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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0438
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Ein schlimmes Sympiom in diesem Zusammenhange ist äuch das
Derhalten der Sozialdemolratie in der Lehandlung des Eesetzent-
wurses zur Anpassung der Steuersätze an die Eeldeniwertung. Wir
wollen hier aus das Mehr- oder Minderberechtigte der einzelnen
Steuersätze, wie sie durch die Mehrheit bisher sestgesetzt worden sind,
nicht eingehen, wir möchten nur Einspruch gegen die demagogische
Entstellung erheben, mit der Blätter von dem Schlage der „Volks-
stimme" aus der Tatsache, datz die SozialLemolraten zusammen mit
den Kommunisten bei der Abstimmung gegeniiber den anderen Par-
teien meistens in der Minderheit blieben, aus das Vorhandensein
eines „bürgerlichen Steuerblocks" gegen die , Sozialdemolratie
Schlüffe ziehen und auf „Steuerdrückebergerei". Der Umstand, datz
die beiden Parteien, die das Aeutzerste in der Weichheit gegen sozial-
demokratische Wünsche leisten, das Zentrum und die Demolraten, bei
diesen Beschlüssen mitgewirkt haben, hätte allein schon genügen
müssen, um eine solche Anklage unmöglich zu machen. Nein, wenn
die nichtsozialistischen Parteien dazu gelangten, die sozialdsmolrati-
schen Forderungen sich nicht aneignen zu können, so geschah das eben
einfach aus Sorge um Erhaltung der Wirtschaftskrast,
und damit also aus Erwägungen heraus, die sicherlich viel arbeiter-
sreundlich stnd als diejenigen, von denen die berufenen parlamenta-
rischen und journalistischen V e r t r e t e r der Arbeiter getriebsn
waren.

Wir wissen nicht, ob die drohende Obstruktion dcr Sozialdemo-
kratie in dieser Frage — an sich ein schweres Vergehen am Staate,
denn der Staat braucht die neuen Steuergesetze — die anderen
Parteien dazu bewegen wird, in der letzten Lejung doch noch einige
Zugeständnisse zu machen, aber das wissen wir, datz es sehr zweifel-
haft ist, ob dicse Zugeständnisse das Eeschrei über die angebliche
Steuerscheu der Kapitalisten zum Schweigen bringen werden. Wir
fürchten vielmehr, datz Las Eeschrei hierüber und Lber alles das an-
dere, was die Republik bedrohen soll, weiter gehen wird, zur Freude
unserer Todfeinde, die aus ihrer Eeschichte wissen, datz Deutsche von
jeher die schlimmsten Gegncr der Deutschen waren, und deshalb er-
heben wir warnend unsere Stimme und beschwören unsere Volks-
genossen, die auf der linken Seite stehen, sich von ihren „Führern"
nicht verführen zu lassen.

Wenn heute der Ruf erhoben wird: „Republikaner heraus", heuie,
wo wir vor Scham faft vergehen Lber die fürchterliche Schmach, die
dem deutschen Stamme angetan wird, wo der Re'gierung der deut-
schen Republik täglich die unerhörtesten Herausforderungen entgegen-
geschleudert werden dürfen, weil die Begrllnder dieser Republik es
leider vergessen Hatten, rechtzeitig die nötigen Earantien fllr ihren
Schutz zu besorgen, — so sollte dabei nur an eine Verteidigung der
Aepublik gegen die wirklich vorhandenen Feinde am Rhein und an
der Ruhr gedacht werden dürfen! Wer heute zum Kampfe aufruft
gegen andere, innere, zum Teil blotz eingebildete, auf keinen Fall
ernste Gefahren, der schädigt in Wahrheit die Republik, die er
angeblich schützen will, und der beweist, datz er nicht den Kamps um
den Frieden will, sondern den Kampf um die Fortsetzung des inneren
llnfriedens, also den Kampf um dsn Kampf.

vs.

Me AofklSnW der Nuerer Mrdtat.

Unumstöhliche Tatsache: Die Mörder zwei Franzosen.

Berlin, 13. März.

Wie aus Buer gemeldet wird, werden die Vernehmungen in
der Mordaffäre von deutscher Seite energisch fortgesetzt. Nach über-
«instimmenden Aussagen niehrerer deutscher Zeugen hat sich der Vor-
gang foigendermatzen abgespielt: Am Samstag trafen zwci sran-
^ösische Ofsiziere in der Hochstratze gegenüber einem Restaurant zwei
französische Alpenjäger. Ein in dsm Restaurant befind-
licher Äechtsanwalt und die Wirtin hörten, datz die Offi-
ziere mit den Alpenjägern eine in französtschsr Sprache geführte
erregte Unterredung hatten. Plötziich fielen zwei
Schüsse. Als die Eüste des Restaurants sich Larauf auf Lie Stratze
begaben, sahen ste die beiden Offiziere tot auf dem Boden iiegen.
Eleichzeitig bemerkten sie, datz die beiden Alpenjäger eiIigst
daoonliefen.

Obwohl bereits 24 Stnnden nach dem Morde feststand, datz als
Täter der ermordcten Ofsiziere zwei franzSsifche Soldaten in Frage
kämen, war es bei Len Eswalthabern ausgemachte Sache, Latz die
Mörder in den Reihen der deutfchen Bevölkerung zu fuchen feien.
So wurde d-enn eine friedliche Stadt in einen Hexenlessel verwandelt,
in dem eine zügellofe, vcrrohte Soldateska auf die weyrlosen De-
wohner losgelassen wurde und wahre Orgien der Scheutzlichkeit,
Unmenschlichkeit und Blutgier feiern lonnte. Der Lerkehr wurde
gesperrt, die Zeitungen verboten, ahnungslofe Bürger willkiirlich
bsschossen, mit der Reitpeitfche mitzhandelt und einige Dsutsche auf

bestralische Weise ermordet. Man wird gespannt fein dürfen, was
Herr Poincarö und Hsrr Maginot, die stch gleich beeilien,
e.ne Welle geifernden Hasses in Form von blutrünstigen Straf-
androhungen gezen uns zu schl'eudern, jetzt fagen werdsn, nachdem
sich die Haltlosigkeit del Befchuldigungen und die Grundlostgreit dcr
verübten Erausamkeiten (die felbst im Falle einer deutfchen Schuld
jeder Berechtigung entlehrt hätten) erwiesen haben. 7- W'e mon
die blutige Politik dos Herrn Poincarö auch in französischsn Kreifen
einschätzt und welche Folgen sie zeitigen wird. beleuchtet der Parifer
„P 0 p u l a i r e". der zu den Vorgängen in Buer folgendes fchreibt:
Blut sei geflossen und es werde vielleicht noch mehr Vlut slictzen.
Der Hatz, der ungeheuerlich wilde H a tz, der dem Frieden den
Weg versperrt, werde die Menfchen und Völker noch mehr gcgen-
einander a u f h e tz e n. Das sei das W e r k P 0 i n c a r ö s. Keiner-
lei verniinflige Losung der von dem Kriege aufgeworfenen Fragen
stehe in Ausstcht, sondern die Atmosphäre werde immer d r .1 ck e n -
der, werde immer mehr vergiftet durch all das, was die armselize
Menschenrasse an gemeinen Jnstinkten, an phyfischen
Vrutalitäten uno moralischen Hählichkeiten noch
aus deu fernen Zeiten Ler primitiven Baroarei mit sich jchleppe.

Die Stadt Buer ist nach wie vor von der Autzenwelt
vollkommen abgeschnitten, so datz nur selten noch eine
Meldung über die Fortdauer des Terrors an die Autzenweit dringt.
So wurde am Montag ein Mann, welcher mit der Stratzenbahn nach
Eelsenkirchen zurückfahren wollte, durch einen Eewehrschutz ge-
tötet, und gleichzeitig wurde auch noch ein anderer Mann durch
die Franzosen erschossen. Eine grotze Anzahl von Personen hat
schwere Verletzungen erlitten. Vor dem Rathause in Buer
haben die Franzosen sechs Tanks aufgesahren und die Besatzung ist
um eine grotze Anzahl neuer Truppen verstärkt worden. Gestern stnd
auch sämtliche Beamte der Stadt usw. von den Franzosen nach
Waffen durchfucht worden.

„Zer Aemd steht in Verlin."

Paris, 13. März. Robert de I 0 u 0 enel schreibt im „Oeuore"
zu der Jnspektionsreise des sranzösischen Kriegsministers :m Ruhr-
gebiet: Es scheint, datz Maginot zu Schlutzfslgerungen gekommen
sei, die noch iiber diejenigen des Eenerals Dcg 0 utte hinausgehen.
Wenigstens hat der Minister der Presse die Erklärung abgegeben:
Der Feind steht für uns nicht im Ruhrgebiet, son-
dern in Berlin, und was ich für Frankreich sage, sags ich auch
für die Bevölkerung des Rnhrgsbiets: Der Feind ill in Berlin!
Enlweder Ledeutet diese Frage überhaupt nichts, odsr sic bedcutet,
datz Frankreich sich nicht mit D r uckma tznahm e n im Ruhrgebiet
begnngen wird, wo es keinen Feind habe, sondern datz es diese
Druckmatznahmen in Berlin durchführen wird, wo sich sein ein-
ziger Feind besindet. Däs sei auf alle Fälle diejsnige Bcdsuurng,
die man dieser Aeutzerung zu geben nicht versehlen werde. Anf dicse
Weis« würden zwei neue Fragen aufgeworsen. Mas hat Maglnot
eigentlich sagen wollen? War er von der französischen Regierunz
ermächtigt, eine Sprache zu sühren, die diese festzulegen geeignrt ist?

Mßnchnrrll gegen die Wohnvngsn^

Debatte Lber Wohmmgsbauabgabe» im Reichstag.

Eigene Drahtmeldung.

BerNu. 1»

zstckrt-

ArbeitSminiket B ra u n,

JustiS



,°r

ltersr- je<

des O!!>'«-«

Wenn Hsrr Maginot stch einbildet, mit
Zwiespalt zwischen der Ruhrbevölkerung und
säcn, dann befindst er sich gründlich auf dem
lichen Aeutzerungen anlWich des Mordes in
deutschen deutlich gezeigt, was sie von einem
zu erwarten haben, und die deutschs Regie:
Erund haben, sich über die Drohungcn eines
wie aufzuregen.

seinem plumpen Köder
der Reichsregierung zu
Holzwege. Seine kürz-
Buer haben den Ruhr-
Manne seines Schlagss
:ung wird wohl keinen
Herrn Maginot irgend-

FrankreiH urid Mßland.

Moskau, 13. März. Ein Leitartikel Ler „Jswestija" oerweist auf
die Schwankungen Frankreichs in der rnssischen
Frage und stellt sest, datz Franrreich sich durch das Ruhraoentcucr
von England und Amerika isoliert und seine Beziehungen zu Deutsch-
land verschärft haüe. Jetzt versuche es, durch Las Eesponst cines
sranzösisch-rusfischen Vertrages beide Seiien zu beeinflussen. E i n
solcherVertrag bestehe nicht, wie auch ein deutjch-rufsischei
Vertrag nicht vorhanden sei. Die Wiederherstellung normaler
Beziehungcn zwischen Frankreich und Rutzland würde sür beide von
Nutzen sein. Es sei notwendig, drese Beziehungen zu klären, indem
man die diplomatischen Schkiche beijeite kasse.

Herabsetzung der Preise.

Berlin. 12. März. Der Re i ch sw i rtsch aftsminrster hat
den Spitzenverbänden ron Handel, Jndustrie, Handwerk
und K 0 n s um g e fe l lfch a f t en heute ein Rundfchreiben zugehen
lassen, in Lem er nochmals darauf aufmerkfam macht, datz es dringend
erforderlich sei, datz die Preise das angemessene Matz nicht über-
schritten und Lah sie, soweit das doch dsr Fall sei, ohne Verzng
herabgesetzt werden sokten.

Nm ReclerungsttfK
H c I n z e.

Aus dcr TagcsorLnung ftchl sunSLst die Dorlagc
r u n g des N e i ü, s v c r I v r g u n g S ge I c tz c S, dcs A ^ , ,,

gesctzes, dcs KricgslchädcngesedcS und t>ss vk

vcniionsgcietzes. Dic betrcfscndcn Gcsctzc wcrdcn durai °
Vorlagc dcr Gcldentwcrtung angcvaht. Nach lurzcr AuSivraw i"
Vorlagc aus Antrac Thicl lD. Vv.s und Mencr - Zivlckau
schleunigen Erledigung Leni iozlalvolitiichcn AuSschub überwicn
Durch eine weitere Vorlag« wcrden Gebühreu sür dic A r
büchcr eingcsübrt.

Abg. Maz«zabn iKomm.i verlangt dte Abschafsuna der »rv
ba cs nicht notwendig ici. dah dic Jugendlichen und Lebrlinm
Meister kontiolliert werden. Wcnn man sie aber nick,« abiwan
so mübtcn sie wenigstens kostenlos ausgcstcllt werdcn. Vci 0 r
mung über dicsen Niitrag. gegeii den die bürgerlichcn
idie Baurrische Volksvartei cnthält stch der Stimmcs. ?°uo
zäblung crfolgen. Der Antrag Maltzahn wird daraui niit
Stimrnen abgelehnt. Di« Vorlag« im übrigen wird angcn

Angcnommcn wird lerncr cin Gcsetzcntwurs über eine Vcr ^ ^

rung öcr Z u ck c r u n a s f r i st sür Wcine dcs Jakres

— Z-cker«na»i">^

Antrag des Abg. vou Guera IZir.i wird dte Zuckeiu: ^jA

der ungnnstigen Verkehrslage im i-elcvten Gcblcie nickst °°r
80. Juni, sondcrn biS zum 31. Juli IS23 verlängert. Hcrce

Angenommen wird fierncr auck, ein Zenlrumsanlrag Ubcr he ^ '

Kreise Mvnschau. ^ie WohnungsbaAabzabr.

Abg. Schirmer lBo.yer. Vv.» tcilt mit. dah seinc Sraktw° t.'st
Angelegcnhcit nicht einheitlich sei. Man solle vor attem
ländcr zum Bau eigener Wobnun^cn zwingen. Der Nedner


Holztcilcruns namcntlich in Franken.


Arbeitsminrster Dr. Branus erklürt. datz die Negierunk^

t»;

werdc, um cine Verbilligung der Bauttofic
Baustofsbaniels zu erzielcn. Den Gedanken, auch die cr
Jugendlichcn zur Abgabc für Bauzwecke ücranziiziehcn. wn ci^j,

rung durchzuiübren vcriuchen. Eine Frachtverbilligung sc> , >,jc
trctcu »nd eine weitere Dcrbillixung wiirde nicht cinmal mc«

kostcu der Eisenbabncn deckcn. Die Abgabe wird auck, ..^.„stliclifÜ.z

sinden. Bon einer lrlü)



handlungcn Berückstchtigung finden.... .

wendung Ler Wohnungsbanabgabc ist dcm Rcichc bishcr
kannt gewordcn. Für grobe Wohnungsbanten sindet stw „

Kapital. .qtbga , iS^

Preutzischer WoblfaHltsminister Dr. Hirtstefer erklärt, dw » Jab-
3 Prozent sei unzurcichcnd. Es iei auch sraglich, ob dic i°l . a ko»
in Ausstcht gcnommenen Lvviio Wehnungen zur Ausiuvr

MinistsrialLivcktor Beycrlein (Rcick,scrnährunxsmi>ü""^d
mit, ücr Ministcr werde Lie Holzvrcise lo bald alS nur "^jter-
crmähigcn: durch Berbandlunge» mit Len Ländern soll ci°- §</

billigung crrcicht werden.

Abg. Heiidemann tKomm.) hält die Lasten für uncrträg" ^
bitterung des Vvlkcs wird eines Tages mit allen diescn Nev z,r

machen. Damit sckilietzt die allgemcinc Aussvrarbe. „ , nw",,

Angenommcn wird ein Antrag Leovold tDnat. DW-' ajn«
Einkiinfte aus Lcr Velastung wi-tschaitlicher Gebände sind-

der sür Bauten fitr landwirischaftliche Lwecke Heranzuäicven ' x lO sV
Nach tz 6 bcträgt die Höhe der Abgabe vom 1- ^ PrVÄfoi-Ü'
1200 Prozcnt des Nutzungswertes. wozu noch wcitcre 1°°? zocP.jstcit^'
bic Gemcinden crbvben wcrdcn können, so datz also insgelam
erboben werdeir können. Soweit dicse Sütze dic bisherigcu cr

geltcn sic nur fnr die Kalcnderiahre 1923 und 1924. P-o»c° „j,

Die Deutschnattonalcn beantragcn, nicht löov^'^^ze» Za
bebcn, sondern nach dcr crsten Regicrungsvorlage nur M

Sozi-ildcmokraien n-ollen die Negierung ermüchtigen, dte «0
stimmung des NeichSrates noch zu crhöhen. . Erb«,

Baver. Ministcrialdirektor v»u Jmbvsf erklärt. datz dte . x 0 8 strstls,
ber Abgabe auf 3990 Prozent tn weitcn Krcii-n RAstaM
»nruhigung hcrvorrnfe, er bittct. namenS der
dcn drutschnationalen Antrag auf Wicdcrherftcllung dcr Rcs . i«-

anzunchmen. .,„lreM"^„

Aüg. Eichkwru lKomm.) stellt fest, batz d!e Soei->'^,u -a-
Ausschntz svgar nicht wenigcr als 6900 Pr^cnt erheven w . A
hastes HSrt! HSrt!)

Abg. Tremmel lLentr.) beantragt vermittelnd dic ^it
Abg-abe in Zukunft der Neichsrcgicrnng und dcm Ncick>sr»
mung dcs Wobnungsansichusses dcs Rcichstags zu tlbcriav

Abg. AuLrS tZentr.) erklärt, m!t diesem Gesed wcrde dc h

bau auf ein totcS GleiS geschoben. Man sollte die Lcme. xc
Licnen, »um Bauen »wingen: stattdessen sollcn nu» die ar
WohniingZbauabgabe zahlen. «ul .ifira"

Dcr Lentfchnationalc Antrag, die Wohnnnrsbauabga°v^
zcut hcrabzusctzcn, wird gcgcn die Antragst-ller. cinen Ten ^c>»°

die Bancrisch« VolkSpartci und üie Kommunistcn abgclcv° ',hcbe°'A,>z:a',
Für die A u S s ch u b s a l s u n g, 1«X> Prozcnt »° 7, die
weitcre " - '' ' . ».«mc« »na-»

Lcmokratcn und die Mindcrhcit deS Zentrums uiir:r e-»>!'"q,,isiw"7„a. ,,
und F e h r e n b a ch. Es mnß Auszählung criolgen. Dic ASÜ-

wird mit 127 gcgcn 138 Stimmen abaelcbn ». tGrotze " zcr . i^
Prästdent Löb - stellt fest. datz nnn Im Gclctz beM" cr>°'ji Est
">: cntstandcn ist, da kcinerlci F-st>-^, etivwü.

dci cin^

Ler Abgabe eine Liich

Ein Antrag Les Abg. Trcmmcl tZcntr.


Der schwingende Klang.

Elne StratzLurger Novelle or>n Erica Erupe-LLrchcr (Hamburg).
1. Kortlebuna. Nachbruck verboien.

Absr Lsonie roar ja fchon sert Kindhert eiwas Apartes gewesen!
Sie hatte in der deutschen TLch!erschule als Stern geg.änzt. Konn c
die Eedichte von Schiller und Goethe, gar aus dem Eeiächtnis
zitieren. Hatte dem Vaier die Erlaubnis zu Klari r,»un en a g:-
dettelt, und in diesrn sonst so nüchternen Räumen oft aüerlei Zeugs
musiziert. das Vater unv Bruder unverständlich w.e ein Ton-
geklingel vorlam.

Ja, darum hatte auch Ler Dr Riethbe nen solchen E ndruck auf
die etwas schwärmerische. sentimen!ale, wsichherz ge Leonie machen
können! Nicht nur, weil er ein schöner, blonder, staitlicher Maun
war, Ler den Elsässertypus überragte, sondern eLen. weil er ste aus
Lem Alltag zu heben verstand und ihr Dinge gab, die ihr in ihrem
Daterhause nie bcgegnet waren!

Und der Bruder drängte w^ter: „Schau, von der Kunst wird
man nicht satt. Gerade wlr hie^im Elsatz müsfe nach dem geye. was
für uns profitlich ist! Wir müsfe setzt den sranzösif en K rs
mitmache. Wer von uns jetzt noch im Eeruch steht: er hält zu den
Deutschen, der bekommt schlechte Zeite, dag einem d:r Atem vergeht!"

Da winkte sie ihm mit ciner Vewegi'ng ab. zu s.l,w:igen„ Sie
wollte sie konnte nichts mehr hören! Sis war mürhe peworden.
Der starke, schwingcnde KlaNg und Einflutz, den Helmut Rieth stels
über sie besessen, begann zu schwinden und sich zu ver lücht gen.
Gerade, weil sie ihn jetzt seit Tagen n cht geseh n. Absr das Drän-
gen zu Hause lietz nicht nach. Es eriahmte n cht, sondern qing Tag
um Tag, Stunde um Stunde weiter. Nun wollte sie Ruhe haben.
Denn sie fühlte es seit Tagen: sie mutzte dennoch nachgelen und auf
ihre Neigung verzichten.

Deswegen schpitt ste jrtzt auf den Tifch zu, zog den unbeendeten
Brief aus rhrer Mapxe und fagte zu Vater und Bruder: „Ca miert
Euch! (Beruhigt Euch.) Jch bin grad eben dran gerocf-, dem Dokior
abzuschreibe. Zch hab ihm vorgestellt: es wäre besser, w'r tä e jstzt
voneinander lasse, wo sich die Verhältnisse für beide Teile fo ge-
ändert hätte."

dleber das etwas fahle und aufgeschwemmte Eestcht des Mon-
sieur Denger, das sichtlich bekümmert der Unterhaltung g?fo gt, schotz
ein Freudenstrahl von Ueberiaschung. „Leonie, ma cherie! Das
tust du Leinem alten Babbe zu lieb? O, was bis du für ein l ebs
Töchterle! Das will ich dir nie vergesie. Du brkommst sicher noch e
teicher, guter Mann sonst. Denk dran, wie lang dich schon unser
Nachbar, der Pastetenbäcker Laurent, hofiert! Der wird j:tz! wieder
ein glänzendes Eeschäft mache, wsnns jetzt w'eder Lust für uns im
Elsatz gibt. Ja 's ist Zeit, datz diese oerfli'chle Hungerei ein End
hat, die wir untsr dem deutsche Regiment habe diefe vier Kri gs-
jahre durchmache müsie. Kein Fleisch, ke ne Eier. k?in Frtt, ke'ins
Kleider, keine Kohle und keine Schuh! Enfin: — w'r haben's alle
genug! Und nun bekomme wir das schöne WeihLrod von den Frän-
zose und den guten sranzösischen Wein aus Südsrankreich, der lo
billig ist! Zetzt komme bejsere Zeitei" —

Sie hörte gar nicht mehr zu, fondern beendele dsn Br'.ef in
langsamen, mühsamen Lchriftzügen. Das Hsrz ilopste ihr schwer
in der Emnfindung, datz sie dem Empfänger sin Meh zufüge —.

Nach einer Weile erhob sis sich und veraLfchiedete sich: „Zch mach
c paar Kommissione. Bis nachher! Bleibst du noch e Weit beim
Bäbbe, Tavier?"

„Erad hab ich ihm das Programm erzähle wolle. das zum Emp-
fangslag sür die Franzose zurechlgrstellt ist. Löonie, ich hab dich
einlade wolle, die ifarade anzufehe, d>'r der Eeneral P« a n am
Kaiserpalast abnimmt. Jch kann im Ministerium e paar schöne
Fensterpiötz sür uns bekomms!"

Als sie zögerte. fiel dcr Vatter mit Lebhaftigkeit sin: „Eeh nur
mit uns! Du hast immer gesagt: „Ihr fchimpit nur auf die Preutzen,
weil Ihr sie nicht kennt". Und ich sag dir jetzt: Du bist noch grge
die Franzoss, weil du sie im Grunde zu wenig lennst: Drswege —
sieh dir einmal die französische Armee an! Du hast ja neulich —
wann wars noch?, im September, dich awch ron d.incm Her n Pro-
fessor einlade lasie, die Parade vom Min stsrium aus anz>.scuen,
die der deuische Kaiser damals hier abgenomme hat. N n iaz oich
emol eines Besieren belehre, und fleh, dah der sranzösischr Poilu
auch etwas vorstellt. Enfin! 's Läon-s, geht mit uns, Xao.er!"

Sie würgte innsrlich an diessm väierl chen Diktate, als sie auf
die Stratze hinab trat. Es war ein kühler, unfreundl cher Nov mb.r-
tag. Das Haus lag an sinem der „Staden". der U erstratzen, die
stch utn den krummen Laus der Zll und Leren Nebenarme enilang
zogen. D!o Lage brachte es mit sich, datz h er das Stratzenbild
stiller war, nicht so zusammengepreht. wie sonst in den schmaleu
alten Stratzen der Festung des Zentrums. Aber auch hisr beganncn
durch die neblig-feuchte Lust sri ch gewundcne Eirlan en, Leste.it
mit zahlloscn blau-wsitz-roten Fähnchen, von den Fensterre.hen z..m
Franzosenempfang heravzuleuchten,

Es war ihr. als schritte sie auch in ihrem Leben in einen Nebel
hinein. Alles ringsum schien in schwanlenden Koniuren zu zittern
und zu gleiten. Alle festen Linien fehlten in ihrem Lsben. Sie
mutzte sich unter dem Druck der Vsrhälinisie in ihrer Zuneigung
entwurzeln lasien. Ohne Gegengabe. Nichts, was sie nur im eni-
ferntesten hätte dafür ausfüllen oder wieder mit dem Lsben vsr-
söhnen können, sah sie sich gebolen. Höchstens, tatz sie zu Hause end-
lich wieder zusrie-snere Eesichter sah. Und die Empfindung: datz
sie als Elsäsierin so und nicht anders HStte handsln dürfen!

Eine wachsende Unruhe um sie ritz sie aus ihren Gedanken. Was
gabs? Ein M nschengedränge hier am sonst so besckaulichen Sta cn?
Än der ganzen Haltung de'r zusammengeströmtcn Leute sah sie Un-
ruhe. Spannvng, Fragcn und ein stetcs Sicbhinabneigen zum Flusss.

Dnnn erinhr ste die Ursache. Auf dem Fiusie scbwammen än-in-
andergeko >ps.: eine Rerhe von Waschhäuschsn, gleichsam auf Flötzsn
gebaut. Sie hingcn mit starkcn Kettcn am User befestigt. Man
hatte diese Vorliebe, die Wäsche oon Frauen auf dicsen Wosch-
pritschen unmitielbar auf dem Flusie waschen zu lasisn in clsäsiischcn
Kreisen noch aus der sranzösischcn Ze't vor 1570 leibcla't.'n. In
langer Reihe knieten dis handfesten Wsibsr Tag um Tag in ni dr -
gen, mit «troh ausgelegten Kistsn unwitielbar am Wasierrund.
Lürsteten die WLfche auf den vor ihnsn liegsnden Hölzern mtt un-

Larmherziger Resolutheit, um sie dann, nachdem grotze E' ne^!!
bottiche das Kochcn besorgt, gle'ch im flictzenden w u e"

d>L„-„ter^c.

auszuspülen. Es war kein le.ch er Berus. ^zm >,je ^ ^ --
Sonnc über der weiten Rheine.cne krütete, brann.c» Lkist^gsicl-
auf die n'.edrigcn, schwimmenden Waschhäuschen. ->)O, Flstvstü.jkS'
starrten die Finger schisr beim Haniieren im eisigka-jb
Die Waschpriifchen waren ein Stück aus dem elM?
leben. Und das Mitzgeschick, das eben ker einen ,0
von der Kette zustietz, rour. e sogleich ein Ereignis "ch-, st " . Zb"
Jnteresie. Jung und alt, hoch und niedrig rannie 'kst^j.qgc'!!
zusammen und beriet Hilfe. Und wirUich waren nckw
einige beherzte Männer und Burfchen in einen Kam.gM-'"'
und langten mit langen Stangen an die Halen des « «
Waschflotzes, um es wieder anzuketten. '«'nsie

Auch Lsonis war stehrn geülieben und sah z°m M seistlsjE
»rhaftig! Die alte Babette, die grsise Wofchsta'> s IjffcN-'i

Wahrha'

zehnien auch die Wbische vom Hause Dsnger hicr a°! 'ig'fp' cl'
Musch, befand sich m-t unt:r den Frauen. die hicr aus ° r
Pritscho jetzt den Flutz hinab.rieben! Abcr das Wte>'-7 „sck?i!
schrocksne Angstgeschrri der Weiber wurde nun zu lieru,, b pell -Aci?
rufen an die Netter. Auch der nie versiegende und h,stc ggs-

cllnssitchp Nntk-;», t, unv die Nsiauno. icder SitualioN sick)

Sw.g

elsässische Volkswitz und die Nsigung, jeder Situairon p .te
abzugewinnen. rang sich jetzt schnell wieder vor und m»
durch neckende Hin- und Hsrrufc-.

„Fräulein Denger!" Leonie wandte sich jetzl ^rnoE
eben vermeinte sie, ihren Namen halblaut hintcr sia> Uls
haben. Die Umstehenden beganncn, sich zu rerlaust'"- -jjh
Umgebung mit suchenden Blicken abstreifte, lrampltb -^^ntest^jK'
ihre Rechie über dem eis.-rnen Ufergitter neben sia) ".'„„xrcS
Ein sekundrnlanges Zögern. Es war wie ein ! ^

u"Kcf>

ilikürlich )iel ihr Blick A-F

tragen wollen. Jetzt crst b "^rbla?^ ^
tfalls unvermutete Legsgnung go

wohin willst du getzen?" Sie schw cg ' g>i'

" .^ '"- Blick auf d-n , el. „


sammein. Ein Sichentschlictzen war es. Dann g-W k
Schritte auf einsn Herrn zu. der ihr in kleiner
wandt entgeoensah. iraende'-st-Mc/.'

Sie reichte ihm schweigend die Hand. Unfährg- ,r zst ^
gültiges, harmloses Wort diesem Manne nun gbS^-?n, osicst
von dem ihr Schicksai zu trrnnsn ste sich vorhin en i '^^r b' psi'

„Lkvnie,

schweren Atsmzug. Unwillkürl
sie eben hatte zur Po?t tragen

sthr sie üüer dis 'hr jedenfalls unvermuiere Len-u-:.n
Mit der Feins>ih,,g>eit des Liebcndcn ahnte er plotzl ^

Zusammsnhang. »-„„ie »w ° ,

„Ich stand im Begriffe, zn Euch zu kommen, L«on > ^

sprechsn!" , peN ''st -l-..

Da ssnkte sie den Blick und strich mechanilch rwlst^gs

handschuh auf ihrer Rechten. Sie wutz'e. wclch Dest" ,„'>7

ihm solch ein Besuch in jhrsm Vatcrhause kosten -joa'> .nF,

war es ihr klar gewordcn. datz das n cht nar üutzer« ^
bürgerlichr, sondern auch geistiq enqe Mlli-u ihres §>>'

nicht zusagcn konnte, uud sie seilst ihrer ganzen -cklst -
in Dr. Nieths Milieu und seinen Geist -srahmen bl" jp-g'
hineinwachssn würde. (Forstetzu"»
 
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