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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0976
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t

ZranMch-Kel-Me Mchrssrgen.

Ein bescheidenes Resultat dcr Vrüsseler Konsercnz.

Paris, 8. Iuni.

Das „Echo ds Paris" berichtet über den Verlaus der Vrüs-
seler Konferenz, datz die Sachverständigen sestgestellt hätten,
daß die Abfuhr dcr Kohlen und Koksreserven immer
fruchtbarer werde und bci unbegrenzter Dauer dcr Be-
setzung eine M i n i m a l v e r s o r g u n g der belgischen und fran-
zösischen Jndustrie s i ch e r st e l l e. So könne z. L. die Beschlagnahme
von Farben erhöht wsrden. Was den deutschen Widerstand an-
Letreffe, so sei ein gleichlautendes Zeugnis abgegeben worden, daß
'k nicht mehr lange aufrechterhalten werden könne. Die Schaffung
einer neuen Währung habe man vorerst nicht erörtern wollen,
da dies direkt oder indirekt auf den französischen Franken einwirken
önnte. Drei wesentliche Entscheidungcn seien aber getroffen worden:
irstens eine Kontrolledes Zollsystems, die zweits beziehe
ch auf die E i s e n b a h n l i n i e D ü r e n — E u s k i r ch e n, die
:uf gcmeinsame Kasten von Frankreich und Belgien mit Doppelgleis
srsehen werden soll, damit dic französische Verwaliung die Ruhr-
ohle nach Frankreich schaffen könne, ohne den sehr kostspieligen Um-
isg über die englischen Eisenbahnlinien zu machen. Endlich betreffe
er dritte Punkt das Statutder Eisenbahner der französisch-
elgischen Regie im Rhemland. Diese Varaussetzung lasse voraus-
chen, datz in nicht allzuferner Frist die Regis einer inter-
lliierten Gesellschaft Platz machen werde.

Sir sranzöWe SchreüenSjnstiz.

Neue Schandurteile und Zwangsma'gnahmen.

Mainz. 8. Juni.

Der Postmeister Theodor Schiermann und der Postschaffnsr
Thristian Tend «l, beide aus Weisenau, standen vor dem französi-
schen Kriegsg«richt unter der Anklage, 1. am 27. Februar wissentlich
nnd vorsätzlich sowie ohne Erlaubnis der zuständigen französtschen
Besatz un gsbehörde eine durch den Poststieik in Mainz stillgelegte und
direkte Telegravhenleitung Mainz—Worms durch eine geheime
Leituna an das Postamt Weisenau angeschlossen zu haben und
3. durch di-esen Anschlutz die genannte Telegraphenleitung vom 27.
Fsbruar bis 21. März bsnutzt zu haben. ohne datz die sranzösische
Besatzungsbehörde davon Kenntnis gehabt habe. D:e Angeklagten
erklärten, auf Befehl ihrer vorgesetzten deutschen Behörde gehandelt
zu haben. Schiermann wurde zu 2 t- Monaten Gefängnis und
3 Millionen Mark Eeldstraf« sevtl- weitere 18 Monate Eefängnisf
und Tengel zu 15 Tagen Eefängnis und 2 Millionen Mark
Beldstrafe sevtl. weitere 10 Monate Eefängnisf verurteilt. — Der
Eisenbahner-Eewsrkfchaftssekretär Franr Sinzig aus Frankfurt am
Main wurde bei der Patzkontrolle in Höchst von einem französtschen
Krrminalbeamten im Besitz von Flugblättern betrokfen, die er in
mhlreichen Exemplaren zwischen 6emd nnd Weste versteckt hatts Die
FlugLlätter forderten die streikenden Eisenbahner des besetzten Ee-
biets anf, im Widerstand zu beharren und nicht in den Disnst der
französisch-belgisKen Eisenbabnregis zu treten. Dsr Angeklagte wurde
zu 2 Jahren Eefänonis und 5 Millionen Mark Eeldstrafs vsrurteilt,
evtl. weftere 111 Iahren Gefängnis.

Der Geschäftsführer der Ortsqruppe Oberstein des Deutschen
Metallarbeiterverbandes, Richard Everring. hatte in Eriesheim
bei Frankfurt a. M. versucht, verbotene Flugblätter übsr die Ruhr-
hilfe ins Mainzer Eebiet zu schaffen. Er wurde verhaftet und von
dem französtschen Krieqsgericht zu einem Monat Gefängnis und
3 Millionen Mark Geldstrafe verurteilt. Im Nichtbezahlunqsfalle
tritt an Stelle der Eeldstrafe eine Gefängnisstrafe von 1l- Jahren.
Der Eisenbahnbedienstete A. I- Eerlich aus Höchst a. M. stand
unter der Anklaae 1. der verbotenen Einfuhr und Verbreitung vsr-
botener Flugblätter, die geeianet waren, die Sickerheit der Be-
satzungstrupven zu gesährden und die streikenden Eisenbahner von
Höchst und Umgeqend zum pasfiven Widerstand aufzureizen; 2. der
Nerlängerung nnd Begünstigung des Eisenbahnerstreiks durch Ver-
mittlung von Aufträgen aus dem unbesetzten Gebiet. Das Urteil
lrutete auf zwei Jahre Eefängnis und 5 Millionen Mark Eeld-
strase. Jm Falle der nicht fristgemätzen Dezahlung der letzteren treten
«eitere 1H Iahre Eefängnis.

Deulsche werden als gemeine Verbrecher bshaudelt»

Berli«, 8. Juni. Aus dem Rheinland wird uns bsrichtet:
Nach zuverläfsiger Information entschied das Justizministe-
rium in Brüssel dähin, datz die deutschen Herren, die
wegen politischer Vorkommnisse ihre Strafe im Kefäng-
nis zu Verviers abbützen, Sträflingskleidung an-
legenmüsfen. Von Brüssel aus wurds sogar die Gefängnisver-
waltung in Verviers angewiesen, datz die Deutschen als ge-
meine Verbrecher zu behandeln seien. Die deutschen
Herren werden mit Etikettekleben beschästigt und dürfen nicht
eimnal während des iäglichen Svazierganges auf dem Gefängnishof
miteinander sprechen.

Schwerer Betriebsunfall.

Hamborn, 7. Iuni. Nach den „Nisderrhein. Nachr." wurden im
Betriebe der August T h yssen - HLtte vier Arbeiter, die mit der

3sa.

Roman von Ze««q Freifra» Schilli«g o. Lanstatt.

8. Fortsetzung. NaSdruck verbote«.

„Sie haben mir Schweigen geboten... Jsa... aber einmal, ein
einziges Mal lassen Sie mich's sagen: „Jch liebe Sie.- ich Lete Sie
an! . . And trotz allem und allem bitte ich Sie, geben Sie mir
einen Hoffnungsschimmer mit auf den Weg! Oder verweigern Sie
auch diese kleine Bitte?"

„Einen Hoffnungsschimmer! Wozu? Unser Los ist nun einmal,
in Armut geboren zu sein, und Ihren Vorschlag. aus Jhrem Veruf
herauszutreten um meinetwillen — dies anzunehmen, fehlt mir der
Mut! — Mein Vater ist auch seiner Liebe nachgelaufen und ins
Elend gekommen! Nein, lassen Sie uns scheiden! Wir wollen dies
Erinnern an unser Kcnnenlernen bewahren wie einen strahlenden
Stern, den man leuchten sisht, ohne seiner zu begehren! Wenn
Frieden ist, sehen Sie sich nach einem netten, reichen Mädel um,
und..-

„Nie werde ich das tun! Nie! — Jch gebe die Hoffnung nicht auf,
Sie zu erringen! Vielleicht leuchtet meiner Lisbe dennoch ein freund-
licher Stern! Jch gewinnc das grohe Los, oder sie machen eine

grotze Erbschaft-Nun lächeln Sie wieder, Eott fei Dank!" —

Er bog sich tief zu ihr nieder. „Eeben Sie mir ein Andenken mit
auf den Weg — Jfa! — Wie ein Talisman foll es mich beglei-
ten... bis zum Wiedersehen!"

„Was sollte ich Jhnen geben? — Ich Lesitze ja nichts — ich habe
noch nie ein Schmuckstück besessen autzer dieser kleinen Nadel! Und
die bekommen Sie nicht! Zenz sagt: Nadeln darf man nicht ver-
schenkcn — Nadeln trennen!"

„Zenz hai recht," sagte er leise und sah tief in ihre schimmernden
Augen. „Nadeln trcnnen — aber dies bindet!" — Seine Lippen
ruhten auf ihrem Mund, zitternd, bebend, sanft und doch so sütz, datz
ein Zittern ihr Herz durchrann.

„Verzeihen Sie mir ... Isa.. und leben Sis wohl!"

„Leben Sie wohl!" —

Sie weinte, wie sie noch nie geweint in ihrem jungen Leben, den
Kopf in dis Arme geschmiegt-

Nsben ihr stand der grotze, graue Hund und drückte die kalte Nase
zärtlich in ihr Haar.

Sie achtete es nichi. '

Fern auf der Strandpromenade schritt Bornhagen, elastisch,
hoch aufgerichtet. den kllhnen Blick geradeaus.

„Nun Sckncksal, nimm deinen Lauf! — Sie ist mein — wenn ich
wiederkebre und — ich kehre wiedcr!" sagte er leise und frohgemut. —

In Birgids Salon und den anstotzsnden Räumen flammte das
rlektrische Licht auf, gedämpft untsr gelben Seidenschirmen und alles
in Eoldglanz tauchend. lleberall stande« in kostbaren Krügen und

Neparatur eines Oelkessels Lsschäsiigt waren, durch sntweichende
Pretzlust aegen die Wand geschleuderü Zwei Arbeiter wurdsn auf
der Stslle getötet, die beiden anderen erlitten schwere
Quetschungcn.

Sle LerrMmg der deuffchsn Ajmmren.

Aic Uutersuchung des Markst rrzes im ReichsLagsausschutz.

Eigcne Drahtmeldung.

Berli«, 8 Juni.

Im Untersuchungsgusschutz des Reichstages für die Mark-
stützungsaktion teilte der Vorsitzende am Frsitag zu Beginn mit,
datz am Samstag eine geschlossene Sitzung abgehalten wird, in der
man sich über das weitere Vorgehen einigen will-

Der Ausschutz tritt darauf in die Tagesordnung ein. Zur Frage-
stellung ist heute die Reihe an dem Abg. Dr. Hertz (Soz.). Dieser
erinnert den Reichsbankpräsidenien an sein Schreiben vom 15. Mai
an den Minister für den Wiederaufbau und an den Finanzminister,
in welchem Schreiben auf die starke Belastung für das Reich durch
die SLLtzungsaktion und auf die grotzs Verantwortung des Reiches
infolge der Vermehrung der schwebenden Schuld hingewiesen wird.
Er sragt Len Präsidenten, ob er auch schon in den vorhsrgehenden
Monaten auf diese Gefahr hingewiesen habs. Reichsbankpräsident
Havenstein erwidert, datz diese Frage bei den Besprechungen
mit den Ministern wiederholt zur Sprache gekommen sei. Abg-
Dr- Hertz (Soz.) wrrft darauf die Frage auf, wie man einen
Preisabbau habe vornehmen lönnen, wenn man sich von vorn-
herein darüber klar gcwesen sei. datz die Stlltzungsaktion nur sechs
bis acht Wochen dauern wrrde. Staatssekretär Dr. Bergmann:
Es stellte sich herans, datz der Erfolg der Stützungsaktion in Wirk-
lichkeit viel länger anhielt, als man diss hätte von vornherein
erwarten können. und im Vertrauen darauf sind alle weiteren
Matzregeln getroffen worden. Das erschwerende Moment zeigte sich
wirklich erst viel später. als der Mißerfolg der Dollaranleihe
bekannt wurdc. Ich bin vollauf der vom Abg. Dernburg
geäutzsrien Ansicht, datz es bei der Stützungsaktion namentlich
darauf gngekommen ist. die deutsche Jndustrie exportfähig zu
erhalten. Dies wird Lbrigens auch von Staaissskretär Tr'en-
delenburg bestätigt- Aus eine Anfrage erklärt ReichsSank-
präsident Havenstein/ datz der gesamts Wechselumlauf der
Reichsbank beute auf etwas mehr als eine Milliarde Eoldmark stch
belaufe, während es im Frieden ststs ungefähr 8ff Milliarden
Eoldmark gewesen seien- Hieran schlietzt sich eine Aussinander-
setzung zwischen dem Abg. Dernburg und dem ReichsLankpräsi-
denten Havenstein Lber die von der Reichsbank vorgenommens
Kreditdrosselung. Staatssskretär Trendelenburg stimmt dem
Abg. Dernburg darin zu, datz

während der Stühungsaktion die dsutsche Jndustrie zu einem
grotze« Teile Aufträge aus dem Nuslande zuriickwersen mutzte,
weil die deutsche« Preise damals erheblich Lber dsm Weltmarkt«
preise standen.

Auf einen Wunsch des Abg. Dr. Dernburg äutzerl sich Staats-
sekretör Trendelenburg sehr eingehsnd übsr die Devisen-
zentrale. Durch ein solches Jnstitut. so führte er aus, würden die
jetzigen Repressivmatzregeln in ein System umgewandelt werden,
wonach jeder einzelns gezwungen sein wiirde. nur noch bei der Zen-
trals zu kaufen, die dann nicht einmal in der Lage sein würds,
auch nur den notwendigsten Bedarf der deutschen Wirtsckaft sicher-
zustellen. Oesterreich und die Tschechoslowakei sind
kleine Länder, dort ist eine Devisenzentrale möglich; bei uns ist
glücklicherweise nicht alles in Berlin konzentriert, wir haben
viele grohe BLrsenplätze, aber auch in den genannten Ländern
besteht die Devisenzentrale nur noch dem Namen nach. Ueberdies
hat die Reichsbank stets erklärt, datz sie vollkommen autzer-
stande ist, die Eeschäfte einer solchen Zsntrale mitzumachsn- Ge-
heimrat Kauffmann: Jch würde es sür einen idealsn Zustand
halten, wenn wir eine Devisenzentrale hätten. die einzig und allein
Devisen kauft und verkauft und die auch in der Lage wäre, vor jeder
Abgabe zu prüfen. zu welckem Zweck die Devisen verwendet werden.
Jch habe mich mit dieser Frage sehr eingehend beschäftigt, ich bin
aber immer wieder zu der Einsicht gekommcn, datz die technischen
Schwierigkeiten dsrart sind, datz an ein Zustandekommen gar nicht
zu denken ist. Der Apparat würde autzerordentlich schwer-
fällig werden, man bekäme ein vollständiges Ehaos, wenn allrs
durch eine Stelle ginge. Auf einen Wunsch des Vorsitzenden erklärt
Vankier Löb die Zusammenarbeit zwischen der Reichsbank
und dem Bankhause Mendelssohn in Berlin sowohl wie auch
in der Provinz. In Verlin. in der Provinz vnd namentlick auch in
Amsterdam kaufte die Reichsbank Mark und verkaufte Devissn durch
die Firma Mendelssohn, und zwar während der ganzen Stützungs-
aktion, da die Reicksbank selbst nicht einen weitverzweigten Devisen-
handelsapparat Lesitzt. Auf eine Anregung der Firma hörte dies
jedoch in Verlin und in der Provinz auf, als der Andrang gar
zu stark wurde und als die Mtion nicht mehr anders als eine Stütz-
ungsaktion der Reichsbank felbst fcheinsn wollte.

Ohne die Frage zum Schlutz zu bringen, vertagte sich der Aus-
schutz dann vorläufig: am Samstag soll in einer geschlossenen Sitzung
über ein weiteres Programm verhandelt werden.

Vasen blaue und weiße Schwertlilien, hoch, schlank, stolz wie dis
Besitzerin dieser Räume. Birgid war gekleidet wie zu einem Fest, und
doch erwartete sie nur einen East — Doktor Bergen. Sie trug ein
Teekleid aus weitzer, weicher Seide mit kurzer Schleppe, kostbare alte
Spitzen säumten den Ausschnitt und die halblangen Aermel.

Jhr schwarzes Haar lag in tiefen lockigen Scheiteln um ihr
blasses Eesicht und wurde im Nacken von einem Goldkamm gehalten.
Sie wirkte eigenartig interessant in dem grotzen tiefen Raum mit
den schweren düsteren Möbeln. den mit Llauroter Seide bespannten
Wänden- Sie gemahnte an die schlanken Priesterinnen der Isis-
tempel oder an die Scheherezade im Märchen.

Eolde Lsvy lehnte schweigsam in dem hohen Seffel, van deffen
dunkler Lehne sich sein Ersisenhaupt scharf abhob.

Auf Virgids Wunsch hatte er den neuen Gehrock anlegen müssen
und die Medaille von 1870- Ohne zu fragen. hatte er sich gefügt,
Birgid hatte so selten einen Wunsch. Aber er staunte über Birgids
Wesen, über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. Er
kannte sein ernstes, stilles Kind kaum wieder; er sah die Erregung,
die in ihr zitterte — aber er schwieg. Er sah voller Trwartung dsm
Besuch dieses Doktors Bergen entgegen, der an Birgids Rettung als
letzter beteiligt war.

Und Doktor Bergen kam. Man nahm den Tee im Wintergarten.

Birgid sreute sich ihres Vaters. Er sah aus wie ein Dild aus
uralter Zeit, in dem langen Eehrock, dem weitzlockigen Ereisenhauvt
und dem mattblauen Selbstbinder, den eine kostbare Psrle schmückte.

Und entgegen seiner sonstigen Verschlossenheit war Eolbe Levy
heute gesprächig und voll Liebenswllrdigkeit für seinen Gast. Er
nahm ihn nach' dem Tes mit in sein Arbeilszimmsr, in sein Heilig-
tum, wo in hohen, festverschlossenen Schränksn seine Schätze auf-
gestavelt lagen-

Kostbare alte Stichs, Porzellan, Uhren und Schmucksachen, die er
nur Kennern vorleqte und zu deren Verkauf er sich ungern, fast
gezwungen nur, entschlotz.

Golde Levy liebte seine Altertümer.

Jedes Stück hatte da seine Geschichte, seinen Stammbaum,
gewann gespenstisches Leben in der welken kleinen Hand des alten
Iuden- Mitten im Zeigen und Erklären wurde er abgerufen. und
Doktor Bergsn ging mit Virgid in ihren Salon zurück, wo die blaue
und weitze Jris bei goldfarbsnem Licht traumte.

„Jch habe Jhnen das kleine Buch mitgebracht, von dem ich Ihnen
neulich sprack, gnädiges Fräulein. Vielleich's kennen Sie es schon!
Es ist Harradens .Schiffe. die nachts sich begegnen!'"

„Jch kenne es nicht!" sagte Birgid leise. Jhre schlanke Hand
schlug das kleme Buch auf. Sie las das Titelblatt und darunter das
Motto von Longsellow:

„Echiffe, die nachts stch begegnen,

Begrützen sich bci der Bsgegnung,

Nur ein Signal wird gehitzt

Und ein Ruf tönt von fern durch das Dunkel!

Llngerechlfertigt!

Wie unseren Lesern noch crrnnerlich, wurden die
Nachrichten" auf Grund des Leitartikels „Zweierlei ^^

gegenSeveringsVerhalten gegenüber denDeutschvölkischen "ck-- - -

Oberpräsidenten in Kaffel durch Versügung vom 12. Aprn .
zwei Wochen verboten. „Verächtlichmachung dcr bestehendttl - .

form", Staatsgefährdung war das Motiv dicser drakoniscke« r
regel. Nunmehr hat durch Beschlutz vom 31. Mai dsr r-taa
gerichtshos dieses Verbot ols ungerechrsertigt au^.-
hoben. Wir erlauben uns zur gesälligen Einsichtnahmo das y>e
bezügliche Dokument der Oeffenilichkeit vorzulegen.

St. R. V. 11/23.

Beschluß:

Zu der Verwaltungssache betrsffend das Derbot der in Frank-
furt a. M. erschsinenden Tageszeitung „Frankfurter Nachrichte« d
der Staatsgerichtshof zum Schutze der Republ!
der nichtöffentlichen Sitzung vom 31. Mai 1023 r
Mitwirkung

dss Reichsgerichtsrats Niedner als Vorfitzsnden.

des Reichsgerichtsrats Doehn,

des Reichsgerichtsrats Dr. Warneyer,

des Referenten im Preutz. Handolsministerium HartM

des Rechtsanwalts, Staatsminister a. D. Heine,

des Hermann M ülle r, Potsdam,

des Verbandsvorsitzendcn Iäckel,

des Rechtsanwalts Dr. Herschel,

des Landgerichtsdirektors Dr. Wunderlich, ^

auf die Beschwerde des Verlages gegen das Verbs^
Oberpräsidenten in Kaflel vom 12. Avril 1023 beschloffcn:

Das Verbot wird ausgehoben. Die Kosten des Derfah-^
sallen der Prcntzischen Staatskaffe zur Last.

Gründe: ^

Die „Frankfurter Nachrichten" stnd vom Oberpräsidsnlln
Kaffel wegen des in der Nr. 85 vom 27. März 1023 unter der -- ^
schrift „Zwsierlei Matz" erschisnenen Artikels auf Grund ^

i. V. mit § 8 Z'-ffer 1 des Gesetzes zum Schutze der Republ'

21. Juli 1022 (nicht 26. Juni 1022) durch Verfügung vom H-
1923 auf die Dauer von zwei Wochen für dre Zeit nom - ^r
28. April 1923 verboten worden. Hiergegen hat der ^ . b.jegt-
genanntsn Zeitung formrichtig und rechtzeitig Beschwerde
Daraufhin ist die Verbotsversügung durch Erlatz des Obervra! .. ^.r
vom 17. April 1923 dahin abgeäudert wordsn, datz die Der

Nachrichten" vom 21. April 1923 ab wieder erscheinen KnN'N...

ine Belckwerde auck der aboeänderten Bvri

Verlag hat jedoch seine Beschwerde auch der abgeänderten
gegenüber aufrechterhalten.

Dem Rechtsmittel war der Erfolg nickt
sagen

zu

v-r-

cchl-

r>o,likel

Es ist ohne weiteres zuzugeben, datz der beanstandete Itrrr
reiche und schwere Beschimpfungen des Preutzischen Innenm-^^^ ^
Severing enthält. Damit ist aber der Tatbestand dcs § 5 o.
des Republikschutzgesetzes noch nicht ersüllt, vielmehr mutz d'-i ^
Beschimpfungen zugleich die verfaffungsmätzig >llte

Hirgrelcy ore versapungsmaizig festgestellte - ^ Mpr-

kanische Staatsform Preutzens oder des Reichs herabgewüro!?'
den sein. An demNachweise dieserVoraussey

i vorliegenden Fall. .

räsident muh in seinem Begleitberick' rgr
elbst einräumen, datz die ,-Frankk

gebricht es im vorliegenden Fall.

Der Oberp

27. Aprrl 1923 se.. „o - — - . -

Nachrichten" bisher eine im allgemeinen einwauv!

Das schlieht selbstverständUM

Haltung bewahrt haben.


aus, datz hier ein Ausnahmefall vorliegt. Es kann sich
fragen, ob die Tendenz des dem Verbot zugrunde liegenden i. . ...g
und sein gesamtsr Jnhalt mit hinreichsnder Deutlichkeit
laffen, datz mit dsn in ihm enthaltenen Ausführungen, insbd^ :
mit den in der Verbotsverfügung einzeln aufgeführten ihü'

nicht blotz der Minister Severing psrsönlich. sondern r> >
und mit ihm zugleich die in den Verfaffungen verankerte rep !
kanische Staatsform als solche hat getroffen werden ^r
Das mutz verneint werden. Es ist zwa: richtig. ^ Se-.
Artikel insofern über die Erenzen einer blotz persönlick ? i
schimpfung des Preutzischen Jnnenministers Severing hinausge - '
er diesen in engsten Zusammenhang mit der sozialdewokr "
Partei bringt und letztere ebenfalls auf das heftigste angrell . ^je
deffen ist daraus allein noch nicht zu folgern, datz hierdurck
gegenwärtige republikanische Staatsform als solche zum wE' ' tzes
eines Angriffs hat gemacht werden sollen (vgl. den ->g/2Ä'

Staatsgerichtshofs vom 19. Septbr. 1922-, St. R. 308, St- -'jjckhaÜ'
Im übrigen spricht der Satz: „Wir betonen noch einmal: ^ ^-r-
los sind alle, aber auch alle konspiratorischen Mahnahme« ^ ^Kt
urteilen, die so oder so versuchen, mit, nebenbei gesagt, >m ^^^,1
törichten Mitteln, an den Erundfesten des bested^»

des

So anf dem Meerc des Lebens
Wir Menfchen treffen einander,

Tauschen ein Mort — einen Vlick —

Still ist es wisder und dunkel!" ^

Birgid legte das Buch vor sich auf die schwarze LoenL
Tisches.

Es war ein- Schweigen zwischen ihnen. -

„Und wann gehen Sis wiedsr hinaus? — Bald? ekn

„Jch weitz es nicht! Vielleicht schon übermorgen —.vieU ^jg! "7

in Wochen-wir Seeleute müffen jeden Augenblick berm ^ .

Mein Ürlaub hier war das Sckönste, was ich jcmals erl-- -^j, -
Er schwieg, und eine dunkle Röte zog LLer sein ernstes ^
Etwas mie Schuldbewntztsein kam über ihn, etwas w-e ^ tzliE
sah den kleinen Ning mit dem blauen Stein an seiner Llnre . em
und wie eine Vision stieg «in Mädchenköpfchcn vor rote^

Puppengeftcht, ein schmollendes, trotziges Lächeln aus o
Lippen, einen koketten Ausdruck in den runden ülauen -a » helle-
„Wirst du mir auch treü bleiben. Fritz?" zwitscherte
hohe Kinderstimme wie aus weiter Ferne. . Fräul^

„Sie haben da drüben einen wundervollen Bechstein-
Levy? Muftzieren Sie zuweilen?" , — er

„Ia, manchmal! Mein Vetter ist mir darin Lberlege ->i°'
beinahe ein Künstler! Und Sie selbst, Herr Doktor. >p
singen Sie?" . ,^-jlen elOf

„Von allem ein wenig! Jch komvoniere mir zum aa
Melodie zusammen, schlecht >md recht! Wcnn wir da "

See sind, da gibt jeder etwas her, den langen Slbend M r «.siter, ""
wird dankbar auck für bescheidene Ecnüsse!" Er lachte y
die Svannung wich von seinem ernsten Gesicht- , ^tzer est,
„Dann müffen Sie mir nachher etwas vortragea . ^j dM
möchte ich Jhnen meine Bücher zeigen!" sagte Birgid u
den Perlvorhang in den anstotzenden Raum- . «.-;Lmrsckrä'''die
Sie schob die Elastüren zurück an den ' «ckätzc, ^

und nahm e'nige Bände heraus, Es waren kostvarc - ^

Birgid gehörten, , abek

Werke, von denen er wobl gehört und gelesen^ya o »

anzuschaffen nie in seiner Macht liegen würds- rrno ^,^jtze o
tieften sic stch in Essvräche Lber das Studium, ^as > e

Lebsnsziel und Zweck betrachteten. blätterten voll u- ^

Werken, die vor ihnen auf dem grotzen runden Tisck lag - h ha>
Eolde Levv war in seiner lautlosen Art emgetreten
in einem der tiefen Seffel Platz gsnommen: er wouie
Gesvräch nicht stören. ' m,m°n leucht^

Aber er sah mit Staunen, wie Virglds ernste A 9 PeE.j-
wie lebhaft ihr Mienenspiel war, und er ÜM >ri umtz..^

kühnes gebräuntes Eesicht. dessen Augen em so t >.?>". >.^ laN?sj,i

tete. „Sie plaudern zusammen wie Menschen, die > d.

kennen!" dachie Golde Levy, und ein klelnss Lackci^

dach

zerknittertes, fernes Gesicht

zog

lFortjetzunü

iiber

joiü

t.1
 
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