Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DENKMALPFLEGE ° ENTDECKUNGEN

der franzöfifdien Routine, und man zieht im Geift
Vergleiche mit den beiden anderen großen
Meiftern fremder Länder, die in Paris gelernt
haben, dem Amerikaner Whiftler, dem Italiener
Boldini. Zorn ift von diefem Dreigeftirn der
Natürlichfte und der Wahrfte. Man bewundert die
Virtuofität der Pinfelführung, um über die Ver-
fchiedenartigkeit der Motive zu erftaunen, be-
achtet das Leuchten der Farben, um ihre maß-
volle Zufammenftimmung zu erkennen und fchließt
diefe Gegenfäße zufammen in der Verehrung
eines Menfchen, der fcheinbar fpielend das
Schwerfte anpackt und bewältigt. Kühle Re-
präfentationsarbeiten wie das Bildnis des fchwe-
difchen Königs hängen neben flüchtigen, ftudien-
gleich anmutenden Charakterpguren, aus welchen
Coquelin cadet herauszuheben ift, raffige Akte
im Freien wedifeln mit fdiweren, dunkeln In-
terieurs, die an Liebemanns Frühzeit mahnen
und fich ebenbürtig dazu [teilen. Die impulfive
Genialität des Meifters, der im Februar feinen
fünfzigften Geburtstag feiert, deutet auf ein freu-
diges Fortfehaffen auf fonniger Höhe, dem eine
tizianifche Dauer befdhieden fein möge. U.-B.

DENKMALPFLEGE

Paris Das auch in den Blättern vielfach er-
wähnte Hotel Biron ift nunmehr gerettet Der
franzöfi[che Staat hat das Gebäude gekauft,
wird es inventarifieren, den Garten erhalten
und das Hotel Kongreßen zur Verfügung
[teilen. Bemerkenswert ift, daß der franzöfifche
Staat infolge des mehrfach verfchobenen Ver-
kaufs 75000 Frank Zwangsvollftreckungfpefen zu
zahlen hat. G.

ROM SIXTINISCHE KAPELLE. Unter der
Leitung des neuen Direktors der Päpftlichen Ge-
mäldefammlungen, Prof. Cavenaghi, wurden die
Wandfresken der Sixtinifchen Kapelle einer forg-
fältigen Äbftäubung unterzogen. Nachdem Prof.
Cavenaghi am Anfang des vorigen Septembers
die erften Wandfresken verfuchsweife abgeftäubt
hatte, wurde mit der Ausführung der ganzen
Arbeit Cecconi Principe beauftragt, der fchon mit
Giovanni Cingolani bei der Reftauration der
Deckenbilder und des jüngften Gerichts Michel-
angelos arbeitete. Jeßt ift die Äbftäubung voll-
endet, und das Refultat übertrißt alle gehegten
Erwartungen. Die Fresken der alten ßorentini-
fchen und umbrifchen Meifter haben jeßt ein
frifches Äusfehen gewonnen.

Es wäre nur zu wünfehen gewefen, daß man
auch die zwifchen den Fenftern gemalten Nifchen
derfelben Arbeit unterworfen hätte. B. N.

In der „Stanza della Segnatura“ arbeitet man
zurzeit am opus alexandrinum, dem Fuß-
bodenbelag, welcher aus den Reften des alten
Paviments der Peterskirche zufammengefeßt fein
dürfte. Gelegentlich diefer Arbeit ift vor einigen
Tagen eine große in den Boden eingelaßene
Marmortafel gefunden worden, die ein Basrelief
mit zwei lateinifchen Kreuzen zwifchen Vögel
und Blumen aus barbarifcher Zeit darftellt. Diefe
Marmortafel ift wohl das Fragment irgend eines
plutens: es ift alfo möglich, daß fie der alten
Confeßio der Peterskirche zugehört hat. B. N.

ENTDECKUNGEN

MÜNCHEN In einem Hörfaale der Univer-
fität (feltfamer Weife im Dozentenzimmer des
kunfthiftorifchen Übungsfaales!) hat Dr. Heinz
Braune ein fchönes Werk des Mathias Grüne-
wald, eine von 1503 datierte und dem Münchner
Mauritiusbilde naheftehende „Verfpottung Chrifti“
entdeckt, Die Authentizität ift von Profeßor H.
Ä. Schmidt (Prag) beftätigt worden. Das wert-
volle Werk wird vorausfichtlich in die alte Pina-
kothek überführt.

ROM In Santa Vittoria, auf dem Hochplateau
von Serri (Sardinien), haben neue, eben von
den Prof. Taramelli und Pettazoni unternom-
mene Ausgrabungen zur Entdeckung einer pro-
tofardifchen Akropolis geführt. Man konftatierte
die Mauerrichtungen und Fortifikationen und
glaubt auch einen runden Tempel von megali-
thifcher Konftruktion mit Altar und Sißen für
die Gläubigen gefunden zu haben. Eine ganze
Reihe Votivbronzefigürchen, sardifcher und afia-
tifch-jonifcher Provenienz, ift zutage gekommen.
Im Frühjahre werden die Ausgrabungen wieder
aufgenommen werden. L. P.

VILLONGO In einer Kapelle der hiefigen
Kirche wurde ein Gemälde von Romanino ent-
deckt, das von den Autoritäten der Brera bereits
als eines der beften Werke des bedeutenden
Meifters anerkannt worden ift. Das Bild [teilt
eine Santa conversazione mit den Heiligen: Ro-
chus, Sebaftian, Hieronymus und Philaftus dar.
Die Hauptgruppe wird von Engeln eingerahmt.

INSTITUTE UND VEREINE

MÜNCHEN Die kunftwiffenfchaftliche
Gefelifchaft hielt am 13. Dezember eine Feft-
fißung im Saale des Mufeums. Prof, von Bif-
fing hielt einen Vortrag über altägyptifche Gold-
fchmiedekunft, wobei er auf neuere Funde aus
der Zeit Ramfes II. wies, die dem Mufeum in

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