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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0293
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Zahrgang - Nr. <s

----

erscheint wöchentlich sicvenmal. Bei'agen: Divaskalia
?^isrha!t„ngsblatt iFreitagrl — Literatnrblatt smo»atlich>.
— nrage ohne 'Verantworlung. Rücksendung nur, wenn Portv betliegt.

Heidelberger Zeitung

(Gegründet 1868)

und

Handslsblatt

MontW, 1S. Zebrsar 1923

HauptgeschiNtsstelle u. Schristl. der.Badischen Post"SeideIberg,Hauvtstr. SZ. Fernspr.:
Nr. 182. (Verlaasort: FranIsurt a.M.s Berlincr Vertrstung: VerI,n 8^48, Z,mmer.
straße 9, Fernlpr. Zentr. 418, MünchnerVertr.: München, Georgenstr. 107, Fernspr. 81667

der „Vad. Post"ML 1960 - sausschl.Zustcllgelmhr». Selbstabhol. Mk.1880.-. Nuslanv Mk.4000.-
S'U" 2. jed.Mls angcnomn, n. Am 1 u.S. noch gelief.Zeitungcn stnd nach d. Einzelverrausspreis zu be-
> ----^^. - !H?.elN!!'.ni!icr Mk. 78.-. Jft dieZeitung am Erscheincn verhindert, bcstcht kein Anspruch auf Entschädigung.

Anzsigenvreise: die 44 nun bieite Nsnpareillezeile koftst: lokale Stellengesuchs M.ZO.-. kl. lZelegenhcitsanzeigen Mk. 40.-,
Familicnanzeigcn Mk 40.—, Geschästsanzeigen Mk. 00.—.Finanz- und Jndustricanzeigcii Mk. 100.—, mit Platzvorschrist unb
Montags Mk.8.—mehr. Die 98 mni breits Rckiame:eile kostet Mk.180.—, Anzeigen uns Rekkamen von auswärts 2S°/° höher.

Llm Köln.

D

Ein sranzLsi'cher Komxromihvorschlag.

"n unjcrsm I1-Korrespondenten.

Paris, 18. FeLruar.

^ e Troccsuer auf seiner Reise nach London die ge-
" k keiner Weise erreichl hat, war es doch vor-

sranzösische Presse sich nicht scheuen wüvde, kaum

Olfs« ^ - u, , , ,' . >, , , ^ , ,.

'efn lein^ der RüLkehr ves Ministers von einem „vollen Er-
-.r'-ise zu sprechen. Die Wahrheit umzukrehen, ist ja
ItzArn die Pariser Zeitungen kein Kunststüa. aber diesmal

^ajsachen doch so deutlich, dasi auch das Pariser PuLli-
^rr »-5 wutz iiber die Unoerschämtheit, mit der seine Presse es
sn lühren möchte. Tatsache ist, das; Le Trocquer in Lon-

fiix Recht zugestanden rourde, die Eissncahnlinie Düren—
i«!i»»>lq zu benutzen, jedoch Ullter Ler Bedingung, dasi die Ueber-
Linie durch Delgier und auf keinen Fall durch Fran-
Kge: Dollkommen ablehnend jeduch verhielt sich das eng-

tz- 'Uett zu der Weiteren sehr wichtlgen Forderung Frank-
E>r kirei anderen Eisenrah'nlinien durch das von den eng-
ben^" besetzte Cebiet gleichfalls für franzöflsche militärische
Üji,.zll sNp n'u zu dürfen. Die Franzosen dürfcn vielmehr nur, wie
>i?Üiii-LU8'Nn der Befetzung des Ruhrgebiets war, täglich je zwei
>4. auf diesen Strecken oerkehren lassen. Darüber natür-

Hpft' --aincnto in den Pariser Zritungen. Jn allen Tonartsn
>bg„ man dürfe sich keinessalls Lamit begnügen,

dgch jsdem Augenblick in der Lage sein können,

^ »sg„ ^ ^der gewünschten Stärke ins Ruhrgebict z-i senden,

mit der Möglichkeit eines deutschen Putsches im
müsse, für ldessen Bevorstehen die Franzosen alle
H"wd haden wollen. Dicse Behauptnng ist natürlich
L ci»E,,".aus der Luft gc-grisssn. Sie dient e-inzig nnd allein nur
U srap,..ÄWrcke, die Sonniag bcgonnenen Verhandlnngrn zwischen
Mst nsrlllchcn General P a y o t und dem Kommandeur lder eng-
>-sii^Ä"hnngstruppen Eeneral Godley in einem.den fran-
h/»>L!>,.^"v»er>,lng-en günstigen Sinne zu b-eeinflussen. Nachdem
k.'i vei-ü^n französischen Forderungen von der en-gli-schen Regie-
d,«v, --^orten wird Eeneral Payot einen Kom-

^-l»is-„ worden sind, v .

I^«>l, o r s ch l a g machen: Frankreich wllnscht von den drei
v -ü> englisch besetzte Eebi-t durchziehen, eine zu besetzen

Ehef »--Men unz zwar diejenigc. die nicht direkt auf dem Haupt-
-,/b «inmündet, sondern Köln in erncm grotzen Bogen um-

^"Aländer jedoch sind auch Kegner eines solchen Kom-
d^eil sie n-cht wollen, d-aß die Züge von französischen Eisen-
«z,«stfjj^l?-hren werden. Wenn — was ja selbstD-srständlich ist —

f„ch"hnun-glück entstehen, welchem franzLsische Soldaten z-um
>>i?Üik würden. Das Ziel, das

"I vnn o-e-, o«s Frankreich heute mit d-l-es-er

>«- ban liegt klar auf der Hantz. Die Franzosen einsrseits
?! 'den d'e Engländer aus Köln zurückziehen, v-eil dies aller
»»t«. ^»weis liesern würdc, datz die Entente Cord-al-e tot ist,

woNen fie fich aber s.elbst in Köln ssstsetzen und
^ den Engländcrn, nm auch in dsr englischcn Zone


treiben zu können, was ihnen paßt.

lvix^ lli jedoch keine Ausstcht, datz England ihnen diesen Gefallen

M. lyeuie uiiev ou.iu.tl ut,l uuu- ul^ u,l,«.ti-

?. englischen Zon-e in seine Hand zu beksmmen, ist rein
!ks> tfiii- c^n»iich micht ohne weiieres auf dcn ersten Blick verstand-
Vt " Transport der Kohle die Frankreich aus d-em Ruhr-

üx»'iq^Mken kann, g-enügen die Linien, die die Franzosen schon
!ito kvca,, Hnnd häben, vollständig. Dies hat auch Bonar Law
t, »kiejll, » gegenüber ofsen ausgesvrochen. Augenscheinlich will
^.l»ay in ^nslichst viclc Trnppen nach dern Rnhrg-ebiet werfen,
eingesehen hat, datz mit den jstzt dort befindlichen
^-'»hr "'s Zi«l dei BesetzuNg nicht erreicht werden kann, man sich

>4, »»q Vesetzung einiger Hauptpunkt-e und aus die Eiw

In. letz't Ruhrrsv'iers wevde beschränken müssen. Wenn England
Kani? ursprüngiichen Vorwand hält, mit dem Frankreich
i>>,, i d-/^"NNhraktlon von Anfang an begründete, datz es nämlich
>>i?» da- .^»zielunq von Reparationsleistungen sicherslLllen will, so
fli,. »Nt M'» Kabinett den sranzösischen ForLerungen allerdings
^aqs'e ^Hien sein. Das wird anch vermutlich am Montag nn
öur Sprache kommen. . . ...

pariftr Svrgen.

gefährliche Bsute. — Die Kommunisten.
unserem U-Korrespondenten.
d)- o Paris, 18. Februar.

!i>st»beut^"npizweck> des Pariser Besuches des bclgischen Minister-
»cftatin-.'" n.»» n i s ist, ein Mittel zu finden, um das bisher
^ "" »''rischastliche Ergebnis der Ruhrexpedition zu heben.
u k i ° nian an dcn Verkauf der i n d u st r i c l l e n
^n^fischen ^uhrgebiets durch Franzosen und Velgier. Die

'ii! '

b i allem ^^tschastliche Ergebnis der RuhrexpeLition zu heben
u k i ° man an dcn Verkauf der industri
'stn^fischen Ruhrgebiets durch Franzosen und Velgie

ein--^ belgischen Jndustriellen sind allerdings heftige
.s.»fn P solchen Unterfangens. Sie befürchten aus einem
l»y> e-aö» l deutscher Produkte eine starke Konkurrcn '
»lli ^lgiIck->^"--''l"brll'en. Dcr Eegensatz zwischen den sranzösische

t>l>7 »«lailL "--"adrik _ _

»Eionska^? --ndustriellen einersri'ts und den Interessen der Rs-
»e.-allite^'lss andererseits ist geradezu schreiend. Kommen nämlich
i» t-Uten s° ,.-Uzu die industriellen Produkte des Ruhrgebiets zu
UNiT./°r, » >sf .n'-it einer solchen Konkurrenz ihre eigenen,,-a-
^^?»Nq „„fslien M qber einen solchen Verkauf, so ist die ganze
^illq iv ^»,7 ^«niung des Ruhrgebiets wirtschaftl-.ch e in
<^BZie >7.k Wasser.

^ ^„7,,?!./nnze französtsch-belqische Ruhrvolitik ein Gcbilde
«tiriua.en. i,t.. kann inan sich auch nicht darüber eiuiLen.

ob man sich auf die deutschen Kommunisten stützen soll oder
ob man- geqen diese »orgehen will. Eegen sie vorzugehen, lüge
naiürlick Äen Franzoscn, die in Frnnkreich ja selbst gegsn die
Führer ihrer eigenen Komniunisten eingeschr-tten stnd, an und für
sich viel näher. Andererseits möchte man sich aber der deutschen
Kommunisten bedienen, weil sie der emzigc Punkt sind. wo man die
Leutsche Einheitsfront sprengen könnte. In diesem Sinne Ledient
n:an sich in Paris a-uch reichlich Zitaten aus der „Roten Fahne",
des einzigen deutschen Blattes. das den Franzosen zu Eefallen redet.
Wenn man den Kommunisten im Ruhrgebiet einen Schrecken ein-
jagen will, erzählt man -hnen Märchen von ciner monarchistischsn
Verschwörung in Deut?ck>land, nm sie damit der Einheitsfront'fern-
zuhalten. Die Parifer Machthaber sürchten auch wieder den kommu-
nistischen E-nflutz unt-er den französifchen Besatzungstruppen. Man
spricht schon von Lem Eintreffen Raders mit 2» andcren Fran-
zösisch sprech-end'en Agiiatoren im Ruhrgebicts Nach erner Mit-
teilnng des „Echo de Paris" wurde den sr-llnzösischen Soldaten im
Auhrgebiet bekannt gegeben, datz iede Person, die einen Versuch
machen sollie, Flugblättcr unter die Coldaten zu verteilon oder mit
ihnen in Besprechung zu kommen. sosort zu verhaften sei. Die Sol-
daten mützten es vor allenr auch verm-eiden, mit Ausländern
sich zu unterhalten. Jcder Lerdächtige mllsse sosort angehalten und
festgenommsn werden, sobald er einsn Versuch machen sollte, mit dem
Militär in Beziehunqen zu kommen.

stnftre Mmpfer an der Ziihr.

Dr. Lutyer Lbcr Land «nd Lentc im Ruhrrcvier.

Von unserer Verliner Redaktion.

Berlin, 18. Februar.

In der Wandelhalle des Reichstags fand Sonntag nachmittag
aus Veranlassung der Fran N e i ch s p r ä s i d e n t Ebert ein
Konzert zu Ennsten der notleidenden Frauen und Kind-er des Nuhr-
gebrets 'statt. Dem Konzerte wohnten auch der Reichs-
kanzler und zahlreiche Minister mit ihren Damen bsi. An die
künstlerischen Vorträge schlotz sich eine Rcde des Reichsernäbrungs-
iniilisters Dr. Luther an, des Obcrbürftsrmcisters von Esssn, dcr
sich die Aufgabe gcstslit haite, den Zuhörern das Ruhrgebiet als
seine Wahlhcimat zu schildern. Drei Worte nahm' er dafür als Leit-
faden für seine Ausführungen: Deutsch, Ärbeit und Liebe.
Im Ruhrgcbiet ist man, so führte cr aus. deutsch in einem bcson-
deren Sinne des Wortes. Dort mischen sich älle deutschen
Stämme. Die Erundlage bilden die Niedersachsen aus dem West-
falenland, es kommt dazu. dsr von Eeist erfüllte tiefdeutsch-e Frayke
aus dem Rheinland. Diese Grundla-gs ist durchsetzt mit Menschen
aus allen d-eutschen Ländern.

So ist eme Bsvölkerrmg entstanden, die ein qroges und unmittel-
bar innerliches Berhültnis zum Deutfchtum hat.

Die Mens'chen dort sprechen von ihrer Heimat schlechthin als vom
„Revisr", man kommt aus dem Revier und man geht in Las Revier,
als ob es sonst keine anderen Reviere in Deutschland gäor, deutsch
im stolzesten Bewutztsein mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl und
der Empflndung einer LefSnderen Sendung erfüllt.

Die Arbeit hat dies-es ganze Gebiet in Jahrzehnten wie mit
Zaubermacht umgeWandelt, aus einsm Gebiet der lündlichen in ein
Eebiet höherer i n d u st r i e l l e r Vetätigung. Mit dicser Hingab-e
an die Arbeit schwindcn auch allc politischen und alte religiösen
Gcgensätze, auch die zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Datz
die Arbsit sich so stark auswirken konnte, ist auch der Ausdruck der
ganz-en Denksormder Mcnschen dort. Es ist für andere Deutsche,
die dorthin kommen, ost ein Eegenstand stannender Bewunderung
gewesen, wie in erster Linie w i r t s ch a s t l i ch e Dinge das ganze
Denken des Volkes erfüllten. Es ist. als wenn die wirischaftlichen
Notwendigkeiten dort in der Luft li-egen. Für diese ganze wirt-
schaftliche Entwicklung gehören M.enschen auf Seite der Arbeitnehmer
wie auch der Arbeitgeber, die nicht engherzig sind, sondern
so sind. wie die, die wir jetzt alle mit Stolz bewundern, die in
diefem Kampfe das gctnze deutsche Volk führen, in einem Kampfe,
der nicht ein Kampf des Ruhrgebiets, soydern

ein Kampf des gesamten deutschen Vslkes ist„

Wenn nicht in dieser ungeheuren Entwicklung des wirtschaft-
lichen Lebens auch die Möglichkeit einer ties innerlichen Schön-
heit läge, wäre es für den menschlichen Eeist nicht möglich, auch
aus dieser harien Arbeit die Schönhsit herauszufühlen, dann möchte
ich auch meinen, datz oin Weiterjchreiten auf dieser Erundlage uns
nicht vorwärts bringen würde. Aber es ist nicht so! Wer das
Gebiet kennt, der weitz, datz sich immer mehr aus diesen Msnschen
die Empfindung hsrausschält, ste könnten in diessr Arbeit doch eine
Art Schönheit finden. Wenn die Industrie dort das Notwendigste
ist, dann mutz gleichwohl anch' jemLnd da sein, der die Wälder er-
hält ynd zusammcnlegt. Dort liegen Städte und Land beisammen.
M-as man Arbeiieransiedlungen nennt, ist nur die Verbindung von
städtischem LsLen mit dem Landleben, alles günstige Bersuche sür
das Zusammenleben Ler Menschen und für eine Persöhckung
zwischen Stadt und Land. Es ist noch wcnig Kultnr in
diesem Eebiet, aber e'n stark-er Wille zur Kultur ist da,
z. B. wird kaum an einer anderen Stelle in Deutschland, so viel
gesungen wic im Ruhrgebiet. Ieder, dsr eiumal in diesem
Gebiei gearbeitet hat, bringt dem Lande Liebe entgegen.

Diese Stunde, so schlotz der Minister, wo das Ruhrgebiet auf
Vorposten für den Staat steht, um das ganze deutsche Vaterland
zu verteidigen und uns zu erhalten,

diese Stunde verlangt, datz das ganze deutsche Volk ein Gefühl
der Hingabe und der Liebe sür das Ruhrgebiet bekomme.

Wir wissen, datz dort in diescm Kampfe für nns noch Schläge
Kmunen,-aüer bis heute sieht es so aus, datz dort >.t i t Ersolg
gerungen wird. Wir können hier nichts tnn, als zn helfen.
Wir müsfen uns auch mit dem Tewutztsein durchdringen, Kiebe und
Dankbarkeit in dieses Gebiet zu s-etzen. dann können wir sagen, so
wie es für uns immer heitzt: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien
deutfchen Rhcin!", so mutz es dann auch nnmer heitzen: ..Tie sollen
ste nicht haben. Lie starke deutsch-e Ruhr!" Das walte Eott:

DkaskreichS Aschchmer.

Von Nationalrat Dr. Schürff-Wien.

Das Zusammenspiel der Kleinen Entcnte (Tschechoslowakei,
Polell, Jngoslawisn und Numänien) mit Frankreich wird immer
deutlicher. Seinen Ausgangspunkt bilden die Friedensverträge von
Bersailles und Saint Germain, die die Kuechtschaft des deütsthen
Volkes vorbereitet haben. Dem 'gleichen Schrcksal joll auch jeder
nndere Lesiegte Staat zuaeführt rverden, der es magen sollte. gegen
die Ausbeutungsgicr und Willkür seincr Sieger oufzutyeten.

Wie dieser von allen Pazifisten mit unglaublicher Verkennung
der feindlichen Absicht herbeigesehnte Friedenszustand stch praktisch
auswirkt, das Mutzte seit drei Jahren die Vevölkerung des deutschen
Rheingebiekes nnter unsüglichen törrcrlichen und seelischen Leiven
erfahren. Wie wenig Friedensverträge und Völkerbundgrundfätzr
bedeuten, wenn die Machlgelüste eines stärkeren Nachbarn ent-
scheiden wollcn, zeigt nun die militärische nnd wirtschaftlichc Be-
setzung des Ruhrgebi'etcs durch die Franzosen. Eine Wiedsrauirich-
tung des deutschen Volkes sall durch dicsen Gewaltstreich für Jahr-
zchnte verhindert werden.

Frankrcich fühlt sich aber durch diese Tat vor der Zukunft und
der später einmal l'ommenden Vergeltung nicht jichcr. Es will auch
die alten Freunbe Deutschlands, die vielleicht tznch selne künftigen
Bundesgenossrn sein lönnten, für die nächsten Zeiten und Aus-
einandersetzungen unschädlich machen. Daherschuf es gegen
Oesterreich u. nd Ungarn die Klsine EnLente.

OePerreich jst rvegen seiner wirtschaftlichen nnd militä-
r-schen Schwäche, besonders aber weaen seiner finanziellen Ab-
hängigkeit vom Ententel'apital für die Franzosen kein zu sürchtender
Machtfaktor Jn Paris und auch in Rom glaubt mcm eines öster-
reichischen Widerstandes leicht Herr werden zu können

Anders liegen die Verhülinisse in Ilngarn, ivo nach der
kurzen Sommunistischen Herrschast einss Bela Kun eine Periode
wirtschaftlicher und militarifcher Misdcraufbauaroeit begann.
llngarn wird trost seiner territorialen Derkleincrung und wirt-
schaftlichen Schroächung von seinen Nachbarn, die aus seine Kosten
grotz gemacht wurden, Lberaus ernft genommen und zum Teil äuch
qefürchtet. Am meisten beforgt sind die Lfchechsn, Jugoslowen uno
Runigncn, die vor offenkundiger Angst um einen ungärlschen Ver-
geltungskrieg nie zur Ruye kommrn. D-es kam in der letztcn Zeit
wieder in aller Deutlichkeit zum Ausdrucke. Am deutlichsten war
in Lieser Beziehung dis Sprache der tschechischen Regierüngsmä,«nrr.
Eelegentlich der letzten Sitzung des Autzenausschufses des tschccho-
slowakischsn Abgeorönetenhauses tllm der tsüiechische Auh»n-
minister Dr. Benesch auch «uf >das Vorhältnis zu Unga-n
zu sprechen und sagte ganz offen: „Die Tschech'oslowakei verfoige 'alle
Vorgänge in Ungarn sohr genau: sie könn» n.cht zulasscn, b'ntz in-
Lczug aus Rüstungen nnd militärische Vorkehrungen etwas geschehe,
was gegen'die Berpflichtungen des Friedensvertrages gerichtet iL
Im ganzen seien die Dinge nicht dcrart. datz jetzt ein 'ernfter
Konflikt drohen-würde. Wc-nn jedoch irgcnd etwas drohcn würüe,
fo wcrde die Tschechoslowakei im Einvernehmen mit ihren Frcunoen
in der Kleinen Entente und in Uebereinstlmmung mit der Erotze«
Entente sofort einschrciten".

Was üntsr diesem „Einschreite n" zu verstehen ist, leyrt
die ganzs Ruhraktion der Franzosen. Es wirü noch genauer erklärt
durch eine MelLung des römischen Blaties ..Voce republicana".
Nach dicser haben die Rcgierüna-en dcr Kleinen Entente bei den
Erotzmächten um die Zustimmung nachgesucht. ähnlickic mili-
t är i sch q M a tz n ah m e n g e g e n Unaarn durchführenzü
üürfen, wie sic Frankreich im Rnhrgebiet derzeit
anwendet, um a priori cine Sicherstellung der Unqarn aufzn-
legeüdcn Rer-arationsn vorzunehmen- - Diefer Vorfchlag des tsch-echo-
slowakischen Ministsrs des AuswärtiAem Dr. Benesch ist von der
französischsn Regierunq g ü n?t i g aufgenommen
worden, während das englischs Kabinett der Kleinen Enients
crklörte, datz sic einen solchen Schritt nur anf »igcne Eefahr und
Verantwortung ansführcn dürfe. Da's italienische Kabinett
-dagegen hat dsn sondierenden Regisrungen mitgetcilt. datz es die
beabfichtigte Aktian der beiden slawischen Mächte (Tfchechoslowakei
und Jugoslawien) geqen Angarn niemals, Lulden werve.

Hier ist der ganze Plan Ler Grotzcn und Kleincn Entente un-
widerleglich aufgedeckt. Deuischlnnd foll durch Ftankreich und Bel-
gien, dagegen Üngarn durch dic Tschechoflowäkei,- Rumänien und
Jugoslawien militärisch niedergehaltest werden, um einer Abänds-
rung dsr Friedensdi^ate »nd anch einer wrrtschqftlichen Wiederauf-
richtung dcr besiegten Vöiker vorzubeugen. Büch soll 'dadurch eine
nnlitärische Annähderung von Deutschland und Unga.rn verhindert
wcrden. Die Legitimation zur Berrvirklichung dieses teuflischen
Planes soll jsner Teil des Friedcnsvcrtrages geben, der von der
aufgezwungenen Pslicht zn Reparationen händelt.

Es kann nicht verwnndern, datz diese Anschlöge der Grotzen nnd
Kleinen Entente auf die von ihnen zugestcherte Freiheit Deutfchlands
und Ungarns i'ii dercn Bevölkerung höchste Enlrüstung hervorrufen
Mntz. Wohin diese Znstände treiben, tann heute nngesichts der bru-
talen Politik Franlreichs und seiner politischen Ckläven in der En-
tenie niemand sagen. So sonderbar es klinaen maa. ist es doch
leider Ta'sache, dätz js weiter wir uns zeitlich vam Weltkrieg cnt»
fcrnen, wir uns umsoweniger dem wahren Frieden nähern.

Aer stmzöMe Sergarbeiterfire«.

Positives Ergebvis der Verhaudlungen.

- Paris, 18. Februar.

Es scheink, datz dre Strettbewegung unter den französischen Bergs
arbeitern am Mont-ag eine Wendung crsähri, da die Berhand»
lungen zwischen cen GrubenLesitzern und den Bevgarbeitsrn rn den
Bergwerksbezirken im Norden bes 'llas de Tala-s und in denen
bei Anzin zn einem positiven Ergebnis fiihrten. Die Berg-
arleiter erhalten für die Zeit oom l. bis 18 FebrE e.ne Lohn -
erhöhung von zwei Franken tägiich, für aue Arbelter über üt>
Iahre wird die Summe 'nachgezahlt, fern-cr w.rd vom 15. Februar
a-b eine Erhöhnng des Lahnes um 3.25 Z-ranken. ie Schicht zuge-
st-anLen. Nach Havas brs-itete sich der Ausstand im Rbrddepartement
Samstag zwar aus, immerhiü scheint aber auch die kommunistische
, Humanitö" dic Nuf'assnng zu vertrcten, dag dic in Duai erzislte
E'inigung aus d-cn Streit vou Elnsllch sei» müjje. Aus dieje«
 
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