Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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FUNDE UND ENTDECKUNGEN

zu fein fcheinen. Es bleibt zu hoffen, daß die
Weiterführung einer derartig barbavifchenReftau-
ration nunmehr unterbleiben wird. Ein aus-
führliches Referat über die Tarnopoler Domini-
kanerkirche aus der Feder Dr. Fr. Kleins ift dem
lebten Jahresbericht pro 1909 der obengenannten
Krakauer Gefellfchaft beigelegt. P. E.

FUNDE ♦ ENTDECKUNGEN

EIN NEU ENTDECKTER MÄN-
TEGNÄ Nino Barbantini, Direktor der mo-
dernen internationalen Galerie in Venedig, hat
foeben einen sehr verdienftvollen Katalog der
Galerie des Herzogs Francesco Maffari Zavaglia
in Ferrara herausgegeben. Barbantini fchreibt
in diesem Katalog eine bisher wenig beachtete
Tafel keinem geringeren Meifter als Andrea
Mantegna zu. Auf Seite 49 des Katalogs wird
die Tafel, die eine Madonna mit Kind und zwei
Heiligen darftellt, abgebildet. Maria ift fißend
dargeftellt in rotem Gewände, mit gelbem Kopf-
tuch und himmelblauem Mantel; fie hält das
ftehende Jefuskind, das feine Arme um den
Hals der Mutter legt. Rechts find der hl. Jofef,
links der hl. Nikolaus von Tolentino dargeftellt.
Das Werk ift 0,29 m breit, 0,37 m hoch und auf
Holz gemalt. Adolfo Venturi fchrieb die Tafel
Francesco Bianchi Ferrari, dem Schüler Manteg-
nas zu. Das Bild ift ftark reftauriert und teils
verputjt. Unfraglich, fagt Barbantini, wurde der
Mantel Marias ganz neu gemalt, fo daß er mit
dem Übrigen nicht zufammenftimmt. Auch feien
die zwei Heiligen fpäter ins Bild hineingemalt
worden. Es genüge ein flüchtiger Blick, um zu
erkennen, daß die einzige noch urfprüngliche
Partie der Tafel, das Kind und ein Teil der
Bekleidung der Madonna fei. Vergleicht man
nun dies Bild mit jenem Madonnenbildnis in der
Accademia Carrara von Bergamo, die Krifteller
dem Mantegna zufdireibt, fo findet man her-
vorfpringende Ähnlichkeiten: die Augenform der
Madonna, die ftark gebogenen Brauen und die
Nafe, welche fehr fein und etwas zugefpijjt ift,
das hervortretende Kinn — find in beiden
Bildern identifch. Die Ähnlichkeit beim Putto
wird noch frappanter, ja wir können diefen
felbft mit Mantegnas Arbeit im Mufeum Poldi-
Pezzoli in Mailand vergleichen. Identifch find
auch an den drei Bildern: die Gefichtsformen,
der obere Teil der breiten Nafen, der offene,
kleine Mund, das hervortretende Kinn, die
Hände, die etwas tief aufgefeßten Daumen.
Alle drei Madonnen halten die Putten in der
gleichen Weife. Endlich könnte man noch hin-
zufügen, daß die Füßchen und die Haltung der

Kinder, fowie der Ärmel Marias, fowie in Fer-
rara als in Mailand diefelben Charakteriftiken
aufweifen. Wahr ift, worauf Venturi hinge-
wiefen, daß eine Hand der Maria im Bilde der
Ma|jarifammlung verlängert erfcheint; doch
dürfte dies der Reftaurierung zuzufchreiben fein.
Der Mailänder Mantegna ift golden im Ton;
das Bild in Ferrara wohl hart in der Zeichnung,
aber fchreiend in der Farbe und verblaßt im
Ton, was durch Verputjung und Reftauration
erklärlich ift. Nino Barbantini meint zum Schluß:
„Ich glaube nicht nur, daß das Bild in Ferrara
von Andrea Mantegna ftammt, fondern daß es,
wenn notwendig, das Urteil Kriftellers über das
Werk in Bergamo bekräftigen und auch mit
dem Mailänder Mantegna ein Trifolium bilden
könnte.“ Jedenfalls darf man gefpannt fein, wie
fich die übrige Mantegnaforfchung diefer Zu-
fchreibung gegenüber verhalten wird. Br.

ÄNCONÄ Bei den Ausgrabungen in der
Nekropole der Picener von Belmonte bei An-
cona wurden die Gräber dreier Kriegerinnen
aufgedeckt, die außer einem ungewöhnlich reich-
haltigen Inventar an Schmuckgegenftänden auch
je einen Streitwagen (Biga) und Waffen ent-
halten. Faft tadellos wurden vier Ohrringe
aufgefunden, die teils aus Bernftein, teils aus
metallifchen Spangen beftehen; viele Ketten und
fpindelförmige Eicheln, die vielleicht diademartig
die Stirne fchmückten. Nicht zu vergeffen find
zweiTorques aus Bronze vom außerordentlichen
Durchmeffer von 22 cm; zwei große Ketten mit
zehn Schafsböcken dekoriert; viele Schnallen,
Armbänder und zahlreiche Ohrgehänge mit phan-
taftifchen Tieren gefchmiickt, darunter auch einige
aus Elfenbein oder vergoldet. Zwei Lanzen-
fpißen, ein Schwert, ein Wurffpieß und ein
wertvolles Schienbein wurden gleichzeitig auf-
gefunden. In dem Grab befanden fich auch die
üblichen Bronzevafen und andere rituelle Gegen-
ftände. In der Nähe diefes Grabes wurde ein
zweites entdeckt, welches nicht fo reichhaltig,
doch auch von großem Intereffe ift. In dem
dritten Grab kam ein elfenbeinernes Basrelief
ans Licht, das eine beflügelte Göttin in langer
Tunika und Kapuze darftellt. Profeffor Dali’
Opeo hält diefes Stück für die Göttin Cupra
der Picener, die der griechifchen Göttin Juno
gleichkommt. Die Entdeckung der drei Frauen-
gräber weift eine große archäologifche Wichtig-
keit auf, denn es beftätigt die Exiftenz von
weiblichen Heerführern, wie die Jungfrau Camilla’
volskifche Königin, die früher lediglich als eine
poetifche Erfindung Vergils betrachtet wurde.
Umfomehr als manche Einzelheiten der Vergi-
lianifchen Erzählung dem archäologifchen Funde

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