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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0374
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tuIaikonspoM-k näch außcn und ihrer Zerstornngswut nach innen, in
der Tat bis heute noch weiter nichts xrreicht hat, als die O p p o s i -
tion zu stärken. Daran ist nieniand anders schuld, als gerade die
Linke, die noch jeLesmal, wenn es galt außenpolitisch in Aktion
zu treten, kläglich Banlrott gemacht hat, Lanlrott hat machen müs -
Ien, weil die Lesrheit menschheitsbeglückendcr Redcnsarien von der
politischen Wirklichkeit Lügen gsstraft wird. Haben doch die Saar-
arbeiter ihre Leichtgläubigleit an „humanere Lebensbedingungsn"
schwer damit bühen müsien, daß sie mehr Arbeit, weniger Lohn
«nd keine Altersversorgung Lelamen.

Wir müsien den Verhandlungsfreunden den Vorwurf machen, datz
ste mit ihrer unseligen, verschwommenen Politik das Gespenst des
Dürgerkrieges heraufbeschwörcn. Die innerpolitische Span-
nung treibt dem Siedepunkt zu und es bestcht wirklich die Gefahr,
dag die Franzosen, ohne einen Finger zu rühren, das erreichen, was
fie beabsichtigen: Die Losreisiung Süddeutschlands vom
Norden. Man gebe sich darüber keinen Täuschungen hin. Je
nachgiebiger man in Berlin wird, desto fester und abweisender wird
die Haltung in Bayern werden. Darauf hat der bayerische Minister-
prüsident selbst hingewiesen, als er eine Negierung Breitscheid ab-
lehnte, und wsr die bayerischen Verhältnisse aus eigener Anschaunng
kennt, lann darüber keinen Augenblick im Zweisel se:n. Die Rsg-e-
rung darf sich nicht beirren lasien, sie darf es nicht zu einer offenen
oder versteckten Diktatur des Herrn Severing kommen lasien, wenn sie
nrcht dem Abfall des Südens, der Zerreißung des deutschen Vater-
landss Vorschub leiften will.

Wir können mit Fug nnd Necht betonen, daß wir damii keines-
wegs einer im verpöntcn Sinne „reaktionären" Strömung das Wort
redcn wollen. Wir wollen kein Zurück, keine bloße Wiederholung
lüngst vergangcner, nie wicderkehrender Verhältnisie. Wir sind nicht
so ungefchichtlich, um an so etwas glauben zu können. Wir wollen
aber auch keine Wechsel auf eine Zukunft ziehen, die an der Eegcn-
wart gemesien doch nie so rosig aussehen kann, wie sie uns unoer-
äntwortliche Träumer machcu. Wirwollen nur auf d em
'Boden der Tgtsachcn stehen und in der Entfaltung
der wirklichen Kräfte, diebis aufs letzte unser
Dolkskörper noch hergeben kann, uns ein Jetzt
schaffen, aus dem fich das Schickfaleines glück-
licheren, einigen Deutschlands einmal entwickeln
kann. Das ist gewiß alles, was wir heuts wollen könncn nnd dürfcn.
Aber aus diefem Wollen heraus müsien wir, so scharf wir uns gegen
links gewandt haben, auch Kritik üben an dem, was auf seiten der
Lutzersten Rechten vor wenigen Tagen Eraf Westarv auf 'dem Ver-
liner Deutfchnationalen Parteitag geäußert hat. Hier sind Ueber-
treibungen zütage getreten, die eine bedenkliche Unieninis unferer
wirklichen Aktionsfähigkeit verraten. Es ist da von einem völli-
gen Abbruch der diplomatischen Beziehungen, von Represialien, von
der Tat die Redc, die der Volkswille mit der Regierung auch gegen
den umsallcnden Reichstag durchsetzen müsse. Es dürfe nicht ver-
handelt werden, bevor nicht Frankreich das linke Rheinv.fer auch
geräumt habe. Wir gehen gewiß nicht foweit, wie die „Frankfurter
Zeitung", die hier fchon von „Verfasiungsbruch" und „Diktatur",
redet. Eine Auflösung des Reichstags von seiten der Negietung be-
deutet noch keinen Versasiungsbruch. Wohl aber möchten wir nicht
die Eefahr verkennen, die eine solche Kräfteüberschätzung nnsererseits
in sich Lirgt. Von hier aus ist zur Kriegserkiärung in der
Tat nur noch ein winziger Schritt, der. wenn die Westarpsche Tendenz
an Boden gewanne, den Wünschen Frankreichs nicht weniger ent-
gegenkäme als die glaubensseligen Machenschaften der Sozialdemo-
kratie. Ein solcher Schritt würde bei unserer Wehrlosigkeit binnen
24 Stunden den llntergang Deutschlands bedeuten!

Jm großen ganzen alfo muß gefagt werden: Wer von der gegen-
'wärtigen politischen Srtuation zu wenig verlangt ist gleich schlimm
I daran wie derjenige. der zu viel von ihr fordert. Veide Extrsme
I liefern stch in Wirklichkert nur dem unerbitklichen Gegner aus. Wir
find von der Welt verlasien, aus welchen Eründen ist ganz gleich-
gültig. Wirstehenallein. So bleibt uns keine andere Mög-
!lichksrt als die des passiven Widerstandes, der mit allen moralischen
und wirtschaftlichen Mittsln gestützt und gefördert werden muß.
Täufchen wir uns nicht! Dieser Widerstand ist den Franzosen
der unangenehmste und gefährlichste. Schon regen sich die Enttäusch-
ten im feindlichen Lager, fchon murrt die Schwer-ndustrre, fchon
gährt es — trotz aller Widerrufe — im sranzösischen Heere, schon
wrrd man auch höheren Ortes ungsduldig und heftig — aus Ner -
vosität. Wollen wir auch diesmal wfsder um'allcn, auch jstzt,
wo cs um unjers Existenz geht, leichtgläubig die Flinte ins Korn
wcrfen in ernem Augenblrck, wo schon berm Fernde sich unverlenn-
Lare Ermüdungssymptome zeigen? Wollen wrr auch hente wieder
uns tänfchsn lasien von jenen Phantasten, die nie verstanden habenf

die politische. W i rkli chke i L richtig ernzuschätzen und äuszuwerten
— dann freilich mag Deutschland untergehen, dann rft es nicht schade
um uns, denn dann sind wrr — ewig genarrt von Schlagworten und
Redensarten — nrcht wert, geleüt zu haLen! 6. O.

Mnnlgr Strasmaßnahmen.

Die Kataftrophcnpolitik der Vesatzungsbehörden.

Mainz, 3. MLrz.

Der Oberbürgermesiter Friedrich Strobel aus Prrmafens
wurde von dem französischen Kriegsgcricht zu vier Jahren Ee-
fängnrs und zehnMillionen Mark Geldstrafe ver-
urteilt, weil er einen Befehl des Kreisdelegrerten der Jnteralliierten
Rheinlandkommiffion, Plalate ankleben zu lassen, nicht befolgte. Der
zweite Bürgermeifter von Pirmafens, Wilh. Kämmerling, er-
hielt fünfJahre Gefängnrs und fünfzehn Mrllionen
Mark Eeldstrafe, werl er Len Befehl des Kreisdelegisrten, dip
angehestetcn Pla.ate polizeilrch bewachen zu lusien, nicht befolgte
una weil er in der Stadtverorlneten-Versammlung eine Protcstkund-
gebung befchließen ließ, rn welcher die Vcrhaftung des Oberbürger-
meisters und des Polrzeidirektors von Pirmascns als unrechtmäßig
bezerchnet wird.

Aus Mainz w'rd gemeldet: Der Prästdent der Reichseisenbahn-
direktion Mainz, Martini, wurde heute bei dex Rllckkehr von
seinem 'lrlaub ausgewiest-n. Aus Koblenz wurden der Eewerk-
schaftsselrelür Kalt, der evangelisthe Pfarrer Weber und der
Reichsiagsabgeor'nete Korell ausgewiesen Die Ausweisung des
Pfarrers Weber wurde lledoch wieder zurückgenommen. Die ausge-
wresenen Offenburger Bürgsrmerster Holler und BLHIer sind
ngch Mainz verbracht worüsn, wo sich bekanntlich das sranzösische
Kriegsgericht befrndet. — Fernpr haüen rn Koblenz

die Franzosen die Gelder sür -ie ArbeitslosenunterstLtzungen
Leim städtischen Wohlsahrtsamt beschlagnahmt.

Es sammelte sich eine zahlreiche Menschenmenge an, die von den
Franzosey nirt Kolbenstützen und Fußtrrtten auseinander-
gesprengt wurde. Zurzeit fchweben Verhandlungen über die Rück-
gabe der Arbeitslosengelder. — Koblenz und Ehrenbrsit-
stcin gleichen zurzeit einem gewaltigen Heerlager. Alle
Waffengattungerr, Weitze, Vollblutneger, Maroklaner, Spahis und
Eelbe, sind daruntcr vertreten.

Im Bochumer Bezirk ist die Verkehrslage im allgemeinen
unverändert. Der Abtrcrnsport der Kohlcn nach der Schweiz
ist stark behindert durch die Besetzung vou Offenburg und Avpen-
wsier. Dre Störung dieses wichtigen Verkehrswcges nach Ler Schweiz
zeigt sich immer deutlrcher. Bei Vrakel machten die Franzosen den
Verkehr auf allen Nebenstraßen vom Einbruchsgebiet ins unbesetzte
Deutschland durch Aufwerfen von Eräben in den Stratzen
unmöglich. Der Verkehr rann nur auf der Hauptstraße erfolgen,
die von einer starken französifchen Wache befetzt ist. Jn Eelsen-
kirchen war der Flugplatz, wo sich Äie llnterlunstsräume der Poli-
zei befrnden, von einsm Bataillon sranzösischer Jäger Lesetzt worden.
Die Stadt Gelsenkirchen ist wieder f r e i. Jn Eschweiler wurdsn
der Zollselretär Troschke und der Zollasiistent N o a ck von den
Belgiern verhaftet. Das Zollämt war fchon am Drenstag von
den Belgiern beletzt. Jn Trier wurden der stellvertretende Regie-
rungsprästdent Forstrat Koks, ferner Forstrat Wegener und
Forstasiefsor Hassenkamp von den Franzofen zur Negierung be-
fohlen, wo ihnen der Auswersungsbefehl mitgeterlt wurde. Sie wur-
den alsbald mrt der Bahn in der Richtung Koblenz abtransportielt.

Die Pariser Margenpresse veröffentlicht eine Meldung aus
DSsieldors, uach der der Polizeiwachtmeister Moch in Essen »erhastet
wurde, als er eine unerlaubte Telephonleitung an eine Militär-
leitung anschliesten wsllte. Die Blätter greisen dem Gerichtsver-
fahren mit der Voraussags vör, datz dis Tat wahrscheialich mitLem
Tode Lestraft werde.

M de«We Mwehr.

Berlia, S. Miirz. Wie Berliner Blätter melde«, tzaben dle
Berliser Banken und Bankiers beschlossen, französische und
Lelgische Roten von fremde» Personen nicht mehreinzu-
lLs! n »nd auch nicht mehr sür irgendwelchs Gcschäste in Vorschuß
zu geben. Es steht zu erwartrn, daß fich die gesamte deutsche Vank-
welt diesem Borgehen anschlietzen wird.

Die Beamtenausschüsse Lei den proußischen Zentral-
behörden haben beschlosien, eine zweite Sammlung für das
deutsche Volksopfer zu veranstalten. Der Veschluß ist aus
der Erwägung entstanden, daß ein En-Le Les schweren Kampfes der
Ruhr- und Rheinbevölkerung noch nrcht abzusshen ist unid darum
eine einmalige Spende n-cht genüge.

Mchsende LlnMsnedMkil ia

Don unserem ll-Korrespondentea.


Paris. s- xe«

Wenn das Kabinett Poincar^ der Ansicht war, LaF ,
Befetzung des Ruhrgebiets ertel Freude und Wonne in Kam^^^ei'

Presie herrscht und die Regierung keinerlei Anfechtungeu >

würde, so muß es allmählich die Jllusion schwino i^«e

Eewiß war es ein geschickter Schachzug der gegenwärtige". ,j>i<

-7 0 ' «7 7»1I 77 o ^77«7 : 77 77 «7 7»»»-7si l 4 7 7-^l«7»» 7-» 7^ 7/1^4> ! 0 ,

zösischen Regierung, die innerpolitischen SchWierigkeiten o ,

autzenpolitische Aktion. wie sie die Besetzung des

stellt, beiseite zu fchieben: aber die Erkenntnis d
Lereits den glühendsten Anhängern des Kaüinetts, d"!i - >r: ,,
tischen Erfolge, die man erhosft haite, sich nochl" Ä
e'.nsiellcn wcrden und daß die Ruhrbesetzung keine
lräftige Wahlvropaganda sein werde, wcnn die Kammer " >^

Jahr aufgelöst wird, denn die Abgeordneten müsien sich
man ihnen die Ruhrbesetzung umso weniger als Eriorg^^

werde. als sie gleichzeitig'wcrden initteilen müsien, daß^^s

allein im ordeirtlrchen BuLget orer Milliarden Leträgt, i"?
Steuern kewilligt werden müßten. Drese Bewilligung vor.u

^>4LUL4.1». 4^44,144^4 ^4:44,14414; 44 "2 - >. ^

Lekundet die Kammer wenig Neigung und auch
Stimmen laut, die dafür eintreten, daß man überhaupt^


kein ordentlrches Budget Leschlreßen, sondern sich weitel
Annahme von Budgst-Zwölfteln begnllgen solle weil ma"
dar Nolwcndiakeit. das Defrxit -u decken. entboben würd«-^ g-.

'fiiraNZ^zg

Stimmung in der Kammer ist wegen der ^ i

So ist es menwuro

SHw'erigkeiten nicht allzu rosig. vo ig es «np

in den letztcn Tagen gerade in Len Rerhen der Rechten, dje -c .


ges.tzes brgunjtige und den ALgeordneten abraten woue,qreo/'r

di-

führrrng des vroportionalen Wahlrechts vorzuuehmen. hat d r
sichtlich verstimmt, wie sie auch die Nisderlags Defe yWl'-Z
der Präsid-entenwahl im Senat nicht verschmerzen ka"M.^

Nllly -v e r r I ll ausreynen Ivoue. Vepurryrei mug nun ir>"-'A

datz die üble Laune, die sich zwrisellos rn der Kammer g^^^jsch^»
dadurcki terbreut iverden könnte. dab man !m Lelebten 4se ez,.

dadnrch zerstreut werden könnte, daß man rm befetzten »c- „„
Maßregeln ergreift, d!e wen'gstens der Sensatiönslust


schassen würde. weil sich auf diese Meise immer mehr d^s - zZ!-,
der Oefscntlichkeit von den Kriegsere'gnrssen abdrängen k"-,''s-,qca"d,
leicht ist kere'ts ein An'ang darin zu sehen, Laß Ler „Intra
ankündigt, daß ern deutscher Polizist in Esten namens K o°>^.§gi^
eines Saboiagealtss mit dem Tode bestrart werden wllrde- „ qre
ist es, daß man solche Todesurteile weiter ankündigt, m ^
glaubt, daß man dadurch die Stimmung beruhigen könns- ko-
mehr wegzuleugnende Ilnruhe in der Kammer eS

dariernde üdeutungslose llmgehen der Nuhraltion Icisicn
areiflrch erscheinen, daß die Forderuna der fran-Zsrschsn -^o

greiflrch erscheinen, daß die Forderung der franzöfischen §
driugender arrftritt. die Reichsregierung möge -

schlägen Hervortreten. - - Mck"'

D'e letzte Rede Mussolinis vor dem römischen clli^

gibt dem „Temps" neuerlich Anlaß zur Erklärung, Laß ;eli^

konflrkt nur Lann ein Ende finden könne, wenn die oc,,

schriftlich neue Vorschläge entweder Ler Eesamtheit der Dcuw


den Allüerten LLermitteln würd-e. — Das
läßt also znm erstenmal zu, daß Deutschland seine
nur an Frankreich und Telgien Lbersendcn mög«. son^enr >
Lllrierten zulommen lasien kann. AllerLrngs ist nicht ^..lftli^^
warum schriftlrch verhandelt werden soll. Mit dsn
Verbandlungen machte man schon in den Tagen von
übelsten Erfahrungen. Noch bedenklicher rst fo'lzendes: Der-- ^->>
versucht zwar, Musiolinr zu Leruhrgen. indein er schreibt. , m
reich in Dautschland keine polltrschsn Vortelle.H
daß es keine dezrtschen Volksteil« annektieren wolle. .

sonst wie eine Kugel mitschleppen mllßte. aber gleichzsitifl «ruK
Blatt, daß Franlrsich nicht nmc die^ Rexarationen. ionder^nep

seine Sicherheit suche. Als die Nuhrbefetzung keine der verckl ftchft''
materrellen Vorteile brachte und der französischen Oefse"K-

Ruhr sesi vor einem neu e n Kriege geschützt habe ?? ,r >^
man Las Ruhrgebiet nicht eher rerlasien wolle, ehe ma" i^i'e>>^
----- --- in irrci^ite>

immer wieder erzählt wurde, daß man sich nunmehr, La m""»- ^

: __ ^ ^ ^ ^ ^ 7 >c. 4, r ^ . .r

Lberzeugt habe, daß Deutschland seine Versprechungen

. .. , „

und militärischer Hinsicht erfllllt habe, was mit anderen - ^ i'r,

heißt, daß man an der Ruhr bl e i b e n w o l l e, nm d-e -
führung aller Bedingnngen zu überwach e"'^
Deutschland auserlegt werden sollen, verwies man imrtz^ p>c>>Ü
daraui. daß man die S'cherheit Franlreichs nur finden lön»-:
man Deutschland im Rrchrgebiet selbst überwache. Der ".ÄvW
glaubt, daß er Musiolini üeruh'g-t habe, wenn er schreibt, dsiH^isb-'-.
gebiet solle nicht annektiert werden. " . .

zic

Der itali'enische

prästdent dürfte durch die zweideutrge Tehauvtung des i""^hi

Offrzrosus sich sicherlich nicht irre machen lasien.

Zm Wildbad.

Novelle von Gertrud Lcnt.

Covvright by Auguft Sckerl G. «. b. H., Berlin 1821.

44. Kortleöung. Naiüdruck verbolen.

Als der Thrrurgus eben die Decke von dem Kranken zurück-
schlagen wöllte, bemerlte er, Laß Berena noch im Türrahmen stand.-
. Mit nicht mihzuverstehen'dem Blicke sah er sre an.

„Jch möchte Lem H-rrn Ehirurgus noch fagen," begänn fie ohne
Scheu, „daß man sosbsn Lem Henny zur Äder lasien wollts und
aus Lem grünen Flöschlein eingeben!"

Der Dngere-dete lächelte ein wenig: „Geh fie nur, Züngserle,
der Herr Kollege sagt mir, was nottut!" Er sah, Latz sie nochmals
reden wollte, seine Hanldhewegung und serne abweisende Miene
zwangen sie aber stärler zum Eehen als dre kräftiae Hand der
Tante, die ein wenig nachhelfen wollte. Als der Lyrriirgus sich
nun Lern Kranlen wreder zuwandte, wollte Abimelech hinter ihm
zum Trsche treten. Er hinderte ihn Laran.

„Mollet hier stehen bleiben, Abimelech!" bat er höflich. Da
fubr die sckilank^ Hand des Iuden in seincn Rock und zog ern
Fläschckien hervor.

„Es ist dies hier die Arznei, von wclcher die Jungfcr sprach!"

„Schon gut! Stcckt sie nur wiedrr ein. Abigail, rufe in den
Eang nach meinem Kasten — nicht Las Zimmer oerlajsen, ich be-
nötige dich!"

Des Chirurgs Dnordnungen waren alle leisen Tones gegeben
woriden, nrcht unsreundlich, aber so, daß niemand waate, n'-cht so-
fort Folge zu lersten. Abigail steckte Len Kopf zur Eangtür hin-
aus, laum so weit, daß ihre Haube ganz draußen war und fuhr
wie von einer Schlange geüisien zurück, um aber auf das Knurren
einer männlichen Stimme nochmals hinausznlangen und ben
Kasten des Arztes in Empfang zu nshmen. Noch einen Schein
Llasser als zuvor leuchtete ihr Antlitz trotz des Kerzenschimmers,
als fie auf einen Schemel mit zitternden Händen das- Holzköfferchen
setzte.

Der Ehirurg entnahm ihm eine Arznei, ernen Lösfel, einen
S^-atel, um Lem Kranlen die Zähne^ ausslnander zu zwingen.

„Zie^die Echell!" befahl er^bei dieser Verrrchtung.

Zährend er Hcnny die Arznei einslößte, kam Ler Wirt.

„Einen Krug Schnaps! Aber einrn altsn, rernen, ungewäsietten,
bring her und einc Kanns Milch! Legt den Mantel ab!" befahl
der Lhirurgns derweil schon dem Juden. „Die langenAermelschlamper
möchten Euch hrndern. Wir werden jetzt den jungen Herrn mit ge-
Lranntem Masser rsiben!"

Abimelech legte ssinen langcn schwarzen Um"ang a". wä'r-nd
. er wieder versuchte eine Erkiärung von Hennys Zusiand an den
Mann zu bringen.

„Späteri" wehrie der andere ab. „S"8t r sollt Ivr alles vor-
trrngcn dürsen, was Ihr sür nützlich haltel, Ab.melech."

Abigail sprach mit Blicken zu diesem, die zur Eangtür svrangen.
als wolle sie Lerichten, was sie rorhrn da draußen erschreckt hätte;
sie versuchte, srch m!t den Lippen ohne Strmme vsrständlich zu machen,
Abrmelech begriff sie aber nicht, sondern zuate nur mii deir Ach eln;
doch stellte er sich auf einen Wink, den er rccht auslcgts, so aus, dcß
er durch den Türspalt blicken lönnle, wenn der Wirt den verlangten
Branntwein Lr'ngen wür e.

.Wenig tat dieser die Tür auf und schob den g:flochtencn Krug
und die Milch hinejn: „Hrer, Herr Chrrurgusi" sagte er und schloß
vorsichtig wieder.

Da halte Abimelech ein Stück farb ges Tuch, braunes Lrder und
eine Hellelarde für e.nen Aug nbl ck erschsinen seh n und w ß e
nun weshalb Abigail erblaßt war. Abcr leine Miene se nes Gcsichts
veründerte sich. Es war, als hätte er nichts in dem Türspalt gesehm.

Jm Handumdrehen hatte ihn der Arzt angestcllt, dcn Körper des
Kranken mit Branniwe.n aLzure,ben. Zn zwcit war n ste an der
Arbeit, und zum ersten Male vielleicht mußie der Quacksalber rörpcr-
lich hart arbeüen.

Lald begann auch des Chirurgus Tränklein seine Wirkung, der
Kranke erlrach sich zu wiedcrhoitckn Mal.n, reckte and strette scrncn
schranken Körrer, seufzie wie üesreit aus, össne e ohne Beschwcr die
Lrder und sah aufmerksam um sich. Er war noch sehr schwach, so
daß er nichts reden lonnie oder mochte, sorüern ofs.n ar eüen nichts
weiter wollte als ausschlasen. Aber so müde cr war, ncch mußte cr
die Müch schlucken, die ihn der Ehirnrgus eingoß.

Als er stch vergervisicrt hatie, da,z Henny fr'edlich schli-f, ent-
fernte er sich von dem Bette und begann aufs umstlln.lichste se.ne
Händs zu waschcn.

Er stand da in Hsmdsä-rmeln, erhitzt von seinen ärztlichen Hilfe-
leistungen, war es doch ern hart Ltüct Nrbeit gcwcsen, Len Henny
aus seiner Erflarcung zu reibcn, bicgsn und kneten. Ku f rrot
glänzte er bis in scine grauerr Haare h nein. Bc m Händetrv n n
stand er breiiscurig mrt gespreizten Be nen — ein sester Ke l. mit
dcm nicht zu spaßcn war, nebcn welch m dsr Oricn'a e wie ein zier-
licher Spielkram aus Effcnbein a: ssah. Es sch en ihm auch, je
trockner die Hände wurden, je glatier die Hemdrärmel w dsr saßcn,
immer weniger ums S> aßen zu seln. W:e er nun erst seinen Duch-
rock anhob nnd Lem Iuden hrnhielt, wobei er sich in Kn en und
Schultern bückte, um sich klciner zu machen, war er sternern ernst,
als er sagte:

„So, nun wollet mir, s'il vou? plait, in mein Habit h lfen!"

Er schien ber allem Ernst und Rnhc n cht rm mindestcn erstaunsi
seinen Toledaner Kollegen gleichwäh tz ruh g uvd ltiche!nd b eib n
zu sehen, auch las bleiche, zitternde Wcseu d r Kiosier rau, dre mit
dem Waschgeschirr zu tun ha!t;, war ihm nicht anders, als- erwarle
er es so. Umfländlich hing er scin Augeng as wied-r um, nahm
jetzt endlich das grünc Fläschch-n vom Tische und Leirachtete es sorg-
fältig. durch die verglasten Hornrin"e.

„Fangt nur an, ich höre." sagte er dabei äußerst fre -n'-l'ch zu

' r wisien-

Abimelech. der ruhig und gewählt, weit ausholcnd, e'nen
schasilrch begründeien, wohl erwogenen Vorirag über H nn.,s j.lt-

same Krancheit hielt, so schön, daß nan ihn bätte sosort

können. Und die Aufiner.samke't des Lh rurgen
er inzwrschen öfters nachdrüäl ch an Stöjs.l und Fjo e ro^

mäßig hö'sirch .und ges.annt. Er zollte durch Kopsnickcn Ä i-
..Sehr g::r", „Brav-ssimo" unbeschränktcn Te'fall, was die je
Mienen Lcr ebenso ausmerksairen Klcsters au m.r li:h eryo

ihr das Zittern aus dcn Händen nahm.

Mittlerweile endete der Äbimelech mit einem hö'l'ch:"- ^
„Erlaubt nun, daß ich m'ch bei augensche'nl cher

Kranken beurlaube, H:rr Chirurpus, und Euch dre wei.er
lung, salls noch nüiig, überlasi:!" , ^ ----s

Der Chirurgus lreß ihn auch j tzt noch rrh'g aucsi'reai-^ -- >,,

„Für die Möalichkeit eines Nü'.ifalles lassü ich die D
Arzenei zurück!" fuhr er sort, lan^ e in seil en 9?antel, '
nneder angelegt hatte, und überr ich e ein zwei es FiaschÄ.E'^ ^
machte er eine Verbeugung, nicht zu lief, nicht zu r.n.osl

wollte zur Tür.

Nun endtlch gefiel es dem grohen Mannr, der so

riS^

HLrt hatte, zu enlworten. ^,

„Ich muß Euch leider noch zurückhalt n" — sagte er un°
rhm serns linle Hand schwcr a-:f die Schulter, während se>"^
ern paar Blätter Papier aus seincr Ro.i aschc zog. .

„Es sind zwer Dinge, dre rch mit Euch und Eurcr Eed>-> .
besprechen habe!" . >je»

„Frau Abigail ist n'cht mcin- Gchilf n" — stell e
ersrig sest — sie ist e ne Zurggler Klost rfrau. die rn htesia-l" ^
der Krankcnpflege obl eg ."

„Schön>" sagte dcr Ehirurgus wie ein r, der eine HSol'ch-.Äs^
^"""t c-nleiiet. „So seit Ihr zu be au rn, dasi Ihr Euch fo. ^,e
mrt diestr hier liieret haüt, w s n'cht zu b:zwerfcln> Kenn


l!

Frauensperson?" . sigS l'

Damit wies er mik se'nem dicken Z:'gs'in->^r au

Abimelech, wsit cnifernt, ste zu rerleu^n.n, antworlcte jsyr e !
aber achtungsvoll: , ^ - s "

„Das ist dre Klostersrau Abigail vom Klostsr Zür'gl! ^ el-
etlrchcn Iahren als Krankenschwsfler wohl bekann, u>">
Kranken be annt!" ' i»

„Schön!" meinte der Fragsr wieder und rrandie sich """
Beschriebenen zu: n,e ^ -

„Bist du d'e Barbara Bre'tlingin. oor vier I" ""
Kuppeler und H-rerei aus der Markgrafschaft g wi en? „,<

Iahren zn Bamberg als Hexe v.rur.e lt uvd flu tr r g« " ", S.j
Erau und veriallen wurde das Gesicht dcr Ang re e pi>
mußte sich am Tische halten, daß alles Eeschirr kl.rr.e, a.s

wer ich bin, — rndsrs


eiß

erlöschcnder Stimme antworiete:

„Hsrr Abimelech sagte Euch, — —, -

ich nicht!"

Schön! Du kannst dann später dem Vogt wr-ters u.s- ^
Der Prosos draußcn w rd dich zu ihm <ühren. Es ll

gehen. Der Prosos dräußcn w rd dich zu ihm ^ühren. ^ Es
erneute Anklage wegen Hexerei w.der dich ergavgsn." .

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