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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0827
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ĻWng Ar.1Z4

iche Vost» erscheint wkchtnil- si?l> enmal. Betlfiqen: DidksralsH lSonns)
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-—-!5^ Betrräae obn» i6era«tt»or>l»na, t»i>chend<i«a Nlik, rueilft Poxta

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ptg^s^Sstsiixä« «. Echrtltleltg. der,BahIschei> Po:t"Heidelbcrg, .tzaüutstlo M floruior
1SL G.rsiM! iöexMnntz : MpUn M'M, AiylmMraße A, Arrnspr- Zentr. M
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EinzrInummerMk.170.-. JsidieZeituug am Erscheinenverhindert.Lesteht ketn Anspruch ausEntschädigung

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MontagsMk. 10.—mehr. Die S8 mm brette Reklamezeile kostet Mk.600.—, Anzeigen und Reklamcn von auswärts 2ö°7» höhcr

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?.^e Geivalünaßnchmen der Zravzofe»

Anilinsabrik, Höchster Farbwerke «nd Limbnrg besetzt.
Eigene Drahtmeldung.

Lndwigshasen, 15. Mai.
»r, ^°iag srLH S Uhr istdieBadischeAnilin.undSoda-
m vo» tzen Franzosen besetzt wsrden. Den Arbeitern wird
i ^kti » ^ der Fabrik verwchrt. Die Angestellten der Nachtschicht
^t. ^ugege» das Werk verlassen, in dem »un ein ganzes Negiment
s^hke ^ ^ Strahenbahndepot ist besetzt worden; insolgedessen
i ^iue Bahnen der elektrische« Strahenbahn. — Aus

.'ech ^^ wird noch ergänzeud gemeldet, dah in einer Presse-
! ^^ustag sriih von dem sranzöfischen Bezirksdelegierten

^ir , * vinrde, dah die Besetzung der Badischen Anilin- «nd Soda-
-> " »em Zmecke stattgesunden habr, um diejenigen Mengen
^stosfen zu beschlagnahmen und abzubefördern,
^onkreich und Bclgien nach dem Friedensvertrag An-
Ete». Die Betriebe, i» denen diesc Erzeugnisse hergsstellt
h,^°^en beschlagnahmt und auch siir dke Arbciter gesperrt.
>"»e^ die Mahnahme innerhalb acht Tagen durchsühren zu
z ^te. Verkehrssperre, die notwendig gewesen sei, um grotze
do^^nnimlungen Lei dem Schichtwechsel zu oerhiirdrrn, habe
I ^ e» 8 Uhr früh angedauert. Der Verkehr dilrse von dieser
>, ^» dj ^der völlig ausgenommen werden. Einzelne Posten-
^en lediglich der Aufrechterhaltung der Ruhe nnd der Ord-
d». »ie Pressevertretern ist aus das bestimmteste erklärt worden,
^»e>>,^Eletzllng des Werkes keine ä « deren Ziele als die gn-

^ a. M. wird gemeldet'. Auf Auordnung d«r srSnzS«
^tz«i /.'ntznngsbehörde muhte Dienstag srüh 4 Uhr die deutsch«
'r cht nur die Stadt Höchst, sonder» auch die Krenze gegen

?- tzrz^te Eebiet «ach Frankfurt a. M. zu, absperren. Angcstellte
> tzi. E. rm ihre Höchster ArbeitSstätten gehen wollten, durf-
^ »icht b-trete«. Znzwische« hatte franzöfisches Militär

^»Lki^Eblichen Anfgebot von Tanks «nd Maschinengewehren
* * Farbw e r k e und deren Zugänge bejetz t. Erst in
5eh» ^vrgenstunden wurd« der Berkehr mit der Stadt wieder
r„^»g ^ Z» S Uhr vormittags waren die Betriebsräte zu einer
Franzoseu aufgefordert «orden. Ueber das Er,
Perhandlungen ist bisher nichts bekannt geworden.

!>. 8imburg a. d. L„ 15. Mai.

-».^» ^ Irüh 4 Uhr drauge» gröhere französtsche Truppenabtei-

ks ^d-r - btadt ein nnd besetzten den Bahnhof, die Post
/ "Hentliche Eebäude. Der Bahnhos ist vollkommen ab-
den Betriebswerkstätten wird noch gearbettei. Zn
^ H^usern nahmen die Franzosen Durchsuchungen vor.

">»t- E«ng der Stadt bezw. der Derkehr nach ihr wird seit Diens-
i« scharfer Weisc durchgesiihrt.

».^nzöW-enalisKe Verstöndigung?

"Ug der Alliierten aus dee Bafi« der englischen Note.
Eigene Drahtmeldung.

^ DAZ. Londo», 15. Mai.

>?« r Vertreter der „Times" gibt der Meinung Ausdruck,
^>?»ö^..die englische Antwortnote an Deutschland
A»?ig,,^chkeit einer französisch-englischen Ver-
stck «-^geben sei. Es sei Erund zu der Annahme vorhan-
fi»>'Ur die noch bestehenden Gegensätze eine ausgleichende
iassen könntc, insbesondere auch hinsichtlich der
8^» e >n h ' Die französischen Fordernngen würden sich in dieser
?Hr» Mben E" Praxis weniger schwierig erwoisen als es den An-
r*» »-'"ag. Diese Forderung könnte sich dahin prözisiercn

Agxk' 'e Rnh^ weiterhin als eine Bürgschaft fiir die Zahlun-
»zns-„ u>erden soll, und dah die Deutschen die Anwesenheit
, 5 ^ an der Ruhr als legitim anerkennen (!) und das
, ^ ^bges^skrielle Leben in diesem Gebiet wieder aufnehmen 10N-
i«^»>Mrgm^? davon, halten dis Franzosen an den bersits bekann-
>ltk» mo» Apunkten fest, nämlich: Veibehaltung der Reparations-
d°?t»i-^">!pruch auf 26 Milliarden aus den Bons der beidcn
und Zusammenhang der französischen Kriegsschulden
»»s,, Jm iibrigen sei mit aller Bestimmtheit ein neuss

k d/'chzu erwarten und es sei wünschenswert, dah sich
it»s-^"klland vorher verständigten.

» d , 5 E n i s ch e Antwortnöte an Deutschland hat in
U Rp,'? mlich « Enttäuschung erregt, die auch in dsn
e'kis^ u»erunaen deutlich zum Ausdruck kommt. Besoklders
ven Mussolini es für notwendig hiclt, in einer

b>»': die Frage der interalliierlsn Sckiulden zu er-

Telegräph" wird in diesem Zusammenhange
""»-^uhnt, dah England nicht auf seinen Anteil an drn
^ " verzichten könne.

^Ekgett fich, seine Schuld zu zahlen.

Die „Ehicago Tribune" berichtet aus Was-
^>j^>e^pg set^uute, dah Delgienes abgelehnt habe,
Ae»!-^r 4^ Milliarden Dollars betragenden Schuld
'beari!nt»„ 6 t e n Staaten auch nur zu erörtern,

un». dah mit dem früheren PrLstdenten Wilson

in Paris ein Abkommen getroffen worden sei, das Velgien von der
Tchuld befreie. Jn Washington sei man der Ansicht, dah nur der
Kongreh und nicht Wilson Belgien von der Schuld befreien könnte.
Prösident WiIson sei persönlich gegen die belgische Auf-
fassung. Es verlaute weiter, dah Rumänien ebenfalls
Zahlungsunfähigkest selbst für die Zinsen seiner ameri-
kanischen Schulden erkläre.

Sie Spannung zwWen Sngland und Rußland

Die russtsche Antwort äuf das englische Ultimatum.

Elgene Drahtmeldung.

DAZ. London, 15. Mai.

Die rusfische Antwortnote aus das englische Ultimatum traf em
Montag in London ein. Die russische Note wendet sich gegen di'e
Behauptung Englands, als ob die Sowjetregierung unerlaubte Pro-
paganda in Asien betrieben hätte. Ruhland wünsche stch Freunde
und Anhänger nichi durch Vestechung. sondern dnrch politische llnter-
stützung zu verschaffen. Die Sowjetregierung habe inr Gegenteil
Beweise dafür, dah die englische Regierung eine lebhafte Pro -
paganda gegenRußland, besonders im Kaukasus sowie in
Zentralasien, betreibe. Zu einem Vruch der Bezrehungen zwischcn
England und Rußland sei kein Anlah vorhandsn. Die Sowjet-
regierung schlägt eine Konferenz vor, auf der aber nicht nur unter-
geordnete Fragen, sondern das ganze Gebiet der russisch-englischen Be-
ziehungen erörtert werden sollen.

Das Unterhaus wird Dienstag nachmittag über die Stcllung
Englands zum Bolschewismus verhandeln. Diese Sitzung
erregt in allen politischen Kreisen grohes Jnteresse, nicht nur wegen
der Möglichkeit der parlam«ntarischen Folgen, die ein geschlosiener
Angriff der drei Oppositionsparteien mit stch bringen könnte, sonvern
vor allen Dingen anch wegen ihrer po.litischen Tragweite.
Die ganze Politik gegenüber Ruhland, die das englische Kabinett in
den letzten Wochen eingeschlagen hatte, erschien in ihren letzten Ab-
sichten noch immer rscht dunkel, und es werden sehr verschiedenartige
Meinungen Lber den Zweck der Note Lord Eurzons laut. Der
Ministerrat hat am Montag über die aus Moskau oorliegende Ant-
wort heraten, und obgleich das Kabinett dabei zu einem endgiiltigen
Beschlusie noch nicht gekommen sein soll. scheint doch aus der Haltung
der heutigen Regierungspresie hervorzugehen, dah die russischen Vor-
schläge keine günstige Aufnahme gefunden haben.

Der „Daily Telsgraph" lehnt nicht nur die russischen Vor-
schläge ab, sondern besteht auch weiterhin auf dem Abbruch aller
BeziehungenzuMoskau, und im gleichen Sinne schreibt auch
die „Times", die die rusfische Antwort sogar als eine neu« Be-
leidigung bezeichnet, so dast ein Bruch mit Moskau als eine Er-
leichterung empfunden werden würde. Die gesamte Oppositions-
presse betont demgegenüber, dah die russtsche Antwort für Ner-
handlungen ausreichend sei und verlangt den Zusammentritt
einer Konferenz. Ueber die Frage der internationalen Zusammcn-
hänge, die durch die englischs Note berührt werden, und über die
Möglichkeit auhenpolitischer Wirkungen eines Bruches zwischen Eng-
land und Ruhland gehen jedoch auch die Blätter der Ovpofition auf-
fallend schweigsam hinweg nur die ,.Westminst « r Gazette" er-
innert daran, dah sich Ruhland an seiner Westgrenze durch militärische
Vorbereitungen bedroht fühle und macht in diesem Zusammenhang
auf die polnische Reise des Marschalls Foch aufmerksam.

>'r

Dem „Eveninq Standard" zufolge verlautet von mahgsbender
Sekte, dah Krassin in London bel seinem dortiaen Desuch den
endgültigen Zweck verfolat, Anbahnung mit dcr britischen Regierung
über die englisch-russischen Veziehungen zu ermög-
lichen und die Aushebung des snglisch-rusiischev Handelsabkom-
mens zu verhindern. Dem.,Evening Standard" zufolge kann
nicht stark genug hervorgshoben werden, dah, obwohl die britische
Note eine Zeitgrenze von zehn Tagen für die Antwort von Moskau
setzt, sie keineswegs bedeutet, am nächsten Freitag
die Veziehunqen aelöst werden oder das Handelsabkommen abge-
brochen wird. Die Sowjetregierunq habe Krasiin vollkommenste
Befugnisie zum Verhandeln erteilt, in einfluhreichen Kreissn herrsche
die Ansicht, dah -s Krassin, desien Geschicklichkeit auher Frage
stehe, vielleicht gelingen merde, die augenblicklichen Schwierigkeiten
zu Lberbrucken und möglicherweise noch weiter zu gehen.

pessimismus,'n Lausanne.

Ei« griechische« Ultimatum an die Türkei.

Eigene Drahtmeldung.

DAZ. Päris. 15. Mai.

Die heutigen Morgenblätter sind Lber den Verlauf der gestri-
gen Sitzung der Lausanner Friedenskonferenz ziemlich
pessimistisch gestimmt, und zwar vot allen Dingen deshalb,
weil Veniselos in einer längeren Besprcchung mit Jsmed
Pascha gestern eine genaue Erklärung über Krieg odcr Friedeu
verlangte. Veniselos erklärte ferner namens der griechischen Regie-
rung, dah diese keine Barzahlungcn leisten könns, und stellte der
Türkei ein gleickies Vorgehen anheim. Dis Türkei scheint sich abcr
einem solchen Vorschlag gegenüber vollkommcn abgeneigt ge-
zeigt zu haben. In Kreisen der Allkierten fatzt man den griechischen
Schritt als eine Art Ultimatum aus andeterseits fehlt es tn
Paris auch nicht an Stimmen, die sich Lber eine direkte Vsrstän-
digung zwischen Griechenland und der Türkei durchaus güustig aus-
sprechen, und die glauben, dah die ANüerten nur Lann einzugreisen
haben wiirden, wenn infolge der Halsstarrigkeit der direkt mitein-
ander verhandelndcn Länder der Friede aufdem Balkan
wirklich und erheblich gefährdet werden sollte.

Sie Sünde wider das Volk.

Zwei Ereignisie der allerletzten Zeit beleuchten blitzartig di«
Mvrschheit unserer innerpolitrschen Situation. Die Rüpelszenen
im Landtag und — das Geschehen von heute vollzieht sich in sar-
kastischen Parallelismen — die Zuchthausrevolte in Neu-
brandenburg. Die politischen Schützlinge des Herrn Severing
haben zunächst einmal im preußischen Landtag den Freibrief, den
ihnen der derzeitige preuhische Jnnenminister für iyre politischä.
Unreife ausgestellt hat. grundlich ausgenutzt und das Parlament zil
einem Schauplatz der Würdelosigkeit gestempclt, in einer Weise, die
bis heute einzig in der Eeschichte dastehen dürfte. Selbst die Zeitew
der frauzösischen Revolution, die doch wahrlich eiu Tummelplaß
sittlich zügelloser Naturen war, haben wohl kaum Szenen gesehsn,
die von einem derartig geistig-moralischen Tiefstaud Zeuanis aL-
legen, wie die letzten Vorgänge im preuhischen Landtag. Die Lru-
talen Gestalten von damals hatten für sich wenigstens den inneren
Schwung, das Ethos weitragender Ideen und die moralische Kraft
des S e I bste i n s atze s, mit der sie ihre volitischen Gedanken zu
beleben wuhten, konnt« wohl für Augenblicke den ungeheuren Ab-
stand verzesicn machen, der Denlen uiid Wirklichkeit auch jener Zeit
voneinauder trennte. Aber heute — ? Es hiehe denn doch das
T^ugenmah sür innere Bedeutung völlig verloren haben^ wenn man
dl«se selben Mildernngsgründe sür „Volksvertreter" geltend machen
wollte von der Art eines Scholem, Katz und Rosi Wolf»
stein! Di« Rllpelhastigkeit dieser sanberen „Bertretek" ist selM
den Genossen von etwas weiter rechts zu viel geworden. obwohl
doch deren „geistige" Armatur au undifserenzierter EroMilächtigkeii
wahrlich nichts zu wünschen übrig läht. Selbst diese von ihren
linksradikglcn Glaubensgenosien nur durch Eraduntcrschiede gc->
trennten politischeu Träumer sühlen sich, wie die Frankfurter „Volks-
stimme" es auszudrücken beliebt, ,.zu gebildet, zu wisienschastlich,
zu vernünftig, um nicht sogar die rohesten Herausforderunaen seitens
einzelner Koinmunisten zu verstehen und deshalb zu verzeihen, weil
es keine Willensfreiheit gibt (!?)". Es hat keinc«
Sinn>. mit Leuten, die einen Haenisch zum Leüer ihres Bild-unzs-
wesens erkoren, über Wisienschaftlichkeit oder Unwisienschaftlichkeit
zu streiten. Es muh aber doch darauf hingewiesen werden, dah mit
der billigen Vehauptung, es gäbe keine Willensfreihsit, die Ver-
antwortlichkeit. di« gerade die Sozialdemokraten für diese Vor-
gänge haben, keineswegg aus der Welt geschafft werden kann —
ganz abgesehen von der abstrusen Folgewidrigkeit, die darin lisgt,
dah eine offenbar programmbewuhte Partie doch mit solcher Be-
hauptung nur den Ast absägt, ans dem ste selber sitzt. Oder wollen
di« Herren von der „gemähigten Liiffen" etwa abstreiten, dah fle
solchs innerllch haltlosen Gesellen, wis diese kommunistischen „Land-
tagsabgeordncten", selber grohgezogen haben. Die patbetische Eefte
der „Eesinnungssreiheit", mit der gerade die Sozialdemokratie die
Masien geködert hat und die sie sclber hente am allevwenigsten an«
erkennj — Severing ist und bleibt hier ein Paradigma —, diese
selbe „Eesinnungssreiheit", dieses leere Schlagwort einer mihoer-
standenen Humänitätsidee ist es. die un-veräntwortliche Sch-vatz-
hafügkeit ünd unwühr« Phrasendrescherei sanktioniert und jedcm
geistig belanglosen Wort parlamentarische Bedeutung gibt. Dank
dieser „Eestnnungsfreiheit" sitzen beute die Vertreter einer ver-
worrenen, moralisch höchst anfechtbaren. vaterlaudslosen, antistaat-
lichen „Eesinnung" im Parlamenh demselben Parlament, das seinem
Wesen nach doch der sittliche Exponcnt des Staates, Ler geistige
Ansdruck des vaterlnndischen Vewuhtscins sein sollte. Und üe sitzen
dart dank der Sozialdemokratie, die allein schon äus
diesem einen Grund vergeblich versucken wird, von ihren „politischen
Kindern" abzurücken — ganz abgesehen davon, dah gerade die
V, S-P. D. vor ihren kommunistischen „Brüdern" am 1. Mai in
aller Oeffentlichkeit di« schwarz-rot-goldene Flagge gestrichen und
damit auch nach auhen hin dem staatsfeindlichen Treiben ihrsr
Gestnnuuzsgenosien den weitesten Spielraum offiziell zuaestanden
hat. Es fft also nach Lage der Dinge verloren« Liebesmüh, wenn
der „Varwärts" versucht, von den Vovgängen im Landtaq abzurückin
und die 'Verantwortlichkeit dafür von der Sostaldemokratie abzu-
wälzen. Die gerstige und parlameutarische Disziplinlostgkeit der
Kommunistsn fällt ihr und Nur ihr zur Last und diese lctzteren haben
nur zu recht, wenn sie sich zur „Rechtferügung" ihrer eigenen Zügel-
losigkeit auf sozialdemokraüsche Parallelen des Vorkriegsparlamentes
berufen, Parallelen, di« fich in der Tat nur dem Erade, nicht
dem Wesen nach von den neuestcn Rüpsleien im prcuhischen Land-
tag unterscheiden, Alle Verschleierungen könncn nick>t darüber hin-
wegtäuschen, dah die Sozialdemokratie der intellek-
tuelle Urheber politischer und parlamentarischer
Z u ch t I o s i g ke i t ist.

Mit innerer Zwangsläusigkeit hat sie zu diesem Urheber werden
müssen. Die oerwaschene Sentimentalität des sozialistischen
Denkens, die in jedem Menschen, nur weil er eben ein Mensch ist,
etwas unter allen Umständen Liebenswertes und Bedeutungsvolles
sehen zu müssen glaubt, hat den Blick systematffch getrübt für wirk-
liches Mah, hat das Sehen tatsächlicher Eröhe verlernt, nnd ver-
gesien, daß der Mensch nur in dem Mghe Bedcutung gewinnt als
er an sich selbst ethische Gesetzlichkeit verwirklicht und damit erst das
tiefste Wesen dss Menschlichen in Eeschichtc wirkender Gestalt ver-
körpert. Statt desien vsrwischt der Soziaüsmus alle grohen Linicn,
leugnet — nur weil er si« nicht sehen will — die natürückie Staffc-
lung sittücher Werte und die notwendig daraus folgende AMuf'ing
ihrer Einschätzung und nivelliert die quaütative Ide« des „Msnsch-
lichen", von der alle unsere Grohen ergriffen worden sind. zum
unterschiedslasen rein summarischen Bcgriff der „Menschheit", mit
der er die Masse und schliehlich folaerichtig auch die Ea>>e
idcntifiziert. Die Leugnung des freien Willens, die Äblehnung der
Selbsthaftung und die Verschiebung der Verantwortlichkeit auf cin
rein mechanisches Geschehen, das alles andere eher als Geschicht«
ist. und im Zusammenhang« damit endüch die moralische Ent-
fesselung des Menschen Lberhaupt liegt nur in d«r Linie
des sozialistischsn Denkens, und es zeugt nicht gerade von sonderlicher
Klarhc.it des Geistes, wenn ausgerechnet di« Vertreter sozialistischer
..Weltanschauung" di« letzten Resultaie ihres etgenen Denkens von
sich weisen. Die gewollte Entmaraüsierung des Menschen, die die
Sozialdemokratie auf dem Gewisien hat, und di« sie -7 wi« leicht
zu sehen — in ihrer Famiüen- und Schulpolitit snstematisch versolgt,
raht schlecht zu der Entrüstung, mit der der „Vorwärts" und die
Frankfurter „Volksstimme" sich von ihren „poütischen Kindern" los-
sagen, umso weniger, als manstch zu gleicher Zeit nicht entblödet, einen
 
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