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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0091
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66- Zchrganz - Dr. is

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I .Dad-.sche Volt' crlcheint täglich <a»ch Sonntk>:sl virmiilaa», aiso sielcnmai

I wochintlich nnd kosttt kret inrHans zugestellt monatitch l2l>g Mk, durch d>e Vost
t. wonatlich lS>0 Mk. ,u,7glich lst.su M/ Dcstell'e d. Einzelnummcr so M..

Heldelverger Jeltnng

(Gegründet 1858)

«nd

Handelsblatt

Badische

MiwM 17. Zanuar itzrz

Anzeiaenpreis: die L2 mm brcite Nonp-reill-teile 4st Wt- Fom'N°n.. Dereins.
und Kleine Anzeiaen nach bcsondercni Tarif. Reklamen: brcit« Nonparcill-

eil« SUU Mk. Bei Wicderholungen «n- Aeilenanschiuss-n tariflicher Nachlag.

ffür Aiiz.igs», Nellaniei und geschä>tliche Bcilagen vcrantw-rtlich Aisre- Schmig in H:ide.ber>. Fernruf 82
V-rlag: Heidelbcrger Verlagsanstalt und Druckerei Gb. m. H Hetdelberg, HauptftraSeLS. —
Postfchicklonto Karlsruhe Nr. lUUUst. — Druck von I. G. Holdwart» Nachf, G. m. b. H, Frankfurt am Main

Aeue sranzösische Aoschlägr.

^ch^agnahme der Lergwerle.-Ein Pufferliaat an Nhcin und Ruhr.
Von unferrm U-Korrefpondenten,

Paris, 16. Ianuar.

DüsiclLorf im franzöfischen Haupta.'.ariier des Eenerals
dem N zw schen Liefem, dem Sachverständigen Tanery uns

^"Swerisinf^eltor Coste cine Kon>renz statt. in der die
wurde, wie ste sich durch die Errlürnna der deutschen

Deep.estaltet hatte, ke.ne Kohie mehr an Franirnch un-
f7>k...en ru l,-k-.- m»-- i'.-L'--. <- -- -c.

. .

nur an ihren guten Willen appellicre, fondern bcstimmte
»:nn diese gforde:

nahmt würden. Jm Falle des geringsten

porderün c " ihren S>

!hre stelle. nnd w:nn diese Fori.erungcn n.cht erfüllt würdcn,

^'derstL^- ^ ^ ' '

i-un,es wurde man

Pellen

devi c

die BrrgwerksLcsitzer sogar vor ein Kr.egsgericht

und alle Mahnahmcn zur Anwendung Kc-Ngcn. die fich Mlt
^biagerungszusian) enischuld.gen las,en. Auch geaen ^ '

Arvei^t in den Lcrgw:rlen werde °-ugchchritten wer. -.n.
D.reltor des sran.',ösischen Verlehrswcscns. ^-Pial ch a y o ,

At bere tg c.n: lange llieihe von Mafnahmen m Ausstcht genomm.n.

Kastl" die notwcndigen Lis:n.a>nwagen fur Len ^ran-.ort der
Franireich im Nuhrgebiet zuruckzuue^a >en ste 'Ntt.
koem Paris" und ..Petit Par sien". dre oyne Zweisel ihr- HN-
!5^°t-.onen aus dem Ouai de'Orsay erbalten ha^en, stnnrrcn m


'"""e Mau ^rifolge c>.r,.c u.i.tuci.iuu urc <c"-lcsc»->>N-c

^ormittaa ü?", Beschlagnahme der Bergwer.e noch bis Mittwoch
rrfol-en ^-.""rten. Dann werde die Beschlagnahme aber unbedingt
degonnsn Lieferungen an Franlreich nicht Dienstag wleder

.W-.N

Lusommenzuarbe ten. N'chts kann die Werisbentzer zwmgen. .qre
2lroei1er „^ ^ ^ "


„uz m--., - iiui,.!- M wlc-ersctzen, ooiy vei ailcn ge >icy

> - s, - ^r, stch von der Leitung ihrer Unternehmungen zurück-
r un c> -i. l die haben es nur mit der deutschenRegie-
verbotEn hat die Kohlenliescrungen an die Eni

Dicsenr Befchle müsse vor allen andcren gehorcht werden.

?-e 8i-n.—

^Uc>ebo?^u^2°" möglich werden. Aber Vorbedingung ist, das; dies
^ranlrei^'?^ ^egen die Befehle der deutschen Regierung verstögt.
wejs, dat also das nächste Wort! Wsnn auch noch niemand
^rr w°j.i,b 'ommen wird, müste man doch mit aller Sicherheit mit
Dhysten , » Anwendung militär.scher E wallmahna'-men rechnen.
Uchrde ^dnte e-j ab, zu sagen, was nach sriner Ansicht geschehcn
- «enn dix Franzosen die Bergwerie beschiagnahmen würden.

dl»n ''Watin" stellt stch die Sache sehr einfach dar. Er glaubt,
tvenn Widersiand Deuischlands mit Le'chtigkeit brechen,

Und d-i-°-?r^'? einfach ke i n e K o h l e m eh r l i e f e r e. In Polen
^onnen^ Ei^choslowakei werde Deutschland kein: Kohle mehr kausen
land fei „ englische Kohle sei für Deutschland viel zu teuer, Eng-
Deutllki,-«^ gar nicht in der Lage, so v el Kohlen zu Ii'efern. wie
iionen D- Notwendig habe. Deutschland brauche monatlich 3!^ Mil-
lieser» während England nur eine halbe Million monatlich

doch , Aus diesem Erunde werde Deutschland seinr Kohlen

rinaeben hl-sty°Sebiet kausen müsten. Die Eelder, die dafiir
bollte er"^°"' dik Kaste Ler Rexarationslommiffion.

dtt"« °uch diese Mahnahme und selbst die west-re Ausdehnung

Desetzung nicht zu einem Erfolge suhren. wurde man an d,e

Schafsung rines Pusserstaatc»

^EM Nuhrgebiet und Rheinland unter der KontroNe der all,-
ittten arb l Pusserstaat muste dann sur die Alti

Um die Arbeiter im Ruhrgebiei bei der Stanse halten er-

wageu die Franzosen die Einsührung eines Syitems von -v ^
fUchcn, dic den Berilcuten Nahrung zum Selbsti0,tenprcis gcvcn
wUen- Auch für die Zufuhr °on Kleidern und.blll.gen Nahrung--
"Utteln wollen lle Sorge tragcn. man denkr >n erster Lini- dre
Arm °?^°^enen Vorräte aus dcn sranzöstschen "nd E'iianstchn
r.-i^ueebestnnden aus dem Kriege h>cr an den Nkann zu . - S '
Man bisher nirgends einen Abnehmer s-den - , -
uur die deutschcn Bergarbeitcr, meinen die Pariser. sclcn .
ie,e Dorräte noch gut genug. *

Wie unsere Derliner Rcdaktion eiMrt,stat der fran-
Mche Eeneral Degoutte die Leiter des Bergbaues ^und ver
Aetallurgischen Uniernehmungen sür Dienstagabend zu e>. -r 8
tNemsawcn Sitzung mit den Führern der Eewertschaften em„e
'uden Es befistüen stch unter dcn E:ladenen Verireter von Tbyst n.
Ä.e>nstahl. Phönix. Mannesmann. Die Meldungen der Aariser
Mer. nach welchen die deutschcn Industr.ellen sch bei- t ei
u°rt hatten. die Licserung von Neparatlonskohle sur ^rauircich
und Velgien wiedcr auszunehmen. stnd vollkommen unwahr.
Uber d.esen Punkt sollen vielmehr erst setzt w'.eder neue D rhand
'ungen stavflnden. Dagcgen haben die Franzoen mit e>ner Kon
r.olle aller abgeh'enden Kohlenzuge begonnen. Ver-
'^edene Stationen stnd zu Kontrollstaiionen oemacht word'-N. mo
^e ^Kodlcnzüge einen Auienthalt ron 15 M nuten zu nehme

uven. Eg koli-n^'sü!,.^ rv" »o ^"»UII-I, zu nehme»

^°"rop und Ess-n. Werien. Mülheim.

^e rollenden stüa- werden. die durch Konirolli ostcn

Konirollxoste^U ^ben. Die Zugführer müsten den

"»Lkordnete Kontroll"? °orlegen. Diese bereits Dienstaq

4äontrolle sche.nt aber den Jranzo en infolge der wei-

teren Ausdehnung der Besetzung n'cht zu genügen, so datz ietzt Er-
wügungen tarüber schwelen, auf jedem Lahnhos eine veson-
dere Konirolle zu errichten.

Drrtmmld besetzt.

Dic franzcstsche Dluttat in Vochllm.

Eigene Drahtmeldung-

Dortmund, 16. Januar.

Die französtschen Trupxon stnd Dienstag mitlag 12 Uhr in
Stärle e.ner Zn>ancerieiomxagn.e in die Hiadt Dor.mund etn-
gerückt, ein Flieger üücr>reiste währcno/em d'ie Ctadt. Zu Zwischen-
sällen ist es nicyt gelommen. Von Essen sind Dienstag vormittag
vier Züge mit Truppcn nach Dortmund abgegangen. Die Franzosen
haben alle Tahnhöfe besetzt. Die Besetzung DorLmunds soll ersolgt
sein, weil Dorimund die Zenirale für oie V e r s o r g un g und den
Verkchr ,m Nuhrgebiet bsdeute Ferner habe man Dorunund
Lesetzt, da die deutsche Regierung eine groge Anzahl von E.senbahn-
waggons aus dem Ruhrgebiet weggeführt haüe und Dortmund ein
wia,tiger E i s e n b a h n c n o t e n p u n t t sei. Bereits um 11 Uhr
waren mehrere HLHere Osfiziere in Begleitung eines kleinen Trupps
Zn.anierie crschienen und hatten aus Lem Nathaus die Bcs:tzung der
Siadt angekündigt. Zahlreiche Lästirasiwagen mit Mannschaften
lamen in Dortmund an. Der Oüerbürgermeister hat an die Bevöl-
kerung einen Ausrus erlassen, in dem er zur Nuhe und Ordnung
mahnt. Die fran-.östschcn Truppen schieüen sich von Dortmund in der
Richtung Hamm vor. Die Är eiterschaft der norh unbesetzten Stadt
Hambornhat die aus dem Osten lommcnhen Lebensmittel-
züge für das Ruhrgsüiet angehalten, damit die Lebcnsmittel
nicht in dic Hände der Franzosen fallcn. Man besürchtet
vielsach, dah für das neubesetzte Eebiet die Essahr ein:r Nah-
rungsmittelnot besteht, wcnn die Franzoscn nicht die V:r-
sorgung mit Lebensmitteln libcrnehmen.

Jn Vochum, dessen Devölkerung durch die hier völlig über-
raschend g^kommene feindliche Besetzung besonders erregt ist, ist es'
zu den ersten blutigen Zusammenstötzen gekommen. über die uns
von zuständiger Stelle ein Vericht zugeht, aus dem hervoraeht. katz
eine Anzahl Arbeitermit ihrenFrauen von thren Arbeits-
stätten nach Hanse gingen und unterwegs die deutsche National-
hymne sangen. AIs Le an französischen Posten vorüberkamen, v: r -
boten ihnen diese das Singen. Dvch storten sich die Arbeiter in
keiner Weise an diesem Verbote. Sie bestanden auf ihrem guten
Necht, tas ihnen niemand verwehrcn könne. Die frawösischen Posten
schofsen darauf ohne weiteres mit einem Maschinen-
gewehr vnd mit H a n d f e u e r w a f f e n auf die Arbeltermenge
ein, wodurch ein Arbeiter auf der Stelle getötet und e!ne
alte Frau durch ein:n Bauchschuh lebensgefährlich verletzt
wurde, wührend eine Reihe von weiteren Personen mehr oder min-
der schwere Verletzungen erhielt.

Sas sra:zösischs „Si?gesbu!!etin".

Liigcn dcg französtschen Kriegsministers über dte Vochumer Bkuttat.

Von unserem Il-Korrespondenten

Paris, 16. Januar.

Der französische Kriegsminister veröffentlicht jetzt eincn Bericht
über die Zwischensälle in Bochum. Am Abend des 15. Ianuar fand
eine Kundgebung statt, die von jungen Kommunisten veranstaltet
worden war. Eegen 7 Uhr abends kam es zu einem Zusammenstötze
zwischen Deutschen nNd Franzosen, bei welcher Eelegenheit es einen
Toten gab. Um 8 Uhr abenos wurde ein Insanteriexosten auf dem
Bahnhofe von Bochum von einer Menschenmenge von 260 Personen
angegriffen, die Deutschen schossen auf die Truppen. die
Spuren der Kugcln am Bahnhossgebäude beweisen das. Der Kom-
mandant der Truppen lietz auf die Menge feuern, um seine Truppen
von der Bedrohung zu besreien. Es gab da-'ei einen
Toten und zwei Vcrwundete auf deuischer Seite, sranzösische Solda-
ten find nicht verlctzt wordcn. Die Haltung der Polizei war korrekt.
Die Polizci erllärt, Lah der Tote ein Ausländer sei. Die Ruhe ist
wiedergelehrt.

Der litamsche staiibznq.

Französtsche Tapscrkeit. — Litauische Diktatur.

Von unserem L-Korrespondcnten.

Köntgsberg, 16 Ianuar.

Die Lage in Msmel ist noch immer ungeclärt. Zwischcn Fran-
zosen und L lanern scheint eine Ärt von Waffenstillstand abgeschlossen
zu sein. Die Soldaten der beiden „Eegner" sind sehr freundschaftlich
im Verkehr zueinander. Die Franzosen zeigen sich sehr nachgiebig,
seitdem es den Litauern gelungcn ist, cine Handgranate durch ein
Fenster in die Kaserne zu rverfen, in der sich die Franzosen auf-
halten. Diese tölete zwei Mann und verwundete ein'ge, worauf
die übrigen sich sofort entwasfnen lietzcn nnd ruhig zusahen,
wie die Hohejtszeichen der alliierten Müchte heruntergcrissen
wurden. Die Litauer haben sofort den Ä us n ahnr ezustand ver-
hängt, eine strsnge Zenfur für Post, Telegraph, Telephon und Preste
eingeführt. Der Oberbürgerm'ister Grabow wurde festgenommen.
Dcr Direktor der Memeler Handelskank, der bekannilich bei dem
ersten Sturme auf Memel e.nen Schutz erhielt, ist jetzt seinen
Verletzungen erlegen. —- Nach emer MelLung aus Warschau
ersuchte der sranzösijche Gesandte die polnische Negierung, ein
Kriegsschifs sür-den Obersten Trousson zur Reise nach Memel
zur Versügung zu stellcn, der vom Bolschafterrat zum Oberstkom-
mandierenden in Memel ernannt worden ist. Die polnische
Regierung hat zugesugt. Trouston ist abgereist. Nach dem tapferen
Verhalten seiner Lancsleute scheint für ihn in Memel nicht mehr
allzuviel zum Kommandieren iibrig zu bleiben.

Vesahungszulage fkr Veamle und Staatsarveiter.

Berlin, 16. Ian. Der unter Verletzvng des Versailler Vertrages
erfolgte Einmarsch ir:r Franzosc» und Belgier verschärft die wirt-
Ichaftliche Lage und damit die Lebenshaltung in Len betroffencn Ort-
schaften in dcr empfindlichstcn Weiss. Die Ncgierunaen des Reiches
und von Preutzen haben laher ihren Beamten, Angestellten und Ar-
beitern zur Lindcrung dcr eestl'assencn Not eine Zulage zu ihren
Bezügen, Vcrgütungen und Lühnen bewilligt, deren Auszahlung als-
bald ersolgt.

Ein StimmmgMd.

Wir NnL In ier La<e. folpcnben auS Frankfurt batierte»
B r l c f, bcr otienbar vvn einer in franzötifchcn Dienstcir
stcbenben Persönlichkeit gcschricben ist nnd dcr zufüllig nicht arr
seine Adreste gclangte, in deutichcr Ucbcrletzung zu verüffent»
lichen. D. R:L.

„Jn angcnehmer Ersüllung der ehrenvollen Aufgabe, die mir zu»
teil geworden ist, den ösfentlichen Eeist in hiesiger Stadt zu beob»
achten und von Zeit zu Zeit darüber zu berichten, nehme ich mi<
die Freiheit, heute solgendes mitzuteilen:

Die Besetzung von Essen und Umgebung durch die glorreichen
Trupxen der französischen Republik hat — es ist nicht zu leugnen —
auf einen grotzen Teil der Bevölkerung dieser Stadt einen gewisten,
den Interessen Franlreichs, nicht durchaus vorteilhaften Eindruck
gemacht. Die Äufforderung der Reichsregierung, den gestrigen Sonn-
tag als eine Art nationalsn Trauertages zu begehen, hat einen
stärkeren Widerhall gefunden, als ich vorausgesetzt hatte. Allerdings
war an Lem äutzeren Bilde der Stratzen wenig verändert, da nur
wenige, auf halbmast gehitzte Fahnen sich zeigten, allein es machte
sich doch um die Zeit Les Veginns dcr evangelischen Eottesdienste
ein stärleres Strömen der Bevölkerung bsmerkbar, auch waren, wie
man mir berichtet, alle Kirchen Ler Siadt sehr stark besucht und über-
all wurde die heilige Handlung dadurch entweiht, Latz-von der Kanzel
aus auf die letzten Vorkommniste hingewiescn wurde.

Für 12 Uhr war in dem sogenannten Schumann-Theater von
seiten der bürgerlichen Parteien eine Kundgebung angesagt worden.
Jch war hier selber zugegen und mutz bekennsn, datz ich von dem, was
ich hier gehört und gesehen habe, einigermatzen betroffcn war. Der
ri«sige Raum war nicht nur volllommen besetzt, es hatte sich auch, wie
ich später erfuhr, vor dem Versammlungshause eine ansehnliche
Menge zusammengesunden, die ihrerseits cine Parallelversammlung
gleichsam inszenierte. indem sie die Bitte an mehrere der Versamm-
lungsredner gelangen lietz, drautzen noch einmal zu sprechen, ein«
Bitte, der auch willsahrt wurde.

Jn der Versammlung selber wurden vier Reden gehalten, se eine
von jeder der vier Parteien, die die Kundgebung vcranstaltet hattenk
die Reden waren natürlich verschieden nüanciert, aber im ganzen
waren sie doch einig in der Verurteilung dessen, was sich im Ruhr»
gebicte zugetragen hat, und die stürmische Zustimmung, die die Red-
ner fanden, ist mir ein Beweis dafür, w:e sehr ich recht hatte, wenn
ich in srüheren Berichten, an die ich zu erinnern mir erlaube, ge»
legentlich bemerkte, datz ich eine eigentliche militärische Aktion im
Ruhrgebiete sür bedenklich halten würde. In der Tat: nichts hat die
bisherige französische Politik Deutschland gegenüber so sehr gefördert
als das strikte Festhalten an dem Satze, datz die Nepublik und die
Demokratie den Frieden bedeuteten, datz die starlen Rüstungen Frank-
reichs keinen anderen Sinn hätten, als den Frieden zu erhalten, datz
die Erhaltung des Friedens von keiner Seite mehr bedroht worden
sei, als von dcm preutzischen Militarismus, datz auch jetzt noch dieser
preutzische Militarismus nicht überwunden sei, datz vielmehr die vo«
ihm drohende Gefahr immer noch bestehe. . Mit nicht genug zu be»
wundernder Eeschicklichkeit war es bisher gelungen, diese Gedanken-
gänge, die zur Zeit des Waffenstillstandes und des Friedens so vor-
zügliche Dienste geleistet hatten, beständig in Eeltung zu erhalten, es
war ja aklerdings,. ich gebe es zu, mit der Zeit etwas schwierig ge-
wordcn, seitdem die Entwafsnung realisiert wordcn war, allein
Meldungen von Wasfenfunden, die zu geeigneten Momentcn sehr
gliicklich in die Zeitungen lanciert worden waren, hatten doch wert-
volle Hilfe geleistet und dazu gedient, die Vorstellung von einer von
der reaktionären Partei geplanten Schildcrhebung im Bewutztsein dcr
öfsentlichen Meinung wach zu erhaltcn. Diese sehr günstige Lage ist
nun leider, ich nehme mir die Freiheit, dies offen zu sagen, durch die
jüngsten Matzregeln etwas beeinträchtigt worden. In den Kreisen,
die durch ihre demokraiisch-pazifistische Erundeinstellung gern bereit
waren, Frankreichs Anspruch, Wegbereiterin einer friedlichen Zivili«
sation zu sein, gut zu heitzen, und aus die jene Politik Frankreichs,
die ihre Hoffnung auf Durchdringung Deutschlands mit kultur- und
weltpolitischen Jdeen gesetzt hatte, besonders angewiesen war, in
diescn Kreisen ist man plötzlich an dem bishcr für richtig Eehaltenen
irre gcworden: Erinnerungen an srühere Eeschehniste, die seit dem
historischen Bruche, den der November 1918 darst^llt, verblatzt waren,
sind wieder lebendig geworden und so hat es denn geschehen können,
datz solche Parteien, die bisher grundsätzlich von einander geschiedcn
waren, wie z. B. die dculschnaiionale und die demokratische. sich zu
jencr gemeinsamen Veranstaliung zusaw.mensinden kcnnten, ein Er-
cignis, das noch vor nur eincm halben Iahre eine vollkommene Un-
möglichkeit gewesen wäre. Jch sreue mich nun aber do.h, datz ich dem
etwas düsteren Bildc, das ich bisher habe cntwersen im'-sscn, »>-ch
einige hellere Farben austragen kann. Jch sprach von dem Zusamr
menschluste der Parteien. Nun, dieser Zusammenschlutz nar kein
voliständiger. Die Nadikalen haben crfreulicherweise nicht ,rrn-nzelt,
den Hofsnungen, die Frankreich von jeher auf sie gesctzt hat, euch in
diesen kritischen Tagen zu entsprechen. Allerdings hat es auch bier
Unterschiede gegeben. Die Kommunisten, die öutzerste Linke, haHn
sich von Protestkundgebungen in der Kammer un'o im Lande üker-
haupt ferngehalien. Dagegen hat die jetzt vereinigte Sozialdcmo-
kratie sich dem Vertrauensvoium, das die Kammer dem Ministcrium
Cuno ertcilte, zwar angeschlosscn, man erführt aber jetzt, datz in die»
ser Partei eine sehr slarke Minderheit xegen diesen Beschlntz gewcsen
ist, und jedenfalls ist die Partei bei den gestrigen Kundgebunge»
nicht mit dcn anderen Parteien zusammcn vorgegangen, stc hat viel»
melir, wenn überhaupt, besondere Versammlungen abgehaltcn, Lci
densn es zwar nicht ausbleiben konnie, datz v,eles von dcm, reas bis>
her gegcn die eigene Regierung gesagt worden mar, dicscs Mal
gegen die sremde Regicrung laut wurde, bei dencn alvr doih
immerhin geniigi-nd belont wurdc, datz die deutsche Sozialdcmolratl«
mit dem übrigcn Polke Deutschlands nicht zusammcngcworfcn zu
werdcn wünsche.

Dics lctzier» kam jedcnfalls h>er in Franlsurt in bejonders lräi-
 
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