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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0709
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^Srgang - Lr. 11s

I dvst" erschemt wöchentl. siebenmal. Beilaaen: Divaökalia <Sonnt-> —

1^»r>,r^"""ussblatt<Montags> - Literaturblatt —Sochschnlbcilage «monatlichs.
'—-oie Beiträae ohne Derantwortung. Riilksendung nur, wenn Porto beiliegt.

Hekdelberger Zektung

(Gegründet 1858)

und

Aandelsblatt

^rettag, l»ei> 27. Aprls 1S2Z

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Dostschech.sonto r Franlkurt a. M. V141S

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Die SchicksalSuote.

^ Don unserer Berliner Redaktion.

auswärtigen Preffe wird vielfach die Anfchauung ge-
^chen d Verhandlungen, die sich an die in Vorbereitung be-
N ietzj» ^^^^chen Vorschläge knüpfen werden, nicht mehr gut vr.n
^»ise Regierung vertreten werden können. Namentlich die
k ^ v-rh^?bsse fordert ja mit einer Vcharrlichkert, die allein
b äl stimmen kann, datz das Haupt Lunos gewisser-
d ^UNllsl'- Deutschlands auf den internationalen Ver-

^stSnht-^'ich Selegt werden soll. Die Forderung Frankreichs ist
» Cuno ist den Parisern unangenehm. Er hat

8 üb hatte iich nicht '"Ehr als einen ins Mini-

^tzten Beamtentyp vorgestellt und sieht sich jetzt einem
^3en>ih„ "*?un von doch immerhin recht annehmbarcm Format
' E'Uem Manne, der nicht blotz eine Figur auf dem inter-
^chachbrett ist, die man hin- und herschieben kann, son-
^vkinl schach bieten möchte. Man ist durch die Aera Wirth

schach bieten möchte. Man ist durch die Aera Wirth
^an steht vor allem in ihm den Jnszenator des passtven
„ Es >7 an der Ruhr, und deshalb die ungnädige Laune.
b g^UliE ^esremdlich, datz auch ein Teil der deutschen Prssse der
^sser p^^s^uneigen scheint, als ob die kommenden Verhandlungen
^ . tvichter von einer Regierung getragen werden können, an
- 3ejti7^ "schs urehr Herr Cuno steht- Namentlich die Münche-
. ngep hahxn sn hen letzten Tagen mit einsr auffallenden
e Sr,.--^ung stch in diesem Gedankenkreis bewegt. Für eine

'ö,

^Ut,

U^fx^ung stch in diesem Gedankenkreis
, ni-bl liegt ein Erund, der sich auf re

reale Tatsrchsn stützen

^ch ^ ^or. Es ist nicht ersichtlich, wesbalb das Kabinett Cnno,
h.^Ut kurzem bei der grotzen politischen Aussprache im Par»
U>te. ^ w geschlofsene Mehrheit hinter sich rsreinigt

eine Regierung vorher, nicht auch die Vsrhandlungen,

ar ware.

»ia/c"' k>er mit unserem Nationalgefühl vnvereinb
öle ^Unn- nicht recht e'm worauf die GerüKte, die von einem
i'ib 'Ut^^.^sel sprechen, in Wirklichkeit stch gründen könnten. Für
i^Ung^^u tionglen Verhandlungen stnd die internationalen Be-
h^svoiitn'," Herr Cuno nun einmal verfügt, von Nutz-n und
kv ^Uligf'llnläste liegen nicht vor. Das Pariser Gsschwätz von
di/m"" ^uischen Stinnes und Tuno und die Folgerun-
^ Dix 'buulevürdpreste daraus ziehi, verdienen keine Beachtung.

!^Ukbeit»z^ beutschsn Vorschläae des Kabinetts Cuno werden
!tz:,mche m. dasgrotze Eeheimnis, über das die aus-
bereits mehr zu melden stch anschickt, als man in der
^ist/s si cki ^^er zur Stunde noch weitz, wird in kiirzester
sr»ten ^."skiüllen. Das Ausland, das stch nun einmal aufs
»>ist^ »i ^ ^Uestellt hat, zerbricht sich vor allem den Kopf über die
^Uf Deutschland für seine Zahlungsbereitschaft zugestchen

^Ut^UsK Een die deutschen Vorschläae dem Ausland die erste
« ^cht ^ bringen. Man kann stch, wie die Dinge liegen,
UUptoi,-" bestimmte Summe festleaen, und es wird eine
^UH s^r ber deutschen Note sein müsten, dem Ausland das,

Uzp "Uziy^^ schss Empfinden eine Selbstverständlichkeit ist, so klar
ri», ^iue«. zum Ausdruck zu brinaen. dast man niibt wieder

'U?


^'Uem vs 8 zum Ausdruck zu bringen, datz man
^suie»--"bw eich en Deutschlands zu sprechen.

nicht wieder

y.«.. > M e i> ^eulimtunvv yu ipreu>eu, Nicht wiedei

->x. st?t,, "bkeit uns zu unterschieben waat. Für Deutfch-
Ulls^^E' ben kommenden Verhandlnngen
.'u e y wSpiel als dasFestlegen auf eine
Niig- w""bsoviel Milliarden. Die Fraqen von 80 otzer 40
en werden in dem Augenblick in den Hintergrund
^m^Udeg , ^ Schicksal des Ruhrgebietes, wenn das Schickfal des
^itzs^ Ct r.e s ^ntfcheidung steht. Nicht umfonst hat der Abgc-
'U, ^U, dy- s^nnn in seiner Rede so ausdrücklich daraif hin-
^ sint Aufgeben irgendwelcher fouvcränen Ncchte
sür Deutschland nicht in Frage kommen könne.
steht stch diesmal einer viel schwierigeren Situation
'raendeiner der Konferenzen, die vordem der Löfung
'ch lin, ^^"sükteg dienen follten. Damals handelte es frch
?Utz, ' i ch e »ls "w die Zahl. Heute stnd die wirt-

^Uii^ch ver? , "iungsmöglichkeiten mit politischen Zielcn, die
r^Se« ^8 >l, ^' ^nd lür die es in England und Amerika gsfchickt

?°lij s. Cesch. wachen verstand, derart verquickt, datz es unfrrer
i§^> Su . eit bedarf, den Schlingen, die gegen uns aufge
^>s d,^^^Ud ^!?8ek>en. Wir müsten immer wieder damit rechnen,
?^e^^ch dix mi^^^Ereich an einem Strange zieht und ,öir dürfen
dkxy, dxx ^,?!iebigen Kritiken, die jetzt von Paris aus an die
, st »Üe«, ^"schen Autzenministcrs gerichtet werden, nicht be-
? kSvn^b ^ politische Manöver, auf Täuschnng berechnct.
^U st.^llen v, kein Deutfchenfreund. Es ist als ausgefchlosten
^itze^ait ' . ü^er seine Rede gehalten hat, ohne flch vorher über

u>tz ^Uks^ .

tz°>tzy betz"^^er Nede Curzons ist für
üi^ Utze/gssgrEaritäten die Rede ist, -

^schl» iZre^? 8 keit abzufchähen haben. Ein inter-
K, Ut ^ des , "w von Sachverständigen, wie es vor allein der
^l,es urz, "wer'kanischen Staatssekretärs Hughes vorsteht,
andee».--.""ä"sch«>eben, wie «us desfen Polcmik gegen
».? sfen ^ -Eelle fein.er Rede hervorgeht. Die Frage bleibt
1»? ft»?- BZenn ^ch°s die Autoritäten stnd, die Lord Curzon im
«p ktiiten ^"llchland fich der Entscheidung dieses Gremiums
wilen tz,»k> ?ch"erständigcn nach Anschauung dss Aus-
»> stt dies« Frage fiir «ns oon der allergrötzten

Su se^ ^te Richtung dieser Rede mit Paris ins Einver-

nns noch der Pastus,
die Dentschlands

Wichtigkeit und sie muh i« der Note mit derselben Borsicht
wie arich Eirtschicdenheit brhandelt werden.

Ucberhaupt kommt es Liesmal viel auf die geschickte und
eindrucksvolle Formulicrung der Notc an. Wir wisten, was
das Ausland über Deutschland denkt. Wir sahen, datz selbst der
rechc Einbruch in das Ruhrgebiet mitsamt anschlietzenden Eewalt-
aktionen keinen Stimmungsumschwung zu unseren
Gunstcn hervorgerufen hat. Ein Wall von Vorurteil, Mitztranen
trennt die übrige Welt von Deritschland. Wir haben es bisher
nicht verstanden, eine Bresche in diesen Wall zu legen. Wir
haben Note fiir Note in die Welt hinausgefchickt, doch ist kein Echo
gefolgt. Heute wartet das gesamte Ansland mit einer Span-
nung, wie sie vordem nie vestanden hat, auf die neuen
deutschen Vorschlägr. Noch nie lag das Ohr der Welt so
offen vor nns. es gilt daher die günstige Srtuation auszunützen.
Wir dürfen nicht wieder mit einer Note komme«, die vor Gründ-
lichkeit und Sachlichkeit trieft, die durch lange und detaillierte Schil-
dernngen zu Lberzeugen fucht, mit einer Note. die nur ermiidet
und die sich nur an die oberen Zehntausendc der eigentlichen Poli-
tiker wendet. Die Note mutz diesmal eine Sprachc fprechen, die
von allen verstanden wird. Sie muh von vberzeugeader
Eindrin glichkeit fein, aus einem Guh fliehen, unter Ver-
meidnng alles itörenden Bciwerks. Sie mnh mehr mit dem GesLhl
operieren, nachdem der Appell on die Einstcht so oft oersagt hat.
Sie mutz zum Ausdruck bringen, dah es fet-t um Deutfchlarrds
Schicksal gcht, dah wir «us desten voll bewnht stnd, dah sich aber
auch das Ansland der folgenschwcrcn Entscheidung bewntzt sein mag,
die irun getroffen werden muh, bewuht vor allem, datz letzten Endes
nicht Deritschlands Schickfal allein zur Entschcidung steht.

Franfteich -roht mit Krieg!

Ei« durchstchtiges Bsrlegenhcitsmanöver dcr Pariser Preste.

Von unserem tt-Korrespondenten.

Paris, 26. April.

Der Schlutzsatz im heutrgen Leitirtikel des „Temps" bereitet
in verhüllter aber nicht mißzuverstshender Weise darauf vor, datz
Frankreich, wenn der vastive Wid->rstand im Ruhrgebket nicht
aufhöre, zum Aeutzersten, nämlich zur Kriegserklärung, ent-
schlosten sei. Das Pariser Blatt ist selbstverständlich sofort bemüht,
die Schuld an dieser Drohung Deutschland und England
zuzuschicben. Der Satz. der auf diesen folgenfchweren Entfchlutz hin-
deutet, lautet in wörtlicher Uebertr^gung:

„Wie von einer Lawine fortgetragen, laufe« die deutsche
Negierung, der Reichstag, das deutsche Volk, die deutsche Preste
dem Konslikt mit einer Schnelligkeit entgcgen, deren sie sich
selbst nicht einmal bewuht werden. Es hängt nicht von Frank-
reich s?) ab, d ^ diesem unerhörten Sturz Einhalt geboten wird.
Frankrerch, das durch die Felsstücke der Lawine getrosfen wcrden
soll, kann nur eine Maner ausrichten, um sich selbst zu sckützen.
Nur die Engliinder könnte» im gegenwärtigen Augenblick
Dentschland bestimmen, seinen passiven Widerstand
a «szugeben. denn Deutschland vrancht Kohle und Kredit und
es wird diese nur erhalten, wenn «s Sngland will. 1811
sprach England zu spat."

Damit über die Absichten Frankreichs kein Zweifel bestehe,
wird in dem Artikel des „Temps" w'ederholt auf die Verordnung
des Reichsprästdenten vom 7. April angefpiclt, in der sich zur Be-
gründung der Ausnahmeverfügung bezüglich dcr freien Ein- und
Ausreise in das befetzte Gebiet der Ausdruck „Krieg,szustand"
vorfindet. Natürlich möchte der „Temvs" dcr Welt padurch vor-
täufchen, datz Deutschland wirklfch den Kriegszustand anstrebte. Aber
diese nnerhörte Verdrehuna der Tatfachen kann umsoweniger feman-
den täuschen, als der Schlutzsatz der Ausfiihrungen des Parifer
Blattes ohne Zrveifsl erkennsn lätzt, worauf es abgesehen ist. Der
„Temps" erinnert daran, datz England 1914 erst nach eriolater
Kriegserklärung die Aufgabe seiner Neutralität ankündigte. Man
kann diese Warnung an England nicht mitzverstehen: Wenn es nicht
sofort f ll r Frankreich Stellung nimmt, fondern wenn es wie 1914
zu spät eingreift, dann wird das Unvermeidliche gefchehen, der
Konflikt ausbrechen. Es wird stch natürltch niemals fest-
stellen lasfen, ob der „Temps" mit seinen Ausführunaen eigenen
Eedanken Ausdruck gibt oder ob viell-icht von den Möglichkeitsn,
auf die er anspielt. im heutigen Ministerrat gesprochen werde, in
dem Poincaro über die Lage im Ruhrgebict Bericht erstattete.
Wenn aber das Parisei Blatt glaubt, solche folgenfchweren Andeu-
tungen machen zu dürfen, so mutz ihm iofort mit aller Entfchieden-
heft erwidert werden, datz alle Argumente, die es anruft, um
DeutschlandsSchüld an einem i euen Konflikt fest -
zustellen, frei erfunden find und nur die schwere
Verlegenheit beweifen, indersich dieFranzofen
befinden.

Amerika und Europa.

Paris, 2S. April. (Eig. Drahtm.) Aug den Vereinigten Staaten
liegen heute drei Nachrichten vor, diö beweisen können, datz stch
Amerika etwas mehr um die europäischen Angelegenheiten
kümmern will: Amerikanifche Bankiers teilen mit, datz sie öster-
reichifche Anleihe zeichnen wollen. Das Ackerbaudcparte-
ment erstattete feinen Bericht über die Lage der amerikanischen Land-
wirtschaft und betonte die Notwendigkeit des Abfatzes
der amerikanischen Farmerprodpkte nach Europa, weshalb
Amerika Europa finanziell zu Hilfe kommen müsse. Am gleichen
Tage hielt Präsident Harding eine Rede, in der er nachdrllcklich
für den Eintritt der Vereinigten Staatcn in den internatio -
nalen Haager Schiedsgerichtshof eintrat, welcher Vor-
jchlag in den politifchen Kreisen auf das lebhafteste besprochen wird.

Verhandlungen.

Von unserem Londoner Mitarbeiter.

Wenn man die Bemerkungen der deutschen Prefse zur Rede Lord
Eurzons liest, könnte man auf den Eedanken kommen, datz deu.
englische Autzenminister sehr viel Neues gesagt habe. Je mehr ma»
stch aber in die Nede selbst versenkt, um so weniger vermag mair»
ikgend etwas Befonderes in ihr zu finden, was nicht fchon in
anderer Form aus dem Munde deutscher Staatsmänner oder auch
aus den Reden französifcher Minister uns entgegengeklungen wäre.
Lord Curzon fpricht aus, datz eine Zerstückelung Deutsch«
lands N'cki' ?i;>-etasf-n werdcn könne. Das ist die Erund-
lage der deutschen Politik überhaupt. Auf der anderen Seite stellt
er Deutfchland anheim, einen Vorfchlag als Grundlage für Verhand-
. lungen zu machen. Darin nüher er fich sshr dem Standpunkt Poin-
caräs, der so und so oft ausgesprochen hat, datz cine Löfung des
Ruhrkonflikts deutfche Vorfchläge zur Vorausfetzung habc. Wenn
Curzon weiter äutzert, datz die von Frankreich verlangte Sicherung
egen Angriffe Deutschlands umgekehrt auch den Deutschen Sicher-
eiten gegen französifche Angriffe bieten müsse, so spricht er ebenso
mie mit der verschleierten Anerkennung der Widerstandskraft der
Ruhrbevölkerung nur etwas aus, das s elbstv e rst änd l i ch ist,
aber keinsn Erund bietet, in der Rede einen befonderen Schritt zur
Lösung des Ruhrkonflikts zu erblicken. Eine fpätere Geschichtsschrei-
bung wird feststellen, datz auch im Jahre 1923 ganz ähnlich wie in
den beiden letzten Jahren des Krieges die Deutfchen ihr llrteil über
weltgeschichtltches Geschehen ganz wessntlich von den Stimmen des
Auslandes beeinfluffen lietzen und jremden Anfchauunge« crheblichen
Wert beimatzen, statt auf das eigene llrteil iN erst« LiMe
zu bauen.

Als in Vuer und kurz darauf in Essen deutfche Männer
hingeschlachtet, als sie zu Tausenden von Haus und Hof vertrieben,
wegen ihrer Treue zum Vaterlande mit den wahnsinnigsten Gefäng-
nisstrafen belegt wurden, da hat man in England wohl gelegentlich
diese Tatsachen registriert, irgendeine Erregung aber hat weder ber
der Regierung noch in der öffentlichen Meinung sich gezeigt. Ieder
Kenner englifcher Politik weitz, datz die öffentliche Meinung Erotz-
britanniens immer gelehrig den Weifungen des Auswärtigen Amtes
folgt. Nun mutzte man aber in England etwas tun, um den Ruf
der Engländer als Menschenfreundc zu wahren, der ein so wesent-
licher Aktivposten in dcr englischen Politik ist. Und fo crregten sich
Regierung und Presse matzlos über die Erschietzung eines polnischen
Eeistlichen in Moskau, der der Spionage bezichtigt war. Die
englische Politik will eben die öffentliche Mei-
nung in Grotzbritannien nicht gegen Frankreich
einstellen, weil fie, wie Curzon ja auch ausdrllck-
lich ausspricht, an der Entente mit Frankreich fest-
hält und sich nicht in Gegensatz zu ihm stellen will.
Lord Curzon ist der Vertreter der afiatifchen Politik Englands, des
Eedankens des britischen Reiches um den Jndischen Ozean. Ihni
kann nicht daran liegen, Frankreich zum Feinde zu haben und Eng-
land als Eegner Frankreichs in europäischen Händcln festzulegen.
Jmmerhin wäre es ihm erwünscht, wenn er im Strette zwischen
Deutschland und Frankreich als Vermittler seine guten Dicnste an-
bieten und damit Englands alte Stellung in der europäifchen
Politik halten könnte. Er ging nach Frankreich natürlich nur um
feine Gefundheit wiederherzustcllen, aber bei diefer Eelegenhsit hat
er doch viel mit französischen Kreisen Fühlung gehabt und weitz nun
heute ganz genau, datz Frankreich eine Beendigung des höchst kost-
spieligen und fruchtlofen Ruhrabenteuers hsrbeifehnt. Warum follte
man nicht durch eine sehr fachliche und ruhige Rede die Deutschen
veranlasten, den ersten Schritt zu tun?

Frankreich glaubt sich dem Triumph nahe. Melleicht, fo hofft
man, führt die Auseinandersetzung Lber den Sinn der Rede Lord
Lurzons zu einer Spaltung der öffentlichen Meinung in Deutfchland,
vielleicht geltngt es fogar, damit die Stellung der starken und selbst-
bewutzten Führerperfönlichkeit zu erschüttern, die feit November 1922
nach Jahren dumpfen Leidens das deutsche Volk wieder zu einer
wirklichen Politik eigenen Willens geführt hat. Noch immer
war ja die deutsche Zerfplitterung und Uneinigkeit die Vorausfetzung
französifcher Erfolge Und nun fetzt mit Reden nnd in der Preste eine
Offensive, ein Trommelfeuer gegen die öffentliche Meinung in
Deutschland und in der Welt ein. Planmätzig wird bewiesen, datz
die deutsche Stellung und der deutsche Abwehrkampf an der Ruhr un-
haltbar sei, dem Vermittlungsgedanken Englands wird die Stärke
der Stellung Frankreichs gegenübergestellt, man fpricht von dem be-
vorstehenden deutschen Zufammenbruch, von der deutscheN Kapitula-
tion und formuliert, genau wie im Kriege, schon jetzt ganz bestimmte
Ziele. Auf einmal wird in der sranzöfifchen Preste nachgewiefen, datz
der Versall der deutschen Finanzen unaufhaltbcrr und die deutsche
Politik deshalb nicht mehr fortzuführen sei. Die deutsche Wider-
standsvolitik wird als ein Unrecht hingestellt und erklärt, kein deut-
scher Vorschlag lönne beachtet werden. folange die deutfche Regierung
diese Politik nicht beende. Dann heitzt es weiter, datz Frankrcich keine
Vermittlung annehmen werde, datz es unmittelbar Vorschläge
Deutschlands erwarte und keinc Verminderung der deutfchen Sckuld
zugestehen könne, autzer in dem Matze, wie England und die Ver-
einigten Staaten auf ihre Schuldforderungen geaen Frankreich ver-
zichteten, die Ausfchaljung der Neparationskommrfstoncn aus dcn künf-
tigen Verhandlungen über die Reparationen wird gefordert und
jeder Vertrag für Sicheruna gcgen militärifche An-
griffe zwifchen Deutschland undFrankreich aufder
Erundlage der Gleichheit abgelehnt. llnd deutlich heitzt es
an Englands Adreste, ein solcher Vertrag werde England das Amt
des Schiedsrichters zwischen Frankreich und Deutschland fllr die Zu-
kunft lassen und das sei für Frankreich unerträglich. llnd weiter:
Frankreich wird die Ruhr nur dann räumen. wenn
die Reparationen hezahlt sind. Schlietzlich tormuliert
das „Echo de Paris" den Satz, datz eine Nachprüiunq der
Zahlungsfähigkeit Deutschlands überflüsfig fci:
es könns sich allein um die Frage handeln, wie kann das Reich
zur Zahlung gezwungenwerden?

Aus alledem ergibt sich eins mit voller Klarheit: felbst wenn
England sich bemüht, zwifchen den streitenden Parteien zu ver-
mitteln, wtrd Frankreich verfuchen, England auszufchalten und mit
brutaler Ecwalt seinen Willen in Europa durchzufetzen. Die Vor -
ausfetzung dafiir ist, datz Deutfchland sich bereit findet,
zu kapitulieren. Wie immer, ruht das deutjche Schick-
 
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