^"° 'ch brieflich noch im einzelnen Leschreiben
„„^ruus, dast jch für Filmaufnahmen im gemzen
-lch IM Rubraeb-pr bie e z i e l l e Eeneh-

dast jch fiir Filmaufnahmen
0 res -"7 Ruhrgebiet, die fpeziellk

"°chden, ch^iue Ansn^ub-erenden Ecnerals Dsgoutte hatte und
kezejq.'u ich dem -„7,?''si°u in Eelsenkirchen «rst angefangen habe,
w°t^ haits. Co m '?!L°u Ofsizier meine Erlaubnis ausdrücklich
^ll^ruphischg Pj-v °r ,ch zufällig jn der Lage, verschiedene kine-
.r>lv„°r>o-i-- . „'MNehmen ron der rollkommen nutzlosen
»,u°u!bxd:e n,j. u°-°u ^altung der französischen
^e'.'js^rlich robi^" ^^uu-i^Ul Bajonett in schnellem Schritt
>>° Un/-- wit R ü ck e n s?°°e° ^°ruug vor sich hertr'eben und die
^NoljjT°°reiflichHp »» ° u st ö si e n vorwärtsschoLen, so daß es nur
"'-iu m lall« PMeN ^°1°uten zu verd.anken war. daß keine
p» .r>--5per°t-u»n°u. A, § um nächsten Tage mit

rch Eelsentirchcn suhr, um Recklinghaüsen
uerhaftet und nnler militärischer Be-


deckung zum Obersten Schobler in das Hotel „Zur Post" in der '
Nähe des Rathauses geführt, wo man meine Aufnahmen beschlag.
nahmt«. Man gab mir Sie Erklärung ab, ich hätte am Sonnlag
Filmaufnahmen gemacht, Leren Vorführung für Frankreich eine
ungünstige Propaganda LedeuLen würde. Erst nach 2)4
Stunden erklärien mir die Ossiziere, man gebe mir die Freiheit
zurück. Der Film aber wcrde sofort zur Entwicklung nach Düssel-
dorf geschickt. Am Dienstag nachmittag sollte ich mich in Düffeldorf
Lei Eeneral Dsgoutte melden. Hier wurüen mir auherdem meine
sranzösischen Papier« abgenommen. Nur nach wiederholtem
Drängen gelang es.mir, wenlgstens einen Pag nach Elberfeld zä
Lekommen, der es rerhinderte. datz die Posten auch noch mein Auto
beschlagnahmten. Wenn man französischerseits der Meinung
ist, dag man durch dieses Austreten gegen die objektiven, Ler Wahr-
heit dienenden. nur die tatsächlichen Ereignisse auf kinematographi-
schem Mege festhaltenden neutralen Journalisten der französischen
Propaganda Liensn kann, könnte sich Las als ein Jrrtum heraus-
stellen. Jch werd« brieflich noch Eelegenheit haLen, intereffante
Einzelheiten meiner Aufnahmen und meiner Freiheitsbera'iLung zu
verösfentlichen.

Ser briüsche SelserHelstr.

Uebergabe der erstcn Lritischen Bahnlinie an Frankreich.

Von unserem U-Korrespond«nten.

Parks, 11. Februar.

Die Verhandlungen zwischen den Esneralen Payot und Eodley
Nber die Benutzung der Kölner EisenLahnstrecken haben zwar Lisher
zu keinem Ergebnis gesiihrt, doch scheint es, datz die englische Negie-
rung den französischen Wünschewnicht weiter entgegenkommen
wollc als bisher. Jn Franlreich scheint man auch damit einverstan-
den zu sein, auf diesen Linien täglich einen Lebensmittelzug und
etliche Wagen mit Soldaien verkehren zu laffen. Diese Zahl aber
niöglichst hinaufzuschrauben, ist natürlich das Hauptbestreben des
französischen Kabinetts. Zu diesem Zweck entsandte die fraNzöstsche
Regierung den General Peile nach London. um dort zu versuchen,
weitere Zugeständnisse zu erhalten. Die von den Englän-
dern den sranzösischen Besatzungstrupxen abgetretene Eisenbahn-
strecke im Nordwestcn dcr Kölner Zone ist bereits dem französischen
Personal Lbergeben worden. Die deutschen Eisenbahner der
ncubesetzten Strecke haben es aLgelehnt, unter dcn militärischen Be-
hörden Dienst zu tun und die Arbeit eingestellt. Schwere
Sabo-agcakte sind nach Len Pariser Blättern nicht zu verzeichnen.

Während die Perriser Presss weiterhin grötzten Optimismus vor-
täuscht, sagt der Essener Berichterstatter des „Echo National", datz
man auf die Bergarieiterschaft im Ruhrgebiet nicht mehr rechnen
könne und zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil man Lisher nicht
in der Lage war zu beweisen, datz die Franzoscn die Arüeiten zu
organisieren verständen. Wenn !m Ruhrgebiet Aröertsruhc einirsten
wllrde, so wllrden dies die Deutschen als Zeichen französischer
Ohnmacht betrachten und weiter in ihrer Anschauung verharren,
tatz Franlrerch niemals positive Resultate aus seiner
Annexion ziehen werde.

Srzialbkmsstaüe md rrOreinfall.

Eine unzweideutige Nntwort a» Frankrcich.

Paris, 21. Februar.

Der französische ALgeordnete Herrlot reröffentlicht in der
„Ere Nouvelle" einen osfensn Brief, den Lsr Redakteur Les „Vor-
würts", Viktor Schiff, an ihn gerichtet hat. Dieser Vrlef, den
Schiff, wie er sagt, in sclncr Eigenschaft als Leiter der auswärtizen
Politik des „Vorwärts" schreilt, soll eine Antwort s-in auf die Auf-
sorderung Herriois an d-ie Leutschr Demslraiie. Nachdem Schiff oon
der falschen Auslegung des 8 18, Anhang 2, Abschnitt 8, des Friedens-
vertragss gesprochen hat, lehnt er den Gedanlen militürischer Sank-
tionen ab und sagt: Das sind cinige der Grllnde, weshalb die deutsch«
Soz'aldemolrat!« vollkommen von der Illegalität der Ruhr-
Lesetzung üL-erzeugt ist. Aus diesem Erunde billigt die Sozlal-
demokratie die Verteidigungsmatznahmen der Rezie-
rung: aus diesem Erunde wird die Sozlaidemo.ratie im EIn-
verständnls mit Len gcAerilchafllichen Organisat'oncn den ArLeitern
des Ruhrgebiets anenipfehlen. den passiven WiderstaNd der
organisierten ArLeit der militLri-schen Eswalt entgegenzustellen. Zu
gleicher Zeit wivd sie aier auch, so sährt Sch ff fort, gegen jede
nationallstische Proxaxanda und g-egen sedsn Versuch a't-iven W.der-
standes anlümpfen, auch gezen jeden Bersuch, den Friedensverirag
zu rerlctzen oder di« morallschen und juristischen Verpflichtungen
DeutschlanLs gegen Franireich und Dciglen, namentlich was die
verwüsteten Gebiete in Novdsranlreich letrlfft, zu verleugnen. Die
Demofralie Frankreichs iönne immer auf die Demoiraii« Deutsch-
lands zählen, wenn «s stch darum handl» in einer für beide
Teile gerechten Weis« das Z a h l u n g s p r o b l e m
Deutschlands zu lösen, und wenn zu gleicher Zeit das dem
deutschen Volke durch die Nuhrbesetzung begangene Unrecht
besei 1 igt wird.

Me „Nutzlosen ZnLsrveniionsversuche".

Pa:is, 21. Febr. Nach einsr MelduM der „Ehicago Tribune"
ans Washington lagen dort gesicrn Nachrichten vor, denen zu-
folge England die Absicht hätie, Amcrika um einen gemein-
jamen Intervcntionsoersuch niit ihm in der Rnhr-
angelegenyeit zu ersuchen. Von amtlichcr Seite iei die Nutzlosig-
keit eines Vermittelunosversvches betont worden, da keine Aus-
sicht auf Erfolg Leskehe. Es sei -daraus hingewiesen worden, dah eine
versrühte Bemühuna es Amerik« sür die Zukunst unmöglich machcn
würde. sich mlt Nützen an einer Vermittelunq zu Leieiligen In
-den Vereiniqten Staaten sei man der Auffaffunq, datz Frankre:ch
eine souveräne Macht ssi, die auf eigene Verantwortung handele,
und tatz ieder amerikanische Vermittelungsversuch für Franlreich
unannehmvar sein müsse. Alle Nachrichten wiesen darauf hin, datz
ein amerikan sches Angebot in diesem Slnne bei Poincarö eine un-
sreundliche Ausnahme finden würde.

Hinter den Knliffen der Rnhrbesrtznng.

Wieder einmal ffnd d-Ie Optimisten, die ihre Hoffnung auf Eng«
land gesetzt hatten, schmählich getäuscht worden. Das englische Par.
lament hat von neuem „kapituliert" vor der französischen Gewalt.
politik und Lamit dem Leutschen Volke eine herbe, aLer nicht unver-
diente Lehre gegeben. Tatsache ist, datz die Politik nicht vach'
ethischen Eesichtspunkten handelt, darüber kann auch Üie morali-
sierende Salkaderei eknes Lloyd Eeorge nicht hinwegtäuschen. Wir
sollten doch nun ewdlich lernen, üLer solchen oppositionelle»
Parieimanövern die brutale Wirklichkeit nicht zu vergessen, die
nicht nach Mitleidsgefühlen und moral-ischen. Prlnzipien entjcheidet,
sondern einem jeden Staatsmann, ob cr will oder nicht, mit uner-
bittlicher Notwendigkcit den Weg vorzeichnet, den cr zu gehen hat,
wenn anders ihm Las Jntrreffe seines Landes am Herzen liegt.
Dem Deutschen wlll es nun einmal nicht in Len Kopf, datz ein Land.
das 1914 wegen der Neutralitäisrerletzung Belgiens in den Krieg
eintrat, 1923 den Ruhreinfall achselzuckend hinnimmt. Und doch
ist es so und mutz so sein, wenn man sich die weltpoli-
tische Situation vergegenwürtigt, aus der heraus England heut«
zu selnem Verhallen Lestimmt wird.

Es wird meist so hingestellt, als verfolge Frankreich mit seiner '
Nuhrpolitil nur VernIchtungsaLsichten. Das ist mit solcher Aus-
schlletzlichleit sicher nicht zutreffend. Denn n'cht die Zerstörung,
sondern der Besitz des Jndustriegebiets u-nd die Ausnützung seiner
wirtschaftlichen Quellen dürfte zunächst das Ziel der sranzösischen
Politik sein. Es soll ein-e wlrischaftliKe Vajis geschaffen werden,
auf Erund deren Frankreich sür kommende Fälle sich vor allem mit
Koh-len versorgen kann, ohne sich deshalb an andere Länder wenden
zu müssen. Da es besonders auf Dcut-schland nicht rechnen kann,
Lleibt ihm nur als «inzige Möglichkeit die Okkupation des ketreffen-
Len Eebietes. Eine solche offjzielle Besitzergreifung als „irie-dliche
Matznahme" hinzustellen, dürfte aber selbst den Fvanzoscn von heute
schwer fallen. Hieraus erklärt sich ihr ganzes Auftreten im Ruhr-
gebiet, das einzig uud allein auf Provokation im grotzen Stil«
angelegt ist, um auf d-iese Weise «inen „Erund zur Erklärung des
Kriegszustandes" zu schaffen. Es ist selbstverständlich, datz Po.v.cars
bei alledcm sein Ziel, Nord- und Süddeuischland durch die Besetzung
der Malnlinie vouelnander loszureitzcn, nicht aus den Augen läht.
Diesen Plan braucht di« „Action Fran«aise" der ösfentlichen Mei-
nung Frankreichs wahrlich nicht crst mündgerecht zu machcn. Aber
das Ziel kommt doch vorerst in zweiter Llnie. Haupiaufg-abe Lleibt,
Westdeutschland fllr lommende^ Auseinandersetzungen sranzöstschcn
Zwecken nutzkar zu machen, als w'.rtschaftliches Rescrvoi'r zugleich
und als — Ausmarschgebiet. Datz Frankreich durch die allgemein-
politisch-e Lage sich genötigt sieht, allen Eventualitäten rorzubeugen,
Larüber Lesteht in elngewelhren Kreiscn kein Zwelfel mehr — Rutz-
land hat schon seit geraumer Zeit durch sein Austreien unzwei-
deutlg geze'.gt, datz es nicht gesonnen ist, sich in internaiionalen
Fragen Vorschriften machen zu laffen, ganz aLgesehen von dem
schwerwiegenden Umstand. datz fllr den Testand der Sowjetrepublik
d-er ofsens und versteckts Kampf gegen den Jmperlalismus eine
Lekensnoiwendigkeit Ledsutct. Und ob es die durch den Akemelraub
indirekt vollzogene Verstärlung Polens aus die Dauer wird ertragen
können, mutz auch noch dahingestellt LleiLen.

Aus alledem wirü Englands Haltung nur zu verständlich.
Seine vorsicht'ge Politik will die Dinge erst reisen laffen. Nichts
lönnte ihm lieber sein, als wenn Frankreich das Ruhrgebiet stnnlos
zerstören würde. ALer Poincars, der sehr wvhl weitz, was er hier
für eine Kra'tqüelle in den Händen HLlt, d-enlt gar nicht daran, und
so sieht sich England darauf angewiesen, sich möglichst Lehutsam aüs
Len Assärcn des Konlincnts zurllckzuziehen. um auf diese Weise
möglichst fr-cie Hand zu Lekommen. Wir werdcn, so unangenehm
das für uns sein mag, uns über kurz oder lang darauf gefatzt machcn
müffen, datz die englischen Truppen Köln verlaffen. N cht datz man
damit einen osfizi-ellen Bruch der Enient« herüeisühren wollt«.
Beileite nicht! Denn Fr-anlreich — darüber sind sich die Engländer
klar würde ihnon doch ein recht unbequemer Eegner sein. Dah
man sich darllber in London keinen Täuschungen hingibt, Leweist
di« Taisache, Latz d-ie in Kolonialsachsil so ungeheu-er Empfindlichen
di« sranzösisch« Brüslierung im Orlent zähnelttirschend eingesteckt
haben. Aber m-an will — und mutz — sich doch von Len fatalen
Ereigniffen auf denk^ KoNtinent so Lalü und so reibungslos wi«
möglich abscntieren. Man braucht nicht gleich alle Brücken hinter
sich abzubtechen. England will die Zeit arbeiten laffen und hofst
darauf, dah sich Frankroich Lurch seine Ruhrpolitik Komplilationen
aussotzt, die auf die Dauer auch den Schwcrgerüstetsten zermürken
und schmächen müssen.

Datz diese Politik Englands auch nnd vor allem auf unsere
Kosten gctrieben wird, Lraucht nicht erst gesagt zu werden. Denn
die Komplikationen, mit tenen man jenseits de-. Kanals schon mehr
od-er weniger als mit festen politischen Tatsa,en rechnet, werden.
wenn sie eintreten — so wie di-e Dinge wenigstens. heute stehen —
unter allen Umständen zu unserem NaLitell ausfallen. Wir dürfen

und wir können uns nicht wehren gegen alle die Nieder-
trächtigkeitcn, di-e jeder Deut-sche heute im besetzien oder unbcsetzien
GeL-iet^elnstecken mutz. Einzig und allein der passive Wider-
stand isi eine Waffe, die uns nicht aus der Hand geschlagen werden ^
kann. Der aber ist den Franzosen ganz Lesouders unangenehm und
ihm ist cs vor allem zu danken, Latz auch der selbstLewm;te Her^
Poincarö heute lereiks nervös geworden ist. Das Verhalien Les
sranzösischen Ministerprästdenten in dem Augenblick, als er dic Hohe
Kommisston vellietz, ist im wesentlichen ein deutscher Erfolg, den
unsere Tavferen im Ruhrrevier für siib buchen dürsen. Das unbc-
setzts Deutschland ist sich Ler Dedeutung sehr wohl bewutzt, die dieser
Widerstand als Maffe im politischen Kampf Leansprucht. Es wird
aus dicser Erkenntnis heraue alles getan, um ihn in müterieller
 
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