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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0412
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«rhmen. Mit vollem Recht ist vom Reichskänzler betont wordcn,
daß selbstverständlich solche Earantien in fest« Formen zebracht
werden würden." Herr Dr. Stresemann fuhr dann fort: „Solange
man nicht eine endgültige Lssung der Reparationsfrage hat, wäre
«s nach meiner Meinung eine vollkommen oerfehlte Politik, -rus
innerpolitischcn Eründen zu einer Sachbesteuerung zu schreiten. dis
der Entente nur zu neuen Erpressungen dicnen würde. Jn dem
Augenb.lick aber, wo die Freiheit und die Selbft-
Lestimmung Deutschlands erkampft werden kann,
tst es die Pflicht der Regierung und der Wirt-
schaftskreise, alles dasjenige hinzugeben. was
notwendig ist zur Erfllllung der Verpflichtungen
Deutschlands und zur Wahrung seiner Freihsit
u n d Selbstbestimmun g."

Jst damit etwas Neues gesagt worden, odsr, wenn etwas
Neues in diesen Worten lag, ist das etwas, was als „Einschwenken
der Volkspartei" gekennzeichnet wsrden kann? Jst nicht von jeher
und immcr betont worden, geradc auch von der Deutfchen Volks-
partei, datz man wisse und bereit ssi, Opfer zu bringen? Es konnte
nur die Frage sein, wann der Zeitpunkt gekommen fei, diese
Opfer zu bringen, und in dieser Beziehung sagte Herr Dr. Strese-
mann so deutlich wie möglich: in dem Augenblicke, wo die Freitzeit
und die Selbstbestimmung Deutschlairds erkämpst werden könne, und
Zwar fügte er das offenbar mit Vezng äüf den von Deutschland in
Paris angebotenen, aber nichi angenommenen Plan der deutschen
Regierung, von dem wir ja wisfen, datz er.sehr grotze Opfor fn
Aussicht stellie, aber allerdings unter Vorauefstzung der .^freiheit
und der Selbstbestimmung Doutschlands". Die Worte des Herrn
Dk- Stresemann beziehen sich also zunächst nur auf jenen Plan:
ste haben mit dem, Plan, der ja durch die Ruhraktion abgetan 'st,
ihre aktuelle Bedeutung verloren, ste können sts wiederbekommen,
ipenn es zu Verhandlnngen kommt, sie haben aber weder ein „Ein-
schwenken zur Vsrhandlungsbersiüjcha'ft" bedeutet, noch werden
sie ein solches Einschwenken bedeuten, einfach aus dem Erunde, weil
Bereitschast an sich zum Verhandeln jederzeit vorhanden war,
von Verhandeln aber nie die Rede sein konnte, weil der Feind e r st
den Ruhreinbruch wollte, und weil er jetzt die Kapitulation will,

iEr will die Kapitulation! Geben wir uns darüber keinen
Eelbsttäuschungen hin! Was wir vön der geplanten Brüsseler Kvn-
ferenz hören, von dem Wunsch, uns einen Ergänzungsvertrag zu
dein Frieden von Versailles vorzulegen, der ällcs das cnthalten >oll,
was di« Franzosen 1919 nicht durchsstzen konnten, also vor rllcnt
die Annexion des Rheinlandes, vielleicht äuch des RuhrlanLes,
ficher aber auch des Saargebietes —, das alles lätzt darauf schließen,
dag das Aergste erst noch kommen wird.

Wappnen wir uns gegen dieses Aergste rechtzeitiz, damit unsere
Neroen auch den schlimmsten Torturen gewachsen sind, damit w!r
das Wort wahr machsn: l?rnnUa,r, non klsvtar! rs.

Em neues belgisches KriegsgerM.

„Die Zeit der Milde ist vorLei."

Köln, 9. März.

In Krefeld istcin neaes Lelgifches Kriegsgericht
errtchtet worden, das am ersten Tage über 29 Deutsche vor die
Schranken geladen hatte und hohe Strafen verhängte. Die
Zeit der Milde i st vorbei, sagte ein belgischer Richter. Jn
der Lormittagssitzung kamcn acht Falle zur Erledigung; vier davon
betrasen persönliche Sireitigkeiten niit den Befatzungsbehörden und
den Besatzungstruppen. Die iibrigen Fälle hingen mit der politischen
Lage zusammen. Vorwiegend betrafen die Anklagen die Veröffent-
lichung eines Aufrufes, den die politifchen Parteien des Rheinlandcs
zu einer halüstündigen Arbeitsruhe am 13. Januar erlasten hatten.
Der Eisenbahner Riedel aus Fischeln bei Krefeld wurde wegeu
Per.-eilung von Flugblättern ?.u drei Monaten Gefängnis und 109 999
Mar, Eeldstrafe verurteilt. Ehefredakteur Peters oon der „Nieder-
rheinischen Dolkszeitung" in Krefeld und dcr Rsdakteur
Schippang von der „Neusser Zeiiüng" wurden mit 199 999 Mark
Deldstrafe belegt. Redakteur Dr. Staab von der „Neu-Erescn-
broicher Zeitung" erhielt sechs Monate Eesängnis und
199 999 Mark Eeldstrafe. Er wurde sofort abgefü'hrt. Dr. Staab hatte
stch dadurch noch eine Verschärfung der Strafe zugezogen, datz er in
kurzer fachlicher Weife darauf hinwies, datz das Redaktions-
geheimnis und die Freiheit der Prefse in allen Kultur-
staatcn anerkannt seien. Er weigerte stch, >den Namen des Der-
sassers eines Artikels zu nennsn, obwohl ihm der Eerichtshof er-
klärte, Laß das Kriegsgericht das Presserecht breche und datz das Recht

des Eerichtshofes vorgehs. Nach der Urteilsverkündung wurde die
Sitzung um 12.39 auf 3 Ilhr nachmittags vertagt.

Lin engWer AepmationsvorWag.

Line Denkschrift Lber d!r Schuldenfundierung i« engl. Untrrhans.

Londo», 9. MSrz.

Wie die „Times" derichten, befatzte stch eine internationale
Gruppe von Mitgliedern des Unterhauscs mit einer Denkschrift übsr
die Frage derFundierung der internationalenSchul-
den, in der es heitzt: Jn nahsr Zukunst könnten die in Rutzland
eingetretenen Aenderungen des politischen Kurses zu siner wirt-
schastlichen Bereinbarung mit Rutzland führen.
Schwierig scheine es allgenblicklich zu sein. mit Frankre > ch zu
einem prakiischen Ucbereinkommen zu gelangen. weil England
Europa vom wirtschastlichen Standpunkt aus Wiederbsrstellung
wünsche, während Frankrcich seine eigene politische Simerheit zu
erlangen suche. Einem Wirtschaftsbündnis zwischen Eng-
land, Rutzland, Deutschland und den Vereinigten Siaaten werde selbst
die erste Miliiärmacht Europas n! cht Widsrstand leisten können.
Jn der Frage dsr internationalen Schulden könnte das Rettungswsrk
jedoch am leichtesten begonnen werden. Grotzbriiannien solle sntw-der
durch den Völkerbund oder direkt die Vereinigten Staaten ersuchen,
eine Weltkonferenz einzubsrufsn, wozu ebenso wie d!e übrigen
Mächte auch Deutschiand und Rugland einzüladen wären.
Wenn eine Uebereinstimmung der Anstchten aus einer solchen Konsc-
renz erzielt würde, so würde der wirtschaftliche Druck üetrachtlich sein.

Dis« Schuldenfrage hänge im Kern von Ler Regelung der Leüt-
schen Reparationen ab. Gegenwärtig sei es Dsutschland wahrschein-
lich unmöglich, Lberhäupt irgend eiwas zu bezahlen. Um eine
Grundlage -u finden, sollte die Lage unter dsr Annahme geprüft
werden, datz die Leuische Schuld an England in Höhe der englischen
Schuld an die Vcreinigten Staatcn, das sind 929 Millionen Psund
Stsrling, festgesetzt würde.

Folgendex Vertrag wird dann oorgeschlagen:

1. Deutschland ftimmt zu. folgende Beträge für die Reparationeu
zu zahlen, ausschliehlich des feftzusetzrnden Ketrages sür drn
Wiederaufbau der verroüftetrn Gebiete Frankreichs, Belgiens und
Jtalieus: an Gr « tzbritannien S2V Millionen Pfund Ster-
ling, an Frankreich 776 Millionen Pfund, an Italien
381 Millionsn Pfund. an Belgien 185 Millionen Pfnnd und
an die Lbrigen Staatsn 391 Millionen Pfnnd, das heitzt ins-
gesamt 2 8 6 5 Millionrn P? « nd

2. Grohbritnunien schuldet den Vcreinigten Staatrn »28 Milliouen
Pfund, dke Alliierten «nd die Dominions schulden Erohbritannien
1 Milliarde 288 Millioncn Pfund. — Wenn Dentfchland Groh-
britannien 928 Millionen Psund zahlt, so erklärt fich Troh-
britannirn bercit, alle ihm aus dem Kriege geschnldrten Summen
z« ftreichen. Wenn Amerika die 928 Millionen Pfirnd, die
ihm von England gefchuldet werden, erhält» fo erklärt es fich
bcreit, alle Kriegsschulden» dir ihm vo« de» «Lrige«
Staaten, ausgenomme» Grohbritannie«, geschuldet werden. z»
st r e i ch e u.

S. Es wLrden dan» ftreichrn: Grohbritannien eine MiNarde 288
Millronen Pfund, di« Vereinigten Staaten eine Milliarde 388
Millionen Pfund, Frankreich 421 Millionea Pfund, Ztalieu
14 Millionen Pfand, die Dominions 33 Millionen Psund und
die Lbrigen 8 Staate« 8 Millionen Pfund Sterling.

4. Deutschlaad muh ausreichende Bürgschafte» geben.

5. Deutschlands Eesamtschuld wird fundiert «nd ihm ein Mora-
torium vou weuigftens zwei Iahre » zur Ordnung seiuer
Finanzen bewilligt.

6. Die uerschiedencn Liinder garaatiere« die östlichen Greuze»
Franlreichs in Urbereiaftimmung mit dem Friedensvertrag.
Frankreich zieht fich aus die Li«ie zurSck, die e» » » r de»
Einbruch in das Ruhrgrbiet einnahm.

Obiges wird, svfcrn es von Grotzbritannien gutgeheitzen
wird, den Vereinigten Staaten mit Ersuchen um Annahm« unter-
breitet. Nach der Annahme werden die Vereinigten Staaten ersucht,
eine Weltkonferenz einzuberufen oder nlit Grotzbritannien bei
der Einberufung eincr solchen Konferenz zusammenzuwirken und die
notWendigen Vorbedingungen zu trefsen. Bezüglich Rutzlands
erklärt das Memorandum, es fehle nicht an Beweisen, datz eine
AenLerung in der Politik der russtschen Regierung stch vollziehe und
es könne angenommen werden, datz es jetzt bereit sei, Sichecheiten zu
geben, die die übrigen Nationen veranlassen würden, did äs jurv-
Anerkennung auszusprechen.

Die Haupterwägungen. die in diesem Zusammenhang notw«"
seien, könnten wie folgt zusammsngefa'gt werden: ^

1 Dir anderen Ländrr mischea fich nrcht in die Sovveränitot
lands uud Ruhland uicht in die ihrigeu ei». . . - fS»

2. Rutzland gefteht dr» sremden Uatrrtane» alle Prioileg
Prioatuuternrhmunge» z». ^

Z. Wo das Eigentnm fremder Untertanen enteignet „tiellt
wird di« RLckerftattung in der Form erfolgen. die sU"ä
Gerechtigkeit gewährt. . jxigew

4. Wo sremde Untrrtanrn Geld vergestreckt habe», dae durw jj»»
tu« rusfischer Untertanen verbürgt vnd dieses Eigeatu«
ziert «orden ist, ersolgt RLckerftattung wie oben.

Das Memorandum kommt zu dem Schlutz, wenn l^'

wie oben ausgeführt, geregelt würde, wiirde mahrscheinlich r
merzielle und industrielle Verbindung zwischen den Bch»eie
lands, Amerikas, Deutschloirds und der Lürigen
kommen, die bereit seien, an dem Wiederaufbau der Evei
wirke».

«

Einer Washingtoaer Meldung Ler „Centia! Rews
wurde in autorisierten Kreisen crllärt, datz die amerilanHche ^jl
rung von dsr Reparationskommission einen gleiche»
von den Summen sordere, die Deutschland sür die Besatzu^^
kosten am Rhein dereits bezahlt hätte.
auf der Durchsetzung seines Rechts bestehen. Falls diese i»

zutresscn sollte, so würden Franzosen, Belgier und Eng a ^
jchwerste Verlegenhert gebracht, weil die erste deul>H
milliarde bcreits seit März 1922 aufgeteilt ift.

ZnnerpMsches ans Sapern. ^

DirNbfindung des bayr^önigshauses. — Tie aufgedeckteBer? «ü"

Von unserer Münchener Redaktion ^

Müncha». 6- ^

Nach kurzen Auseinandersetzungen. in deren Verlaui ,
Finanzminister nur die sozialistischen Eegner fich zum M^ietzesoo
hatten, gelangte im banerischen Landtag d>e 7^»!
tage über die vermögensrechtliche Auselna» ^^j«c
ung des baycrischenStaates mtt dem vo r ' stcvc
bayerischen Königshaus nebst einem entspremon rl,Ä
einkommen zwischen Staat und Königshaus mit 9- v ^jes

egen 26 sozialistische Stimmen zur Ännahme. Hiornn! ^ ^
Landtagspräsident die Erörterungen des tommunist>I>si» ^j« «.
neten Aendsrl, der diese sinanzielle Vorlage der V^ni'

Herrn Poincars unterbreitet (!) wtssen möchte, als des hoy Fpspn
unwürdig zurück. Ferner gedachte der Hräsidenl naw Kayerv

Zittelsbach um

mung der grotzen Verdienste dcs Hauses ruilieisvaw ^ ^,

bekundete, dah auch inZukunft das bayer>i^;ba
seines angestammten FLrstenhauses in
keit gedenken wird.

» Oek'

Nach amtlicher Verlautbarung beruht die Nachri^ ^it
liner „Achtvhr-Abendblattes", wonach im Zufammenho"^^
ausgedeckten Verschwörung gegen die bayerische "

Bothme.r, der s.rüheis Vorsitzende der Bayerischen

festgenommen worden' sei, nicht 'auf Wahrheit. Ebc.n!^ ^jHidli^

sei

richtig, datz die Beschuldigten mit llnterstützung einer > ^ -
Macht eine Loslösung Bayerns vom Reich angcstrebt y^ j^s
ssien zwar mit einer Persönlickkeit einer solchen M
nehmen geireten, es handle sich aber scheindar daber

Turnuttszeneri im Berliner Rathans-

_i ts

die llembenennung der Strahen und Plätze wurde !^'^schl»^Ä
den Stimmen aller Parteien autzer >d«n Deutschnationaie» . .jchy
eine der neuen Straßen in Erotz-Verlin, die noch keme
haben, als Walter Rathenau-Stratze zu bezeichncir. ^ ^

einer neuen weiteren Stratze den Namcn Erzberger-«lrai,
wurde mit den Stimmen der Deutschnationalen, °er EjaiM^
Volkspartr und der Kommunisten abgelehnt. Bei der » Pjatz ^ -
Lber den sozialdemokvetischen Nntra.g, den Königsplotz"^-^

Der gesteerte Llurrericht.

Humoreske von Karl Mohr.

8. yortlebuu«.

RaSdrnck vervvten.

Dadrirmper, datz es em an dem, was mer rn erster Linie braucht,
«n Annern llnnericht zu gewwe, nämlich an Kenntnisse, mehr wic
gefehlt hat, konnt gar kaan Zweifel sei, un er is sich aach stlvst
driwwer klar gewese. Des hat em üwwer net die geringste Bedenke
od>der gar Eewisfensbiste verursacht, des warn fürn ^udi Molch
Klaaniglkeite, iwwer die em sei leicht Temperament schnell ewcg-
geholfe hat. Bei der Eelegenheit konnten doch wenigstens d!e Vicher,
die er stötzweis Lehaam lcihe gehabt hat, zur Eeltung komme, da hat
ja alles dringestannv. was er braucht un um d« Fridderich Schlump
jmrior zu belehrn, hat ers doch nur abzulese Lrauch«!

„Gott, was sin doch die Mensche so Lumm," hat er vor sich
hiegöflisierl. wie er rwwern Earkicheplatz eweg uff Lie „Altdeutsch"
zugesteuert is, „des Eeld leiht uff ds Gatz, un sie laafc draa vorbei."

Jm Lokal is es recht lekchaft zugange: fei Kollege sin fast voll-
zShlig beisamme gewese un hawwen mit eme allgemaane „Prosit
Molch" empfange.

> ^Datz d« Loch noch kimmst," hat sein guler Freund, der Math'as
Brechemacher gemaa»t, „ich hab schon geglaavt, die Mt HLtt Ler
widder emal de Haurschlistel konfisziext."

„Quatsch, des kann vielleicht dir tassiern —hat der Rudi Molch
recht spöttisch un von «ve erunner erwtddert, konnt awwer ner
weiterredde, weil en der Mathias Brechemacher mit d« Worte
unnerbroche hat:

.Leer uff, heer usf, du kannst doch iwwerhaapt eipacke! Hat fe
der net neulich erst dei Stiwwel in die Speiskammer eigeschloste,
datz de net uff die Rollschuhbahn gokonnt hast. he?I"

„Neulich, nsulich — —"

„No sa, neulich wie lang is es denn her — d» werst seitdem
aet selbstännig worn sei."

,Mas hast du e Ahnung, mein liewer Mathes," hat Rudi
dadruff, rn Wort un Mien iwwerlege, entgegend, „was hast du e
Ahnung vom Betrieb!" lln dann hat «r seine neugierige »n rrstaunt«
Zuhörer von seiner aagehende Lehrerschaft, tm wi« er derzu komm«
is, erzählt.

Selbstverständlich hat des Eveigms gebiehrend begoffe wern
miste, so datz stch die Sitzung iwweraus feuchtfröhüch gesialt un aach
Üeträchtlich in die Läng gezoge hat. Nowel, wie der Rudl Molch
war, hat er sich verschiedene Usforderunge net oerfchloste un mrhr
wie aa Rund „gefchmiste" — ohne Rickstcht usf die nachteilrge Folge,
die em dodvrch in Bczug uff fein Kastebestvnd erwachse fin. Erst
wies ans Bezochle gange is, hat er zu fenn Schrecke wahrg-nomme,
datz sei Geld bei weitem net ausreicht, doch hat sich der Wert gern
uffen nächste Dag vertröste laste, denn erstens is des schon widderholt
oorkomme, ohne datz er en Schade derbei gehabt hätt, un zweitens
war em dsm'junge Molch srin Vatter als en rechtschafsener un net
unbegieterter Berjer, an den er sich im Notfall wenne könnt, persön-
lich bekannt. . . ^

Wie der Rudi widder allaa in seiner Stubb war, ,s em aach die
Iwwerlcguns widderkomm«, «n «r hat sehr iebhast bedauert, datz

er des scheene Geld ausgewwe un dsrzu noch Schulde gemacht hat,
nur damit die Annern ihr Eorjel schwenke konnte. Zum stwwe-
undreihigste Mal hat er en heilige Schwur gsdah, ?o Dummheite net
widder zu mache, weil em zum stwweundreitzigste Mal zu Bewutztsei
komme is, datz seiner unaagebrachte Nobleh unfehlbar die Ernich-
terung in Gestalt von eme radikälc Dalles gefolgt is. In alle Schub-
lad«, Fächer, Schränk, Rock-, Hofe- un Westedasche, sogar unner der
Bettstell un zwische dc Matratz« hat er gesucht, ob sich net noch
crjsndwo e Minz finne deht, doch «s war alles für die Katz, kaan rotc
-isller wollt sich seiner erbarm« un morje Frieh mutzt er nach
Offebach uffs Gymnasium fahrn. Des hat nämlich die Ehr gehabt,
en zu seine Schkler zu zähle, mff die verschiedene Frankforder Schule
aus gewiste Grind nachenanner verzicht hatte. Zwar hat em sein
Vaiter am Monatserste des Eeld fnr « Abomrent gewwe, awwer
weil da sei Flamm grad Eebortsdag gehabt hat, hat ers aks Bei-
steuer fiir « aagcmeste Geschenk betracht un fich weiier kaa Koppwsh
von wege dem Abonnent gemacht. Jetzt war guter Rat deucr: crst
die vorig Woch hat er den Dag geschwenzt, wril die Sonn so schee
geschiene hat un in der Schul dicke Lust war, da konnt «r unmöglich
schon widder blau mache, sonst hätts unfehlbar e Brieffche abgesetzt
mit ems nachfolgende geheerige Donnerwetter seitens der Fraa
Molch. Weil an Laase infolge der weite Entfernung aach n«r zu
denke war, is nix anneres iwwerig gebliwwe, als Ge4d uffzutreiwe,
zu welchem Zweck Ler Rudi Molch am annern Morj« e halb Stund
frieher wie sonst uffgestieche un dem Haus «naus is, bevor en jemand
von seine Aagehserig« zu Eesicht krieht hat. um sei silwern Dasche-
uhr, die « Konfirmationsgeschenk von seim Erotzvatter war, uffs
Pandhaus zu bringe.- -

Wie der Rudi d« Mittag gege drei haamkomme fs. hat sr d«
stille Wunsch bei sich gehegt, 'vytz es doch grad fo fchee nchig fei möcht
als wie de Morjend. als cr von dehaam sort i«. Wenn des der Fall
gewese wär, dann hätt sei Jnneres sehr dagege kontrastiert, denn da
hawwe versch!edene Eewalt« mitenanner gerung«: sei Gewiste, die
Furcht un der Troh.

So is er mit sehr gemischt« Gesiehle die Trepp enuff gestiche un
wollt grad die Vorblatzdiehr uffschliehe, als die zu seim greeste
Schrecke von selwer uffgange !s, der haast, sie is eigendlich net von
selwer uffgange, sonnern di« Madam Molch, sei Mutter. die en vom
Fenster aus geseh hat, hat em die Mieh des Uffschlietzens erspart.
Merdings net in der Avstcht, um «m en besonners herzliche Tmpfang
zu bereite, sonnern mit dem Dorfatz zu verhinnern, datz er widLer
dorchgeh deht, bevor sem de Standpunkt in punkto Haamkomms un
Nethwamkomme. wenns Zeit is un des Este uffem Dffch steht klar
gemacht hat. lln diesmal sollt em nix «rspart bleiwe, hat se stch
vorgenomme, denn so « Frechheit geht doch wahrhaftig iwwsr die
Hutschnur!

„Komm erei," hat die MaLam Molch ihrm »erbliffte Sohn
bedeut, beoor er Zeit finne konnt, guten Dag zu sage, un kaum war
er drin un die Diehr zu, da hat se aach schon aagehows:

,)Sag emal, du Dreckbub, du verdammter, was füllt der dcnn
eigentlich ei. Wo hast de denn gestern Awend widder gesteckt?!"

.MZo ich gesteckt hab?"

„Odider, wo de dich erumgetriwwe hast, wenn drr des liewer ,s.

„Ich trcib mich iwwerhaapt nst erum!"

„Waaas — du unnerstehst dich aach noch zu wlddersp* ,

Maul zu hawwe — ei du sollst ,a verblatz«-"

Weil >e mit den« Worte e recht bedenklick ua
sprechend Bewegung nach dem GarderowestSnner. der l"lt qer^
un Spazierstecke gespickt war, gemacht hat, hats der Ruv> > chr ^
gehalt«. seinsrseits annern, gemätzigtere Seite uffzuzieo - iv^
seiner Muttcr ibr Temperament aus Erfahruirg „-madc ^
datz er m!t Boxbeinigkeit nix errciche konnt, wenn se
sonst mutzt unfehlbar Lie Katastroph iwwern komme- . '

Vorsichtshalwer hat er sich awwer doch an er r>orv«
Hinnergrund zu verdrickt, bevor er zur Defsnsiv« iwwerg" . A
,M«g dich doch net so uff, Mama —" „z ha" y.

,/Des mach ich ganz wie mirs bast — un rwwerig» r»
mich net uffgeregt, sonnern d u bist derjenige, der
wenn ich « richig Stund haL."

.Awwer Mama —" ^ ire!« B

„Mama hi« un Mama hev, gestern Nweitd hast ve
deiner Mama gefragt, wie de Eott weitz wo ervmge!»o
ich Ler dit Linsesupp mit der Flaaschworscht waimgrya.h'j^, s»
mers zu dumm worn !s. — Wenn ders net bast, dich i"»
scheer dich doch zum Deiwel!"

,T>u duhst mer werklich Unrecht, Mama —" . ^

,Äch so — no, dann nemme S« mers net iwwel, v" . jpi < -»
hab im Aazeblick gyr net draa gedacht, datz Sie der vrr ^
stn, datz, datz deln Äatter un rch von deim Eikomnre r« ' ^

die Miet bezähllt un die Gas un die Aohle un-. z;p-i

,M«ma, ich wern jctzt aach derzu beitrage," -«halte
Redeschwall unnerbroche, weil er de Moment für günstig
des immer noch drohende Unwetter abzulenke un E
dorch die Zwwerasthüng mit seiner aagehende Lehrerim ^

zugewinne, „ich geb nämlich jetzt Privatunnevicht! ^

Privatunnrricht — du — — ei. in was denn,

„Jn Mathematik, antike Sprache, Eeschicht« un
der Rudi selbstbewutzt erwiddert un verzählt, uff welcd's^^ era>'jjik
er derzu koinme is, un datz er jeden Aageblick sein «« asieS

dsht. Die Madam Molch, d!« eher geneigt
Humbuq un e neu Mannöwer M halt«, um se zu
ihr Mitztraue durch e nct mitzzirversteh Mienespiel ,isik

is awwer höchst aagenehm iwwerascht gewese, als M
Wahrheit von dem Eehörte in Gestalt vom Fridd- -.»ji

junior offcnbart hat, der pinktlich zur festgefetzte Zest ch-jgge ^
voll Bicher, die er in « graukarriert WachÄmch eitzei i ^

malerisch unnerm Arm mirgeschleppt hat, sigetroffe is-

„Eun Dag — wohnt hier vielleicht der Herr Molch, ' ,

llnnericht hawwe soll?" -„«ial aw>d jjK

„Iawvhl, mein Liewer," hat der Rudi Molch
bissi erablasssn'd dem Spezereihänneler sein Soh ^"p> ÜF, dE.f.k
oorgemmune, . immer .uff e gewisse Distance dedaw.r i -t'.'sii,
mei aach wisse dcht, wer der Lchrer un wer der Slyuiei ^.jtze >„^i>
hat er seine Mudder fxeundlichst zugelächelr, was ?o v - . «ch.-^
als „so wolle' mer widder aanig ,ei" un de Frrdx'.. ^ .r«« :
junior ehinner in sei Stibbche gelcit, darmt -od^'

-ch könnt.

- -.As.',-" I- r . ^ -> -
 
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