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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0698
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knMnd darf es äuch nicht mit Deutfchlantz vertzertzen, tzäs
lllein durch seine Haltung in kommsnden Ostkonflikten ein Faktor
von entscheidungsfchwerer BeLeutung sein wird. Hier warnt das
kLahrzeichen des Raoallovsrtiags und die ganzen immer enger
»erdenden Wirtschastsbeziehungsn Deutschlands mit Rutzland den
Briten vor einer zuweitgehenden DesintsreNerung am deutschen
Schicksal. All dao sind zwingends Gründe, tzie Englands Haltung
ibsolut eindeutig Lestimw.en und es auf eine Politik festlegen,
die auch dadurch nicht frsiwilliger wird. dah es sich das Mäntelchen
tzer Moral umhüngt und Lamit vor aller Welt als der Retter aus
bitteren Nöten paradiert. Wer den Dingen auf den Grund sieht,
mutz Lemerken, dasi das wohlwollende Lächeln des Menschenfreundes,
tzas hier bei nur allzu willkommener Gelegenheit zur Schau getragen
wird, etwas Süßsäuerliches hat.

Und Frankreich? Aehnlich liegen die Dinge auch tzort. Eewitz,
man ist jenssits des Rheins Lis an Lie ZLHne bewaffnet, man starrt
'm Eisen, und wenn die gspanzerte Faust den Schwertknauf fester
packt, so ist dieser Umstand durchaus dazu angetan, Euroxa im Ee-
tzenken an Erlittenes in Atem zu halten. Aber ist diese Selbst-
gewitzheit wirklich noch echt? Oder pocht schon unter der Rüstung
e!n zagendes Herz, flackert vielleicht hinter dem Visier ein unsteter
Dlick, den die Sorge vor Eommendem trübt? Poincarös polternde
Retzen, tzeren er jetzt eine an die anders fügt, verhüllen nur schlecht
den Eindruck, den die „inoffizielle" Reise Loucheurs nach Lon-
don bei allsr Wslt hervorgerufen hat. Das hyfterische Geschrei der
Pariser Presss, an Leren Spitze der schon nicht mehr ganz zurech-
nungsfähige Gustav Hervs die Hurravolitik Meister Poincarss
noch zu übertrumpfen sucht, kann den Einsichtigen nicht darüber
hinwegtäuschen, datz irgend etwas „faul im Staate Dänsmark" ist.
D!e Verzückung, die die Minister von ihrer Ruhrreise mit heim-
gobracht haben. steht denn Äoch zu dem wirklichen „Erfolg" in einem
zu komischen Eegensatz. als datz man versucht sein könnte, sie ernst
zu nehmen. Wir Deutsche haben ganz^ gewitz ksinen Grund. die
Sache von uns aus zu optimistisch anzusehen. Was die rein maie-
riellen Erundlagen seiner Politik anbelangt, lieqt für Frankreich
ganz gewitz keine Ursache vor, klein LeizugeLsn. Hier hält es mehr
als genug Trümpfe in der Hand. Aber wie ist es mit den Men -
fchen, wie steht es nm die geistige Verfassunq eines Volkes das
jetzt neun Iahre ununterbrochen unter den Wafien stehi. Allem
Anschein nach machen doch die sranzösifchen Eisenbahner Schwierig-
keiten. Und wie verhält es sich mit der Truppe, die standig auz-
aepeitscht wird gegen einen Feind, der in seiner Ohnmacht so gut
wis gar nicht aks KLmpfer in Frage kommt? Sollte man hisr nicht
vielleicht allmählich zu der erschreckenden Erkenntnis kommen, dag
man die zu Lestialtschen Brutalitäien systematisch Ausgehetzten schoa
nicht mehr in der Hand hat? Wer Soldat war. weig, was das
heitzen will: der weitz auch, wie viel schwerer es ist. eme Truppe in
Zaum zu halten, die in der erschlaffenden Ruhe des Etavpsnlebens
dazu neigen mutz, sick gehen zu lassen, als etwa Soldaten in den
wirklichen Kamvf zu führen, der schon von sich aus zeden Emzelnen
dazu zwingt, sich körperlich-seelisch zusammenzureitzen. In dieser Hin-
ficht gibt doch der neuerliche Standvunkt des Generals Denvigne
sehr zu denken, der durch einen Vertreter der „Information dsr
Lreiten Oesfentlichkeit Frankreichs die Notwendigkeit einer schleu-
nigen Lösuna der Ruhrangelegenheit nahe legt. Auch
hier sind die wirtschaftlichen Argumente, die dabei in den VoÄer-
grund geschoien werden, vor allem wohl die Verbrämung für Ent-
täufchungen, die man nicht aerne zum nnverblümten Ausdruck bringsn
möchte. ' Wsnn demgegenüber die Reden PoincarSs ein anderss
Vild zu geben versuchen, so hat das vor allem auch den Erun-d, in
kommenden Verhandlungen eine möglichst wenig passtve Rolle zu
spielen-

Alles dies Lleibt für Deutschland autzerordentlich wichtig. Nicht
etwa, datz die hier in Anschlag gebrachten Momente die einzig
ausschlagaebendsn wären, wenn es gilt, die gegenwärtige Situation
tm Hinblick auf ihre wahren llrsachen zu beurteilen. ALer sie spielen
doch — dies mnh betont werden — eine nicht unwesentliche Rolle
und werden, was zu beachten bleibt, von der Gegenseite jeden-
falls richtiger eingeschätzt als bei uns. Man ist im Lager unserer
Feinde noch immer aeschickter gewesen als wir, wenn es darauf an-
kam, auch den politischen Wert noch wachsender. nicht ganz ausge-
reifter Dinge richtig zu fehen und zu feinem Vorteil auszunutzen.
llnd man ist drüben viel zu klug, um stch nicht auch diesmal über die
eigentliche Tragweite fcheinbar geringfügiger und vorläufrg vielleicht
noch unpolitifcher Begebenheiten Rechenfchaft abzulegen. Man fühlt
steigende Unbehaalichkeit nnd man ist bemüht, noch zeitig genug
fekbst zu bandeln, ehe einem die Dinge über den Kopf wacbfen
und das Schacksal gegen den eigenen Willen entschetdet. Man
möchte noch fest und siegesgewitz scheinen, wennschon es leise
bereits an den Fundamenten nagt. Und darum legt man den
grötzten Wert Larauf. datz Deutschland unter allen Umständen
rnit Vorschlägen den Anfang macht. Man wrll psychologisch auf uns
das Eingeständnis der Schwäche abwälzen, um es damr bei >den
Verhandlungen für sich ausmünzen zu können. Es ist bezeichnend,
wie schon jetzt in Frankreich eine dahingehende Propaganda unver-
Llümt einsetzt. die dem Publikum Leizubringen versucht, Deutschland
fei am Ende seines Widerstandes und müsie s!) Vorschläge machen,
eine überraschcnde Version, wenn man bedenkt, wie wir auf dem

Umwege Lber Parlamentsredsn und fehr ostentative pokitifche Rsifen
von der ziemlich plötzlichen und unverkennbar nervösen „Friedens-
Lereitschart" unserer Esgner unterrichtet wurden. W i r sind ganz ge-
witz die Letzten, di« sich darüber täuschen kietzen, datz die durch den
Ruhreinfall geschaffsne Lage auch für uns autzerordentlich ernst
ist- Aüer es ist doch anaebracht und politifch unbedingtnot-
wendig, datz wir nsberr allen Widrigkeitsn, die uns ja doch wahr-
lich sattsam und reichlich genug zugemutet werden, auch einmal das,
in Erwägung ziehen, was in der gegenwärtigen Situation für
uns spricht, um es im gegebenen Moment in die Wagschale zu
werfen. Denn es ist, bei Lichte bssehen, durchaus nicht so,
als ob wir uns nur diktieren zu lassen brauchen!
Wir sind einVolk, ein politifcher Komplex, der sich nicht, wie Herr
Poincar^ noch einmal begreifen wird, einfach zahlenmätzig in ein
diplomatisches Rechenexempel verkal-kulieren lätzt. Wir sind eins
Lebensgemeinschaft. die in Zeiten ungehsuerlicher Not nur noch
enger zufammengefchweitzt ist, ein von inncn heraus wirksamer, nach
eigenen Eesetzen lebender, Eeschichte vroduzierender Faktor, der
beileibe nicht wie ein totss Objekt verschachert werden lann. Diese
i.mmer weiter inner- und autzerhalb unseres Volkes um sich greifende
Erkenntnis verdanken wir der ei'nmütigen Tat des passiven
Widerstandes — und das ist es, was unseren Feinden ernst-
liche Sorge mackt. Sie sehen das Erwachsn und Heranrsrfen des
nationalen Empfindens, sie erleben es von Tag zrr Tag, wis aus
der Seele -des gelnebelten und geschändsten Volkes sich das stolze,
eigenlebige Bewutztsein einer aus dem eigenen Mutterboden gezoge-
nen, langsam erstarkenden Kraft emporringt, und sie wittsrn aus
diefer Kraft für sich eine Esfahr. Es wird wohl jedsm politisch nur
einigermatzen Einstcht'gen klar sein. datz diese Gefahr rn der Rich-
tung jedenfalls, wo sis VoincarS sucht. nicht zu finden sein kann.
Aber w!r wollen und dürfen doch deLhalb anf -der anderen Seiie
nichi so unklug sein, die Möglichkeiten. die in diesen offenbarsn Be-
fürchtungen ünferer Eeaner politisch fur uns von Wert sein
können, nicht auszunutzen. Wir wollen und müsien aus diesem
Kraftgesühl, das heute mehr als je die Seele jedes Deutfchen be-
glückend durchströmt, Kapital schlagen, Kapital für uns, dre wir
Vefreiung suchen urrd finden müsien, Kapital für unsere Enkel
und Nachlahren. denen wir das Erbe unssres geretteten und ge-
läuterien Deutfchtums rein und unvsrfehrt übsrgeben wollen. Wir
haben ss nicht nötig, uns an den Verhandlungstifch zn drängsn
und übereifriq und mit einer Verbeugung die gnädig hingehaltens
Aand zu erareifen. Wir sirrd nurbereit, weiin wir als E l e i ch-
berechtigte aufgefordert werden und auch dann nur, wenn man
mit keinem Wort und mit keiner Eeste es wagt, unfsre nationale
Ehre und nnsere staatliche Sounsränität anzutasten. Gleiches Rechi
für alle! Wenn das gelten soll, dann wird es amunserer Bereit-
willigkeit nicht fehlen. Wir werden leisten zum Wiederaufbau.
was wir nur leisten können. Aber wir haben Gegenrorde-
rungen. die aus dem gleichen Nechte hergeleitet sind nnd
nicht mindsr bedsutungsvoll genannt merden -dürfen. Auch wir ver-
langen W i e d e r g u t m a ch,u n g , auch wir fordern Schaden-
ersatz und Genugtuung für die wtdsrrechtlich Vsrurteilten
und Mitzhandelten, auch w!r verlangen Rückgabe alles desien,
was man uns geraubt an Eigentum und Land. auch wir haben
eine „Sicherheits"frage, nämlich das berechtigte Vcrlangen
auf den ausgefprochenen Verzicht aller franzö-sischen Mhein- und
Ruhroläne, und die restlose Wiederherstellung unseres durch die
französische Ostpoliirk willkürlich zerrissenen Vaterlandes. Erst wenn
Las alles uns zugestan-den sein wird. können wir an die Ehrlichksit
un-serer Verbandlungspartner glauben. und erst dann wird eins
Basis oeschaffen, die für kommende Zeiten die Möglichkeit einer
europäischen ..K o n k o rd a t i o n" gewährleistet, in dem Sinne, datz
redem lebensfähigen Volke das Matz und der seinen Fähigleiten ent-
svrechende Umlreis volitischer Auswirkung zugewiesen und garan-
tiert werden kann. Und erst dann wird die Möglichkeit bestehen, datz
einmal in Europa ein einheitlich in sich geschlosiener Kultur-
lomplex heranwächst, der von andersher andringenden Kulturen ein
unüberwindliches Bollwerk entgegenstellt. Das alles mögen wir'
bedenkerr, wenn rn kommenden entschei-dungsschmeren Stunden das
Wort von uns gefordert wird! o. v-

MWm Smst von Sachsen Weimar ^

Ergene Drahtmeldung.

Weimar, 24. April.

Der ehemalige Erotzherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach,
Wilhelm Ernst, ist in der Nacht vom Montag zum Dienstag
in Heinrichsau in Schlesien, an Lungenentziindnng gestorben.

»

Wilhelm Ernst, Erotzherzog von Sachfen, n-urde am 10. Junr
1876 in Weimar als Sohn des Erbgroßherzogs Karl August und
seiner Eemahlin Pauline, geborene Pinzesiin von Sachsen-Weimar-
Eisenach, geboren. Nach einer sehr sorgfältigen Erziehung, in der
den Tradrtionen des Hauses fclgend, dis Lisbe und das Verständnis
für Kunst und Wisienschaft namentlich gefördert wurden, trat der
junge Erbgrotzherzog beim 1. Garderegiment zu Futz rn Potsdam
ein, in dem er als Offizier altiven Dienst tat, Lis er als Oberlent-

nant ü ls. Suite dieses Nsgiments in Iena rmd Boitn StaatM si^^,
schaft und Jura studierte. Durch den Tod seines Daters ---"-tl.chien"
vember 1894 wurde er Erzgrotzherzog, mrterbrach sernen 'Ä, -g»-
gang und lebte am Hof seines Erotzvaters, des Erotzherzogs « ^

der, der am 5. Ianuar 1901, nach 48 jähriger Regierungsze" -
Wilhelm Ernst Lbernahm darauf die Regierung uud erhierr
den militärischen Rang eines Eeneralnrajors. — Die -steglcrui'u
Erotzherzogs weist in politischer Beziehung nrcht allzuviel Ere s
von Bedeutung auf.

Ein vollrs GmgestSndnis des M'ßersolges.

General Denvlgues Ansicht über die Ruhraktio«.

Von unserem R-Korrespondenten.

Par's.

Aus den vielsachen Aeutzerungen französischer Pfrün ^jede-
mochten sie noch so beschönigend sein, konnte man ^ dE
herauslesen, datz d!« Aktion im Rnhrgebist für Frnntr a> . tzu
gänzlich unbedeutende Erfolge gezertigt hat, eine A"!,' gai >-<
jedem nllchternen Veurteiler längst bekannt ist. Neuerdino
aber ein hoher französischer Offizier, nämlich der be'ann.
Denvigne, Lber das Ruhrabenteuer gegenüber bein ..
denten der „I n f o r m a t i o n" in einer so offenen g-rlnE?j
sprochen, datz keine Demsntis d!e Tatsache wegzuleusinen y o -
datz Frankreich nrü der Vesetzung des Jndnstriegebretes ^ ^

liges Fiaslo erlitten hat. Um die Anschauungen, ^ iri--^
General Denvigne Ausdruck gab, richtig zu rvürdig^n, ^stS'
darauf verweisen. datz Eeneral Denvigne als einer der °

Kövfe rn Wirtschaftsfragen gilt. mrt ^irEn'

allein wnbrend des Krieges betraut war, wie er auch (H--

lichen Missionen, z. B. nach Spanien, verwendet mu ichs L.»
zuzufügen sei, datz er die Zerstückelunq Desterr
wirtschastlichen Ernnden stets beftig bekämpst batte.) sl.^dent
sprechungen mit Eeneral Denviane teilt der Korrsip e
„Jnformation" mit: Dis Höhe der KoksliefekUN^^. ^olü..

e. wie die Konzerne oes ^

Das Veanemste wäre es, wenn Deutschland die Staatsv. fs.h'

.. ' 'ch abtrete, die beianders

produzrererr Das wäre vielleicht eirre wirlliche ^mrirts---?'

lnng im Werte von einigen Milliarden Eokdmarl- g u s 4 hak'
Abmachungen mlltzten folaen, die sich auf den Asi?

Koks gegen Erze beziehen. (Frankreich Leklaat b-7.x,ier j r
über, datz Deutschland seine Erze anderweitiq kaufe i uNÜ!N
man den Austausch von deutschem Stickstoffdün g n>x- ,,si0.
gegen französische Pbosphate, die Deutschland ebemu^^re-- ei-,
Frankreich kaufen wolle. Auch für P a v ie r. E l a - ^ «ern e'
wären solche Abmachunqen nützlich. Um aber daz»
mützte die Reparationsfumme Deutschlands endg u' . ^ z-^jgpdS
setzt werden in einer Höhe, die Deutschland wirt- ^eut," det
könne. Eine wirtschaftliche und moralische AbrüAUHghrUuAiick^
müsie als Eegemoert gefordert werden. In den Ausi zv
„Information", die, wie gesagt, auf Eeneral Denv
fuhren sind, muß man ^ sein^x

ei« volles EivqestSnLnis des Mitzerfolgs Fravkreichs 5
BedHrfnis nach einem Friedensschlntz mit DentsAla--

Wenn wirtschaftllche und moralilche Abrüstung Deu^,,Moa^ ^e'
dert wird, dann mutz gesagt werden. datz dies a

datz aber Dorbedinguna hierfür sei, datz zu»a . chrzv
häsfigen Reden französtscher Staatsmänner ,""es
gegen Deutfchland aufhören und datz alle gegen- e --
jede Vernunft unternommenen Gewaltmatznan
stellt werden müsien.

Monfignore Testa 1« M8«ch^iiche Z

MSnchen. 24. April. (Eig- Drahtm.) D-r K
delegiert« Monsignore Testa iraf arn he!-n 77^ ^
München ein. Dienskaq abend findet ein Empfan» ^^sta .
präsidenten statt. In München erwartet Monsignore
weitere Rerfedisposition. ,

25 Bräute.

Ein Schelmenroman von Wilhelm Herdert.

». yortkednna. NaLdruck verdote«.

Ach, wenn sie ihm damals Zeit gelasien hätte und nicht glerch
mit der unheinrlichen Schlagfertigkeit ihrer Entschlüsie zur Schutz-
mannschaft gelaufen wäre!

Er hatte ste wirklich lieb gehabt.

Nicht der Eroll über die derbe Ablehnung, dre er heute von ihr
erfahren, ließ ihn gesenkten Kovfes weiterschlsichen — der Schmerz
Lber das Verlorene, neuaufgerüttelt durch oe« Anblick der schnei-
digen Iula, fratz ihm am Herzen.

„Weitzt du noch?"

Ob er wutzte?! Sein treues Herz, wenn auch hin und wreder
durch das neckische Leben vom Pfade gelockt, vergatz nicht, wenn es
ernmal in stch geschlosien.

Freilich waren derer schon ziemlich vrel gewesen, und so hatte
er vorhin tatsächlich nicht gleich an Jula gedacht.

Seufzend strich er sich über die Wange und hatte fiir heute so
sehr alle Lust an den Frauen verloren, datz er in seine Krämerbude
heimschlich und sich im Bett verkroch.

Äls es nachtete und er kam nicht, sand sich Bibi Lei ihm ern.

Er spielte den Lberanstrengten Kapellmeifter so virtuos, datz ste
nach einer kurzen Zeit mit Bouillon und prächtigem Schinken
wiederkehrten.

Die tiefste Rührung empfand er aber LLer dre Flasche Kräuter-
likör, die sein Schwiegervater beisteuerte.

Ver rhr satz er bis spät in die Nacht hrnein allein auf seinem
Bettrand, trank und erwog, ob er stch Iulas Liebe neu verdrrnen
oder der Weiblichkeit ein für allemal abschwören und Einstedler
werden oder aber seinen moralischen Katzenjammer ausschlafen sollte,
zu dem sich allmählich mit dem sinkenden Psgel der weitbauchigcn
Likörflasche ein körperlicher Dämmerzustand gesellte.

Er Leschlotz endlrch das Letztere.

Abr mitten in sein orkanartiges Schnarchen hinein tönte zu reu-
vollem Wch Julas Ruf an das Ohr seiner seele: „Weitzt du noch?"

K Christl.

Am anderen Morgen brachte ihm Bibr mit ihren innigsten Ee-
nesungswünschen Kaffee und Guglhupf. Er satz noch immer ziemlich
leidend mit sanfter Miene im Sofaeck, hatte eine ergreilende
Schwäche im Tonfall urrd drückte ihr, als sie endlich ging, rnatt, aber
gcsühlvoll dre Hand.

Wie sie unter der Tür noch einmal umblrckte. war sein Auge
mrt einem so seltsamen Ausdruck auf sre gerichtet, datz sie schluchzend
zu ihrer Mutter äutzerte: „Ich weiß nicht, was mit dem Mann rst,
Ich werde ihn doch nicht verlieren, ebe ich ihn habe. .. Polka tanzen
vor Vergnügen Lät die Krämerchristl!,,

Aber der blonden Christl geschah darnit bitter Unrecht.

Eegen zehn llhr mcrg-ns klopste es leise an Bulljahns Ture.

Die etwas dicke, weichherzige Lhristl trat schüchtern herein und
fragte im Auftrage ihrer Mutter nach seinem Befinden.

Er lächelte danlbar urrd machte eine schwache Bewegung nach
dsm nächsten Stuhl.

Sie setzte sich.

Langsam entwickelte stch ein Eespräch, bei drm fich Cbristl all-
nrählich in ein grotzes Feuer hineinredete.

Es geschah das, als sie ihm ihre Anschauungen über ein gedeih-
liches Leben entwickelte.

Ein gedeihlrches Leben war es nach ihrer Meinung nrcht, w:nn
man zu oiel Fleisch und Wurst im Aaus Hatte und Leuten. die geist'.z
arberten und aus einer anderen Welt kamen, de» Magen mit
Schweinsbraten und Salami Lberlud.

Veit sagte, wie das seinem schwachen Zustand entsprach. »,r
sehr wenig und lächelte blotz einigemale schonend, wenn ihre Hinwerse
auf Vibi besonders deutlich wurden.

Die Unterredung erlitt eine Pause dadurch, datz Christl abge-
rufen wurde, weil stch zwrschen ihrcr Mutter und einem Lieferanten
erne Meinungsverschiedenheit darüber entwickelt hatte, ob erne
Kerzenrechnung schon bezahlt war oder nrcht.

Als Chrrstl wreder hereinkam, weil ste doch ihre Ernährungc-
theorie zu Ende führen mutzte, brachte ste einen prächtiaen Pfannen-
kuchen, der mit Himbeermarrnelade gefüllt und nach ihrer Verstche-
rung das zarteste war, was ein durch zu derbe Fleischkost Lberladener
Kunstlermagen genietzen konnte.

„Sre stnd drüben nrrbt blotz mit dem Esien so!" setzte fie seufze >d
ber und stellte eine Flasche Bordeanx auf den Tisch, aus der ste ein
geschlrffenes Elas mit goldenem Rand vollgotz.

Deit, der den Pfannenkuchen atz, erklärte ihr mit feuchtschim-
mernden Augen, datz er nkemals seine Livpen an das Elas setzrn
würde, wenn ste nicht vorher getrunken hätte.

So trank ste denn vorher und nachher wieder

Schlietzlich tranken sie miteinander und hielten stch Lei den
HSnden. wobei ste ihm vertraute, datz ste ihn viel besser verstückde
wie Vibi und datz ste auch sehr musikalisch Zither spiele.

Vulljahn Llickte ste lange versonnen an.

Dann legte er Len Kopf gegen die Sofalehne und machte ihr
mrt noch imrner angegriffener. aber doch durch Pfanneirkucherr und
Bordeaux gestärkter Gesundheit ein Eeständnis, über das sie in
heimliches Entzücken geriet.

Ob ste denn wirklich noch nicht bemerkt hätte — stagte er be-
scheiden und geheimnisvoll — datz er die etwas aufdringlichen Ein-
ladungen Vibis blotz deswegen angenommen habe. um unauffLllig
in ihre — Christsls — Nähe kommen zu können? Wie anders wäre
es ihm jemals gcglückt, jetzt hier im Hause zu wohnen, bei ihr zu
sitzen, ihre Hand rn der feinen zu halten und rhr fagen zu können,
wie ungemein sympathisch ste ihm ser.

„llnd Sre erst mir!" sagte sie und nippte von dem neugefüllten
Glas, das er dann ergriff und gegen die Sonne hielt-

.^lnsere Liebe!" sprach er dabei und trar^ es larrgsarn leer.

„Ich habe ern tiefes rnneres Lerden," fuhr er fort. „Es ist
kern körperliches Leiden, sondern ein seelisches, das nur hier und da

auch den Leib mit «rgrerft. Jch Lin durch eine aw ^sed
gegangen und trage stille Wunden, die hin und nmab--j,!e a-
Nur eine zarte Hand wie die Jhrige könnte mrA "^ «rlk >
machen. Ein Werb wie Sie an meinem Herd ^ ste

Lebensfreude zurllckbringen." dav

Sre schenkte sofort wieder ein nnd versicherte „

eine Masie Wein rm Keller hätten. w

Dabei sagten ste stch hermlich die Ehe zu. .

„Aber datz ja ViLi nichts mekkt!" flusterte ' ^

raffinrert, datz ste alles hrntertreiben würde." mekt-' .»f
Er nickte sehr bestimmt. „Datz ja Brbi nrcht^ §hk»

holie er. .-q" st-S- ^

„Hat ste es am Ende gar nrit Geld probrer- "

begierig. .. §tir>^

„Mrt Geld? Dei mrr? Er runzelte dre
suchte, stch entrüstet aufzurichten. sesokS^ ^ a--§

„Blerben Sie? Dleiben Sie!" rief Chr-stl^
„Sie hat mir lediglich mit einer Kleinigke- -j ^jge

geholfen!" stöhnte er und blieb. , . .. Ze-t Kefe A

Da verfchwand Ehristl und kam nach einrger Afam' "
starken safrangelben Kuvert wieder, aus dern l-^jnmpv-

„Von meiner Erotzmutter geerbt!" sagte ste >:^.

breitete die Papiere vor ihm aus. . sräste.7, ko---- .

Der Anblick tat seinem Herzen wshl. ?e-"5^u prm- .^,jM
so, datz er stch mühelos aufrichten und die Zrnsv . hek
„Soll ich ste Jhnen aufheben?" fragte er sa"-
„Ner-ei—ern!" murmelt« ste gedehnt. .
trauen, sondern die Furcht, datz ihre Mutter v""^jrrein.,<en- t
Denn ihr selbst war der Kopf so verdreht 00A ^ v>
und der Freude, über Vibr zu triumphieren. vav j«hr

gewefen wäre. „nmShl-A "

Aber ihn hatte die lange llnterredung a»
gestrengt. ^ schob d-

Er legte stch zurück, schlotz die Augen un
mit der Hand langsam von stch. . -^^nüest ^

„Ach! Was ist das alles gegen Zufrred
— Liebe!" sagte er und schüttelte den Kopr- .Ljjef

Dann schwieg er- ob e-- '

Sre satz noch eine Wsile und wutzte mar >
die Pfandbriefe hätte aufheberr wollen. .j-.-^tern- .

„Jch mutz jetzt gehen." sagte sie endlich . ^ner P« ^
„Jch mutz jetzt gehen," wiederholte ste ^ ^nste^ m


einmal. ... ni-hk

Er öffnete dre Augen etwas und nla>°> „nsich^^olsl

aber doch so. datz ste stch nicht recht auskannte u ,

Sre nahm das safrangelbe Kuvert und 6 ^jxper
von dem brcnnenden Vsrlangen beseelt, jhn >

und ihm irgend etwas Liebes tun zu konn , «oste-ls,

band

Ob er am Ende doch die P

nen. Koks habe man ungefähr 100 099 Tonnen abtk n»

Kohlen dagegen nur 39 000 Tonnen, aber darauf konne 0

drei Monaten nrcht mehr rechnen. Wenn aber keine
Reparationsfrage erfolge. werde Frankreich Bergwcrre -s§n. e.,
revier vorfinden, die keine Kohlen fördern. v.,"sslbst " n
gelöscbt sind. Dann sei es ausgeschlossen, datz Franlre-a- ^rikvu^,
den Koksd'fcn irgen-detwas anfangen könnte. Die ins 7^,-

und dic teuren französifchen Arbeitslräfte werden diev' ^erdc" "
cemesicne steigern urrd zahllose technische Einzelhei-eu
Rc.'arationsproblcm völlig verwirren. ^„es

Deshalb bleibe nichts Lbria. als fich mit dem,^'^>^esseu
Moratoriums ?!ir Deatschland zu befreunden, wäheen
Eeldzahlungen völlig aufhöre« roürde«- ^

Fordern müsie aber Frankreich, datz die französische
zu denselben Preisen bekomme. wie die Konzerne des
 
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