Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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ENTDECKUNGEN ° INSTITUTE UND VEREINE

faß zu den künftlerifch fehr tief ftehenden, teil-
weife geradezu karikaturenhaften Geftalten (f. An-
dreas !) zu Rovio hat in Riva ein Künftler mit
größter Sorgfalt gezeichnet, gemalt, vollendet.
Äuch die romanifchen, noch unedierten Fresken
der alten Laurentiuskirche zu Lugano, wie die
von Äscona und Prugiasco find jünger als die
Malereien von Riva. E. Ä. Stückelberg.

CÄSTELLEONE bei Deruta (Um-
brien) In der Kirche S. Dorato hat Conte
Umberto Gnoli unter der Tünche einige Fresken
aufgedeckt, von denen drei Ärbeiten des Matteo
da Gualdo pnd. Bemerkenswert ift eine leid-
lich erhaltene große Madonna mit dem Kinde
und das Fragment einer Vermählung der heil.
Katharina von Siena, leßtere in Tempera auf
die Wand gemalt. W. B.

FÄBRIÄNO Während der Wiederherftel-
lungsarbeiten, die feit einiger Zeit in der Ex-
Kirche S. Francesco ausgeführt werden, hat man
unter der Tünche umfangreiche Refte eines Fresko
des Dugento entdeckt. W. B.

PONTIDÄ bei Bergamo Hinter einem
Sakrifteifchrank der Benediktinerkirche zu Pon-
tida hat der Propofto Dr. Raffaele del Papa ein
Fresko des Cinquecento entdeckt, das die An-
betung der Hirten und links die Geftalten des
heil. Benedikt in der Ordenstracht und die heil.
Juftina zeigt, während rechts S. Sebaftian und
eine weibliche Heilige dargeftellt find. W. B.

INSTITUTE UND VEREINE

BERLIN In der Märzfißung der KUNSTGE-
SCHICHTLICHEN GESELLSCHAFT fprach Herr
Jolles über Richard Cockle Lucas und die
Flora. Nach einigen intereffantenBemerkungen
über Lucas’ Stellung zu feinem Gönner Pal-
merfton und über die literarifchen Produkte
Lucas’ folgte eine eingehende Änalyfe des Bild-
hauers, den Jolles nicht fowohl für unbegabt
als für unurfprünglich hält. Der Vortragende
legte dar, wie Lucas ganz im Bannkreife der
klaffiziftifchen Schule, vor allem Canovas und
Flaxmans, ftand, deren charakteriftifche Züge in
der Behandlung des Nackten, zumal die Ver-
längerung des Oberarms, fich in allen feinen
Geftalten wiederpnden. J. zeigte an einigen
fchlagenden Bespielen, wie verwäffert und ganz
im Sinne des füßlichen Schönheitsideales jener
Zeit Lucas ältere Kunftwerke, fowohl aus der
Antike wie aus fpäterer Zeit, zu kopieren pßegte

und fchloß mit einer faft grotesk wirkenden Kon-
frontation einer im Motiv verwandten nackten
weiblichen Figur von Lucas mit der Berliner
„Flora“; ein Vergleich, aus dem der Vortragende
folgern zu müffen glaubte, daß die Flora, wer
auch immer ihr Meifter gewefen ift, von Lucas
jedenfalls nicht herrühren könne.

FLORENZ In der am 28. Februar im kunft-
hiftorifchen Inftitut ftattgefundenen Sißung fprach
zunächft Herr Prof. Hülfen über den Illuftrator
derHypnerotomachiaPoliphili. Für eineKopfleifte,
die Nymphe und Satyr auf einem Seeftier dar-
ftellt, wies Prof. Hülfen das antike Vorbild nach,
das Relief eines Sarkophages, das vom Zeichner
des Codex Escurialense unter der Angabe, daß
pch der Sarkophag in S. Francesco in Traftevere
zu Rom befand, ebenfalls aufgenommen wurde.
Auch die fehr bekannte, oft reproduzierte fchöne
Vignette, Jünglingsbüfte mit Aureole und einem
Adler darunter, geht auf ein antikes Monument
zurück, nämlich auf den Altar des fyrifchen Son-
nengottes, der pch 1480 in der Sammlung Mattei
in Rom, heute auf dem Kapitol bepndet. Eben-
falls auf Beziehungen zu Rom weift nach Prof.
Hülfen die Anficht des Polyandrion, der die Ve-
dute vom Capitolsplaß nach Äracoeli zugrunde
liegen foll. Diefe Beobachtungen führen zum
Schluß, daß der Illuftrator in Rom gewefen ift oder,
was aus mancherlei Gründen wahrfcheinlicher ift,
ein römifches Skizzenbuch benußt hat. Da Gro-
tesken in den Illuftrationen der Hy pnerotomachia
nicht Vorkommen, glaubt Prof. Hülfen, daß das
vorbildliche Skizzenbuch vor der Wiederent-
deckung der Grotesken, etwa 1475—1485 in Rom
entftanden ift. Die im erften Augenblicke ver-
führerifche Hypothefe, Fra Giocondo da Verona
fei der Illuftrator, wurde durch den Vortragen-
den als unhaltbar erwiefen. — Danach fprach
Herr Guftaf Britfch über eine „Theorie der
charakteriftifchen Relationen als Gegenftand der
bildenden Kunft“, worüber er demnächft eine
Schrift veröffentlichen wird. H.

MÜNCHEN KUNSTWISSENSCHAFTLICHE
GESELLSCHAFT. An Stelle von Prof. Dr. Voll,
der das Amt des 2. Vorfißenden niedergelegt
hat und aus der Gefellfchaft ausgetreten ift, foll
Geheimrat von Tfchudi in den Vorftand ge-
wählt werden.

WIEN Beim VII. Gefellfchaftsabend öfter-
reichifcher Kunftfreunde (8. März) hielt der
Direktor der Albertina, Dr. Jofeph Meder,
einen Vortrag über „Dürers erfte italienifche
Reife“.

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