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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0742
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ferndsckmfi m der sozralistischen Schulpokrtik, die Sazialistenmgs-
tendenzen, sck>Iietzlich dis unsrdörte Despitzelung Bayerns durch
Agenten der Reichsregierung und Preußens, die obendrein zu einem
Leträchtlichen Teile noch Landesnerräter waren, mutzten ein« starke
Eegnerschaft gegen die Reichspolitik auslösen und hätten auf die
Dauer sogar die festen Bande des Zusammenhalts lockern können.
Zuletzt wirkte das in Bayern von allen Lürgerlichen Parteien ein-
mütig abgelehnte RepubMschutzgesetz noch äugsrst ungünstig. Aber
alle Gefahren waren gebannt, seit die Regierung
Luno gleichzeitig im Jnnsrn eine verständnisvolle und vovsichtige
Politik zegeniiber Bayern und nach autzen endlich eine nationale
Politik einschlug, statt der Richtlinie von Wirth, der zugleich brutal
und herausfordernd gegen Bayern und schwach gegenüber dem Aus-
land war. Die Regierung Cunö hat an Negierung
und Volk Bayerns eine feste Stütze, ihre Feinde
und Untergraber sitzen ganz wo anders.

Es gibt einen sehr eirvsachen Weg, um Vayerns Treue zum
Reich, ja seinen sesten Willen alles sür die Erhaltung des Deutsch-
tums einzusetzen, zu sichern: man bleibe im Reich bei der Politik
der Regierung Euno, man verzichte darauf, Eesetz« und Matznahmen,
die unter ganz anderen VerhälLnissen in Mitleldeutschland vielleicht
mögltch sind, Bayern aufzudrängen und sozialistische Regierungs-
weisheit aufznnötigen durch illoyale Ausnutzung der Reichsverfassung,
man leiste Widerstand gegen die Feinds des Reichs, statt sich immer
wieder zu unterwerfen. Die wahren Eefährder der
Reichseinheit s^nddie Parteifanatiksr der Linken,
die um der Herrschast ihrer Parteien willen die Reichspolitik be-
nutzen wollen, um Bayern ihren Willen und ihre „Jdeale" auf-
Mwingen. Wenn sich wie unter der Epoche Wirth der Elaube in
Bayern festsetzen kann, die Reichsgewalt sei nnr ein Teil einer
Parteimaschine, dann ist die Anhänglichkeit ans Reich vorbei. Man
darf aber nicht formalistifch denken und über einer Eegnerschaft
aegen vorübergehsnd« Erscheinungen in der Reichspolitik die innere
Treue zum deutschen Dolkstum vergesien. Auch das erbittert
in Bayern und besonders in den Kreissn der vaterländischen
Dswegung, datz man vaterländische Eesinnung und
Anterwerfung unter die jeweils im Reich herr-
schende Parteikonstellation gleichfetzt und die Feind-
schaft gegen Las Parteiregiment der Linken, das doch unbestrertbar
im Reich lange Lestanden hat, als Reichsuntreue verdächtigt, während
di« innere Treue zum Deutschtum doch grötzer ist als bei vielsn
rnternational eingestellten Verfechtern des Sozialismus. Deshalb
«immt man in Bayern auch die Vorstötze des Nattonalsozialismus
nnd radikaler Teile Ler vaterländischen Verbände gegen die Regie-
rung nicht zn tragisch: sie sind polrtisch töricht, können Verwirrung
hervorrufen, aber man hat doch das Eefühl, datz man in letzter
Stunde sich mit diesen Wirrköpsen verständigen kann, weil sie
Leutsche Eesinnung haben, während man die Kommunisten für
viel gefährlicher hält, weil ste Ler Eesinnung nach Verräter sind.

Älles in allem hat man tn Vayern guten Erund,
stolz auf den Titel der „Ordnungszelle" zu sein,
wenn auch nicht die mancherlei Störungen zn Lbersehen sind, di«
von Leuten kommen, die für die Politik zwar gute Gesinnung, aber
kein Angenmatz mitbringen. DerVorwurf. datz es ein
grotzer Schwindel sei mit der Ordnungszelle, ist un-
berechtigt, und wir wünschen sehr, datz Führcr der
Deutschen Volkspartei solche Entgleisungen den
Demokraten undSozialisten überlietzen. Alles, was
in Bayern die Autorität des Staates noch gefährdet, wird am
fichersten im Lande selbst aus dem Wege geräumt. Alles bevor-
mundende Dreinreden oon autzen her kann nur die Verständigung
erschweren. Alle vaterländisch Eesinnten in Bayern anch für eine
ibesonnene Politik zu gewinnen, wird gelingen, wenn man nicht
drautzen sich bemützizt, Steine auf dis Bewegung zu werfen, die trotz
mancher politischer Fehler doch die Aufrichtung unseres
Vaterlandes ficherer verbürgt als alle Eesetze. zum Schutz der
Republik und manche Finesie der parlamentarischen Koalitions
politik. I-t.

ksmmission im Saargebiet, im ketzten Grunde gar nichts zu sagen
habe, und datz Frankreich, wenn es ihm gutdunke, im Saargebiet
zur Selbsthife schreiten werde, können wir uns als äutzerst wert-
volles Eingsständnis buchen. Der Völkerbundsbeauftragte Rault
zieht von Eenf, wo nicht alles nach seinem Willen gegangen ist, nach
Paris, um gehorsam. weitere Instruktionsn von Poincarä zu
holen. So sieht die treuhänderische Verwaltung des Völkerbundes
aus.

Der vrrpftschte VSllerbund.

Frankreich geftattet keiu Dreiureden in sein« „Rechte".

Paris, 80. April.

Das „Echo de Paris" meldet: Poincars lietz stch von dem
Dorsitzenden der Regierungskommission des Saargebietes. Rault,
ijber die Eenfer Verhandlungen berichten. Argenblicklich, so fügt
das Blatt hinzu, habe die Regierungskominission Handlungssreiheit.
Sie werde davon nach besten Kräften Eebrauch machen, um die
Treibereien der Alldeutschen und der Verliner Agenten
zu unterdr Lcken. Das enge Zusammenhalten des französischen,
belgischen und dänischen Kommisiars gestatten die Annahme, datz
alle erforderlichen Matznahmen getroffen würden. Die Pflicht der
Regierungskommission sei völlig klar. und es stehedemVölker-
bund nicht zu, sie von der Erfüllung ihrer Mis-
sion abwendig zu machen, oder auch nur ihre Beweg-
ungen zu Lehindern. Wenn der Kommission die Bestim-
mungen des Friedensvertrages in diesem Punkte so wenig bekannt
wären, hätte die französische Regierung die Pflicht, selbst Lber die
Wahrung der ihr zuerkannten Rechte zu wachen.

Diese offensichtlich inspirierten Bemerkungen des „Echo de
Paris", Latz der Völkerbund seinem eigenen Organ, der Regierungs- l

Trpressmrg, Schandjuftiz und Aunge blockade.

Besetztes Gebiet, 1. Mai.

Die neue Verordnung der französischen Besatzungsbehörde, datz in
bestimmten Fällen die Möbel der Ausgewiesensii nur nach Bezah'ung
einer Abgabe von 10 Prozsnt des Wertes aus der Psalz ausgesiihrt
werden dürfen, ist in Eermersheim das erstemal angewandt
worden, als die Frau eines höheren aus Zweibrücken ausgewiesenen
Eisenbahnbeamten ihren Hausrat über die Eermersheimer Schiffs-
brücke ins Rechtsrheinische bringen lasien wollte. Die Ausfuhrbewilli-
gung wurde von der französischenZollbehörde von der Bezahlung
der lOprozentigen Wertabgabe ckbhängig gemacht.
Die Frau des Eisenbahnbeamten weigerte sich jedoch, den Zoll an die
französische Zollbehörde zu zahlen, stellte ihre Möbe! in Germersheim
unter und verlietz die Pfalz untcr Zurücklassung ihrer Habe. — Das
französische Kriegsgericht in Bonn verurteilte den Redakteur
Picard von der sozialdemokratischen „Rheinischen Warte" und Dr.
Mehrmann von der „Koblenzer Zeitung" wegen angeblicher Be-
leidigung der Besatzung zu Eefängnisstrafen von jc sechs Monaten
unb zu Geldstrafen von je 100 000 Mk. Zwei andere Redakteure er-
hielten je 100 000 Mk. Eeldstrafe. — Aus Buer wird gemeldet, datz
der von den Franzosen verhaftete und ausgewiesene Vikar Sielke
am Sonntag morgen in seiner Predigt die Zuhörer vor einer An-
näherung an die Franzosen warnte. Der französische Divisionspfarrer,
der die Ausführungen angehört hatte, veranlatzte darauf die Benach-
richtigung des Kommandierenden Generals in Recklinghausen, der die
Auswsisung verfügte. — Das „Ruhrecho" meldet, dsr Geschäfts-
stelle des Landesausschusses der Betriebsräte für Rheinland und West-
salen in Esien sei die Mitteilung zugegangen, datz die französische
Besatzungsbehörde den sür Hagen und Barmen bestimmten Teil dss
für die Ruhrarbeiterschaft gespendeten russischen Brotgetrei-
des in Hörde festhalte. — Aus Köln berichtet man, datz die
französische Verwaltung die Herausgabe der Möbel von zwei ausge-
wiesenen Eisenbahnbeamten mit der Begründung abgelehnt hat, datz
erst den französischen Eisenbahnern die angeforderten Möbel von der
Reichsvermügensverwaltung geliessrt werden mützten. — Nach Mit-
teilung der französischen Besatzungsbehörde sind die Deputrtkohlen
von dem Bsförderungsverbot ausgenommen, wenn von den Vetriebs-
räten der Zechen eine Erlaubnis eingeholt wird. Da bie Arüeiter
jedoch ein Verhandeln mit der französischen Behörde
ablehnen, wird diese sranzösische Freigabe als Spiegelfechterei
gekennzeichnet. — Jn einem Auftuf der vier Vergarbeiterverbänbe
werden die Bergleute zur Besonnenheit ermahnt und oor den Ma-
növern der Kommunisten unb Syndikalisten gowarnt. Die Bergleute
seien durch die neuerlichen Zechenbesstzungen in den Vordergrv.nd dcr
Abwehrbewegung getreten. Der Abwehrkampf dürfe nicht zur
Aktivität übergehen; nur mit Ruhe und Besonnenheit könne der
Kamxf zu Ende geführt werden. — Der Betriedsrat der
August Thyssen-Hütte richtete an. den General Beaurain
in Duisburg ein Schreiben, worin er namsns der gesamten Arbeiter-
und Angestelltenschaft gegen die Verhaftung des Dlrektors Pilz
nachdrücklichst protestiert und desien sofortige Freilas-
sung verlangt.

Eine gewundene Anettennung.

London, 3V. April. llnterüaus. Das Arbeitermitglied Morel
richtete eine Anfrage an die Regierung weaen der Rede des
amerrkanlschen Admirals Sims, wonach die Presssberichte über
angebliche »on deutschen U-Booten begangsne
Crausamkeiten nichts als Propabanda gewesen seien.
Monsell erwiderte für die Regieruna, eme volle Jnformation
bezüglich der Erausamkeiten, die von deutschen ll-Bootkommandanten
verübt worden seien, sei in Uebereinstimmung mit dem Frtedens-
vertrag von der alliierten llnterkommission im August 1919 gegeben
worden. Er könne nicht die Behauptung anerkennen, datz dies nur
eine Propaganda gewesen sei. Andererseits hätten sich zahlreiche
deutsche ll-Bootsoffiziere mit so viel Menschlich-
keit wre möglich benommen im Rahmen des ihnen er-
teilten allgemeinen Befehls, Kaufsahrtelschiffe Lei Sicht ohne War-
nung zu versenkeu.

Klotz reist wieder nach London.

Paris, 30. April. (Eig. Drahtm.) Der Finanzminister im «in-
stigen Kabinett Tlemenceau, Klotz, reiste am Montag neuerdings
nach London. Es wird ausdrücklich hervorgehoben, datz drese Reise
keinen politischen Lharakter habe und datz er nur zu-
gunsten eines Kriegerdenkmals, das im Somme-Gebiet errichtet
werden soll, in verschiedenen englischen Städten Vorträge halten
werde.

Ser 1. Mai in Mnchen.

Sozialistisch-kommuuistische Knndgebung au der Bao-riL
Von unsrrsrMünchener Redaktion.

Münche«. 1-

Nach eirrer Ministerratssitzung spät in der
Dienstag wurd« folgend« amtliche Kundzsbung ,jnks-
licht: Es stnd Gerüchte in llmlauf, die Maifeier . Zy-
aerichteten Parteien würde Anlatz zu Ordnungsstörungen . ^ eo
lammenstötzen zwischen links- und rechtsgerichtetcn di«

geben. Es wird davon gefprochen, di« Staatsregierunz ^ All
vaterländischen Verbände zum Schutze der Ovdnung »«-8" - keine
diese Gerllchte entbehren jeglrcher Begründung. Es stnd visyr
Anhaltspunkte dafür gegeben, datz es am 1. Mat zu irgen" ^ im
Zusammenstötzen kommen wevde. Die Staatsregierung tzrd'

Besitz der nütigen polizeilichen Machtmittel, um Ie - e ^d «irv
nungsstörung mit allem Nachdruck zu begegnen,
von diesen erforderlichenfalls auch den entsprechenden uech
machen. Alle Staatsbürger werden ermahnt, Ruhe uno ^tzjnKi
heit zu bewahren und Herausforderungen Andersdenkenser
zu unterlasien. jn

Die Münchener Maifeier der marxistischen Parteien ^ - „tz;ie
Anwcsenheit von etwa 30 000 Personen amtlicher ^aiay--^
wesentliche Störungen. Neben der schnnrrz-rot--goldenen
man trotz des Derbots auch Sowjetfahnen, uoer AuN
hülltem Sowjetstern. Kurz nach 11 Uhr vormittagswar bsie«
marsch der von allen Seiten der Stadt Kommenden auf .. „

wiese beendet. Die Sicherhsitsabteilungen nnhmen rnw
der noch freien Wiese Uufstellung, oer-inutlich um di« " tzje «er
etwaige Störungen zu stchern. Zu Beginn der ^ „ichien "A
Arbeitersängerbund mit einem Chorgesang einleitete. «wi
Kopfe der Bavaria ein« rote Fahne als DemonstE ^'^zhie^.
lebhaftem Beifall aufgenommen wurde. Die Fahne i,jche
der ganzen Dauer der Feier an ihrem Platz. Der elgen. ^
redner, Reichstagsabgeordneter R. Dihmann. der ^'^Mes
Freitreppe aus sprach, während zu boiden Seiten des !o;iah

rireirreppe aus jpracy, wayreno zu oeeoen -„el

andere Redner Ansprachen hielten, «ntbot der dkunal-
stischen Arbeiterschaft die Grütze und die Verstcherung .

licher Solidarität des deutschen und internationalen Ka-n-i^
llnter Bezugnahme auf die Erklörung dsr vaterlandi!pro ^
verbände in München mahnte er seine Zuhörer,
zieren zu lasien. Der Sozialismus marschiere trotz ^ fe- ^
und Mussolini, trotz Kahr, Knilling.

Leibgarde. Jn Vayern scheine man heute noch iua>r "
sehen zu können. Die Sozialisten lietzen sich aber si
von niemand herunterholen, auch nicht in Münchau-
nicht locker lasscn trotz der Maulaufreitzer und Ler for-- ,
Meute, die sich auch in München breit machc. 2"i
der Redner zum Kampf für dis Beibehaltung des jlii^.
tages, fürden Völkerfrieden und pegen d«n 7?,,ieinai> j.je.
mus auf. Seine Rede klang in ein Hoch auf die^) ^jk
der Arbeit aus, dem noch ein Hoch auf die deutsche ..gnze . m«
für deren Erhaltnng die dsutsche^ ArbsiteLchaftsl

einsetzen werde. Ein Lied des Arbeiter-Sängcrbundes l g
Feier. Di« kommunistischcn Teilnchmer besetzten den „
von der Bavaria. Die Sowjetsterne auf^d«
wurden trotz des Verbots ihrer Hülle e AMw'M. x
Während der osfizielle Redner sprvch, ergrisf auch ,u i t ^
das Wort, desien Rede ausklanz in den Ruf: N >«^. Aea ,
Schein-Demokratie! Niedermitder S w ^ - z, je -
! Nieder mit dem Faszismus! j S,o^,5>eir

BLndnis


rung!

beiterregierung! Hoch
rutzland! H och d i e W e^t r e v o l u t^o n!
mit Veifall aufgenommen.
gemeinsam ein Gedicht vor
das Wort ,^8arrikade
nistischer Redwer drückte die ^

Genosien Lenin aus. WLHrend Ler Sängerbund
sang, strmmten auch di« Kommunisten ein Lied a . ^ ^

durch Zuruf« der andern zum Schweigen gsbracht. ^
der kurz vor 12 Uhr begann (die Kommnnisten ttE uach „ ze»
Sowjerfahnen mit unoerhüllten Sternen), vollM O"-
Richtungen unter den Klängen der Musik ohne StörunO' Z, stu^uiiU
Stadtteilen versuchten Kommunisten, Lebensmiitellad "^lipv
und zu plündern, wurden aber durch Reichswehr v« - ,>ine
Teil festgenommen. Zn einem andern Stadtteil «« d-e
teilung Nationalsozialisten einem Trupp Kommun-u ^
faltete Sowjetfahne und verprügelte die Demonftron>

Dle Mikundgebnugsn im RelK- F

«erliu. 1. Mar. Die Maifeier in G r^o tzund
vollständig ruhig verlaufen. Die Sozialdemoira-
munisten wählten diesmal gemeinfchastlich ihre Sam §chare !
zogen bereits in den frühen Morgenstunden in Skvof l

allen Teilen Grotz-Derlins nach dem Luftgarten l-a -ra-h"7..j ip-
am Zoologifchen Earten unter Mitführung von L"5,erteN^?uUpk
zahlreichen SHildern mit Ausfchriften aller^lrb De „h«rh

datz diesmal schwarz-rot-goldene

25 Bräute.

Tin Schelmenroman von Wilhelm Herüerr.

18. Kortsedmra.

Nachdruck veiboten

Weil ste es durchaus wollte «nd sein menschenfreundliches Herz
keine Bitte abschlagen konnte, nahm er das Päckchen und schoo es
zu der Tageseinahme aus Thaliens Tempel.

Wie er in das Bett stieg, wolltcn sich vorübergehend Gewisiens-
Lisie melden. Er sagte stch aber mit Recht, datz er für heute genug
aetan und zu so vorgeschrittener Zeit auch für stch selbst keine Sprech-
stunde mehr bewilligen könne.

So legte er sich denn aufs Ohr und schlief nach kurzem schon.
Ein Traum, der ihm Mathildens herben Vesuch aufdrängen wollte,
wurde rasch von freundlichcren Genosien beseitigt, deren einer ihn zu
Mia ans Grillparzerdenkmal führte, ois zuletzt Iula kam und in den
„Tulpensälen" mit ihm walzte.

Dann schaltete ein fester Schlaf alle Vorstellungen aus und hielt
ihn umfangen. Die milde Frühlingssonne schrieb schon goldene Ver-
heitzungen aus das Bett, als er endlich erwachte und beschlotz. sich
nun vor allem eine standesgemätze Kleioung zu verschaffen.

Dazu verwendete er einen erheblichen Teil der Früchte seiner
kurzen, aber nicht undankbaren Bühnenlausbahn.

Lu.

Jn einem eleganken, rehbraunen Anzug, über dem er einen ge-
schmackvollen, grauen Frühjahrsmantel trug, ging er am nächsten
Morgen im Stadtpark spazieren.

Vögel sangen in allen Bäumen und die Erlebnisse der Nacht
lagen wie Schatten weit, weit hinter ihm.

Kleider machen Leute. Er üesah sich in jedem Tautropfen und
war mit seinem Bilde so zufrieden, datz er das Einglas in das Auge
klemmte und neue Unternehmungslust aus dem reichen Born seiner
Kräfte für den Tagesbedarf heraufholte.

Der Zufall ichuf sofort dafür Verwendung.

Auf einem etwas grätigen, schweren Mietgaul kam ein hübsche,
fesche Dame geritten, der unmittelbar vor Bulljahns Vank die
Gerte entfiel.

Zm GeLüsch hatte ein Junge gelegen. Er sprang auf und reichte
den Stock zur Reiterin hinauf, die mit einem kurzen Seitenblick auf
Bulljahn dankte.

Veit mützte nicht er selbst gewesen sein, wenn er darin nicht
einen wortlosen Auftrag erblickt hätte, den kleinen Dienst so fürstlich
zu Lelohnen, als er der kühnen Reiterin würdig war.

Er griff in die Brust und warf dem Buben mit unnachahmlicher
Gra^ie einen Fünfmarkschein hin.

Dsr Zunge fing das Papier noch im Flattern, ritz die Mutze
herab, schrie: „Danke, Herr Baron!" und sturmte davon — nie ge-
»HMen Eenüsjen entgegen.

Die Reiterin schien tatsächlich den „Varon" echter zu nehmen,
als er war. Denn sie lietz ihr Pferd ein wenig Luft treten und
lächelte.

Das genügte, um Bulljahn in die Höhe zu rufen. Sein Blut
war in einer Minute blau geworden. Das Einglas aab ihm Ari-
stokratie. Ein wenig näselnd sagte er verbindlich: „Enädigste ver-
jchönen den Morgen durch das wundervolle Bild, das Sie auf dem
Pferde bixten."

Es war ihr erster Ausritt. Sie filmte und wutzte, datz zur Diva
oor allem eine frühzeitige Kavalkade im grllnen Baumschlag gehörte.
Da sie sonst bis jetzt noch nicht alle nötigen Eigenschaften zur Dar-
stellung sensationeller Fürstinnen und Abenteurerinnen besatz, wollte
sie wenigstens einmal mit dem Reiten beginnen, wenn ihr auch der
Eaul trotz seiner Frömmigkeit immer einiges Herzklopfen uno ge-
heimes Mitztrauen verursachte.

llm so entzückter war sie von dem sehr trsicherzig klingenden LoL
des Kavaliers, dsr nach seinem gonzen Auftreten und nach dsr
Selbstverständlichkeit mit der er Fünfmarkscheine fliegen lietz, einen
sehr günstiaen und sachverständigsn Eindruck machte.

„Jch glaube" — sagte sie und schwang sich mit etwas umständ-
licher Erazie aus dem Sattel „es tut meinem Ajax sehr gut, nach
dem scharsen Ritt ein wenig zu verschnaufen."

Äjax, stolz auf seine ihm selbst unbewutzte Leistung. wieherte in
den steigenden Tag nnd klepperte vergnügt neben den berden her,
die rasch in ein angeregtss Eespräch kamen.

Veit erwies sich dabei als Filmkenner und Eönner von Bedeu-
tung. Er hatte ja selbst vor Eründung des Siebengestirns lange
gejchwankt, ob er seine Talente weiterhin dem selbstgewählten Ve-
rufe eines Don Juans widmen oder sich im Kino betätigen sollts,
wo sich für ihn — wie er fest vertraute — interesiante Aufaaben
herausstellen mutzten.

Aber das eins schlotz ja das andere nicht aus.

Eine halbe Stunde später stand Ajax, für den sich der Tag gut
anlietz, vergnügt an der Heuraufe im Stall des hübschen Parkkäffees-
Dort am Ufer des lieblichen, anderthalb Meter tiefen Kunstsees
fand sich um diese Zeit alles zusammen, was frühmorgens schon Ele-
ganz und Sport bekunden wollte.

Vei der Schokolade, die aus schmalen Taffen dampfts, sagte die
Berittene mit bestechendem Lächeln: „Sie kennen mich ja wohl schon
aus meinen Leistungen — Lu, die Filmdiva."

Er erhob sich zollhoch, murmelte „von Bulljahn" und LLerzeugte
sich, datz sie jedenfalls das zartbetonte „von" verstanden und ent-
sprechend gewürdigt hatte.

Schnell waren sie ein Herz und eine Seele. Wenn stch Talent
und Mäzenatentum in rechter Mischung finden, krönt Musengunst
mit Huld den Bund.

Die Schwalben flogen hoch Lber dem See — höher Vsits
Phantasiegebilde. Luftschlösier wuchsen am rotgesäumten Wolken-
rande. Eines davon war seine Stammburg, von der er andeutungs-
weise sprach und dabei dsn Ahnensaal sehr plastisch schilderte. Lr

^-- .

—r k«n als ^tzjeN^

hatt« das so ähnlich einmal in einem Noman aelei > §ein
jünger und für solche Dichtungen eingenommen "'^jnneru'^
williges Eedächtnis bot ihm jetzt die wirksamste -L' „en a« r de-
Lu holte aus ihren interesiant untermalten ^ls a
hervor, was im farüigen Leben fast noch besier w-
schwarz-weitzen Flimmerwand. . d"

Veit sparte nicht mit Leidenschaft., Ihm
aus den Niederungen von Oel und Salami über vas^ AeöF';


in

Z ven Nieyerungen von uel uno Laiain: uo«i ^ i-

die Eipselwelt der Divcnkünste die hinanstreben ^uni-
Sie vereinbarten für Nachmittag eine ZusaM ^jei-

Kinobar- ^ oeia»-r^te

Dann hob er ste vor den kritischen Vlicken d«r « bew".,,^-^
und halbechten vornehmen Welt in den Sattel und seE^o«
mit reizendem Lächeln auf dem frisch gestärkten >^j^e o !

pieren. Das edle Rotz gab, was seine e'twas "er?en M lN !

ten, und rüttelte die dessen noch ungewohnte Ajurr i

Fünszigmetertab rnnerlich mehr durcheinander. als e peij

her wieder vollkommen in die Reihe gebracht u>a- ^

Aber sie schwelgte trotzdem in Hoffnungsn uu^rje ^"5ea ^
Morgenfilmerei zehn KoNcginnen von der Kompa '
lang und die Leber gallneidig mit verschiedenen > ^ oe?

deutungen. KvazieEloi- ^

Veit steckte, nachdem der See hinter seinen- ^ Ba
rau,cht war, das Einglas in die Westentasche. v'"^xsuch ve
den Nagel und machte einen kurzen geschäftli.che» ob he
Muppe, die ihn unangenehm mit der Frag« »^^.„n sie ei !
Papiere schon in Ordnung gebracht hab« nnd m n

raten kömiten. lMusterkoÜ-kt'Ko/

Er suchie sich zi-r Vervollständigung sei»" ' ^ckigeu
schiedenes feines Schreibpapier mit fünf- und I-e -
aus. wofür er vielleicht selbst V-rw-ndung han-- nsh«^
Dabei erklärte er ihr, datz er den Hcrbst in ^ m-"

Sie schmollte, wurde aber schnell wieder g -
Nebenzimmer Mia zwitschern hörtc. ,j ihr« ^ j

„Einen Augenblick!" sagte ste, v-rsck«and>
wegen des torichten Lärmens und oerschlotz die ^i» ye j
Jmmerhin war ihr die Lust vergangen. «« ' jhks!

zu reden. - ,sanne. Pi

auf die Stratze, ber

eine Fensterpromenade ^u^ug. ^ X
gerade Kants Philosop? vollko«"j^!N..(! >

die ^ s- datz ihre Schülerinnen

aeistio- und beschlossen. ein wachendes Auge ,

mk.Vrmutter zu halten, . ^ Papi^^

kam e-'n ^?»^aftigte reiste dann etwas m Oel und P<^jl
Leokadi-n-^'c; kleine Aufträge und trat gerade zur recht ug.A'
einem <?^> H°"?tsburo. als diese eine peinliche klnterreo^
men wan ^"e. das durch ihre Dcrmittlung^uch^
 
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