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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0605
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Mgaug - Ar. SS

Kntrrü»,!.'-rlLem, wSchentl N»benm»l. re> a-rn: D>ra»kaIIalSonnt.)-
llnvkriän»,!"« - Lltc'rnturblntt — Sochschuivettagv lmon «tir»).

^ "iv B,i«rSae olin, Derantworiuna. SHIcklenLnna nur, wenn Dorlo betüeat.

Heidelberger Zeitung Mttwoih, den 11. Avrlus2Z

(Gegründet 1858) ____

SauvtaelchL tostelle u. E»rtM-tta. ver.Badtkchen PoML-idelbera.Aauvtftr L3. Fernsp»- >
Mr. 18S. <DerIaa»ort: Frantturta.M > Berliner Dertretung: Werltn 8V 48. Limnier» I
strakeg. FernIvr.Zentr.ai». MllnchnerDertret. MSnchen,Weoraenstr. 107. Fern'vr.NINS7 >

und

Handelsblatt

Vostscheck-Routo: Frautturt a. vr. »141»


«ostsch,ck.«outor Frauksurt a. M. »141»

vLk'.n'^°lUgSvreis der .Bad.Post' MI.Miio - lauoschl. ZusteUgebührl. LelLftabhol.Mr.LSV».-. AuSland Mt.80»l>--

5 ^"d.nur dts »umS.i«s.M!» -ngenomm n. Am l u.S.noch gelief.Zcitungen ftnd nach L. Einrclverraus-vreiL,u be-
Vrci, d. Linielnummer M117».-. 2ft d:e Zeltung am Lrscheinen verhmdert, b:steht kctn Anspruch aus LntschLdtgung.

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Montag, ML >».- mchr. Die »8 mm breite Reklame.eile kostet Mk.»»».—, «nzeigen und Rellamen von au,wLrt» S5"/, höher

llvser Dankgelöbiiis an die Essener Toten.

Die Gedächtnisrede des Kanzlers bei der Trauerfeier im ReichLtag.

, ^ Berlm, 1l). April.

k? Esse» da die Opfer angematzter frangötzscher Kriegsgewali

h > cas ftemein'ame Erab gesenkt wurden, vereinte auf

?°l!eil ?. Reichsrcgierung im Plenarsaal des Neichstages. auf
^kchsn N ° Fahnen schwarz-rot-gold halbstockg die Trauer des
^oushauses belunLeten, eine Traucr --rsammlnng. die die
d? und der Tribünen bis auf Icu letzten Platz füllte,

SpiH.^Er sämtlicher gcwerlschaftlichen und Beamtenverbände.
?enie Berufsstände, Bertreter der Länder, Kirchen, Parla-

^Wrvart" Abhörden. Der Laal war unter Leitung des Reichs-
Redslob nach den Enlwürfen des Bildhauers
L^idet ' Terlin in schwarzen Schleiern und mit Tannengrün
Müle Präsidentensitz war mit einer schwarz-rot-goldenen

über ihm an der Mand hing der Neichsadler. Auf
» ?l>le»a ^.^E'.chsregierung hatten unter Mhrung des Neichs-
>?' Len Mitgileder des Reichslabinetts Platz genommen.

«E-rrM" -"r d

Punit 10 Uhr erschien der Reich-vraii 1,^0l ^

^ch°N?°n rer Trauerversammlung dle sich erh ^

tz'L L"L°LN-°

^ethovenschen Eroica ein. Dann ergrm

aus


IVori

Nelchskanzler Dr. Cuuo

ru folgender Ansprache:

^ s, ^ Reichgpräsidentl Hochansehnliche Traneroersammluagi

Uin da-E^ Stunde. dte nns ia Andacht hier vereknigt, soll sich in
ern^ten 5?^ IchUetzen über dem, was sterblich ist an den elf
L,. - huno-,^ntschen Männern, die zwischen Karfreitag und dem Auf-
^Utzten. ^kte uon französtscher Kugel durchbohrt, ihr Leben lasien
„Aen stillen Zug der teueren Toten umschweben die Ee-

l>e§ ln.E"äen Dolkes. Eedanken des Leides, der Danlbarkeit
Lf^uitsam ^^uisies. Weitere deutsche Lsben stnd am Karsamstag
lo^En v. ausgelöscht. dreizehn Menichen stnd hinwcggenommen
L». ritz si» ichwerei Arbeit ihr hartes Vrot vcrzehrten. Wahl-
rri-,Mied n ° franvistsche Kugel aus der Menge Eleicher. Nichts
jiuschen N- ue von den anderen als der Zufall. der ste dem fran-
«r? lln ^^utbefehl zum Opfer erlas, diese deutschen Leben. die nur
hj» itsregewesen sein mögen in dem grauen Einerlei des
^ i>rnda,,s , -^uges, Ledrängt von all den Sorgen und siiragen,
' tzini» ' im Deutschen Resch jedes Haupt bedrücken.

diese Märtyrer von Esien nicht das Symbol nnsere«
^Uillj - gemeiusawe» dentsche» Schicksals?

r». ^it ?E»n w!r ihrer gedenlen, all das unendliche Leiden die>
rle s. ' UNd Li»,.. n_c/.. ..„«-sra.» _ _r-, -.7. „7>°,

d! >n U«^ien. Ausgewiesenen, Verurteilten und die Schar Lerer,
i>n sk.;.^uigem Gefängnis leiden. all der Mütter und Kinder,
«s-,?chenol,. " °>n Leid erleben, das im Kriege zu beseitigon seit
d°° iijhz ?"ern das Bestreben aller Kulturnationen war? Mir ist's,
den Säraen die schmerüensreiche Cchar der Vielen
Leides in Esien gehen, die der Toten, wie der im
,kre Cift»,?chienden und in der Verbannung Leidenden. die keine
Lu bützen hatten und haben. als das Schicksal, Deutsche
kl^ ^ehs»-.chuld, es mit Wisien und Willen nu sein. Zittert n'cht
^Me. d;» ber geveinigten deutschen Er>>e durch die Elocken-
hn Reser Stunde LLer unserem Vatcrlande schwingen?
liv. Uon L»"-?che Mensckenleben von dcm gleich.cn Leid gLge'ckinet,
dnk? leis.i, selben Willen erküllt! Auch diess Männer uNd Jüng-
Kr°;?en ^er eine. einfache und grotze Eedanke, der
«Nd ^?ur'amvf vom ersien Tage beherrfchte. Sis standen in
UN, !°,,"ed. nicht um E--wa.lt mij Eemalt ?u begegnen. son-
die Aenzüslk waffenlofen Widerstand des Nechts
tst Sie standen vor den franMschen Mordwaffcn als

' ^il »7^0 Schützer jenes Nechts, das zu einer Macht gsworden
»l, Aar " ^emeinsamer Wille es trägt.

linx »/indcutig ist das furchtbare Vild dieses Blutopfers.
d>,I r«r ^ i t-auf der einen, Eewalt nnd llnrecht

8a-°rrn>;r^" Seite. Nichts kann diese gesch:chtl:ch klarr Schei-
ihx ° r - ° Keinemfranzösischen Soldaten ist ein
itzr u m m j worden: al-er 50 deutsche Arleiter liegcn in

^z-Recht h.!f°L>b jene französische Soldaten ein Erauen vor der
R i^ l>eho^°^En Masie anwandelte. ob sie blind einem Llinden
?.i sf» Aku> niag ihr eigenes Eewissen darauf antworten.
«7,». --a.ge jch indieserStundean. Sie waren

*ielh

*'cht

UNlvist

lsi«, jedoch gefügige Werkzeuge rechtloser Eewalt.

bchust, trtsft die franzöfischc» Machthaber,
i.E^r. ihrer rechtlosen und erfolglosen Politik^Tausende

^Nl-ft?Einlstzj>. nicht Cehilfen Les Unrechts se'.n wollten, von
Ng s^Nlehx^ " verjrleben, Hunderte eingelerlert und zahlreiche
^ ^ stc 7. ^rmchtLt haLen. und auf Lercn Vewlsien auch dieses

L^Uts». r j p - n fästt, desien Opfer heute Lcstattct werden.
o^rtre^ Dtenscr,° -i d e s Vedauerns Lker diese Vernichtung
r r deZ s' "su^n habe ich aus dem Munde der amtlichen
t^erü' ^atz ^ ^^°»>chen Volkes vernommen. Eern hätte ich ge-
und Cewissen Len französischen Cewalt-
r^Ntzi^ch^n > ^n hutten. ,zst es Scham und Eewisien Les

L-en nr ö d i »' 17 s^an beruhigen will, indem aucki hier eine
>ll? -» llnrccht in Reckit. Necklt !n Verkrechen umsäl-

SL°..N'ill? -»0 i e Ilnrccht in Recht, Necht in Verkrechen umfäd
tejs.des Richtersvruch gegen llnschuldige w'.rd den

^lh° g°r Bzsi, ,^ch"r!sch vergosienen Vlutes dämpfen. kein Ur-
rvc>ss.^seitiop„ ^vcr die wahren Schuldigen täuschen und die Tat-
^ad-t?'as°. de„ss-'llm, Raub ausge'o -ens fran'ösische Soldatsn
^ Rit v-rbeiti-r, olme ein Leid vou ihnen ersahren zu

" Waffe getotet haben.

Eedanlen des Leides. aber auch Eedanken der Dankbarkeit be-
wegen uns in dieser Stunde. D'e Toten, die heute zur ewigen Ruhe
bestattet werden, habcn nicht his ihrige gesucht. Von jedem von
ihnen mutz es heitzen: Jm Kampfs für dein Volk hast du dein ehr-
lich Haupt niedergelegt. Sie standen in Reih und Glied. der
Waffengewalt preiogegeken ohns Vefehl und ohns Zwang. in
freiem deutschen Opferwillen. Sie haken damit e!n
Beisviel gesetzt. das der sranzösischen Eewalt das Mah von Ent-
schlosicnheit zeigcn mag, mit der sie zu rechnen hat.

Maschinengewehre können diese Entslklosienh-it kn rinzelnen
ikrcr Träger oernichten, ste aber ntemals im ganzeu Volke

brechen.

Jndem ste dies bewiesen, leisteten die Toten auf dem Felde der
S»7-eitsehre n-cht nur ihren Arbeitsgenossen in dem bedrohten Ee-
biet sondern Ler Cesamtheit der kämpfenden Bevölkerung und
dem ganzen Vaterlande Len höchsten Dienst, mit der H.ugaoe
des eigenen Löbens. Etwas unendlich Hohes, aber auch ein furcht-
barer Ernst liegt in diesem Kampfe. Er greift an die Wurzeln
aller menfchlichen und staatlichen Existenz. Die Frage wird aus-
gekämpst, oü die grausame Zeit des Alteriums wiederkehren soll,
datz fremde Herren übcr ganze DLlker wie über Sklaven-
horden schalten, datz an die Stelle der in jahrhundertelanger Ent-
wickelung der crworbenen streiheit der Arbeit neue Hörigkeit treten
soll — die Höric-keit von Nation zu Nation. Vielleicht befinden wir
uns auf dem Höhepunkt dieses Kampfes. Sicherlich hat heute nie-
mand mehr die Entschuldigung. nicht zu wisien, worum es geht. Hat
im dei'^en Volk noch jemand zweifeln könncn, fo müsien alle
Augen jetzt geöffnet sein. Hat in Franlreich jemand leich-
ten Herzens oi« Tragweite des am 11. Ianuar Legonnenen Unter-
nehmens erkannt, so kann und mutz auch dort heute jeder wisien. zu
welchem Abgrunde dieses Bcglnnen führte. Hat die Welt
Lisher mehr oder weniger interessirrt in der Zuschauerrolle dem
Schauspiel am Rhein und der Ruhr zugesehen, so mutz sie heute
sehen, wo Krteg ist, wo ssfrieden, wo Sicherheit, wo
lleberantwortung an die fremde Willkür.

Und «amens der Toten frage ich die BLlker der Srde. wke lange
noch wollcn ste warten, ehe diesem wahnwktzigen, grauenvollen
MWrauch der Kewalt ei» Ende geboteu wird?

Dank und Treue des gesamten Dolkes. desien Dolmeisch wir hier
sein wollen, begleiten die teuren Tolen auf ihrem letzten Eange
m!t dem heitzen Wunsche, datz ihre Hingabe fürs Vaterland ein
Segen werden möge ihnen, ihren Hinterülieüsnen und Ler deutschen
Sache. Wie sie anf dem Ehrenfriedhof die letzte Ruhe finden. fo
soklen sie in unferem Herzen unvergessen bleiben als deutsche Hel-
den, die ihr Vaterland mehr lieüten als ihr eigcnes Leben. Mit
dem gleichen EmpfinLen gedenken wir aller derer. die ihnen am
Rhein und Ruhr mit dem Ovfer ihrev Lebens. ihrer Eesundheit
und Freiheit vorangegangen stnd. Jhnen all-n g,lt heute unser
Dank. unser Eedenken. Wis ärmlich klingen unsere Worte !m Ver-
gleich zu dem, was diese Mürtyrer der de '.tschen Sache getan! Es
ist, als oü uns aus der Schar der Toten, Verwundeten und Gefan-
genen die vorwurfsvolle Mahnung entgsgenklingt:

Das alles taten wir für euch, auf dah ihr tn Freiheit nnd
Arbeit leben könnt. Und was tut ihr?

Es ist, als ob diese Frage au-sgenommen und zu uns getragen
würde, von den Millionen Kämpfern an Rhein und Ruhr die täglich
zu gewärtigen haben, was hier geschehen ist, und die doch nicht müde
werden, !n der Lesonnenen passiven Aüwehr feindllcher llebergriifs.
Fhnen allen, die unseren Eedanken heute kesonders nahe sind, 'lassen
Sie uns antworten mit dem Gelöb nis, alles zu tun, wa;
in unseren Krästen steht, um sie zu stützen und zu stärken im
Abwehrlampf und ihnen zu einer laldigen Ve're'.ung zu verhel'en.
Verständigung boten wir an. Erld und Eut und den Ertrag langer
Iahre der Arbeit, Sicherheit aus freiwilligem Willen zum Friedeu.
Man hat nicht gehört. Selbst dann nock'; als der Fe'.nd im Land«
stand,-habcn wir wiederholt erlennen lasien, dah wr zu freien,
ehrlichen und gleichberechtigten Verhandlunaen
bere it sind, ja wir haben ein:n praktischenWeg gewiesen,
wie das durch den Ruhreinfall fast unentwirrkar gewordene Repa-
rationsxroblem zu lösen ist, indem wir uns zu Lem Vorschlage des
Leiters der amer'-kanifchsn Autzenxolitik Lelannten. Man hat nicht
gchört. Alles ist g es ch e h e n, um den Ruhre.nfall zu vermeidcn,
oder die Ta .er des Ruhreinmarsches aüzulürzen, so wird auch lünstig
nichis unterlleiien, was unserem Volke und Lanie die Fre-He't »nd
den Frieden geken kann. aker Freiheit und Frieden müssen
gesichert sein, wenn n'cht die Opfer nutzlos gelracht ssin sollen,
die wir an Ruhr und Nhe'n bis jetzt Lellagen. Die Re. arat'ons-
verp-flichtungen miisien auf das Matz des Erträglichen zurück-
gefllhrt, L!e Erde. in die wir heute all die Vraren lestatien, mutz
frei werden ron Futz und Hand des Feindes: die !n Ver-
lannung und Eefangenscha't Lsidenden müssen der Freiheit und
Heimät w'edergcgeben werdeu,. und keiner Regelung kann
zugestimmt werden. di« Ruhr und Rhein verfasiungsgemätz oder
territorial antastet.

Solange der Eegner zn sslcher Regelnng nicht Lereit kft, mutz der
pa-five WiLerstand vom ganzen Lcu-ischeu Bslke mit vollcr Ent-
fchlossenheit u.rd mit der gleichen Vesonneuhrit wie bisher fort-
gefctzt werden.

In diefem Kampfe darf es keine Parteien und keinen
Unterschied der Klassen geben, aker auch keine Zag-
haften und keine Unbesonncnen, so wcn'g dies lei jensn
dcr Fall war, deren Tod wir heute hier bekla'cn. In diesem Kampfe
dars leiner. auch kein einziger fehlen, fest wollen w'r uns zu-
sammenschlietzcn, fester als jcmals zuuor. Ein Wille scll uns alle
einen. Lie wir ja alle nichts anderes sein wollcn, als Arbeiter
am Wohle Les Volkes, und wie Sie heute hier alle Stände

(Fortsetzung auf Seite 2.)

Mde weg vom Memland!

In derselben Stunde, wo in Esien die Opfer der französischen
Blutpolitik zu Erab« getragen wurden, hielt der Reichstag «ine
Trauerfltzung zum Eedächtnis der Toten ab. Schlicht, einfach und
würdevoll wie der Schmuck des Sitzungssaales mi't seinen dunlel.
grünen Tannenzweigen und schwarzen Tuchdraperien war h!« Feker
sellst, schlicht un-d In Lieser Schlichtheit doppelt ergreifend die Nede
des Kanzlers. Keine heftige Anllage, kein Lbertrielenes Pathos,
nur die einfache Darstellung des Furchtbaren, was
sich ereignet, und das Treugelöbnis, auszuharren in der Pflicht-
erfüllung, die die Arleiier in den Kruppschen Merkcn gezeigt h-abe»
bis zu dem Augenblick, wo ste von den tödlichen Eeschossen getroffe»
wurden.

So grauenvoll auch d!s Tragödie ist, die sich mitten unter uns,
mitten im sogenannten Frieden abgespielt hat. im Ausland erweckt,
was sich i'n Essen ere-gnete, kein Echo. Von sranzösischer Seite, die,
wie der Kanzler noch einmal mit allem Nachdruck seststellte, die volle
Verantwortung für das Eeschehene trifft, lein Wort des Bedauerns.
Das ist rerständlich, wäre von der französischen „Ritterlichkeit" zu
viel rerlangt. ALer auch sonst imAusland keinZeicheH
der Teilnahme. Das ist es. was man in Deutschland nichf
rersteht, und das ist es, was der Kanzler noch einm-al mit voller
Bitterleit hervorhob, als er di« Frage i» die Welt hinausfandte:
„Jm Namen Ler Toten srage ich die Völler der Erde, wi« lang»
noch wollen sie warten, ehe diefcm wahnwitzigen und grauenvollea
Mitzbrauch der Gewalt ein Ende geboten wirü?"

Der Tat in Effen ist im Ausland lein Echo gefolgt. Es ist nicht
anzunehmen, datz Lie Frage des Kanzlers, die heute wiederum Las
Cewisien der Welt aufzurütteln versuchte, eine Antwort finden wird.
Wir stehen mehr denn je in der Wclt allein und müsien Leid und
Unrecht, das uns angetan wird, fllr uns tragen und danach unfer
Handeln «inrichten. Deutschland hat alles getan, um die Gewalt-
aktion an der Ruhr zu verhindern. Wiederum konstatierte das der
Leiter der deutschen Politik, und wiederum betont« er die Bereit«
willigleit von deutscher Ceite, alles zu tun, um den Konfli-kt einer
LLsung entgegenzuführen, wenn nur für uns Freiheit und
Frieden gesichert würden. Dieses abermalige Betonen der dent-
schen Verhandlungsbereitschaft, das Betonen in dieser Stunde, lann
im Aus-lan-d nicht ohne Eindruck vorllbergehen. Es mutz zeigen, ws
der gute Willen, um aus den heutigen Bedrängnisien herauszuloN-
men, und wo d!e Töswilligkeit licgt. „Alle Kräfte der Errelchung
des Frledens und Lis dahin alle Kra-ste 'cem geschlosienen Abwehr-
lampf!" Diese Worie Les Kanzlers lennzeichnen das Ziel der Leut«
schcn Politik, lennzeichnen aler auch den festen Willen, mutvoll
auszuharrcn, Lis das Ziel erreicht ist.

Die politische Sitration ist leider so, datz wir uns noch auf eine
lange Eeduldsprobe gesatzt machen müsien, aus weitere grotz«
Opfer und weitere Zumutungen, die an unser nati 0 nales
Selbstgefühl gestellt werden. Es mutz das gerad« in diessr
Stund« gesagt werden, wo wir Leutlicher als je zuvor sehen, datz
alles gegen uns ist und datz die Stimmung in Deutschland nur von
uns selüer verfianden und gefühlt wird, aler ron niemandem sonst.
Es ist nicht die Ruhrsrage alle'n, die einer Lö-sung zugefllhrt werden
mutz; in noch höherem Grade ist es die ganze Rheinlandfrage,
d:e eine cntscheid-ende Rolle inderinternationalenPolitik
der nächsten Wochen und Monate spielen wird. Wir dllrfen
uns n'cht darüker im un-llaren sein, datz das Schlagwort von der
Jnternationalisterung der Rheinlande Lei den Politilern in Paris
und in London, in Nom und in Mafhington auf einen fruchtbaren
Boden ge'allen ist. Man glau-bt hier einen Weg zur Lösunz der
Sch-wierigleiten gefunden zu haken, un-d die Eefahr, d!e aus einer
solchen politisihen Einstellung für uns erwächst, ist nicht zu unter-
schätzen. Ie früher wir unZ darüber klar werden, je eher wir dazu
Stellung nehmen, umso besier jst es sür uns. Von England mag mit
c'ner noch so starlen Beionung rersichert werden, datz man niemals
c'nsr Loslösung der Rheinlande ron Deutsch-land in welcher Form
- d immer zustimmen werde — wirhabenmehralseinmal
gesshen, was «s mit solchen Nedewendungen eng-
lischcr Staatsmänner auf sich hat — im gegebensn
Momcnt ist di« Nücksicht auf d!e Entente immer noch gröher als dis
RLLiicht auf Deutschland. Wir haben damit zu rechnen,
datz eine Lösung der R h e! n l a nd f r a g « in fran»
zösischem Sinne eine Lberwiegende Majorität im
englischen Parlament hinter sich hat. Wir wissen, Lah
Lloyd Eeorge sich in die Jdee festgerannt hat. und datz er bei
nächster Eslegcnheit mit Lem ganzen Feuer seines Temperament»
dafür eintreten wird, datz die Opposition fast nur auf die Ascxuith-
Liberalen und die Arbeiterpartei beschränkt ssin wird, und datz man
jenseits Les Atlantlk elensalls diescr verschwommenrn Jdee huldigt,
weil die Jniernationalisierung der Rhsinlande e!n Vegriff ist, der
sich der auf Paziflsmus und Völrerb-und eingestellten Volkspfyche r»
Amerila vorirefflich an'atzt.

Gerade wc l diese Ecsahr Lefteht, weil hier wiederum allerlel
Personen am Werle sin-d, die unter dem Vorgeben, Frieden stistcn zrr
wollen, nur neue Zwieiracht söen, lann ron deutscher Seite nicht
schnell und deutlich genug die Parole in die Welt hinausgehcn:
Hände weg vom Nheinland! Keine Lösunz, die lein«
Lösung ist, Lie nur die Verewigung des A b wehrkampfes
kedeuten würde, Lie statt der Pazifizierung Eüropas nur den Ke':m
neuer blutiger Entscheidungen legt! Nein, eine Lösung der Nhsin,
landfrag« im sranzösischen Sinne ist nicht der Weg. um aus de»
Schwier'gkeitcn herauszukommen, deren Beendigung niemand sehn«
licher wünscht, als wir Deutschen sellst. Damit wir aber nicht
eines Tages ror e'.ne nsue politische Situation gestellt werderd. W0
man von uns e!n einsaches Ja oder Nein fordert, ist es notwen-di-.
datz wir nslen der Fortsctzung des passiven Widerstandes,
der nach wie ror unsere kefte, ja einztge Waffe ist. e'ne Politik er-
höhter Aktivität betreiben und alles daran fetzen, uns aus
 
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