Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

DOI article: DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0537
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
^hrgang - M. 88

'rsch-int wSchentl Itebenmai. Beiiaaen: DidaSkalia,Sonnt.>-
>-^?erian^,x ^^blatt lFrettagr» - Ltteratnrblatt — Sochschuibeilage <monatiich>
^ettragr obne Berantwortung. Rückkendung nur, wcnn Porto betliegt.

Heidelberger Zsitung

(Gegründet 1858)

und

Handelsblatt

Frettag, ken 30. Rarz 1923

Hauvtaeschältrltelle u. Schrtstleitg. der.Badischen Post'Heidelberg.Aauvtstr. 28, Fernspn:
Nr. 182 (Verlagrort: flranlfurt a. M > Berliner Vertretnng: Berlin 8tV 48, Ziniiner-
strabeS. FernIpr.Zentr.418, MünchnerVertret.! MLnchen,B«orgenstr.1l>7, FernIpr.SIKS?

r Fraukfurt a. M. N141V

^°ltell^"°2vreis der .Bad.Post' Mk. 4M>» - laurschl. Zustellgebiihr». Selbstabhol.Mk.8WU.-. Nusland Mk.SUUO.-
"I" bis rum 2. ied.Mir anaenommrn. Am 1 u.2.noch gelicf.Zeitungen stnd nach d. Ein,elverkausspreis zube-

angcnommrn.

17U.-. Jst dte Zeitung am Erscheinen verhindert, besteht kein Anspruch aufEntschädigung.

«ostscheik.Uonto: Srankfurt a. M V1S1»

Anreigenvreise; die44mm breite NonpareiNezeile Iostet:iokale Etellengesuche Mk.8U-, kl.Eelcgcnheilsanzeigen Mk lUth.
Familtenanzcigen Mk 8U.—. lSeschästsanzeigen Mk.178 -,Finanz- und JndustrieanzeigenMk. 280.-,mit Plagvorschris, unö
Montags Mk. 1U.- mehr. Die 98 mm breite Neklamezeile kostet Mk. 6VV.—, Anzeigen un» Reklamen von aurwärts 28°/» höher

^ie Einheitsfroiit des Ruhrkampfes.

unserer -vemner vreoarrion.

lÜ^bfront^brwiegend auch die Belastung ist, die die poliiische Ein-
Ei °^aa»n die selbstherrliche Aktion des Herrn Severing
i>», ^ ° i t« ^ 'st es doch eln erfreuliches Zeichen, das; die

n» "" u t in der Ruhrfrage die gleiche Linie
E.^r allo^," Eeschlossenheit aufweist wie bisher. Dies
l>o!,'6en Ä,. ,."uch der Eindruck, den die Dienstagssttzung des Aus-
kgd,? Aus»i» '7>°s in der Presse hinterlassen hat. Zu den leb-
Ds» Is, h- '"undersetzungen über die Münchener Red« des Reichs-
ih >, ^usln-^man vielfach besürchiet hatte, ist es nichr gekommen.
h» °°) N^W° i>at ergeben, dast die Haltung der Reichsregierung
i>i» die gleiche geblieben ist, ohne jedoch ctwaige Ver-

sr»--Ussg,,,-, i'chkeiten ausisuschalten. Der offizielle Bericht über
UlHl-ivsisn,' oUi;ung hetont die eimnlltige Ablehnung der von der
Hlü'ke lleb»^^i;ierung verlangten Kapitulation und ebenso die ein-
>>lt°, iillnd-« eugung von der Notwendigkeit des weiteren passtven
der utionas. !"0t «ber ausdrücklich hinzu: mit dem Ziele, durch
^echi^.^EreinLarungen die Befreiung des Ruhrgebietes von
DemkMmaen ksnvakon berbeizusübren.

ierliner Redaktion.

^„li^vroh,sur Frankreich komme nur eine Lösung des Repa-
dng Ken o ^l^ w. Vetracht, die das Ruhrgebiet als Pfand für die
uhr»HUungen in den Händen der Franzosen laffe, und datz
d«r "i§0en n„ t nur nach Matzgabe der von Deutschland eingehenden
U'lz-, - ,, w miliiärischen Drucke befreit werden solle. Selbst

der doch wirklich alle Vsrhandlungsmöglichkeiten
unsösj-^uersucht. muh nun in einem mit grötzerer Schärfe an
"lif 7" st -^°°^° gerichteten Artikel feststellen. datz es unter
ks , "ranknej^ " nden eben keine Verhandlungsbasis
^ode» da Frankreich wiederum bewiesen habe, dah

^rs.?^utsKr" Versailler Vertrages längst verlaffen babe. Es
"°S> « ->°"o unmöglich zugemutet merden — so sagt der „Vor-

M F'lfe Zfreich zur Vollendung dieses VertragsLruches anch
lnsten. ,.Da das Ziel." so schreibt der „Vorwärts"
"ks Manhd» Artikels, „durch die stortführung des passtven
"Iz Ä'i>raes,:.. ^ch internativnale Vereinbarungen eine Befreiung
Mbar»« °s herbeizuführen, noch nicht erreichbar ist, so bleibt
ÄvN frav.^k^um nur die einmütige Abkehnung der
Ms>x„'8e nU'chen Negierung geforderien Kapitulation und die
"i?i fuand s „ rzeugung von der Notwendigkeit, den passtvsn
ein». ^zusetzen, bis das Ziel erreicht ist." Datz dieses
°lso Men. f,a ^bsehbaren Zeit erreicht werden könne. ist noch nicht
M » ° Eg>„„. daran zu denkon ist, datz die Mitunierzeichner,
die !>°° Versailler Verirages, Enqland und Iialien,
^i°ni Dy!. /o°"°'nigten Staotsn zu einer Dermittlung schreiten
, ^e>° °"ch uns auf eine länaere Frist aesatzt machen müffen,
^ fchr°i8t. ^wokratische Abgeordnete Eotbein. der unter
Ms -)edenfalls kann kein Zweisel sein. datz wir fähig

Eh'Mif o»!„!,uud. noch sehr lange durchzuhalten. Wir machsn
„ d t»I? r ' batz die passive Rellstenz noch bis in den näch -

NÄk M pi^rtaesetzt werden müffe.

s."' ?! Wl8y/>!°^t etwas zu vessimistisch gedacht, denn in-
spblltli^'' >ns°»„ "uch die Stimmung im Auslande unverkennbar
- °l" >n"ut'lmgle Handelskammerkongretz in Rom hat be-

k?, llli»?0ll zg üf>°n'!?tionalss Propagandakomitee einaesetzt, das im
«> llt»p Handelskammern aus aller Wekt dis Vrovaganda

I-^Nl !-Uon . U"d oanz besonders auch in dcn Vereinigten

>»^ei, ,'r De„!!L-'tu- auinehmen soll, um die Reparationsfrage in
Ne ^u lös»! '"land erträgliiben Matzc durch lnternationale An-
akl?''t fiir',.- t>ah>n müffen wir uns in Teduld faffen. Ee-
>rz hoÄ-d!e 'n unserer jetzigen Lage nichts sprechen kann.
^'tjst?tfuhru„^ ?' t, ,F es zu bearützen. datz der einmütige Wills
j».u A„zs5 „Lo passtve« Widerstandes in der Sitzung des Aus-
'Usses wiederum so stchtbar zum Nusdruck gekom-


^chenffreil im MrgrSiet.


'Eb"ufuahme n«r näch militSrischer NLnmung.

». - V >n ne„»e, Effe«. 29 MS-z.

> k »??°nzm^>ten Meldunqen wird aufallen Zechen, die
d»?°'t r e i x n bder den Belgiern besetzt gehalten wer-
8s»'t dann Aechenleamten und die Arleiter wollen die

, run^unlna-n aufnshmcn. wenn sich kein Soldat mehr auf
il?» Sggy^n blicken läht. Auf dcr Zeche „Westerholt"
4vgg "Rßeinbaben" E0 und auf „Concor-

k?

iib

>'ug.

uf

Die Art >der Vsrladung des
Belgier ist weiieihin sehr
und Belgier noch nicht Lber
dr-ei bis vier kleinen Zügen hinaus-
Vesetzung alle 10 Minuten
ionskohle nach dem Westen

duH^nn'n jm Ausstand.

8»? t8ai!-^>she>°n Franzosen und
«i°< n^Verl°^-d'° Franzosen
r° ,?.iig ^hrend

ldvÜ^fttA/Vgtte^toren im Ruhrgebiet haben noch «inmal die Auf-
^n^ BesLd'e Kohlensteuer bis zum 31. März an die
Äer„?ttten. ?„7n?öehörde abzuführen. wenn ste stch nicht strafbar
fte?.b°>l^^kt^„ 7j°r stellvertretend« Vorsitzende des Aufsichtsrats
lim. >>» ^?nzc>s„Ü^°t°tlfchaft Lothringen, Eeheimrat Korte, ist
^ll'lnenk^^ bereits verhaftet worden. Die Verhaftunz
't°re Ä°r an L- ""t Äer Weigerung der Bergwerkslciter. die
'"°rhaftun!,»„^^"i>of°n zu zahlen. Es wird beMrchtet, datz
^kUp N ^ ^'°bindustriellen bevorstehen.

k»*?"«. -^«ng des AheinlandablommenS.

^°f>te„"V den Der Jnterallilerten Rheinlandkommifston

k- Di» ^°biete j» den preutzischen Staatskommiffar fijr die

K^°ibe?Nteraiii " , Elenz folgender Protest zugeleitet:
d^'al^^ln i. M^,^?n^tEommissiou hat in der mir mit
st?-'r'.°u"onnanz Nr ?,tg2g Nr. S11S/H. E. I. T. R. übermittelten
^ Si-^ ^estsetzunl? l'6, die Zuständigkeit in Anspruch ge-
^»t dami!'^?^m tkrhebung der Kohlensteuer neu zu
t den Vertrag von Persailles «nd da« Rhej«-

landabkommen verletzt. Die deutfche Regierung legt dagegen
Rechtsverwahrung ein. Zur Abwehr solcher Rechtswidrig-
keiten hat die deutsche Regierung unterm 16. März 1923 mit Wirkung
für das gesamte deutsche Staatsgebiet verboten, Steuern, Zölle
und sonstige Abgaben oder Eebühren und Eeldbeträge, die als Ab-
gaben oder Eebühren von anderen als den nach den deutschen Vor-
schriften zuständigen Stellen gefordert werden, an einen Beauftrag-
ren einer sremden Macht oder an eine Kasse, die stch in ihrer Ee-
walt befindet, zu zahlen, oder Zahlungen für eine fremde Macht
anzunehmen. Wer es unternimmt, diesen Vorschriften zuwiderzu-
handeln, oder wer vorsätzlich zu einer solchen Zuwiderhandlung auf-
fordert, anreizt oder stch erbietet, wird mit schwerenStrafen,
auch mit Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehren-
rechte, bestraft.

Der Sankroti der Mrakiion.

Elndrücke elnes sranzöfischen ALgeordneten vom Einbruchsgebket.

Paris, 29. März.

Dcr sozialistische Abgeordnete Uhry, der jüngst eine Reise
nach Mainz unternahm, schildcrt seine Erfahrungen in der
„Ere nouvelle'. Genieoffiziere hätten ihm in Köln, wo er unfrei-
willigen Aufenthalt nehmen mutzte, gesagt. vor unserer Ankunft
gingen aus dem Ruhrgebiet 1500 Eisenbahnzuge nach allen Richtun-
gen täglich, s-it wir da sind gelingr es uns kaum, zwej Züge
abzulassen. Wenn wir alles instand brinqen wollten, brauchten wir
150 000 Waggons und ein autzerordentlich zahlreiches Persoi^al. Wir
haben weder das eine, noch das andere. Die Eisen-
bahnschwellen sind aus Eisen und nicht, wie bei uns, aus Holz
und ste erfordern eine ganz besonders delikate Unterhaltung. Da
wir keinen Menschen besitzen um das zu tun, stnd wir ge-
nötigt, sehr kangsam voranzukommen, sonst würde es Eisenbahn-
unfälle über EisenLahnunfälle geben und man würde von Sabotage
reden. Uhry sagte ferner,

seit Ler Ruhrbesctzimg sel der Handel zwischen dem Rheinland
u»d den grotzen franzöfische» Stödre», Ler fich zu rutwickcln
begam», wie abgeschnitte«.

Die französtsch« Handekskammer in Mainz sei in voller Prosperität
gewesen und franzSsische Hoteliers hätten stch in Wiesbaven ange-
kauft, aber jetzt ruhe alles. Man könne weder ein PostpakU ab-
schicken, noch telegraphieren oder telephonieren. Die geschäftlichen
Transaktionen seien gleich nulI, und wenn man das Glück habe,
in einen Zug zu steigen, der von wackeren französischen Eisenbahnern
geführt werde, dann könne man sicher sein. datz man unter
sich, also unter franzSsischen Soldaten und Offizieren sei, denn
kein Deutscher benutze in diesem Augenblick die von den
Franzosen geführten Eisenbahnen: aber man wisse, datz, wenn man
um 8 Uhr nachmittags von Mainz abreise, man erst am anderen
Vormittag, wenn man Elück haüe, um 7 Uhr in Paris ankomme.

Die französischen Eisenbahner, die die Tageszulage
von 15 Francs angelockt habe, und die sich deshalb dazu hergegeben
hätten, ihre deutschen Kameraden zu ersetzen, seien enttäuscht.
Sie hätten ihm erklärt, die Nahrung sei schlecht, man schlafe auf
Stroh: die Familien, deren Mitnahme man gestattet habe, wützten
nicht, wo ste unterkommen sollten und man verbiete ihnen auch den
Zugang zu den Offiziersmeffen. Ja noch mehr. Dem Ministerpräst-
denten sei ein Bericht Lbermittelt worden, um ihm anzukündigen,
datz die freiwilligen Eisenbahnarbeiter vielleicht in den Streik
treten würden. Jetzt, lieber Leser, so schlietzt der sozialistische ALge-
ordnete. bist du aufgeklärt.

Niemals werden die franzöfischen Jndustriellen Kohlen ans
dem Ruhrgebiet erhalten!

„Wenn die französische Regierung eine politische Operatlon dadurch
hat vornehmen lassen. datz ste die Ruhrbesetzung vollzog, dann geht
das die Offiziere nichts an," habe ihm ein Eeneralstabsoffizicr ge-
sagt. „W i r haben nur gehorcht. Aber wenn man uns hier-
her gernfen hat, um die Jngenisure zu schiitzen und um eine wirt-
schaftliche Operation zu erreichen, dann müffen wir bestätigen, datz
das Fiasko gemacht hat." Das ist der wahre Erund, weshalb
PoincarS stch jetzt so nervös zeigt und uns verhindern will, von der
Kammertribüne herab das Land aufzuklären.

Einen neuen Beweis für die Unfruchtbarkeit der Ruhraktion und
ihrer Schäden für die französische Jndustrie bildet die Tatsache. daß
die Staklwerke von Rombach in Lothringen wegen Koks-
mangels ihren letzten Hochosen auslöschcn mutzten. Der Be-
trieb ist vollständig geschlossen worden. >

AusdehKung der Vefehuug?

Pari s. 29. März. (Eig. Drahtm.) Liner Diiffeldorfer Mel«
dung der „Daily Mail" zusolge glaubt man, datz in der nöchsten Zeit
das Wupper - und das Wolmetal oon denFranzosen be,
setzt werden würde, mn insbesondere die dentsche Textil- «nd
Metallwarenmdustrie zu trefscn. Die Frnnzose« dürsten in den
nöchsten Tage» zwischen Wippersürth und Overath, das
kürzlich »o« den englischen Truppeu ausgegcben wurde, neue Zoll-
osten aufstellen, um Eummersbach. Marienheide und
ieringhause» in die Blockade einzubeziehen.


DaS franzSfische SchMauProgramm.

Pärls, 29. März. (Eig. Drahtm.) Das französische
Echisfbauprogramm, das durch ein der Kammer vorgelegtes
Eesetz verwirkiicht werden soll, umfatzt für die Jahre 1925 bis 1930
den Bau von iechs leichten Kreuzsrn, 15 Torpedobootszerstörern,
24 Torpedobooten, vier llnterseebootkreuzern, 30 Untersseboot-'n
1. Klasse, zwei Minensuchbooten und vier Petroleumtransportschfffen.
Es wird behauptet, datz dieses neue Programm mit den Beschliissen
von Washington über die internationale Seerüstung im Emklang
stehe und dah es vor allem dazu diene, jene Ueber- und Unier-
wafferjchiffe zu erjetze», di« jetzt Lereit» veraltet stnd.

Sieg in der Aiederlage.

Karfreitagsgedanken von Zulius Werner.

Karfreiiag Ist siner der erhebendsten Feiertaa« der Thristen-
heit. Und dabei soll's auch bleiben; wenn auch radilale Parla-
meniarier, wie es noch kürzlich geschehen, bvlschewistisch gestimmt«
Angriffe gegen die kirchliche Feiertagsordnung richten. Natürlich
ist der dem Andenken an Christi Tod gewidmete Tag kein von
hellem Festglanz umleuchteter Feiertag. Es handelt sich vielmehr
um stille Einkehr, um eine Anregung zu ernstem Sinnen und weihe-
voller Hingabe. Und Menschen, die nicht an der Oberfläche der
Dinge haften oder von engherziger Parteilcidenschast geblendet sind,
mllffen gerade !n der gegenwärtigcn Passionszeit unseres Volke»
für die in Frage stehende Angelegenheit ein tieferes Verständni»
zeigen. Finden doch gerade in der Erundstimmung dieses kirchlichen
Feiertages ernste Eefühle unseres nätionalen Zeitbewußtseins eincn
beachtenswerten Widerhall; auch die Sehnsucht unseres Volkes nach
Erlösung eine tiefere Begründung. Und zwar dies um so mehr, j«
mehr einmal die lärmenbe Tagesstimmung zeitungsmätziger Aktuali-
täten vor den bleibenden Bedürfniffen religiös-sittlicher Bedllrfniffe
zurücktritt. An den ethischen Gedanken, wie ste am Kreuz auf Eol-
gatha einen weltgeschichtlichen Ausdruck fanden und noch immer
auch in unseren Gegenwartssorgen und Zukunftshoffnunqen mit-
sprechen, erkennen wir sowohl für einzelne wie für unser ganzes
Volk innere LeLensgesetze. Es Lffnet sich unter dem Kreuz
cine irrationale Kraftquelle. Es bietet die Botschaft des Karfrei-
tags die MLglichkeit für die Herausbildung einer Art von uber-
politischer, religiös-nationaler Eidgenoffenschaft. Und die Votschaft
des Kreuzes wird selbst bei ernster Würdigung doch eine verschieden-
artige Auffaffung zulaffen. Dabei wird es flch indes bald heraus-
stellen, datz nur eine gläubig gestimmte Scele mit vollem inneren
Eewinn aus des Kreuzes stumme und doch so beredte Votschast
lauscht.

llnd was kundet das Ereignis vom Karfreitag? Es ist, nach
dem ersten Eindruck zu urteilen, die Kunde von einer schmerzvollen,
niederbeugenden Tragik. Was geschieht? Es leidet der edelste Men-
schenfreund unter erbittertem Haffe. Ein gottbegeisterter Jdealist
stirbt an getüuschter Hoffnung. Der grötzte Prophet erduldet das
schlimmste Prophetcnlos. Ein erhofftes Rcich des Friedens und dcr
Liebe verstnkt in der Nacht der Feindschaft und des Wahns. Der
Kreuzestod des Nazareners, erscheint er nicht als qualvoller, zweck-
loser Märtyrertod'? Hat Christus demgemätz nicht als ein jlldischer
Sokrates zu gelten? Wie jener Weise vcn Athen den Eiftbecher
trank, den ihm die Sophisten durch irregcleitete Richter darreichtcn,
so nahm der Menschensohn den Leidenskelch und verblutete am Krcuz.
Las ihm fanatische Pharisäer durch römische Kriegsknechte errichteten.
Und das Ergebnis einer solchen rein verstandesmätzig-geschichtlichen
Betrachtungsweise lann wohl kaum anders als mit einer schmerz«
lichen Erkenntnis cndigen. Es ist die Linsicht, datz eine von edl.m
Drang beseelte Freiheitsbcwegung auf geistigem Eebiete, und n i ch t
n n r auf geistigem Eebicte, zuletzt doch kläglich scheitert. Tatsäch-
lich lehrt die Eeschichte allcr Zeiten, datz hochherzige willensstaike
Träger von Freiheits- und Erneuerungsbewegungen nicht selten an
gebrochenem Herzen, an gescheiterter Hosfnung tragisch enden. Ja, in
diesem Ton klingt die Botschast vom Kreuze aus und sie wird noch durch
Loglettende Einzelumstände in ihrer schmerzensvollen Trazik vertiest:
Eine Volksmaffe. die noch vor wenigcn Tagen ihren Wohltäter, ihren
gefeierten Helden umjubslt, umtoüt ihn jetzt, von Agitatoren ver-
hctzt, mit dem Fluchwort: „Kreuzige ihn!" Mit der Plotzlichkeit
eines Witterungsumschlags haben sich die Huldigungsrüfe vom Palm«
sonntag in fanatisches Wutgeheul verwandelt. Herodes und Pilatus,
bis dahin dnrch Eifersüchteleien entzuteit, haben sich in tödlich ge-
meintem Vcrnichtungswillen zusammengefunden. Während des Er-
lösers entschlosscns Feinde stch verbünden, verlieren des Meisters An-
hänger jn der Stunde der Eefahr den Mut des Vertrauens, die Be«
harrlichkeit des Widcrstandes. Eanz gewitz: der Kreuzestod bedeutet
cine Niederlage von schicksalsgewaltiger Tragik. Dieser Eindruck
beugt uns um so schmerzlicher, je deutlicher manche unserer Erfahrun«
gen ein Aehnliches besagen. Wiederholt es stch nicht in unserer Zeit,
datz hochher,ztges Wollen und tatoolle Opfcrbereitschaft sowohl eiizzel-
ner Dolksgenoffen wie ganzer Volksschichten mit.dem Schicksal'der
brutalen Vergewaltigunz und Erdroffelunz bedroht wird?

Und doch dürfen wir es nicht vcrzessen '- was uns von der nieder-
zwingenden Tragik am Karsreitag verkündet wird, ist wohl eine
Wahrheit: aber es ist nicht dieganzevolle Wahrheit- Das Istzte
Wort in des Kreuzes Votschaft ist aus einen anderen Ton gestimmt
und hat eine erhebcnde Wirkung. Der Tod Jesu war, in seiner
Tiefe erfaßt, ein Sieg. Ein moralischer Sieg, den erlösungs-
mächtige opfervolle Liebe, in äutzeres Trauergewand gekleidet, über
Eewalt und Vosheit von innen heraus crrungen. Der Dulder ward
doch zum lleberwinder. Vor des Eekreuzigten Dornenkrone welken
noch immer die Lorbeerkränze irdischer Machthaber. Und sein Sieg
hat eine geistig-moralische Kraft, die in der Welt und Menschheit
fortwirkt. Die Funken von seinem heiligen Liebesfeuer entfachen in
empfänglichen Herzen eine wunderbare Kraft und Elut. Das un-
sterbliche Beispiel des Ueberwinders befähtgt selbst äutzerlich
Schwache und Eeringe, dah ste wie Erohe,und Starke ein unerträz-
liches Schicksal ertragen und zuletzt — überwinden.

Es gibt bekanntlich in der Welt — bis zum heutigen Tags —
sogenannte P y r rh us s i e g e. Es sind dies Scheinstege. Jn Wirk-
lichkeit stnd dabei die Sieger die Unierlegenen. Aus ihrer zur Lchau
getragenen stolzen Zuversicht sttert doch innere Angst hervor. Was
sich auf Eolgatha ereignete, war ein u-mgekehrter Pyrrhussteg:
ein innerer, bleibender Sieg in äutzerer Nkederlage. Und diese»
Sieges Botschaft kündet mit unverminderter Krast auch dem Ee-
schlecht unserer Tage: AllesErotzewirdnurinSchmerzen
geboren» neuerLebe» erstehl äur auLDp,fern «yd
 
Annotationen