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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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66. Mrgang Ar. 144

1 -.Bad i iche Post" erscheint wöchentl siebenmal. Bei'a en: Ttdaskatt« 'Sonntl —

I A"erhait«ngsbIattlMontagr> " Ltteraturblatt—Sochschulbeilage lmonatlichs.

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Leidelberger Zeitttng

(Gegründet 1858)

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Alac Kerma englischer Schaßkanzler.

Was die »Times" von der neuen Regierung erwartet.

Von unserem ^4.-Korrespondenten.

London, 2«. Mal.

, Die offkzielle Ministerliste, die von den hentigen Morgenblayern
»Eoffentlichj wird, bietet leine Urberraschung. Mit Ausnahme von
- ^ il weist das ncue Kabinett fast durchgängig die gleichen Namen
wie das Kabinett Bonar Law. Die Bemühungen, eine Eini -
^8 mit der Chamberlaingruppe herbeizusühren, sind
'^ültig gescheitert znr grotzen Besriedigung der de« Diehards
.»heftehenden Kreise. Das Kabinett Valdwin wird also als Ver-
h urig des rechten Flügels Ler Partei anzusehen sein. Einen grotzen
für das Kabinett bedeutet es, datz sich M ac K e» n a Lereit
, hat, in zwei oder drei Monaten den Posten des Schatz-
z, dzixxg anzunehmen. Mac Kenna, det früher,der librralcn
angehörte, abcr bereits das Kabinett Bonar Law persönlich


^tkrstützts, ist belanntlich eine der führenden Pcrsönlich-
°» der englischen Finanzwelt. Er ist mehrsach in sehr
«sichiedener Weise fiir eine Regelung der Reparationssrage a«f
gefchäftsmötziger Grundlage eingetreten.
zn, Dis seitsns des Premiermin'.sters an den früheren liLeralcn
-»'Mer Mac Kenna eraangene Elirlaimmg. den Schatz''anzlervosten
^ ^kernehmen, und die Annahme dieses Postens dnrch Mac Kenna
u fegeir großes Aufsehcn in d«r Presse. Mac Kennas Levor-
Aufnahme in das KaLinett wird ebenso wie di« Ernennung
RoLert Cecils allgemein begrützt. Der parlamentarische
^Ächterstatter des ..Daily Telegraph" schreibt, Baldwin
dlev? warm Lealückwünscht werden datz er einen so geschtckten Parla-
arier und Finanzmann wie Mac Kenna überredet habe, ieiner
^^rung beiWtreten.

hj,-, E>n Artikel der ..Ttmes" betont die Notwendigkeit,
dx" neue englische Negierung ihre ganzeAufmerksamkeit
don-ä^gemeinen eutopäischen Lage zuwenden müffe, dte
zu Tag schlimmer werd«, namentltch hinsichtlich der Be-
«er >3«n zwtschen Deut'schlawd und den Alliierten. Man müffe mit
Ss„<atsache rechnen, datz dte französtsche Regterunq an ihrer
^iikv ^polttik festhalte nnd daiei anch dte entschtedene Unter-
'3 der französtschen Kammer finde. Auch dt« l-etzte französische
deM^unäskrise dürfe darüber nicht htnwegtäuschen. Was dte
^sch«,» Regierung zu tun Leabsichtige, sei unbekannt. Dom cng-
^ e u z? ^^33dpunkt aus müsie jedoch verlanat werden, datz die
8e? „ > che Industrie in der Garantiefraqe mit heran-
h > L?,3 e n werde. Die Unruhen in Deutschland dtirtten sich
öUIalt 3usbreiten. Die Franwsen dtirften dt«se Unrvhen ntcht
^ie G '3 einem Eebtet, das sie selbst der Poltzei keraubt hätten.
^reii ^"uterung der komm-unistischen Dewegung se! ein Fehler. 'en
haf'/b Deulschland in Rutzland begangen ün>d später bitter bereut
Die untätige Haltung der Franzosen aea°nHber
IgiH^^uhen bedeute eine grotze Eefahr nicht alletn für Deutsch-
d>a^,' i?"dern letzten Endes für Frank'reich selbst. Eine Llotze ab-
ki.' ü.d« Politik, dte immer von neuen Eemäl-tmatznahmen bealeitet
dgtz Nffe immer tieser ins Chaos htneinführsn. Es tei nr hotfen.
Besprechungen der franwsischen und belgischen Minister einen
Eg fin^en werden. — Der g-cmze Arü'el der . T'mes" macht
rssignierten Eindruck. — Im sozialiftischen „Daily
'lHit" wird miiact-eilt, daß in Derliner unterrichteten Kretsen

vor drei Wochen dte gegenwärtigen Unruhen voransgesagt
. Das Blatt glanbt im Lbrtgen. datz Frankveich ntcht mehr
oLi seiner abwartend-en Haltung bleiben werd-s.

Berlagmn der Paristt Konferenz.

Erotze Uneinigkett im Lclgischen Kabinett.

Von unserem 8.-Korrespondenten.

traf 3M Quai d'Orsay die Nachricht aus Vrüssel
Nf^n die für Samstag und Montaq angesetzte Minister-
"" Z nun endgülttg auf 8—10 Tqge wegen Er-


Paris, 26. Mai.

nun enoguirlg auf I—16 u.qge wegen w r -
n-Kisch.S.Jaspars verschoben wer-^en mutz. Fn>«s hat dte
« ti-^rsierung durch ihren hiesigen Gesandten zwe-i Schrift-

l>^3d?b«rreichen laffen, die bis dahin als schriftliche Ver
s? bel^«"<3 s b a s i s dtenen sollen. Es bandel
«.3H j -'nlsch-e Sachnerständigengutachien
tz»rk.-t Deutschlands und dü

über die Zahlungs-
: a » ' -i. >: u t l u, t u u v s uuo die von iihm zu verlangenden

- >en. Es wird z. B. mtt der Schafsung mehrerer d-eutscher
z?"?vole gerechnet, s-o z. B. etn-es Monovols für Alkohrl,
rksipdes^ftdäk usw. woraus zug-Ieich mit einer Eisenbahnvsform ein
r^vpx-.'/fäg,von L-ber 2 Milliarden Goldmark zugunsten des Repa-
V sind - .^chnet wird. Djese Vorschläge der belgischen Regie-
!o ? dt- ^"w>ern intercffant, als sie erkennen laffen, datz man sich
!>>rh'3tz ^rfolglosigkeit-derRuhrbesetzung klar wurd",

nunmehr neue Einnahmequellen in Deutschland aus-
Vrq. »rwen will, um endlich zu Reparationszahlungen
V^riail»^ Ntr " . ......

,_ _ .. zu ge-

. .. transigeant" behauptet, datz die neus franzZ-

Konferenz erst nach Uebergabe der deutschen Repa-
'tattfinden wllrde- Würde diese von Brüsiel und Paris
'vor« befunden werden. so wllrde überhaupt keine
"»l- r r Würde dagegen das neue Angebot eine

in zwei Teile geteilt

^kk^runn E^teilt werden. Murve bagegen da

ü. r>erdienen, so würde die Antwori i» d»>ei -l.ene geiei>.i
ffch auf die Interessen aller Alliierten bs-
f>er d; allen gemeinsam beantwortet werdcn, der zweite
Avi.'^nt^r- uhrbesetzung betrifft, nur von Frankreich und Belgien.

Ļer>i tlgeant" nicht. ^ Einvernehmen mit den

>?st Bviss,',und Engländern auf einer Konfersnz oder im Wege
diy'W^ffUUer hergesiellt werden wird. Jedenfalls steht noch nicht
französisch-belgische Konfcrenz stattfinden kann, wie
K?Zeu nicht weitz, ob sie in Paris oder in Brüssel ab-

!fih^Und^,°n sM Piel wird von der Wiederherstellung des

lteu"

in °N«^-^>tustandes Jaspars abhängen. Maii lst
^>d^lgi!»°V '-F > über die inneren Schwisrigkeiten
^UNg ^A Kabinetts wegen des Eeneralstreiks, der Vlamen-
^ivkliL? ^3«n d-es Drängens der belg'i'schen Jndustriellen auf
^ piaktisch-e Lösung des Ruhrkonfliltes durchaus mcht

im llnklaren. GLenso genau weitz man auch, datz innerhalb
des belgischen Kabinetts grotze Uneinigkeit herrscht,
Lie sogar vielle-ich-t die wirkliche Ursache für d«ie Erkrankung Iaspars
sein könnte. Jm Zu-sammen-bang damit ist auch noch eine Mel-dun-g
des „Oeuvre" interessant. di« von e>ner Verlängerung der
militärischen Dienstzeit in B-elg'en spricht, und zwar für
die Dauer der Ruhrbesetzuna von 8. 10 und 13 Monaten anf 12, 13
od-er 17 Monate. Diese Verlängerung würde in der belg'ijchen
Kammer'auf große Schwierigkeiten stotzen.

Schlagettt von -en Fronzvsen hingttichlet.

Ein Rechtsverbrechen gemeinster Art.

Etgene Drahtmeldung.

DLsseldorf. 26. Mai!

Der vom Diiffekdorfer Kriegsqericht znm Tode verurteilte Kauf-
mann Leo Schlageter aus Berlin ist am Freitaq hinge-
richtet worden, nachdem sein Enadengcsuch abschlägig beschieden
wurde.



Die Vollstreckung des Todesurteils hat in der Berliner Presse
einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Namentlich bei
den Blättern der Rechtsparteien findet die Empörung über dcn
neuesten Eewaltakt französtscher Willkür und beabsichtigter Heraus-
forderunq einen scharfen Ausdruck. Der „Lokalanzeig'er"
schreibt: Hat Schlageter tatsächlich einen Sabotageakt vollführl, dann
hat er sich um Deutschland wohl verdsent gemacht, dann hat cr,
um die rechtswidrigen Zugriffe französischer Eindringlinge auf deut-
sches Eigentum zu erschweren, sein Leben in die Schamze ge-
schlagen- Wohl uns, wenn wir noch solche Männer
haben. — In der „Deutschen Allgemeinen Zeitung"
heitzt es: Eine ungeheuerliche Tat ist geschehen. Die Politik Poin-
cards hat den Gipfel ihrer moralischen Vsrworfenheit
erklommen und hat die in itzrem Dienste stehende freizösische Justiz
beauftragt, einen Deutschen kaltblütig zu ermorden, deffen ein-
ziges Verbrechen es war, datz er sein Vaterland mehr liebte als
ssin Leben. EIn junger Deutscher, der hsute in Düffeldorf Lei
Morgengrauen sein junges jLeben unter französischen Kugeln hat
aushauchen müffen, starb fur uns alle, und das Vermächtnis
seines Todes heitzt: Fest bleiben, treu bleiben. aus-
harren. Brüder sein. Mag sein Tod, so verstanden werden,
so ist^ er nicht umsonst gestorben. Die Nachricht von der Vollstreckung
des Todesurteils wird in ganz Deutschland als ein Schlag ins Ee-
sicht eMpfunden werden, und dem Haffe geqen das Wüten dsr franzö-
sischen Eewaltherrschaft an der Ruhr neue Nahrung geben. Das
französische Kriegsgericht hat ein Rechtsverbrechen gemein-
ster Art begangen, denn es fehlt den Franzosen selbstvcrständlich
jegliche Nechtsvöllmacht, Deutsche zu bestrafen, weil sie sich gegen
einen Einbrecher zur Wehr setzen.

Sie Gesahr emes neuen Srlentkrieges.

Borberettvngen der Eriechen. — Angoras Standpunkt nnverändert.

Voy unserem 8--Korrespondenten.

Paris, 26. Mai.

Ueber die Lage au>f dem Balkan berichten die heutigen
Pariser Morgenblätter u. a. folg-endes: Nach einer Meldung d-rs
„Mati n" aus Athen hat di« türkische Zivilbevölkerung
Adrianopel geräumt. Nach dem „Excelsior" trafsn die
Griechen in Saloniki umfaffen'de Vorbereitungen,- es seien dort, so
heiht «s, zahlreiche Offiziere und Stäbe eiygetroffen, die sich sogleich
an d-ie Front begeben haben. Man nimmt an, daß man binnen vrsi
Tagen vor ernsten, vielleicht sogar entscheidendcn Ereig-
nissen stehen werd«. Wenn der Krieg wirklich wieder ausbrechen
sollte, so sei-en alle Vorbereitungen derart, datz eine neue besander-e
Mobilisterung nicht mehr erforderlich sei. Aus Lausanne liegen
Meldungen vor, die erkennen laffen, datz die Entsch-eidung zwischen
Krieg oder Frieden noch immer in der Schwebe ist. Von Ismed
Pascha heitzt es, datz er sich redlich bemühe, einen Bruch
zu vermeiden, daß aber die Regierung von Angora
unbod-ingt auf i-hrem ablehnenden Standpunkt beharre.
Man spricht in Konferenzkreis-en sogar davon, datz di-e Türken jetzt
i-hre alte Evenze von 191S verlangen und jogar di« dawals freiwillig
an Bulgarien abgetreteneu Gebiet«. Diese Ford-erung sei aber natllr-
lich sowohl fllr d-i« Eriechen, als auch sür die Bulgaren unannehm-
bar, auch Südslawien wrwde dagegen Einspruch erheben mllffen. Die
iranzösische Regierung übt nach Pari-s-er Blätt-ermeldungen auf die
Türken in Lausanne nach wi« vor einen starken Druck auo, um st«
zur Mätzigung zu ermahnen. And-ererseits erklären der französtsch«
und englisch« Eesandte in Athsn, die g-riechisch« Regierunq hab«
wiffen laffen, datz von ein-er Wi-edsraufnahme d«r Feinds«l-igkeit«N
gar nichts zn erhofsen sei.

Gin russisch-japanisches Sandelsabkommen.

8 Paris, 26. Mai. (Eig. Drahtm.) Nach einer Meldung des
„Echo d-e Paris" haben Ioffe und Goto ein neues Handels-
abkommen zwischen Rutzland und Japan abgeschloffrn.
Japan verlangt sehr weitgehend« Earanti«n sowohl für d-ie Er-
füllung der zukllnstigen V-erpflichtungen wi-e auch zum Schutz se-insr
Interessen in Sibirien. Die Iapaner fowdern ferner auch Ent-
Aäd-igu-ng für die vor zwsi Jahren bei Nikolaijewsk crmord-eten
Iapaner. Die Sowjetregierung verlangt dagegen ihre
völlige Anerkennung. Es he-itzt we-iter, datz Iavan zum
Abschlutz dieses Vertrags stch deswegen habe beweaen lasscn, weil
es d-i« von englischer S«ite zum Ausbau des neuen Flot-tenstutznun-ktes
Singapore vorgenommenen Arbeiten mit steigender Besorgnis
betracht«. Die englische Adm-iralität hat hierfür vinen Vetrag von
11 Mill. Pstmd ansgeworfen. ^

Die große Linie.

Vei dem Frllhstücke, das anlätzlich des 18. Mai untsx dem
Veisein des Reichspräsidenten im Frankfurter Römer stattfand,
wurde ein Telegramm des abwesenden Reichskanzlers verlessn, in
dem Dr. Cuno sich zum Geiste Bismarcks bekannt«.
Es kann gewitz nur freudig begrützt werden, wenn bei solchen Ge-
legenheiten wenigstens ein wirksamcr Eedanke aufgeworfen wird,
zumal wenn es, wie hier, der verantwortliche Leiter des Staate?
M, der unter all dem Wust verworrsner akademisKer Phrassn und
oden Parteigeschwätzes dis Erinnerung wachruft an die grotze Linien-
stchrung. echtsr Politik. Und es wird dem, der die ganzc matte
Formlosigkeit dieser demokratischen „Feier" miterlebt hat, durch
diesen Hinweis des Neichskanzlers doppelt stark zum Bewutztsein
gekommen sein, wie ungeheuer die Kluft ist, die unsere schwunglose
und zerfahrene Zeit von jenen Tagen eines selbstbewutzten, ziel-
ücheren und in sich ausgeglichenen Staaisgedankens trennt.

Man komme nicht mit der billigen Entschuldigung, datz un'ere
gegenwärtiqe politische Lage uns nicht instandsetze. weit aus-
greifende Ziele ins Auge zu fassen. Eewitz ist — darüber wird sich
heut« keincr mehr täuschen lassen — unsere innere und äutzere
Situation die denkbar schwierigste. Aber enthebt uns, die grausanr
zn Boren Gedrückten, die die Sorge für den kommenden Taa nicht
los werden, unser gegcnwärtiges Unglllck darum jeder Deroflichtunq
zu einer grotzlinigen Politik überhaupt? Ist nicht qsrade — "nd
>as wahrlich nicht zum gerinasten Teil — heute cin Hauptgrund ba-
fur, datz unsere ganze politische Haltung in allen ihren Ae m.e-
rungsformen zu unsäglich schwunglos und flügellahm geworden ift,
dre Tatsache, datz wir uns eben zu sehr von der Angst nm das
Morgen absorbieren lassen »nd nicht dsn Vlanbcn mehr bab.'n
an das im Kcrne gesunde Wesen, an die Würdc und den Mllen
nnseres Volkes, den Elaubcn, m. a. W. an die GrötzeDentlsi»
U.dieser Elaube nicht eben zu sehr verblatzt zur blotz
historischen Erinnerung an etwäs einmal Dagewesenes. längst Ber-
gangenes und ist nicht durch diese historisierende Verkalkung gleick-
sam eine innere Stagnaiion, eine Trägheit des Eeisies bei uns allen
eingetreten, die nur noch passiv duldend die Kräfte der Eegenwart
übcr sich ergehen lätzt, statt sie im Sinne echter P-ilitik auszuwerten
lind durch sie gesialtend ins Eeschehen einz.ugreifen? Der Gr.ind-
fehler unserer „Politik" nnd die Ursache aller entehrcndcn Demüti-
gungen, denen wir von seiten unsercr Feinde ausgesetzt sind, ist die
Leidensmiene, mit der wir das hinnehmcn, was wir unser „Schick-
sal nennen. Uns täte heute bitter not ein Körnchcn nur von jen/m
Ueberschutz an Willenckra-t und politischcr Schaffcnsfreude. vcr aus
dem Ausspruch klingt: Die Politik i st unser Schicksal!
Dieser Willensimpuls fehlt uns. dieser zwingcnde Macht-
garant aeht uns ab, weil wir nicht mehr die innere Ueberzcu-zunq
unserer Aufgabe haben. weil wir nickit mchr die stählerne Eewischeit
besitzen, datz das. was wir tun und lasien unsere Sache und unser
Schicksal ist. Wir handeln heute nicht mehr aus dcm Ethäs "es
Deutschen heraus, aus der kulturgcographisch von inncn her
genau umriffenen und klar elfatzten Aufgabe unseres Volkstunrs,
sondern unser Handcln wird heute fast ausschlietzlich bestimmt von
der Sorge darum, was wohl die Anderen darüber denken: w;r
schielen m. a. W- nach dem llrteil der „Welt". Alle bitteren und
unserer Leichtgläubigkeit wegen nur zu verdienten Enttäuschungen
haben es heute noch nicht zuwege gebracht, uns die Besinnung auf
uns selbst zurückzugeben. Es ist — um nur ein Beispiel zu nenncn —
wirklich nur möalich in einem Lande wie Deutschland, datz man stch
nur auf einen Wink des Eegners hin gehorsam mit dem Eedanken
eines Kabinettswechsels vcrtraut zu machen beginnt, eines Wechsels,
der in dieser Zeit und in dieser Situation so ticf in unser Schick -
sal einschneidet, datz wir alle Ursach"e hätten. ibn einzig und allein
als unsere ureigenste Angeleaenheit zu betrachten.

Aber die deutsche Mentalität scheint heutc nach innen wie nach
autzen nur auf das Un-Deutsche. auf die. „Internationale" einge-
stellt zu sein. llnsere innervolitischen Zustände stnd ein nur allzu
beredtes Zeugnis für das Rückgratlose, LLHmende unserer geistigen
Einstellung. Ungestrafftheit des Anftretens, Diszlplinlosigkeit des
inneren und demzufolge auch des äutzeren Menschen sind die Haupt-
merkmale einer politischen Haltuna geworden, die wir im wesent-
lichen dem uns künstlich aufgepflanzten Parlamentarismus ver-
danken. Die mannigfachen heterogenen Kräfte. dic nach den verschie-
densten Sciten auseinanderfielen, mllffen ein geschlossenes, einheit-
lich vorgehendes, organisches Zusammenarbeiten unmöglich machen
und die psychologische Unsicherheit, die eine derartige Zersplitterung
nach sich zieht, mutz In ihrer Auswirkung nach autzen hin unsere
Politik auf das nachhaltigste und verhcerendste beeinfluffen. Es
ist wohl die bitterste Satire, deren die Geschichte fähig ist, datz sie
uns Deutsche, denen das Meffer an der Kehle sitzt, und die heute um
ihre Etzistenz bangen sollten, mit sorgenvsllem Doktrinarismus
selbstvergessen von „Weltverbrüderung" und „Weltgewissen" orakcln
lätzt, wäbrend dasselbe Ausland, um deffen geschätzte Meinung es
uns so angelegentlich zu tun ist, gemächlich unser Fell in Riemen
schneidet. Es ist keine grötzere Jronie denkbar, als die, datz zur selben
Zeit. da unsere Volksgenoffen an Rhein und Ruhr die furchtbarsten
seelischen und körperlichen Oualen zu erdulden haben. in dcr deut-
schen Stadt Hamburg „deutsche" Sozialisten unter dcn Klängen
der Marseillaise den „Einmütigkeits"-Phrasen dss „Genossen"
Paul Faure zujubelte, des Vertretcrs eines „Sozialismus", der
bis zum heutigen Tag — abgesehen von einigen belanglosen Redons-
arten — durch sein ganzes Verhalten die Ruhraktion lediglich
geLilligt und gefördcrt hat. Hier leistet stch geistige Selbstcnt-
mannung, blut- und saftlose Orientiertbeit auf die Andern hin,
ein Meisterstück, das in seiner abstrusen Meltfremdbeit selbst von den
weinerlichen Auslaffungen des „Menschheits"-Apostels F. W.
Foerster nicht übertroffen werden kann, der mit einer geistigen Vcr-
renkung ohnegleichen immer nur vom deutschen „llnrecht" faselt. ohne
auch nur einen Augenblick daran zu dcnken, datz derselbe „Friedens-
vertrag", von dem er dieses Unrecht herleitet, nichts weniger als ein
R e ch t s instrument ist.

Man kann heute, Eott sei's geklagt. nicht mehr übcr solche tragi-
komischen Erscheinungen einfach zur Tagesordnung übergehen. Denn
sie sind keine belanglosen Einzelheitcn mehr. sondern leider symvto-
matisch für den „Eeist", der heute in Deutschland — und nnr in
Deutschland — herrscht. Kein anderes Volk der Melt und am
wenigsten Rußland, das mit so ungeheurem Elan versucht hat, den
Sozialismus zu realisieren, hat eine solche Abstraktheit, eine solche
Lebensform und Selbstentwurzelung in seinen Eedankenträumen an
den Tag gelegt, wie ausgerechnet das deutsche Volk. Und 'ein
anderes Volk der Welt ist demzufolg« auch ein so willenloser
 
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